Unter dem Mast. Argo.Anderswelt: Aus dem Epilog (vor dem Lektorat). Argo (300).

(…)
So sann ein jeder, bevor wir uns auf die Lager zum Schlafen legten, dem ersten auf See, und manche sannen noch lange weiter. Der Traum erst erlöste sie, der von der glucksenden Bordwand aufstieg, der ewige Meertraum, den uns die Herkunft aufs neue immer wieder bereithält, ob Frauen, ob Männern; schon Kinder wissen von ihm, und wohl ohne Vermittlung, denn erst, wenn wir altern, geht uns unvermerkt die alte Verbindung verloren, und sie versinkt in der Adoleszenz. Auf des reifen Bewußtseins ozeanischem Grund aber ruht sie nur aus, bis der Traum sie aufweckt. Dann steigt sie, erfüllt von Ruhe, zum Luftholn hinauf in unseren Atem und höher und kleidet Decken und Wände, wehrlos und frei von der Wehr, die, um zu schützen, das Ich sich aufgerichtet und um sich herum befestigt hat. Ufer, immer, machen sie flüssig und Boote, auf denen wir schlafen. Boot und ein Ufer ist selbst doch der Schlaf.
Das Gurgeln und Glucksen währte. Von Zeit zu Zeit ertönte zum Jammern des Windes, der unser Segel blähte, der Ruf nach der Ablösung. Endlich nämlich ging auch Jason zur Ruhe. Ich sah ihn, wie er sich legte. Nicht aber Michaela zur Seite; sie blieb die ganze Nacht dort stehen am Bug, staunend, entschieden und wie, als wär der Spriet sie selbst und wiese der krabbligen See die Furche, in der wir ohne Not uns dahinsegeln ließen, anvertraut ihr wie getraut die Welle der Welle, Woge die Woge hebend, senkend und abermals hebend, nicht länger Getrennte, sondern nun aufgenommen, rückgenommen in sie, Natur: als Geschöpfe einig mit dem Vergehen und nächstem, jedes neuen Entstehenden Schmerz, der, wie seine Zwillingsschwester Lust, ein bedingtes Kind ist des atmenden Daseins. Wenn sie grenzenlos würden, lösten beide sich auf ins Nichts als Ungefühlte und niemand wüßte von ihnen noch von uns. Denn sie brauchen sich, wie wir ihrer Gegenwart bedürfen, ständig, der Trauer, der Hoffnung, des Tages kurzen, selten nur mehr als Stunden währenden Glückes. Damit endet’s: Nie wieder Schmerz. Es ist das der Tod schon, den ich über mir glimmen sah als funkelndes Leuchten längst vergangener Sterne im Schwarz des samtenen Lohens leerer und kalter, endlos weiter fühlloser Räume. Wie er gewiß und lebendig, der Mast – und das bauchige Segel war seine Lunge – da stand! aufrecht und hoch in den Lack des Firmamentes gespitzt, wie wenn er Linien hinein, wie Schriftzeichen, ritzte, geführt von seeseits, wie von der Woge angehoben und abgestrichen die führenden Glieder – Knöchel, Daumen und Zeigefinger Poseidons, so dacht‘ ich, Amphitrites vielleicht, der Nymphe, Konturen skizzierend gegen die Nacht, arabeske Spuren von Sehnsucht, die sie und Menschen eint mit den Göttern, irdischen, die wir erfanden, um uns dauernd ein Abbild zu schaffen, des Todes jedoch gewärtig, u m’s so zu tun.
Das Gurgeln, das Glucksen, und manchmal schlugen spritzige Brecher, kleine, über das Deck hin, angestachelt vom Wind, den dauernden, wechselnden Brisen, die nach Tang und nach Fisch rochen und mit sich die Lieder trugen, „die ihr schon völlig vergessen, ja weggedeckt hattet in dem Lärm eurer niemals verstummenden, treibenden Städte“. Also sprach wer und regte mein Herz und hob, an der Hand mich führend, leicht mich hinauf, und also wandelten wir nun um den erhabenen Rand des immer wachsenden Schlafes, ich und die Göttin, im Traum, die blauen glänzenden Augen gegen das Meer gewendet, versuchende freundliche Worte, die ich noch für wirkliche hielt, derweil wer mich anstieß, aus meinem Argo-Traum hinaus und in das Café zurück, aus Gurgeln und Glucksen, die Wellen sprühten zur Theke. Müde sah ich, Alleingebliebener, hoch: einer jungen Frau ins Gesicht, die aufzuräumen begonnen. Sie stellte schon alle Stühle umgekehrt auf Tische und Tresen; ich hatte dabei gestört offenbar. Sie brauchte den Platz.
(…)

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Über Alban Nikolai Herbst

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8 Antworten zu Unter dem Mast. Argo.Anderswelt: Aus dem Epilog (vor dem Lektorat). Argo (300).

  1. diadorim sagt:

    ein trunkenes schiff!

    • Und wie! Was meinen Sie, wie das erst wird, wenn ihn das Taxi vor seiner Haustür absetzt, aber er, weil echt die See so hoch, nicht durch die ziemlich eng parkenden Autos hindurchkommt. Ich sag nur – aber mehr verrate ich echt nicht: „Mercedes 500“. (Lacht fies).

  2. PHG sagt:

    Meinen Glückwunsch, … … dass die Schnellsegelnde im Hafen ist!

    • read An sagt:

      Im Hafen. Dort bleibt sie aber hoffentlich nicht allzu lange, kurz vor’m großen Ablegen.

    • @read An. Bestimmt nicht. Aber das dauert, so ein Deck wieder >>>> in Schuß zu bringen, vor allem das Zeug unter Deck.

    • read An sagt:

      Ablegen. Feiner Doppelsinn. Das fiel mir gestern schon auf.

      Beim Zeug unter Deck kann ich nicht helfen. Auch nicht beim Ordnen der neuen Umgebung, obwohl das Sterbebuch interessiert mich doch jetzt schon sehr…

      Was aber die, mit Blütenblätter, Beschneite anbelangt, wegen der Sherlock Holmes offenbar, so er es denn ist, gerade von den Klippen stürzt (endgültig?), wäre ich sofort behilflich. Nur dann beklagen Sie sich sicher, um diese schwerwiegend Schöne erleichtert worden zu sein.

    • Wunderbar@read An erkannt. Es ist tatsächlich Holmes, der allerdings nicht an Klippen, sondern die Reichenbach-Fälle hinabstürzt – scheinbar, wie wir sehr viel später erfahren haben, nachdem die Lesegemeinde den armen Sir Arthur aufs schrecklichste wütend stalkte; er entkam nicht mehr, schon gar nicht mit historischen Romanen, und mußte den kokainsüchtigen Detektiv mitsamt seiner deutschen Großmutter wiederauferstehen lassen, und zwar tatsächlich im Fleische. So weit das bei einer Figur geht. Holmes ist jedenfalls, weder mir noch anderInnen, entwendbar.
      Anders die schmale elegante Bronze. Seien Sie sicher, ich habe ein Auge auf sie.

    • read An sagt:

      Dann sind es ja schon zwei Augen.

      Der Reichenbach. Schluchz. Der Sonnenmensch. Naja, immerhin habe ich in Erfahrung bringen können, dass er sich letztes Jahr in Madeira aufhielt. Wie schön. Wer reist, der reist noch…

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