Untugend ODER Die Quote als Noblesse. Kleine Theorie des Literarischen Bloggens (150).

Wenn Die Dschungel, was seit Beginn einer ihrer Ansätze war und dies auch weiterhin ist, die Entwicklungen, Aufs und Abs, Hoffnungen, Niederschlagungen, Enttäuschungen, Begeisterungen, auch die Hybris, doch ebenfalls die Zweifel und Zerknirschungen, dann wieder die Glücksphasen eines – in diesem Fall, natürlicherweise, meines eigenen – Schriftstellerlebens protokollieren, gleichsam dokumentieren, wenn auch dieses aber formend, und zugleich zeigen, bzw. dem nachspüren will, wie alles dieses in die Dichtung-selbst eindringt und sie mitformt, dann komme sie um Privates nicht herum, ja dieses Private wirkt wahrscheinlich stärker auf die Ästhetik eines Künstlers, als gemeinhin gedacht wird; gewöhnlich erst nach dem Künstlerleben, also posthum, beginnen die eigentlichen Prozesse in das allgemeine Bewußtsein vorzudringen; Die Dschungel zieht diesen Prozeß vor und gibt damit auch Schlüssel zur Erklärung des Kunstwerks-selbst – seiner „klassischen“ Erscheinungsformen – an die Hand, wobei überhaupt erst damit erhellt werden kann, was eben n i c h t in der Biographie aufgeht, sondern dieses „Dritte“ ist, von dem Adorno sprach, dieses „inkommensurabel“ Nichtidentische, das der Atem aller Kunst ist. Gleichzeitig wird damit >>>> das Arbeitsjournal zu einem nicht unbedeutenden Teil dieses „klassischen“ Werkes, und zwar auch dann, wenn es scheinbar oder tatsächlich, jedenfalls für den Autor, „nebenher“ formuliert worden und mit allerlei Erzählfäden angereichert wird, die aus dem Werk-selbst, also der Fiktion, in es herüber- und hineinlangen. Das Private auszusparen, würde bedeuten, das Protokoll zu zensieren und damit zu verfälschen. Viele Beiträge zur >>>>Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens haben sich mit diesem Umstand schon beschäftigt, aber man findet immer wieder noch unbetrachtete Aspekte, zu denen auch gehört, nicht nur daß, sondern wie man da zur Angriffsfläche wird und mit einem, selbstverständlich, auch das Werk-selbst, soweit es traditionell daherzukommen scheint, und zwar ohne daß es von denen, die es angreifen, überhaupt gelesen werden muß
Für die Moderne interessant ist bei alledem besonders, daß das Private in der Anerkennung und sowieso ständigen, etwa bei Facebook, Veröffentlichung weniger problematisch zu sein scheint, als wenn es sich in nicht in „Communities“ eingebetteten Internetpräsenzen ausstellt. Die Community wird zum Abtestat: was gesellschaftlich nutzbar ist, d.h. ökonomisch verwendbar, wird von der Regel – dem Gebot des „Du darfst nicht“ – ausgenommen und zwar, vielleicht, auch bekämpft und/oder kleingesprochen, aber nicht mit solchem Haß verfolgt, wie wenn ein Einzelner/eine Einzelne es wagt. Zivilcourage wird zur Untugend, die Masse aber nobilitiert. Quote als Noblesse. Leichter läßt sich Gesellschaft nicht lenken.

>>>> Litblogh-Theorie 151
Litblog-Theorie 149 <<<<
[Zum Anlaß dieser Miszelle siehe >>>> Arbeitsjournal.]

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4 Responses to Untugend ODER Die Quote als Noblesse. Kleine Theorie des Literarischen Bloggens (150).

  1. „…
    interessant ist bei alledem besonders, daß das Private in der Anerkennung und sowieso ständigen, etwa bei Facebook, Veröffentlichung weniger problematisch zu sein scheint, als wenn es sich in nicht in „Communities“ eingebetteten Internetpräsenzen ausstellt. Die Community wird zum Abtestat: was gesellschaftlich nutzbar ist, d.h. ökonomisch verwendbar, wird von der Regel – dem Gebot des „Du darfst nicht“ – ausgenommen und zwar, vielleicht, auch bekämpft und/oder kleingesprochen, aber nicht mit solchem Haß verfolgt, wie wenn ein Einzelner/eine Einzelne es wagt.
    …“

    Und? Communitys bilden bis auf die Ausnahme, thematisch lediglich einen Teilbereich der Gesellschaft anzusprechen, lediglich einen Spiegel der Gesellschaftsstrukturen, denen ihre Mitglieder entstammen, inne sind.

    Es kommt zum gewohnten einem Schwarm vergleichbaren Verhalten, bei dem dem Individuum kaum auffällt, eines zu sein, solange es sich im – und, wichtiger noch: mit dem Schwarm bewegt/verhält. Auch Privates feilbietendes Verhalten (es muss ja nicht immer offenbarendes sein) ist unter den durch die Thematik der (Internet?-)Community mitunter Teil des Schwärmens, Teilhabe an einer kollektiven Bewegung.

    Einer Bewegung, aus der lediglich jeder aussschert, der diese Bewegung zu heftig, gegenläufig oder gar nicht ausführt (bzw. ihr nachkommt).

    Innerhalb eines natürlichen Schwarm stehen die Individuen untereinander in Verbindung, in einer eher unwillkürlichen. Das die Individuen eines Schwarms jedes für sich umgebende Medium (Agens?) ist Luft bzw. Wasser mit den jeweils typischen Eigenschaften zur Weiterleitung bzw. Beschränkung von Signalen.

    Internet-Communitys bewegen sich innerhalb eines komplexeren Mediums, Aussendung, Aufnahme und Verarbeitung eines Signals sind demnach ebenfalls komplexer und also uneindeutiger als bei einem Heringsschwarm.

    Aber: Das ausscherende Individuum wird (wie und wann auch immer) wahrgenommen. Auf welche Art und Weise nun mit solchen Abweichlern umgegangen wird, ist eine ethische Frage, lässt sich jedoch anhand geschichtlicher und sozialwissenschaftlicher Beispiele belegen bzw. voraussagen.

    Es kommt also nicht darauf an, ob man nun Privates offenbart (bzw. feilbietet, das der oben angeführten ökonomischen Verwertbarkeit geschuldet), sondern, ob man „als Ausscherendes“ wahr- und als „Gefahr“ angenommen wird.

    Schreibt man in ein Weblog, so ist man eher als Individuum und folglich als Nicht-Schwarm(-Angehöriger = Anderer) auszumachen und entsprechend exponiert. Das ist, um mir einen weiteren Ausflug in meinen landwirtschaftlichen Hintergrund zu erlauben, wie mit dem Wald und den Bäumen: Einen Wald holzt man zwar ab, jedoch wird dabei immer ein Baum nach dem anderen gefällt, jeder für sich – denn nur wenn man den Baum vor sich hat, weiß man, wie man Säge und Keil anzusetzen hat. Blogger sind der Wald, ein Weblog und somit dessen Verfasser: ein Baum.

    Daher zu: „… Zivilcourage wird zur Untugend, die Masse aber nobilitiert. …“:

    Zivilcourage IST Untugend, die Masse […] nivelliert.

    Und ja, leichter ließ sich Gesellschaft noch nie lenken, da sie seit je über solche Mechanismen gelenkt wird. Lediglich die Instrumente, jemanden auf den -, und viele um den Scheiterhaufen zu bringen sind einem Wandel unterworfen, welcher, nehme ich an, dem Streben nach Effektivität geschuldet ist.

    • @Janssen. Es kommt also nicht darauf an, ob man nun Privates offenbart (bzw. feilbietet, das der oben angeführten ökonomischen Verwertbarkeit geschuldet), sondern, ob man „als Ausscherendes“ wahr- und als „Gefahr“ angenommen wird.Das scheint mir in der Tat der Kern zu sein; daß etwas „allzu privat“ sei, ist lediglich ein Vorschub, der aber den jeweiligen, die attackieren, gar nicht bewußt ist, so daß ihnen das reaktionär-Politische daran entgeht; sie können sich sogar für wirklich „links“ halten und – auch wenn sie das genaue Gegenteil tun – meinen, der Menschlichkeit zu dienen. Dies überlegt, kann gerade auch Aufklärung als unmoralisch empfunden werden, wenn sie eben Abweichung vom allgemeinen Consensus bedeutet.
      Mich erschreckt das. Aber wie man bei Albträumen die Augen im Traum nicht schließen darf – sonst wird man die bösen Träume nicht los -, sondern hinter der Tür nachsehen muß, so auch bei solchen Prozessen. Genau das ist, meiner Überzeugung nach, ein Teil der künstlerischen Aufgabe – und von daher unproduktiv, sich einzufügen, so verlockend es immer auch sein mag und wie sehr es auch immer „belohnt“ wird. Es kann also – kann, nicht muß -, ästhetisch argumentiert, fortschrittlicher sein, wieder alte Formen aufzugreifen, als im Strom angeblich oder tatsächlich neuer Formen mitzuschwingen. Der moralische Zusammenhang wird zum ästhetischen.

  2. Das Private ist ja längst Teil marktwirtschaftlicher Ströme geworden, an deren Ufern die Marktriesen mit Netzen sitzen und alles herausfischen, was fischbar ist. Wie es aussieht, werden die Netze auch immer feinmaschiger, Lüste und Bedürfnisse, Kauf- und Reiseabsichten, schon absehbare zukünftige Gebrechen, politische Ansichten – all das wird ans Licht geholt zwecks Gewinnoptimierung, Kaufkraftabschöpfung, Arbeitskraftnutzung und so weiter, bis hin zur Durchleuchtung der privaten Person durch die Geheimdienste. Insofern würde ich das Private als solches wenigstens teilweise verlorengeben und eher vom Persönlichen sprechen, das das eigene Werk mitformt und weitergehend oder sogar ganz (?) abkoppelbar ist vom unautorisierten Benutztwerdenkönnen, vom unmittelbaren Gelesenwerdenkönnen.
    Daß dieser Einfluß allen persönlichen Geschehens auf die eigene Kunst immens sein kann, war natürlich auch schon in vordigitalen Zeiten bekannt, wie sich etwa aus den philosophischen Schriften des Novalis herauslesen läßt: „Alle Zufälle unsers Lebens sind Materialien, aus denen wir machen können, was wir wollen. Wer viel Geist hat, macht viel aus seinem Leben. Jede Bekanntschaft, jeder Vorfall, wäre für den durchaus Geistigen erstes Glied einer unendlichen Reihe, Anfang eines unendlichen Romans.“ [Novalis in ‚Blüthenstaub‘ (Nr.66)]

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