PP35, 6. November 2013: Mittwoch. „Der große Künstler arbeitet im geheimen für sich.“

La fede è un’altra. Così fu detto ma
non è detto che il detto sia sicuro.

Montale, Morgana.
S c h o n erstaunlich, wie hartnäckig sich >>>> der Glaube an „das einsame Genie“ hält, das freilich die Künstler selbst, ab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, sich zur Gloriole aufgeblasen haben, wenn auch einer, notwendigerweise, die sie aus dem Lakaientum befreien sollte und sie – bis zum derzeitigen Vormarsch des Entertainments – befreit daraus tatsächlich hat. Es ist nunmehr kein Glaube, sondern offenbar ein Verlangen, nämlich mancher Rezipienten, weshalb >>>> read An so recht damit hat, es „bescheuert“ zu nennen.

Ein anderer ist der Glaube. So wurde gesagt,
doch nicht gesagt ist, ob, was gesagt wurde, wahr ist.

Montale, Morgana, dtsch.v.Christoph Ferber.
Die sehr schöne Augabe der Gedichte Monteles habe ich gestern bei >>>> Artes Liberales gekauft; ich konnte nicht anders, als ich sie sah:


(>>>> Bestellen.)

Ein paar Verse darin, über Reime, mißfallen mir, aber ich weiß nicht, ob deshalb, weil sie vielleicht stimmen. Vielleicht stimmten sie aber nur in ihrer Zeit: die Relationen verändern sich mit ihren Läuften; was einmal für überkommen galt, und zwar richtigerweise, kann zwanzig, dreißig Jahre später eine neue Kraft des Widerstands entfalten, weil die rebellische Kraft unterdessen kommod, ja zum Salon geworden ist: Konservatives und Revolutionäres tauschen ihre Masken. Was aber nun das Private anbelangt, das in Der Dschungel öffentlich wurde, ist meine Haltung radikaler, als Sie vielleicht meinen, unnachsichtiger, unnachgebiger: Wenn sich nämlich die Kunst in der Privatheit so sehr erklärte, daß sie, also diese, genau deshalb verborgen werden muß, kann es sich um Kunst nicht handeln. Im Gegenteil. Erst wenn alles offenbar ist, was als persönlich treibende Beweger wirkt, und dann noch Unerklärbares b l e i b t, ist sie, Kunst, gelungen: Erst dann gibt es in ihr ein Unnennbares – nicht aber eben, wenn es bloß nicht genannt w i r d. Nicht das Handwerk (Rostropovich: „Irgendwann hört Technik auf, ein Problem zu sein.“) und nicht das persönlich Biografische sind die Letzten (also: Ersten) Beweger, sondern es ist etwas Metaphysisches, allein um dessentwillen die Anstrengung ringt oder auch, bei sehr begnadeten Menschen, spielt. Wer daran glaubt wie ich, für den kommt es nicht darauf an, ob sein privates Leben öffentlich ist oder nicht, ja, er wird so viel wie möglich öffentlich machen, um eben das herauszufiltern, was an seiner (Pardon: oder ihrer) Kunst diesem Anspruch genügt. Die Zeilen aber, die mir mißfallen, lauten:Il poeta decente le allontana
(le rime), le nasconde, bara, tenta
il contrabbando. Ma le pinzochere ardono
di zelo e prima e poi (rime e vecchiarde)
bussano ancora e sono sempre quelle.
{Der wohlanständige Dichter hält sie sich fern
(die Reime), versteckt sie, mogelt, schmuggelt
sie ein. Doch die Betschwestern glühen vor Eifer,
und früher oder später klopfen sie (Reime und
Greisinnen) wieder an und sind immer die gleichen.}
(S.200/201)


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(10.10 Uhr.)
Es war jedenfalls eine gute >>>> Lesung gestern abend in der sehr kleinen Buchhandlung am Herzen der Stadt, und alle Stühle waren besetzt. Sehr klug Eickmeyers wenn auch zurückhaltende Moderation; aber es ist zu spüren, daß er über das g a n z e Anderswelt-Projekt die Übersicht hat und deshalb die vielen Volten versteht, die in ihm ausgeführt werden. Ich kann dafür nur Danke sagen und tu’s drum sehr gerne; möglicherweise ist er derjenige, der in diese Romane bislang von allen am tiefsten eingedrungen ist – mit einigem tiefer vielleicht als ich selbst, der ja nur der Steuermann (κυβερνήτης) ist, einer, der zwar über Untiefen bescheidwissen muß und über, nahe den Küsten, die Klippen, nicht aber das Meer-selbst, als einen Prozeß, verstehen. Das ist einer der Gründe, aus denen ein Text mehr „wissen“ kann als sein Autor. Ja, ein künstlerischer Text kann mehr von einem Autor verraten, als der will, er kann sogar, in einem zweiten Sinn, den Autor verraten, ihn also hintergehen: seine bewußten Absichten nämlich, wenn er denn intentiös ist (wenn sie, eine Autorin, es ist). (Es ist saukompliziert, weil oft stilistisch unschön, sich immer an die Geschlechtercorrectness zu halten.)
Ich las die ersten Michaela/Jason-Stellen, las die Sterbeszene Kumani seniors, las schließlich den Epilog des Romans. Die Veranstaltung ging bis gegen zehn. Gern hätte ich noch etwas gesprochen, aber es folgten nur wenige der Aufforderung, uns zum Betongriechen zu begleiten, wohl, weil das Essen dort najà ist oder, wie meine Freundin sagte, „totgegrillt“: „Wer ißt denn totes Fleisch???“
Wer liest gern tote Gedichte?
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Was ansteht.
Ich muß das Typoskript des Neapel-Stücks, das >>>> übermorgen abend ausgestrahlt werden wird, so aufbereiten, daß es der Deutschlandfunk bei Höreranfragen hinausschicken kann. Damit werde ich den Vormittag verbringen. Dann will ich ein paar Personen des >>>> Traumschiffs entwerfen, und ich muß einige Telefonate führen, wegen des Anderswelt-Festes am kommenden Mittwoch. Noch immer ist nicht heraus, wer, ja, ob überhaupt jemand anderes als ich dort lesen wird. Aber die Pressemeldung muß verschickt werden; der Veranstalter mahnte gestern schon an. Imgrunde stelle ich mich drauf ein, nun doch selbst und alleine zu lesen. Was ich eigentlich nicht wollte. Schade um die Idee.

(10.39 Uhr.)

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4 Kommentare zu PP35, 6. November 2013: Mittwoch. „Der große Künstler arbeitet im geheimen für sich.“

  1. phyllis sagt:

    Sehr gerne hätte ich beim Anderswelt-Fest gelesen, aber, verflixt!, ich halte die ganze Woche Seminar in Frankfurt. Kann ich an meiner statt vielleicht eine Holomorphe schicken?

    • Die@Frau Phyllis wäre mir nicht annähernd so willkommen wie Sie; dennoch empfinge ich sie mit allem mir (manchmal) eigenem Charme.

    • PHG sagt:

      Warum füllen … … Sie das Anderswelt-Fest nicht mit den Figuren aus den Anderswelt-Romanen.

      Will sagen, Sie laden eine handvoll Kollegen ein, die sich für einen Abend in Deters, Borkenbrod, Ungefugger etc. verwandeln und jeweils ihren eigenen Part lesend übernehmen. Ich kenne sogar jemanden, der, um auf den Wolpertinger zurückzugreifen, absolut glaubhaft als Elberich Lipom auftreten könnte.

      Denken Sie mal drüber nach. PHG

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