PP38, 9. November 2013: Sonnabend. D o c h noch Fahlmann, sowie Neapels Nachklang. Des weitren der Tonus der Seele. Und Rönne kichert vor sich hin.

Alarmchen meines Ifönchen, gestern: „Verlag, in sieben Minuten, Autograph“: Das unterbrach schon morgens die „projektierte“ Lektüre-Kontinuität. Stimmt ja! Da hat abermals jemand >>>> die Sonderausgabe bestellt. Der Verleger las mir den Brief vor: ob denn der Preisaufschlag dem Autor, also mir, zugutekäme. Es ist schlichtweg so, daß die numerierte Ausgabe einen Teil der für den kleinen Verlag beträchtlichen Produktionskosten abfedern soll. Die Idee stammt von mir selbst, und sie scheint auch aufzugehen. Das Verhältnis von Dichter und Verleger ist bei kleinen Verlagen geradezu notwendigerweise ein anderes als bei großen, in denen es einen wirklichen Verleger als einer Ansprech-, Arbeits- und vor allem Vertrauensperson kaum mehr gibt, die mit der Veröffentlichung von Büchern ein ganz persönliches Risiko auf sich nimmt, nämlich aus literarischer Überzeugung. Zunehmend werden da sogar die Lektor:inn:en „outgesourct“, die eine solche Vertrauensposition über lange Jahre innehatten. Indessen ist bei kleinen Verlagen das Verhältnis zum Verleger sehr oft eines von Freundschaft; es schmiegt sich an die Stelle des mäzenatischen, das einst viele große Verleger gegenüber ihren Autor:inn:en gekennzeichnet hat, wozu allerdings auch – im Sinn ökonomischen Reichtums – ein Vermögen gehörte, das dies ermöglichte. Kleinverleger hingegen, geradezu generell, sind selten ökonomisch reich; ihr Reichtum besteht fast allein aus ihrer Vision und, freilich, wenn es gutgeht, aus der Befähigung, klug kalkulieren zu können. Denn imgrunde, sagte gestern der Elfenbein-Verleger, gibt es für anspruchsvolle Literatur „keinen Markt“ – keinen, heißt das, von auch nur irgend einer unternehmerischen Relevanz.
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[Henze, Streichquartette.]
Der Deutschlandfunk hat jetzt >>>> mein Neapel-Hörstück >>>> als Podcast auf seine Site gestellt; Sie können es da „nachhören“, allerdings mp3-komprimiert, also in etwas minderer Qualität; wer an der hochauflösenden Fassung interessiert ist, möge sich bei mir melden (Näheres aber nicht hier, sondern „privat“ in Mails (fiktionaere at gmx Punkt de).
Mein Sohn, gestern abend, hörte sich die Erstausstrahlung mit mir zusammen an; ich wollte wissen, wie das Hörstück in der Senderfassung klingt; interessanterweise kam es bei mir mit vertauschten Kanälen an: die „Herzstimmen“ erklangen nicht links, sondern rechts, was einen seltsam objektivierenden Effekt hatte, der mir das Stück wohltuend entrückte:: Ein anderer hat es, als ich, geschrieben. Und eine Freundin, die es in der Küche an einem sehr einfachen Gerät gehört hatte, rief hinterher an: wie irre das da geklungen habe, wie überzeugend in der Aufhebung klar scheidender Kanäle – „sinfonisch“ nannte es n o c h später jemand anderes. Aber selbstverständlich hatte ich in Der Dschungel >>>> wieder einen Idioten, auf den ich dann auch ziemlich schroff reagierte. Zumal gingen die Glückwünsche bei Facebook ein und nicht in Der Dschungel, was mich jedesmal aufs neue ärgert, auch wenn mir der Umstand selbst sehr wohltut. Es geht dabei durchaus um ein, und zwar ein ziemlich scharfes, Politikum: Nirgendwo sonst läßt sich Marx‘ Analyse von der Konzentration des Kapitals so sehr einfach beobachten wie im Netz, und furchtbar schlagend. Die Übernahme von Youtube durch Google ist das wohl aktuellste Beispiel; über die Folgen sprach ich gestern lange mit meinem Sohn, der da sehr viel informierter ist, mittlerweile, als ich selbst es bin.
Wir brauchen Formen des Widerstands, doch scheint es nicht wirklich ein Bedürfnis zu sein, sie zu entwickeln. In diesem Sinn sprach >>>> Benjamin Stein auf der >>>> „Zukunftsveranstaltung“ von einer gewollten und gewünschten Selbstversklavung: „Die Abhängigkeit s c h m e c k t uns so gut.“ Wir werfen uns ihr in die Arme und internalisieren sie: „Die perfekte Diktatur“, so Stein.
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Wir leben in einem Zeitalter der Affirmation.
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Zu spät hochgekommen…nein, falsch: Ich m o c h t e nicht aufstehn um fünf, um zu laufen. Blieb bewußt, nein, ich sag mal: halbbewußt, bis halb sieben liegen. In der Hoffnung freilich, daß es gegen mittag mit dem Regen aufhört, so daß ich im P a r k werde laufen können. Anderthalb Stunden Studiolaufen auf dem Laufband scheue ich noch immer sehr; vielleicht schiebe ich auch einfach noch mal ein Spätschwimmen ein, vom Frühschwimmen morgen gefolgt. Mal sehen. Auf jeden Fall will ich mit dem >>>> Fahlmann nun endlich durchkommen, nachdem ich meine Final-Lektüre gestern unterbrechen mußte, nicht nur wegen des Autographen, sondern vor allem auch, weil ich abermals dringend zum Zahnarzt mußte; seit drei Tagen war da wieder blöder Schmerz. Objektiv betrachtet, wird diesbezüglich einiges auf mich zukommen; leider kann man Zähne nicht trainieren. Ich hasse Begrenzungen. Also: drei Brücken sind fällig, die – wovor ich mich eigentlich fürchte, die Behandlungen-selbst nehme ich sportlich – eine ziemliche finanzielle Belastung bedeuten, von der ich noch nicht weiß, wie ich sie stemmen soll.
An den Zähnen merken wir das Altern zuerst. Allem anderen läßt sich, entschiedenen Willen vorausgesetzt, gegensteuern. Zähne indes wachsen nicht nach noch neu, Muskeln und Synapsen schon.
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(Das Gehirn als einen Muskel begreifen.)
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Gehirntonus. Spannung des Geistes, ja: Tonus der Seele. Der Tonus entspricht dem „Ladezustand der Fantasie“. Die Seele ist eine Funktion des Gehirns, aber Teilchen und Welle zugleich – wie das Licht. Daher die Vorstellung, sie sei „von uns“, was unsere Körper meint, ganz unabhängig. „Ich will um meiner selbst willen geliebt werden“, ohne daß wir doch wüßten, was das ist, dieses MeinerSelbst, das IhrerSelbst und SeinerSelbst. „Lauter Ichs“: kichernd, beim Blick in zwei aufgebrochene Hirnschalenhälften, die wir in den Händen halten und wägend darin wiegen.
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(21.20 Uhr.)
Fahlmann bis S. 1001 gekommen, also immer noch nicht ganz fertig geworden. Dafür war ich mittags dann doch auf dem Laufband: 14 km in knapp 17 Minuten gelaufen. Das Wetter war mir zu ungewiß. So werde ich die letzten 25 Seiten morgen lesen und wohl auch gleich mit der Rezension beginnen. Jetzt ist mir nicht mehr danach.
Sehr irritierend, manche Parallelen. Ich weiß noch nicht genau, wie ich in meiner Besprechung damit umgehen werde; dabei geht es nicht um den Unfug vorgeblicher Plagiate, sondern darum, daß es Ideen gibt, die in der Zeit liegen, weil sie selbst eine Art Allegorie oder tatsächlich Allegorien sind, die sich durch uns verwirklichen, und zwar gestreut, man könnte auch sagen, >>>> ha!, „diversifiziert“.
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4 Kommentare zu PP38, 9. November 2013: Sonnabend. D o c h noch Fahlmann, sowie Neapels Nachklang. Des weitren der Tonus der Seele. Und Rönne kichert vor sich hin.

  1. Für anspruchsvolle Literatur gibt es keinen Markt? Aber nur, weil der Aufwand für deren Herstellung durch den Schriftsteller bzw. die Schriftstellerin und den Verlag in keinem Verhältnis steht zu dem finanziellen Ertrag, mit dem der Lebensunterhalt zu fristen wäre, wenn es denn ginge. Wenn man jedoch mit dem Gewinn, den ein anspruchsvolles literarisches Werk abwirft, ein anderes anspruchsvolles Werk kaufen kann, ist schon etwas gewonnen, finde ich. (Ist natürlich Blödsinn und allein mieser Novemberlaune entsprungen, für die man sich auch nichts kaufen kann.)

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