Hören Sie dem Wind zu. Aus dem Typoskript (1). Traumschiff (11).

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32’30S/7’30“O

Das war überraschend. Eben setzte sich jemand zu mir, nahm meine Hand und gab vor, mich zu kennen. Das Meer ist heute völlig glatt, obwohl der Himmel bedeckt ist. Er leuchtet aber, ich habe meine Sonnenbrille in der Kabine vergessen. Und obwohl so ein böiger Wind geht und wir ziemlich rollen. Aber nicht eine einzige Schaumkrone glänzt auf der See. Aber daß sie doch meine Frau sei, sagte diese Person. Was sollte ich tun? Ich wollte nicht abweisend wirken. Nur deshalb ließ ich meine Hand in ihrer, zog sie nicht weg. Für ein Gespräch ist so etwas aber keine Grundlage. Darum schwieg ich weiter und reagierte auch nicht, als die Frau zu weinen anfing. Was ja ein Zeichen dafür ist, daß sie nicht das Bewußtsein hat und wir uns schon deshalb nicht verständigen können. Am liebsten hätte ich ihr aber gesagt, daß sie doch bitte still sein möchte. Hören Sie dem Wind zu, hätte ich sagen können. Und daß es doch eigentümlich sei, so viel Wind und gar keine Wellen. So vieles Reden und gar kein Bewußtsein. Daß man darüber dann weint, ist allerdings verständlich.

Bei Monsieur Bayoun hatte ich immer das Gefühl, ihn schon seit langem zu kennen. So, wie man jemandem nach Jahrzehnten wiederbegegnet. Wie man sich der Jugend wiedererinnert. Das war natürlich schon deshalb nicht möglich, weil er zeit seines Lebens in Algerien gewohnt hat und tatsächlich in Tanger an Bord kam. Wir lagen so gut, daß ich zur Kasbah hinaufschauen und doch die Passagiere beobachten konnte, wenn sie von der Stadt zurückkamen. Da sah Monsieur Bayoun zu mir hoch.
Ich hatte den Impuls, ihm entgegenzugehen, aber fürchtete, daß ich mich täuschte. Deshalb war er es, der das erste Wort zwischen uns sprach. Es waren zwei Wörter, Vous aussi, was eine Frage hätte sein können. Aber es war eine Feststellung. Ich versuchte, mich meines Französischs zu entsinnen. Ich erinnere mich auch immer sofort, aber nur so, daß ich alles verstehe, auch Sprachen, die ich gar nie gesprochen habe. Aber das Sprechen ist das Problem. Man versteht, aber kann nicht antworten, jedenfalls nicht sofort. Und ich wußte, daß meine Antwort kompliziert sein würde. Trotzdem versuchte ich es mit dem Französisch, brach mittendrin ab, ich weiß noch genau, und gab die Antwort auf Deutsch.
Es war ein ziemliches Gedränge, weil es immer, wenn wir einen Hafen wieder verlassen, auf dem Achterdeck eine Good-bye-Party gibt, für die das gesamte Entertainment anrückt. Es wird dann gesungen und getanzt, der immer kleiner werdenden Stadt zu- und den Passagieren vorgesungen, nachgetanzt und vorgehampelt, und die Passagiere singen dann mit und klatschen im Takt in die Hände. Aber bei diesen Gelegenheiten erscheinen die silbernen Mädchen nicht. Die sind immer nur zur ersten Begrüßung da. Sondern die Kellnerinnen und Kellner, die uns auch sonst bedienen, tragen die Tabletts. Meistens stammen sie aus Osteuropa, oft aus Moldawien, wo man auch kleinen Lohn nimmt und trotzdem dankbar ist, eine Arbeit zu haben. Jedenfalls dröhnte und blechte aus allen Boxen der Schlager, während wir uns Richtung Osten stampfend zurück in die Meerenge schoben, Ägypten zu, wenn ich mich richtig erinnere.
Ich habe befürchtet, daß ich allein bin, sagte ich. Was hieß befürchtet auf Französisch? Avoir peur, sagte er. Ich entsinne mich genau. Vous aviez peur que vous étiez seul. Aber das sind Sie nicht. Dennoch, den letzten Schritt tun wir alle ohne einander. Durch diese Tür gehen auch wir ein jedes für sich. Aber uns verbindet, daß wir es wissen und, und das alles sagte er auf Deutsch, wollen. Dabei war die Situation schon surreal genug. Aber damit begann unsere Freundschaft. Darf ich so nennen, was zwischen uns war?

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Über Alban Nikolai Herbst

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