Fünfter Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 5).

„Tu ti prendi la mia vita“: Vielleicht darf man, wie ich tat, nicht geben. Nicht einer solchen Frau.

Er quält mich, Nahste, dieser Gedanke: daß ich zu viel gab – nicht weil ich geizig werden wollte, sondern weil sich „zu viel“ von Dir nicht annehmen ließ; weniger, gar nichts, du Ferne, wäre Dir womöglich näher gewesen, vertrauter, auch verläßlicher. Denn mit dem Schmerz umzugehen, hast Du von klein auf gelernt. Er gehört vielleicht in Dein Muster. Das ist der Grund, dessenthalben die Lydierin sich zurückzieht. Wir könnten, Geliebte, es sie sogar ausdrücken lassen, ‘s ist ja nur ein Roman.
Romane dürfen wahr sein.

Laß uns über die Szene nachdenken, Herz, Du in Triest und ich hier (oft, wenn ich „Herz“ schreibe, meine ich „Möse“, als aber Herz):

Arbeitswohnung, den 23. November 2014,
sonntagmorgens, 8.11Uhr.
Holmboe, Dreizehntes Streichquartett,

wobei Du heute in Triest doch nicht sein wirst, noch nicht, nicht jetzt schon, es sei denn, Ihr wäret – schmerzhaftes Ihr! (aber Dir nicht nur als schmerzlos, sondern glückprall gewünscht) – nachts bereits zurückgefahren. Dann hätte es einen Streit gegeben, wieder einmal, stell ich mir vor. Liebe, schriebst Du in einem Brief, sei tatsächlich vielleicht Projektion – was aber, fragtest Du, und ich hörte Dich in den Wörtern, die Du hinschriebst, weinen, – was aber, wenn die Projektionsfläche fehle? nicht mehr da sei? sich aufgezehrt habe? – Geliebte, sieh doch mich an! Ich habe weniger Fläche als Du. Andererseits ist vielleicht, nicht einmal mehr die Leinwand zu haben, vielmehr gar nichts zu haben als die Leere einer verflüchtigten Vorstellung, für Projektionen sehr viel geeigneter. Meinst Du das? Oh glaub das nicht! Hast Du eine Ahnung von diesem Streit! Völlig unerwartet, rein aus dem wirklich Netten eines gemeinsamen Abends bricht er heraus. Die Lydierin hat wirkliches Feuer!
„Weshalb verletzt du mich nicht?!“ schreit sie Lenz an. „Weshalb bist du nie grob, schlägst nicht mal zu?! Ein solches Arschloch, das seiner Frau nicht wehtun kann! Kapierst du denn nicht, wie schwach mich das macht?“
Er starrt sie an, begreift nicht. Eben noch hatte sie zärtlich eine Hand um seinen Hinterkopf gelegt, er hat das immer geliebt, sich immer da hineingeschmiegt, und sie liebte, daß sie seinen Schädel spürte, sein knochiges Klares… aber nein, mein Herz, ich verwechsle schon wieder ihn mit mir; i c h bin der mit der Glatze, er hat noch volles, hat ein dunkelbraunes leicht gelocktes Haar, langgezogene Locken, die sich nur kräuseln, wenn es draußen feucht ist, regnet, nieselt. Und abermals verwechsle ich, seines nun mit dem Deinen. Sicher bin ich mir nur, daß Lenz eine Brille trägt, überaus stylish, nach wie vor, ich denk mal: zwei Dioptrien minus, allenfalls zweieinhalb. Seht man dem Mann ins Gesicht, verzerrt es das Glas an den Rändern nur kaum. Weitsichtigkeit wäre schlimmer – (was ein Satz! Lies ihn mal nicht als ein gemeintes Konkretes). Noch hat Lenz jedenfalls etwas von einem Model. Das wird er von nun an verlieren.
Sie zittert vor Wut. „Was bist du für ein Mann?! Daß du mich nicht siehst?!“
Ja, was s o l l er denn sehen? Daß sie Verletzungen b r a u c h t? Wofür, wofür?
Und außerdem, er h a t sie doch verletzt, zwei oder drei Monate früher. Als er sie nicht heiraten wollte oder es nicht zu wollen schien. Jedenfalls war er der Frage ausgewichen, erst, indem er sie nie stellte, dann, als er der Lydierin keine Antwort gab. Sie beharrte auch nicht, bekam einen bitteren, sekundenlang, Zug auf die Lippen: ein Wehen nur von Vorgewitter, das auch vorüberziehen kann. Man sieht zum Himmel und hofft, daß er hält. (Er hätte auch noch gar nicht neu heiraten können; er war es schließlich noch, verheiratet. Aber das ist Rationalisierung.)
Weshalb hatte er geschwiegen? Du hast, Geliebte, recht, daß das erklärt werden muß. Da Lenz nicht ich ist, völlig anders ist als ich (für einen Roman notwendigerweise), können meine Argumente, sie sind stark, nicht seine sein. Vielleicht hielt ihn auch da schon die Wut ab, die sie, die Lydierin, hatte, ihre Bitternis eben, weil er es nicht selbst angesprochen hatte. Diese Wut war langsam gestiegen, hatte sich aus einer Art Enttäuschung herausgedreht und nun, in diesem Schrei nach Verletzung, freigekommen.
Er schwieg also. Über Tage, übrigens, nach ihrer Frage. So verwirrt gewesen muß er sein. Vor den Kopf geschlagen. Oder hatte er einfach nicht begriffen? den Laut der Wörter nicht auf ihr Gemeintes zurückführen können? Vielleicht ahnte er aber, daß, sie diese Frage stellen zu lassen, so lange abgewartet, ihr das Bedürfnis nicht angesehen, abgespürt, aus ihrem Mund geatmet zu haben, für sie bereits eine Demütigung war. Da wollte sie nun, daß er ihr entsprach und, wenn er sie schon verletzte, es auch richtig tat und vor allem: wiederholend.
Verstehst Du, Innigste, worum es hier geht, was hier wirkt? Die Frau braucht doch eine Struktur, auf die Verlaß ist, für die sie vielleicht über ihre bald, sagen wir, vier Jahrzehnte Handlungs-, wenigstens Haltungsmuster entwickelt hat, um mit ihnen – verläßlich, das ist wichtig – umzugehen. Jemand wie Lenz kann das nicht wissen. Er denkt: Tue ich ihr gut, ist‘s gut. Nein, Irrtum, furchtbarer Irrtum. Die Lydierin hat sich aus der Verletzheit geformt und sich dennoch – das magst Du für ein Wunder halten, aber es ist für diese hochsensible Frau geradezu Bedingung ihres Selbst – jede nur denkbare Verletzbarkeit erhalten. Sie braucht sie, neue und immer wieder neue Verletzungen, um als Verletzte weiterzubestehen. Gern spricht sie von ihrem Humor. Der eben ist es tatsächlich, was sie aus jeder nächsten Verletzung destilliert. Eine Meisterin ist sie darin. Würde sie bitter, alles fiele ihr zusammen. Deshalb wird sie nach den Verletzungen nur immer noch sensibler. Während, wenn man sie dauernd trägt, sie abstumpfen würde. Heiterkeit, schreibt Goethe, wirkt auf dunklem Grund.
Den zeigt sie ihm, aber er versteht nicht. Deshalb beginnt schon hier die Trennung. Es kann sein, daß, ihr eine Ohrfeige zu geben, in dem Moment geholfen hätte. Die Seelenverletzungen körperlich machen, damit man sie sich anschauen kann – erst einmal wenigstens das. Fakt bleibt, Lenz ist zu gut, zu gut geworden, für diese Frau. Bevor er sie zum ersten Mal ansah und sie ihn, war er das nicht gewesen. Darin liegt die Tragik.

Schönste, laß uns das leise besprechen; ich läge b e i, Du a n mir, duftend: noch feucht, noch feucht! ja naß, und die Lydierin erzählte; auch Lenz erzählte, so, wie wir uns wirklich (was ist das, w a r das: wirklich?) voneinander erzählt haben, Du mehr von Dir als ich von mir, doch das war gut. Wie ich aufstehe, Elbin, für die Musik, aber immer wieder auf Dich schaue, mich immer wieder zurückdrehe, weil ich es einfach nicht fassen kann, daß Du da liegst. Wie ich morgens, wenn Du noch schliefst, einfach nur vor der Couch stand und Dir zusah beim Schlafen. Daß es das g a b! Es war ein solches Glück. Und schlugst Du die Augen auf und sahst mich, das erste, wirklich, was geschah, war Dein Lächeln. Als könntest Du es genau so wenig fassen: aufgehoben zu sein, derart, an jedem nächsten Morgen wieder, empfangen zu werden. Du bist für mich ein Wunder, sagte ich, und Du sagtest, du für mich auch.
>>>> Vorbei.

Deshalb laß uns zurück in den gestrigen Abend,. Du erinnerst Dich? Lenz, nach seinem alleinen Abendessen, steht in der offenen Tür seiner Blockhütte. Es ist dunkel und naß. Er hört den Wald. Wobei das mit der Blockhütte wohl ein wenig zu viel D.H.Lawrence ist, an den ich da aber denken muß. Vielleicht wird das so auch nie werden, vielleicht denkt Lenz sich das nur aus, daß er am Wald wohnt. Er kann aber tatsächlich nicht mehr richtig unterscheiden. Jedenfalls dreht er sich um und zieht die Tür hinter sich zu (während er zum Beispiel am Fenster steht und auf die Düsseldorfer Kö, in „Wahrheit“, hinaussieht oder auf die Frankfurtmainer, hintere allerdings, Zeil oder auf die Berliner Gdansker Straße; vielleicht guckt er auch in den Wiener Prater: Ich bin mir unschlüssig nach wie vor. Der Prater hätte einiges für sich, schon wegen all der Nässe, wegen der Klammheit.)
Auf dem Tisch steht noch das benutzte Gedeck, vom Salat sind wenige feine Zwiebelringe und geröstete Nüsse übrig, die sich mit Restöl füllen; die hat er übrig gelassen, war sehr schnell satt. – Er nimmt einen Cigarillo, setzt sich, schiebt den Teller von sich, langt nach dem Aschenbecher. Daß Lenz raucht, ist neu. Er fing damit an, als die Lydierin ging. Seine Lunge ist daran, daß sie ging, noch nicht gewöhnt. Deshalb hustet er immer ein wenig beim ersten, zweiten Zug. Er lauscht seinem Rauchen. Es brennt eine Stehlampe schräg gegenüber nahe einer der beide hohen Lautsprecherboxen. Und ich erinnere mich, bereits einmal ein Wunder erlebt zu haben, ein anderes als Dich, wie Du daliegst und schläfst, ein, was mich anfangs irritierte, Hemdchen über den Augen, zu einem Streifen zusammengelegt, weil Du kein Licht im Schlaf verträgst. Aber Du mußt es nur heben und lächelst, ja vorher schon, ich erinnere mich, werde das Bild kaum mehr verlieren. Nun schreib ich es zu Literatur. (Nachher ließt Du das Hemdchen mir hier).
Also das andere Wunder, auf das Lenz hofft. Nein, er gibt sich das nicht zu, sondern sagt sich eben: Vorbei. Will damit leben. Will es nicht. Muß damit leben, und darum will er‘s trotzdem. Merkst Du, Süße, so Herbe, jetzt, wie ich sogar die Widersprüche, Lenzens, aber unser aller, organisch zu formen versuche? Selbstverständlich die der Lydierin auch. Sie ist ja nicht minder geworfen als er. Es geht ums Verstehen.
Das andere Wunder.
Nein, Geliebte, ich meine grad mal nicht Dein Ohr. Ausnahmsweise. Ich lächle. „Gibt es irgend eine Frau“, fragtest Du, „die sich deinem Blick entziehen kann?“ Dabei war es doch so, daß ich mich Deinem nicht entziehen konnte. Ich geb zu, auch nicht wollte, nicht den Bruchteil einer Sekunde „lang“. Und hast Dir selbst die Antwort gegeben. Mindestens eine konnte es: Du. (Es konnten das sehr viel mehr Frauen, in meinem Leben.)
Ich meine: daß sie wiederkommt, zurückkommt. Sich in den Flieger setzt und plötzlich vor Lenzens Tür steht. Klingelt. Er öffnet. Vielleicht klopft sie auch, und er öffnet. Dann steht sie da. „Da bin ich wieder“, sagt sie. Ein weiteres halbes Jahr ist vergangen, vielleicht sogar ein ganzes. Sie erklärt sich nicht, jedenfalls noch nicht. Nicht in dieser Situation. Hält nur ihren Blick in seinem, er den seinen in ihrem. Stummheitsrausch und Stummheitsrauschen. „Da bin ich wieder.“ Kein Wort m e h r.
So habe ich es einmal erlebt. Darum kann ich das beschreiben. Man verliert ein solches Erscheinen nicht. Aber damals, anders als jetzt Lenz, hatte ich so etwas nicht einmal gehofft. Wirklich nicht, Geliebte. Wie hätte das auch sein können? Do war es gewesen, damals, mit der ich dann insgesamt sechzehn Jahre zusammen war, inklusive aber dieser Zeit von Trennung. Sie war zu ihrem Freund zurückgekehrt. Da habe ich mich ins Auto gesetzt, damals ein Renault, war gegenüber die Straße langsam rückwärts gefahren, einhundert, zweihundert Meter. Dann habe ich den ersten, zweiten, dritten Gang eingelegt und das Gaspedal durchgedrückt. Der Wagen knallte gegen die Hauswand, ich flog durch die Scheibe, stand benommen auf, ohne irgend einen Kratzer. Das Auto ein einziger Totalschaden, mindestens ein Drittel kürzer, die Motorhaube ein einziger zusammengepreßter Balg. überall Splitter. Und ich. Kein Blut, keine Wunde, nichts. Nur ein bißchen Benommenheit.
Aber nicht das war das Wunder. Schon gar nicht, daß man mich zwangsverbrachte, zwei Wochen geschlossene Psychiatrie. Do kam fast jeden Tag hin, um mich zu besuchen, blieb in ihrem Entschluß aber eisern, ließ sich nicht erpressen. Ein Selbstmordversuch, nun ja. Das Thema hat sich mit damals, ich bin da sechsundzwanzig gewesen, erledigt. – Zu dem Wunder nun, von dem ich Dir, Elbin, erzählen möchte, kam es erst viel später, ein, glaube ich, Dreivierteljahr nach diesen Ereignissen. Nachdem ich wieder „freigelassen“ worden war, gab es zwischen ihr, also Do, und mir weitere Kontakte n i c h t mehr. Sie mied mich, mied meine Depression, aus der ich mich vermittels exakter Tagesabläufe herauszustemmen unternahm, die ich je abends streng planend entwarf. Eine mütterliche Freundin stand mir bei. Langsam, sehr langsam, anfangs völlig unfähig, etwas anderes zu tun als dazuliegen. Aber ich kam heraus, wurde heller, leuchtete wieder. Stand dann da als (fast) der, der ich vorher gewesen.
Da klingelte es. „Da bin ich wieder.“ Wörtlich. Ohne erst mal eine Erklärung. Es war für sie auch gar kein Raum.
Ich glaube nicht, daß ich damals geweint habe. Die Frau hat gelächelt, das allerdings weiß ich. Keine zwei Minuten später lagen wir im Bett.
So etwas ist es, was Lenz sich nun vorstellt, vorsichtig aber – das Bild ist, Geliebte, gefährdet und reißt leicht. Wenn es nur Bild ist. (Auch diese Szene wird mitten im Roman erzählt, während sich die eigentliche Liebesgeschichte immer noch steigert und steigert. Um zu gestalten, greife ich, auf was den sonst?, auf mein Leben zurück. >>>> „Alles ist Material“. Manches wird es Jahrzehnte erst später und schläft dann dem eben Neugeschehenen bei: und >>>> sie erkannten einander.)

(10.22 Uhr.)
Neige Dich, neige Dich, neige ich mich. Wir, Geliebte, uns zu. Nur in Gedanken, noch einmal, und wieder. Immer immer wieder. Ich will von Deiner Möse sprechen. Nicht Deiner, Du weißt doch, der Lydierin aber. Sehr zart. Mösen unterscheiden sich voneinander wie Schwänze. Da Du Vergleiche, literarische, ablehnst, kann ich nur beschreiben. Die Färbung, das Wehen, ja, W e h e n der inneren Schamlippen, die Hautlamellen sind. Wie die Lydierin auslief, als sie das erste Mal lag. Wie Lenz sich zwischen diesen Lippen verlor und alles, alles trinken wollte. „Du hättest auch lospinkeln können“, schrieb ich Dir später, worauf Du schon nicht mehr reagiert hast. „Ich kann nicht annehmen, bitte verzeih“: Erneut und erneut liest Lenz den letzten Satz in Skype. (Der Cigarillo ist beinahe aufgeraucht. Der Mann hat sich einen Wein geöffnet, trinkt im halben Dunklen bedächtig. Vor ihm rauscht die Laptopkühlung, draußen rauscht der Regen wieder – nein, nicht hier in Berlin. Hier ziehen zwar Wolken, sogar ziemlich schnell, aber es war auch schon Sonne.)

Ich will jetzt das Ciabatta kneten. Abends werd ich bei Broßmann, dem Freund, sein, der Geburtstag hatte. Dazwischen zum Training. Wer nicht den Körper verliert, behält sich. – Und Du, meine Sìdhe? Wirst Du heute laufen? Denkst Du, Herz, manchmal an mich? Tu es nicht, bitte! Ich möchte nicht, daß Du zerreißt. Tu ti prendi la tua vita.

Alban

*


(16.37 Uhr,
Espresso,
Boris Blacher, Erstes Klavierkonzert.)

Heut hab ich aber viel gebacken; ich mußte, liebste Elbin, den sozusagen unendlichen Grundteig in den Kühlschrank stellen, denn sieh einmal, wie das Ciabatta geg a n g e n ist:



Da werde ich, so allein, T a g e dran zu essen haben. (Selten gehört, Boris Blacher; ich sollte das ändern; es ist eine sehr sehr schöne, ruhige Musik; bei diesem ersten Klavierkonzert bin ich leicht an Ravels G-Dur erinnert). – Gut, ich werde den Teig vierteln, je rollen, zwei Rollen einfrieren und von den beiden anderen, die ich morgen backen werde, ein Ciabatta verschenken, vielleicht wieder an Amélie, oder an wer immer sonst den Finger hebt und ein Lächeln für mich hat.
Ich konnte das nie, Geliebte, „sparsam“ sein; alles, bei mir, kommt aus der Fülle und wird zu ihr, füllt sie noch mehr. So bin ich auch, wenn ich gebe. Womit wir wieder bei oben wären. Es ist aber zu früh, das zu vertiefen; es darf ein Keil zwischen der Lydierin und Lenz noch nicht sein, wenn ihre Geschichte sich entwickeln soll.
Beim Training habe ich weiter über sie nachgedacht, eine Wüstenszene fiel mir ein. Auch zu dieser aber später. Interessant ist, daß sich meine wehe Achillessehne zu richten scheint, seit ich wieder regelmäßig zum Sport gehe. Kann es, Elbin, sein, daß der Körper auch hier genau weiß, was zu tun ist? Wenn man ihn achtet? Daß er dann Heilungskräfte mobilisiert, ganz aus sich selbst? So daß die meisten unserer Arztbesuche überflüssig wären, beharrten wir nicht so auf dem – oder glaubten, darauf beharren zu müssen -, was Adorno „falsches Leben“ nannte? Es kann sein, daß Lenz dies begreift, vielleicht sogar schneller als die Lydierin, und deshalb ist es, welch ein Paradox!, für beide schon zu spät -.
Ich hab es gestern angedeutet, die Löwin brachte mich darauf: daß die Zeit- und also Entwicklungslinien der Menschen differieren. Ich muß nur abermals aufpassen, Lenz und mich nicht zu verwechseln; ich bin im meisten schnell. Auch Peter Gogolin, als ich damals den Artikel über ihn schrieb, seufzte hier am Mitteltisch, den Du gut kennst, fast in Erschöpfung auf: „… daß die Menschen immer so langsam sind!“ Ich hätte einmal gesagt, erinnerte mich gestern >>>> Anna Häusler in Skype, ich sei ein Durchlauferhitzer. „Du bist ein Katalysator“, schreib sie weiter und erklärte: „Chemisch triggert ein Katalysator eine Reaktion oder beschleunigt sie, geht aber immer unverändert wieder aus ihr hervor.“ Sie möge den Gedanken, daß es auch mich nicht groß verändere, doch immer etwas Neues entstehe. Nun, das Neue, Schönste, mag auch ich; daß ich mich nicht veränderte, indessen nichjt so arg. Ich müßte sonst selbst eine Idee sein, ein bereits Vorsublimierter. Vielleicht ist ein Aspekt dieser Briefe auch der, daß ich mich dagegen wehre, verillusioniert zu werden. Lach mich nicht aus, weil das so trotzig klingt, bitte. (Manchmal bin ich‘s aber, trotzig. Dann werd selbst ich zum Kind. Dazu wieder Melusine – die Freundin, von der ich Dir schrieb, sie habe mir geschrieben: „Der Verkehr des Autors mit den Müttern setzt voraus, dass der Autor nicht mehr selbst gebären will. Das Werk kann kein Ersatz sein für ein Kind.“ Und also fragt sie richtig, was der Autor wolle, wenn er mit der Gebärfähigkeit der Mütter nicht länger konkurriere? „Leben schreiben“, gibt sie selbst mir zur Antwort.
Dennoch, wohl auch gerade deshalb, werde ich auf unser Kind, also den Roman, noch einmal zurückkommen müssen. Dir erklären, weshalb er kein Ersatz ist, noch je einer sein könnte. Nur nicht mehr heute, verzeih. Ich muß mich nämlich umziehen. Um sechs soll ich bei Broßmann sein.) 

Wieder außerhalb der Klammer, aber, umarme ich, Ersehnte, Dich. (Auch zu dem, was hierunter in den Kommentaren vor sich ging, schreibe ich Dir morgen.)

Oberon.

*

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