Briefe nach Triest 7: Distanzierung (Überlegungen, 1).

[Arbeitswohnung.
6.32 Uhr.]

Der >>>> gestrige Brief kündigte es an: Ich muß eine distanzierte Reflektion einschieben. Sie ist, in der Briefabfolge – als einer zugleich neuen Form des Arbeitsjournals – problematisch. Denn ich bin mir noch unklar darüber, wie ich sie netzlogisch verankere. Wahrscheinlich werde ich heute eine eigene Dschungelrubrik für die Briefe erstellen, worin aber nur die Links auf sie zu finden sind, je mit den Überschriften, und solche auf Reflektionseinschübe wie diesen, also „Erster Brief nach Triest“, „Zweiter Brief nach Triest“, (…), „Sechster Brief nach Triest“, „Überlegung 1“, „Achter Brief nach Triest“ usw.
Dies betrifft das Netzgeschehen, das, wie ich nun merke, eine zweite Spielart der Veröffentlichungsform ist, deren erste >>>> Die Fenster von Sainte Chapelle gewesen sind. Hingegen gehören weder >>>> mein New-York-Roman, noch Findeiss‘ >>>> Ahmeti-Erzählung hinzu, die sich zwar ebenfalls unter >>>> „Fortsetzungsroman“ finden, wenn auch „New York“ dann verschoben wurde; aber das sind bereits fertige Stücke gewesen, die nicht direkt im Netz entstanden. Es fehlt ihnen die Unmittelbarkeit, auf die diadorim und ich >>>> gestern zu sprechen kamen. Der Versuch ist, sie auch für das spätere Buch zu bewahren, jedenfalls ihre starken Energien im Kraftreservoir des Romans zu speichern. In der Tat kostet es mich heute Überwindung, jedenfalls eine starke Beherrschung, meinem angekündigten Vorhaben zu folgen und eben nicht gleich den siebten Brief zu schreiben – nach den Geschehen von gestern abend ganz besonders: – ein Nichtgeschehen, sollte ich sie nennen. Mal sehen, ob sich deren Unmittelbarkeit morgen wieder herstellen läßt: die Geschichte (m)eines Versagens, die unvermittelt auf Lenz projeziert werden muß.

„Briefe nach Triest“, in der Tat ein starker Titel, gerade in seiner Schwebehaltung, in der die Verwandlung von Realität in Fiktion bereits mitschwingt, stärker als im quasi-klassischen >>>> „Αἰαιαη oder Die Erleuchtung“, besonders mit seinem altgriechischen Circe-Bezug: zu gelehrt, sowieso, für die meisten gegenwärtigen Lesergruppen. Als I d e e eines großen Liebesromanes sollte er allerdings erhalten bleiben. Das schließt Lenzens „rein“ fiktive Person aus, also als die, abgesehen von der Lydierin, alleinige, auf die geschaut und über die erzählt wird. Es wäre dann immer der Briefautor zugleich, der im Focus des Romans steht, er begründet gleichsam Lenz (wie es auch der „Realität“ entspricht), aus ihm bezieht Lenz die für einen wie ihn ungewöhnliche Einlassungskraft.
Nicht so sehr ist aber das Moment des „Blickens“, auf das immer wieder abgestellt wird, unrealistisch, sondern vielmehr steht in Frage, im Sechsten Brief deutete ich‘s an, wieso sich die Lydierin darauf einläßt, was s i e so ergreift, während das in der Begegnung der Sìdhe mit dem Autor gar keine Frage ist, der ohnedies für „das Andere“ steht, bereits in den Gerüchten, die um ihn kursieren, vor allem in dem, was die Sìdhe schon vorher von ihm kannte: also in seinen Texten. Dazu die Erscheinung. All das gibt es bei Lenz nicht. Er, Lenz, hat schlichtweg kein Geheimnis, sondern das wird ihm erst in der Begegnung mit der Lydierin. Man kann sagen, sie gebäre ihn. Dann hat, daß sie sich wieder zurückzieht, vielleicht damit zu tun, daß sich Kinder, schon gar nicht die eigenen, nicht als geschlechtliche, schon gar obsessiv begehrte Liebespartner eignen, auch nicht, wenn sie erwachsen wurden. „Jetzt bist du geworden, nun lauf allein!“ könnte die Botschaft der Lydierin sein. Dann würde diese Liebesgeschichte einerseits ein Entwicklungsroman, andererseits unterstellte es aber, daß diese Frau sehr viel weniger selbst gefangen wurde, als ich doch gerne erzählen möchte. Ich meine abermals das „Blicken“. – Für einen „klassisch“ erzählten Roman sind solche Überlegungen findamental. Er kann, so, eigentlich nicht funktionieren. Die Psychologie kippt zu oft. Da müßte zu sehr narrativ geschummelt werden, und die Erzählung wirkte nur konstruiert: Man sähe zu sehr das Gerüst, das man in einem solchen g a r nicht sehen darf.
Das Problem entfällt, ja wird zu einer Stärke, wenn ich tatsächlich die Briefe-selbst den Roman sein lasse. Dann wird das Changieren zwischen dem Erzähler-Ich und Lenz zu einem besonderen Reiz, der sich aus den ständigen Versuchen der Distanzierung und eben ihrem Fehlgehn ergibt, ebenso bei der Bemühung, die Sìdhe zur Lydierin umzuformen. Spannend daran ist, daß, wenn mir diese Form gelingt, sowohl Erzähler als auch die Sidhe – Lenz ganz wie die Lydierin – in der Imagination der Leser:innen zu gleichwertigen Personen werden, das heißt solchen, die man im Inneren sieht. Da wäre dann im Rezipienten die Spaltung gelungen: er, bzw. sie, die Rezipientin, läßt sie in sich erstehen.

Lydien, Heimat der Lydierin, bleibt eine Märchen-, bzw. Stellvertreterfolie, anders als Triest, die tatsächliche Stadt der „wirklichen“ Sìdhe. Das muß klar sein. Lydien lassen sich alle nur denkbaren Eigenschaften, Landschaften, Temperaturen zuschreiben, es ist eine reine, geografisch, Projektionsfläche, indessen Triest immer konkret zu bleiben hat. Hätte ich jetzt nicht Angst, der Sìdhe dort zu begegnen – unplanhaft plötzlich und darum überwältigend, aber ins Leere überwältigt – , ich flöge noch einmal hin, um die genauen Orte zu recherchieren; damals wußte ich ja noch nicht, daß diese Liebe auf einen Roman hinauslaufen würde. Zum Beispiel weiß ich nicht mehr, wie das Café hieß, in dem wir am ersten Tag saßen. Ich wollte aber auch den Park noch einmal abgehen, müßte indes fürchten, daß sie dort joggt. Dann noch die Einsamkeit abends im Hotel… – nein, es wäre zu früh. Vorerst behelfe ich mir mit meinen Erinnerungen an Triest, ich habe ja einige Fotos gemacht, und mit Google Earth, das insofern seine Wahrheit hat, als es ohnedies die Grundlage eines unserer Liebes-Entferntheitsspiele war.

Die „wirkliche Sìdhe“: schon ein Widerspruch im Begriff. Auch hierauf, daß das so bleibt, ist zu achten; es geht eben nicht, wie man mir vorgestern >>>> unterstellt hat, um einen „Verrat“, sondern im Gegenteil um ein Bewahren eines in der Tat mythischen Geschehens. Mehr noch! Die Verrats-Unterstellung entspricht dem monotheistischen Bilderverbot; schon, daß der „Name“ Sìdhe gewählt wurde, steht mit ihm auf Kriegsfuß: Sìdhe ist heidnisch. Damit knüpfe ich deutlich an den >>>> Wolpertinger an, folge aber zugleich den in den >>>> Anderswelt-Büchern entwickelten Erzählstrukturen. Was mir vorschwebt, ist, sie mit der Narrativität des Traumschiffs zu verbinden, und zwar so, daß den ewigen Vorwürfen gleichsam de natura entgegnet wird, es sei alles zu kompliziert. Der schließliche Text soll genau die „Einfachheit“ haben, die das Traumschiff hat, auch wenn logischerweise, anders als in diesem, nicht linear erzählt wird, sondern die lyrische Komponente Vorrang hat.

Dennoch komme ich um eine zumindest skizzenhafte Charakterzeichnung sowohl Lenzens als auch der Lydierin nicht herum:

Lenz.
Um die fünfundvierzig, hochgewachsen, sehr selbsbewußt zu Anfang, jedenfalls gibt er sich so. Banker, Broker, sowas, was für ein Finanzdienstleister auch immer. Ökonomischer und damit quasi gesellschaftlicher Aufsteiger (Kleinbürgerherkunft, enges Zuhause, verhärmte Mutter, viel zu weicher Vater – daher auch seine eigene Weichheit und daß er von der Lydierin so „betroffen“ werden kann); vor der Begegnung Positivist: „Fakten“. Besonders wichtig ist ihm (um sich von seiner Herkunft abzusetzen), daß er zu sein s c h e i n t: Also achtet er auf Repräsentationsobjekte, Autos, Wohnung, Kleidung, Schmuck für die Gemahlin usw. Tatsächlich ist er, wenn es um sich und die Frau geht, geizig, ja kleinlich. Das Bild ist bekannt, gesellschaftlich Stanze. Seine Frau hat sich darin eingerichtet, spielt das Spiel gern mit. Die Ehe hat ein Kind, schon Jugendlicher jetzt. Auch der schon ist aufs Funktionieren trainiert, ja geradezu abgerichtet worden. (Die Wut der Gemahlin, als Lenz, wegen der Lydierin, dieses System nun verläßt, ausbricht).
Die Lydierin.
Um die fünfundddreißig, noch einen Tuck jünger vielleicht. Wie ich >>>> dort schrieb: teils arabische, teils jüdische Wurzeln; enger „stamm“hafter Familienzusammenhalt; auch sie ist ausgebrochen, aber früher, logisch, als nun Lenz. Hochbegabt, irres Abi, Meisterschülerin an der Uni. Extrem sprachbefähigt, daher ihr Job bei der lydischen Firma, der sie sich vorübergehend als Fremdsprachenkorrespondentin verdingt hat. Eigentlich wollte sie in die Kunst, hat es auch versucht, arabische Gegenwartskunst, die für Emanzipation eintritt. Frauenrechtlerin also in stark patriarchalem Umfeld. Von dem bleibt sie allerdings geprägt, was ebenfalls ein Grund dafür sein kann, daß sie sich von Lenz wieder trennt. Das Tragische wäre dann, daß eben seine erst durch sie geöffnete Weichheit, die sie eigentlich sucht, das ist, was sie dann flieht. Hierüber muß ich nachdenken; vielleicht „ergibt“ es sich auch aus den weiteren Briefen. – Eine ausgesprochen schlanke Frau, der Sìdhe darin ähnlich. Irgendwo vorher habe ich von einem Egon-Schiele-Körper gesprochen, einem also, den er wieder und wieder gemalt hat. Durchaus ein bißchen kantig. – Starker Kinderwunsch, den ihr Lenz aber nicht erfüllt; wir wissen vielleicht nie, weshalb nicht. Auch das kann ein Grund für die spätere Trennung sein.
Der Briefautor.
Durchaus an mich selbst angelehnt, wie in Meere, aber diesmal eben kein Maler, anders als Fichte. Dennoch wären ein paar Lebensumstände umzudrehen (pervertere), Details nur, die dazu dienen, Distanzen klarzumachen: Hier wird gebaut, nicht „abgeschrieben“. Seine Energien aber, deshalb ist er notwendig, gehen auf Lenz über; hieraus speist sich dessen Kraft, das vorherige Lebenssystem zu verlassen. Über den „Katalysator“ habe ich >>>> schon geschrieben. Seine, des Briefautors, Entwicklung wird darin bestehen, sich als einen solchen anzunehmen; genau das wird ihm helfen, die für ihn zutiefst schockierende Trennung anzunehmen und zu verarbeiten. Er hat etwas in Gang gesetzt, hat ein verkrustetes System wieder verflüssigt. Das wird ihn nicht weniger unglücklich machen, ihm den Verlust nicht ersetzen, doch schließlich sein Selbstbewußtsein stärken. Insofern geht er über Fichte hinaus. Vielleicht entwickle ich daraus sogar ein Credo des Künstlers, und zwar in einem Sinn, den >>>> dort die Löwin formuliert hat. (Um es zu wiederholen: „Kein Schutzraum, keine Opfer, kein Schuldgefühl“). Es ist aber insgesamt zu überlegen, inwieweit ich nicht des Briefautors persönliches Umfeld, seine Sozialität, also Freunde usw., vor allem vorhergangene und unter der Oberfläche weiterwirkende Lieben in den Roman mit einbeziehen muß, so, wie es der Briefautor bereits selbst mit den Zitaten aus den Briefen tat, die er während des Schreibprozesses bisher erhielt. Bei aller trauernden Unfähigkeit, die ihn erfaßt hat, muß klar werden, daß er keineswegs unbegehrt ist, eher im Gegenteil: Genau das wird seine tatsächliche Schwächung noch unterstreichen; hierin entspricht er Lenz vollkommen. Es müßte eine Lesart, eine Perspektive geben, die beide Figuren direkt aufeinanderlegt – so unterschiedlich ihre Herkünfte immer auch sind.
Er ist Mitte fünfzig, also zehn Jahre älter als Lenz.
Die Sìdhe.
Wohl die tragischste Figur des Romans. Wie die Lydierin um die fünfunddreißig. Ähnliche Bildung, jüdisch-deutsche, auch slovenische und sowieso italienische Wurzeln. Der Vater bewirtschaftet ein großes Gestüt für Rennpferde. Ob in Slovenien, ob in Serbien, weiß ich noch nicht; aber Balkannähe ist wichtig (Ausflüge der beiden, ihre, des Briefautors). Jedenfalls ist sie da ausgebrochen. Indessen, wie in Meere das Kliff, hier der Karst. „Aus dem Karst stammen“: „Ich stamme aus dem Karst“, sagt sie ihm einmal, um eine ihrer Handlungen zu erden. Von ihr wie von der Lydierin erfahren wir die Haarfarbe nie. Redakteurin beim Rundfunk, freie Kritikerin für Gegenwartskunst. Sowas. Aber uneins. Verheiratet seit einigen Jahren, hier die Verbindung zu Lenz. Sozusagen ist sie die Spiegelachse des Romans, der mit Umkehrungen arbeitet. Das Gefühl, „nie dazugehört“ zu haben, immer fremd gewesen zu sein. Was sie, durchaus zwanghaft-wiederholend, noch und noch zementiert. Die Verletzungsstruktur; >>>> dort bin ich bereits darauf eingegangen. Mit dem Briefautor der Versuch, daraus auszubrechen. Kehrt aber schließlich zurück, doch unter anderen Vorzeichen: will willentlich annehmen, die Dinge drehen, aktiv, nicht nur geschehen lassen. Eben nicht ihnen ausweichen und sie fliehen. Fliehen tut sie nur den Autor, was ein für sie objektiv notwendiger Schritt ist. Ihre Unbedingtheit, das ist wichtig. Ihre kompromißlose Klarheit. Große, gerade in dieser Tragik, Frau. Es ist ihr durchaus klar, daß der Briefautor trotz allen Leids mit der Trennung klarkommen wird; ihr Mann hingegen, den sie ja liebt, würde es n i c h t. Er wäre tatsächlich verlassen. (Thema des jemanden Alleinelassens: schon das, es zu tun, wäre der Sìdhe nicht möglich, nicht, so lange es noch irgend eine Chance gibt. Auch von daher hat sie schließlich Grenzen zu ziehen, Prioritäten zu setzen.) Gewissermaßen pfiffig an dem Roman ist, daß er dem Mann die Chance g i b t, eben in der Lenz-Figur; sie ist seine Utopie. Der Roman steht, wie Meere, vollständig auf der Seite der Frau, nicht auf der seines Autors. – In jedem Fall ist die Sìdhe in Bewegung geraten; wohin sie diese führen wird, läßt sich nicht sagen. Es ist nicht mehr Gegenstand des Romans.

Wie wird das enden, also er, der Roman? Ich weiß es noch nicht, müßte fragen: Für wen wäre das und das gut? Aber möchte jede moralische Parteinahme vermeiden (von der Pateinahme für die Frau sprach ich soeben); es geht nicht um Moral. Letztlich fokussiert sich das Buch geradezu auf ihr Gegenteil: daß solche Begegnungen g e s c h e h e n, geschehen k ö n n e n, egal, in welchen Umständen wir uns befinden. Diesen hier „das Blicken“ genannten Begegnungen will ich ein Buch widmen: diesen plötzlichen Einstürzen und Erhebungen: Intensitäten. Zugleich auch der Notwendigkeit, daß sie nicht „halten“ können, sondern so, wie Benjamin über Wahrheit schreibt, aufschießen und schon wieder vorbei sind. Es sind, aber wertfrei gesprochen, asoziale Gewalten, weit über allem gesellschaftlich Normierten hinaus. Zu denken etwa an eine Liebesleidenschaft zwischen einer jüdischen Israeli und einem arabischen Palästinenser – auch dieses ließe sich, als ein drittes „Modell“, in den Roman integrieren. Was sich begibt, begeben kann, wider Vernunft, Politik, Familie, läßt sich am besten in den Extremen zeigen. Nach „West Side Story“ ein „drittes“ Romeo & Julia (es hat seinen Grund, daß ich die beste Freundin der Sìdhe „Giulia“ genannt habe): nicht vergessen, Herbst!

Klar wird bisher, und dies immer mehr, daß die besondere Kraft des Romans der „Briefe nach Triest“ eben im Changieren zwischen den Personen besteht, in ihren aus den Ungleichheiten werdenden Gleichheiten, dem In- und wieder Auseinanderrutschen der handelnden Charaktere.

ANH, 25.11.2014.
Berlin.
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