Achter Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 9).


Für heute, Du
(allerschönste meiner Innenbilder),

Arbeitswohnung, den 27. November 2014,
donnerstags (bei Frank Martins Konzert
für sieben Bläser, Schlagzeug und Streicher)
um 8.22 Uhr,


bin ich mir unsicher, ob dieser Brief bei Dir überhaupt ankommen wird. Denn nachdem sich der Aufbau der Sites bereits gestern von nachmittags bis in die frühe Nacht zunehmend verzähte und schließlich nur noch zeitweise möglich war, ist twoday, die Hosterfirma dieses und Tausender anderer Blogs, nun restlos down. Insofern ist es nicht schlimm, daß ich abermals verschlafen habe; das letzte Mal, daß twoday komplett ausfiel, dauerte fünf Tage. Drei von denen merkten wir nicht, denn in dieser Zeit warst Du bei mir. Nichts hat unser Glück da überschatten können, schon gar nicht sowas und auch nachträglich nicht – nicht einmal, daß Du später von Flucht sprachst, in eine mögliche andere Welt.
Immerhin, Geliebte, möglich. Ich weiß, wie Du es meintest, und „möglich“ ist mir auch nah, wohl näher als die „Realität“ schon seit je. Zu leben in der Möglichkeitsform erlaubt einem Dichter Zuversicht. Möglich also, daß es klingelt, ich schrieb darüber schon, und Du stehst in der Tür. Trotzdem habe ich der Putzfrau abgesagt, die übermorgen sonst hergekommen wäre. Dabei hat die Wohnung es nötig. Aber sie putzte sonst alle Spuren hinweg, die mir von Deinem Dagewesenensein, einem wirklichen Dagewesensein geblieben sind. (Bisweilen, noch immer, find ich ein Haar.)

Abermals scheine ich gestern nacht einiges getrunken zu haben; ich arbeite mich auf zwei Flaschen Wein pro Abend hinauf, dazu spätnachmittags Whisky. – „Fühlen Sie den Schmerz noch immer körperlich?“ fragte mich Lena gestern in Skype. Ich tippte schnell mein „Ja“, schränkte aber ein, „doch er wird milder“, was grammatisch so nicht stimmt, er müßte denn vorher mild gewesen sein. Vor allem aber, ich huste, Reizhusten, sollte klugerweise den Sport aussetzen, fürchte indes, daß er, also jener, andere als bakterielle Gründe hat. Schon Du, mein Herz, hast mich nicht hinaushusten können, nicht mehr, seit wir uns zum ersten Mal ansahn; nun kann ich‘s nicht mit Dir. Ich habe mich nicht angesteckt bei Dir, weder als ich in Triest war, noch als Du hier warst, weil ich da noch, um ein Uns, habe kämpfen können; man hat dann für Energieverschwendung, die eine Infektion doch ist, überhaupt nicht die Zeit. Nun hab ich nichts als sie. Und huste also stark. Schwäche mich mit Alkohol und zieh mich mit Sport aus dem Sumpf, in dem ich sonst versänke.

Es wird ein Frank-Martin-Tag werden heute. Er schrieb schwebende Musiken. Von ihm hörte ich zuerst die Orgel-Passacaglia. Vieles, was mir derzeit gut tut, hat mit Gläubigkeit zu tun. Hingegen lesen kann ich nicht, ruhe z u in Dir. Die Bücher stapeln sich. Dann hörte ich Martins Vertonung von Rilkes Cornet; ein ungeheures Stück. Ich lüde es Dir so gerne in die Dropbox hoch! Aber sagte ich nicht – ja, versprach‘s -, Dir persönliche Nachrichten nicht mehr zu schicken? Es wäre eine solche. „Weitere Briefe wären Bedrängung.“ Abgesehen davon, macht man sich damit lächerlich, so als ein Mann, der einer Frau hinterherläuft, die ihn nicht will. Schon gar in meinem Alter, in meiner, literarisch betrachtet, Position! Hingegen diese Briefe nicht zählen, denn ich schreib Sie ja nicht Dir, nenne, Sìdhe, nie Deinen Namen; sie richten sich allein an meine Anima und, um es banal zu sagen, Traumfrau.
Dennoch, Der Cornet auf Rilke von Martin; Du mußt unbedingt die Aufnahme mit der Lipovsek hören, unter Lothar Zagrosek. Sie hat eine zugleich brennende wie schwelende Intensität und weht als fallende Fahne von hier, Berlin, wo Rilkes Erzählung entstand, zu Dir nach Triest, in dessen unmittelbarer Nähe der Dichter sein wohl bedeutendstes Werk schuf, Du weißt schon, Schloß Duino. Wir sind ja hingefahren, als ich bei Dir war. Auch die Lydierin wird es Lenz zeigen: Sie verstecken sich – nicht seine, sondern selbstverständlich ihre Idee – und lassen sich einschließen. Dann, nachts, liest sie ihm aus den Elegien vor (/ – – / -. Wo einmal ein dauerndes Haus war, / schlägt sich erdachtes Gebild vor, quer, zu Erdenklichem / völlig gehörig, als ständ es noch ganz im Gehirne). Lenz kniet vor ihr, das Gesicht in ihrem bloßen Schoß. Manchmal kann sie, so stöhnt sie, nicht weiterlesen, den Kopf weit im Nacken. – Ein Wunder, daß sie nicht bemerkt werden! Denk nur an all die Alarmsensoren… – Aber so war es.
Doch diese Szene, Geliebte, erst lange n a c h der Oper, nicht schon bei seinem, Lenzens, ersten Besuch in Triest, sondern beim zweiten oder als er bereits seine Wohnung, in dem Neubau der Via Castaldi, hatte, zur Via della Guardia hin. Nach Deinem Nein gibt er sie auf. Wiederum ist die Blockhütte, von der ich schon zweidreimal schrieb, in Wirklichkeit ein altes Grenzhäuschen im Wald zu Slovenien, so daß die Holztür stimmen mag, das kleine Gebäude selbst ist aber aus Stein, aus grauen Feld-, nicht etwa aus Industriesteinen errichtet und außen unverputzt. In nahezu sämtliche Fugen hat sich eine Flora eingewurzelt, von der ab Spätherbst ein graues zähes Dickicht bleibt; sommers indessen müssen die Fenster ständig freigeschnitten werden. – Dort lebt Lenz nach der Trennung – nahe genug, um, sollte sie rufen, die Lydierin nicht nur zu hören, sondern quasi sofort bei ihr zu sein. Triest direkt hielte er nicht aus, so wenig, wie ich selbst jetzt hinfahren kann, einfach weil ich fürchte, Dir dieses oder jenes Zufalls wegen zu begegnen. Dann wüßte ich nicht, was tun, ja fürchte, der Boden täte sich unter mir auf wie ein Maul, das erst zubeißt, mich mitten entzweibeißt, dann sich abermals öffnet und mich völlig hinabschluckt: ohne zu kauen wie das von Haien.
(Selbstverständlich ruft sie n i c h t.)

[Frank Martin, Die vier Elemente.]


Trauer, schreibt mir in Skype soeben wieder Lena, schwäche das Immunsystem; insbesondere, belaste man den Körper zusätzlich mit hartem Training, öffne sie den Infekten die Tür. Und das ist wohl wahr, daß Lenz um die Lydierin trauert, als wärest Du gestorben. Anders, Geliebte, läßt sich doch gar nicht erklären, daß Du mir verstummt bist, nachdem wir fünf Wochen lang täglich oft mehrere Stunden miteinander verbracht haben, sprechend, träumend, über alle Entfernungen hin, analysierend, betrachtend, kritisierend. Plötzlich (von einer Notbremsung schriebst Du) ist das vorbei. Als wärst Du gegen einen Baum gefahren oder mit einem anderen, Dir frontal entgegenkommenden Wagen karamboliert und dabei umgekommen: aus und tot und d e shalb vorbei. An einem Tod kann niemand drehen, er muß bewältigt werden, irgendwie, und läßt sich nicht – eines nahen, ja des nahsten Menschen überhaupt, den jemand hat – wie ein Büroakt schließen. „Aus dem Leben gerissen“, so heißt es, und: „Plötzlich“. Das ist nicht zu begreifen. Nicht einmal einen Grabstein gibt es.

[Frank Martin, Golgatha.]


Ich setze als ihn den Roman. Verstehst Du, Liebste, das? Hier mal ein Haar, dort Dein Hemdchen, selbst noch, auf dem Mitteltisch, die welken welken Blumen. Meine Wohnung ist voller Liebesreliquien. So sieht‘s in Lenzens Grenzhäuschen aus, aber karger. Vergiß nicht, ich hab Freunde. Ihm ist n i c h ts geblieben.

Da Du gingst.

(10.31 Uhr.
Husten.)

Selbstverständlich werd ich nachher Sport machen. Immer mit dem Kopf durch die Wand. Du wirst sehen, wie sie fällt. „Das ist gut“ (: „So findet sie dich nicht schwach.“) Außerdem haben wir heute einen sonnengefluteten Tag, endlich wieder, in Berlin, nachdem bis gestern alles grau verhangen war, und düster. Ich habe mich an die so kurzen Tage noch nicht gewöhnt, brauch doch so viel Licht. Dennoch, Liebste, habe ich mich entschlossen, diesen großen Liebesroman, bereits jetzt anzubieten; die Häuser müssen ihm entsprechen. Rowohlt, Suhrkamp, Luchterhand, S. Fischer. Kann aber sein, daß man Nein sagt. Mein Name ist verbrannt. Auch darüber haben wir gesprochen. Dazu die Furcht vor dem Autobiografischen, nach dieser Flut von >>>> Prozessen ums Persönlichkeitsrecht, für einen derer mein Name noch ganz besonders steht. Doch findet sich gar nichts im Text, das auf Dich hinweisen würde. Wer glaubte eine Sìdhe? zumal, wenn sie grabsteinlos tot ist? Lassen wir, Geliebte, sie über die Friedhöfe nur streifen! Schauen wir ihnen dabei zu und lachen sie drum aus! – Wie Du lachen konntest, Elbin! Und wie Du lächeltest, immer, wenn Du erwachtest.

(Daß ich jetzt dauernd huste, will mir als eine Volte meines Körpers erscheinen, Dich in sich auch s o zu bewahren; der Husten fing an, als ich gestern >>>> das Nachtgedicht wieder vornahm. Alles, wenn man liebt, wird zum Zusammenhang. – Hast Du die Episode mit dem Ehering noch lesen können? Ich erzählte sie dem siebten Brief abends hinzu. Deshalb muß ich von der Oper jetzt endlich erzählen. Laß mich aber erst versuchen, diesen Briefbeginn schon ins Netz zu stellen; ist mir das, Elbin, gelungen, werde ich weiterschreiben.

Alban)

*

(13.52 Uhr.)
Ich schrieb noch, da alarmierte der Wecker meines Ifönchens: „Fußpflege, in zehn Minuten“. Und ich schoß sowas von los! Wenigstens die Pflege in der Ordnung lassen -. Was nun freilich heißt, daß es mit dem Sport wohl doch nichts heute wird; abends bin ich mit Amélie essen. Und ich will unbedingt die nächste Szene, Nahste, unseres Romanes, Dir fertigskizzieren. Das hat Vorrang. Ist ja auch wirklich klüger mit meinem Gehuste, helfen wird dann Schlaf. Und fünfmal die Woche, also der Sport, müßte doch reichen, je zwei, nur beim Schwimmen nur anderthalb Stunden.
Doch Sport ist auch Sucht. Täglich überprüfe ich penibel die Werte: Gewicht, Körperfett, Körperwasser, Muskeln. Ich halt mich daran fest, weil es ein Seil ist, das mich vorm Abstürzen schützt. Ließe ich los, ich säh Dich nie wieder, stürzte nur und stürzte, stürzte in das Alter. Außerdem, Liebste, auch die Lydierien läuft, wenn sie trauert – läuft sich jede Verletzung, die ihr geschah und geschieht, rigoros aus dem Leib. Dabei laufen ihre Tränen. Auch davon habe ich ein Bild, wie ihr Gesicht inmitten zerbrach. Stumm heulend durchrannte sie den Park, bis ihre Seiten schmerzten und sie schließlich lachen mußte, nur noch lachen k o n n te. Wieder und wieder, jedesmal neu. Solche eine, Elbin, Heiterkeit! Es gibt dergleichen keine zweites wie dieses Dein Lachen, wenn das Leid aus Dir so hinausgeschwemmt worden ist und Bereitschaft wurde für das wieder nächste. Laufende Liebesmärtyrerin… – Was haben die Lydierin und Lenz gesehen, was haben sie gehört?

Massenet böte sich an, (abermals Werther? Besser, Elbin, nicht).
Sogar den Tristan hätten sie auf sich genommen?
Nein, es ist elbischer gewesen, wirklich elbisch: Britten, A Midsummer Night‘s Dream. Da wird er, Lenz, zum ersten Mal Oberon werden, neben Titania, der Sìdhe. Du weißt, daß ich einige meiner Briefe so unterschrieben habe. – Jedenfalls dort:


Lenz ist da zum ersten Mal nach Triest geflogen. Schon in der lydischen Hauptstadt wunderte es ihn, daß die Frau seines Herzens in einem Hotel untergebracht gewesen ist; ist sie denn nicht Lydierin? Aber lebt wie Du in Triest. Eine lange Geschichte ging dem vorher, führte dem zu, die wir ebenfalls erzählen müßten: gleich eine nächste Liebesgeschichte. Wir wissen sowieso von der Frau noch zu wenig, eigentlich wissen wir gar nichts. Weil sie, darin nun anders als Du, keine Sìdhe ist, klafft da eine Lücke. Doch will ich nicht aufs neue abschweifen, sondern jetzt bei der Oper bleiben.
„Ich werde Schuhe aus deinem Geburtsjahr tragen“, SMSt sie ihm ins Hotel. Selbstverständlich wohnt er nicht bei ihr; sie ist ja noch gebunden, schweigt sich über ihren Partner aber aus. Lenz wird ihn später einmal auf einem Foto sehen. Sie wird es nie aus ihrem Portomonnaie nehmen: sein erster Eifersuchtsanfall, dem weitere folgen werden, nicht nur sich im Ausmaß steigernd, sondern als Häufung exponentiell. Doch Du hast recht: das noch nicht vorwegnehmen. Deutlich wird aber sein, daß sich der Grad seiner Eifersucht proportional zu seiner zunehmenden Schwachheit verhält. Kann man sagen, Herz, daß diese galoppierende Schwäche, weil der Mann ohne die Frau schließlich nicht mehr sein kann, ihn sie verlieren läßt: eben, w e i l er so liebt? – Wägungen, alles bloße Wägungen.
„Ich werde Schuhe aus deinem Geburtsjahr tragen.“ Das ist ein Pfahl, tief in die Erde gestoßen, für alle Zeiten ihm ins Hirn. Ihm wird schwindlig, als er das liest. Es gibt Sätze, die uns besiegeln. Und dann sitzt sie, als er hinkommt, links neben dem stumpfen Arkadenvorbau auf dem Rand einer der massiven Blumenschalen und sieht auf. Sein Blick geht sofort auf ihre Schuhe, graubraune Schlangenlederschuhe im Stil tatsächlich der letzten Fünfzigerjahre, elegante Schuhe, schlicht dabei. An Grace Kelly muß er denken, bevor sie Fürstin wurde. Vielleicht kann er sich nachher auch deshalb nicht an die Haarfarbe erinnern, nicht mehr, wenn er in seinem Grenzhäuschen an sie zurückdenkt.
Die Schuhe sind ihr ein wenig zu eng, sie muß sich in ihn einhaken, tut es schon jetzt. Sie treten durch den Seitenbogen in den Vorbau. Und linksum ins Haus.
Ich habe die Szene schon anderswo beschrieben, jetzt, Du Weiche, Du empfindsamst‘ Geschöpf, Du, meine allertiefste Sehnsucht – nein, allerh ö c h s t e!-, kommt sie in diesen Roman:
„Da müssen Sie mir helfen“, sagt die Lydierin, als sie die Treppe erreichen, und hält ihren eigenen, den in ihn gehakten Arm, an der anderen Hand fest, hängt sich fast ein bißchen an Lenz. Dennoch ist es kein Steigen, sondern ein Schweben, beider, als berührten sie den Boden nicht. Lenz spürt ihre Hand sich um seinen Bizeps schließen. Er stutzt, fühlt nach, kurz, geradezu hauchend. Erst dann tut die Frau den ersten Schritt. Und als sie, immer nebeneinander gehend, oben anlangen, läßt sie, die Frau, die Hand, wo sie ist. Da ist es unversehens, als wäre nie wieder anderes denkbar, nein, anderes fühlbar. So und so ist es bestimmt. Wie Deine Hand in meiner, ja, Du verstehst schon, auch wenn Du‘s nun abwehrst. Auch die Hand war der Blick.
Nässe.
Dunkelheit.
Park.
Wie ich in mich Dein Klagen nahm: So, ganz so, wurd nun der Minne- zum Trauergesang. Hab Dich geträumt als mein Lied.

(16.39 Uhr).
Soeben, Innigste, Nachricht vom Funk. Das will ich Dir auf jeden Fall noch schreiben, damit Du weißt, welch ein Gewicht mir dadurch zwar nicht vom Herzen, aber vom Gehirn fiel. Nun kann ich endlich das Studio terminieren. Mit etwas Glück wird es einer der Tage ab dem 16. sein, wie ich‘s Dir auch erzählt hatte, als es uns als das Uns noch gegeben. Da Kavita Chohan tagsüber arbeitet, sollte es eine Spätnachmittags- oder Abendzeit sein. Jedenfalls mußt Du Dir dieserhalb um mich keine Sorgen mehr machen. Ich weiß, daß Du es tust: ich spür es bis hier.
Endlich kann ich handeln.

A.

*



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