24. Dezember 2014. (N i c h t als Triestbrief).

[Arbeitswohnung, 8.01 Uhr.
Dieter Ilgs Beethoven, in den
ich mich zunehmend verliebe.]


Selbstverständlich schriebe ich dies gerne d o c h als einen >>>> Triestbrief. Aber es bliebe mir nicht genügend Zeit, um klar und sicher und, vor allem, um im angemessenen Tonfall zu formulieren. Um wiederum die Sìdhe, wie es mein Vorhaben ist, zur ständigen Ansprechpartnerin auch der späteren, dann nicht mehr durchnumerierten Arbeitsjournal zu machen, dazu ist es noch zu früh; das braucht noch dreizehn weitere Briefe: daß der Roman nämlich abgeschlossen ist. Außerdem bin ich mir heute früh nicht recht sicher, ob nicht dieser Text besser ins >>>> Tagebuch gehört. Es ist nach wie vor ein Manko der twoday-Blogs, daß man Beiträge nicht mehreren Rubriken gleichzeitig zuordnen kann.
Ungefähr die Hälfte der >>>> Sprecher:innen-Schnitte gestern fertigbekommen, also des einen Durchlaufs; jeweils auch schon die Böhmer-(Lanmeister)-Stellen einkopiert. Heute freilich werde ich damit nicht oder nur kaum weiterkommen; ab zehn geht‘s zur quasiFamilie hinüber. Spätabends bis nachts den Wildschwein- und Hirschbraten zubereitet, auch ein kleines Brot, nur für mich, gebacken; ein großes fürs erste Weihnachtsfrühstück will ich morgen früh um fünf backen. Die Bratensauce, auf die es mir immer besonders ankommt, mache ich jetzt gleich noch rund. Dann geht‘s an den Baum.
Ich war denn doch etwas ver„söhnt“, als wir ihn gestern spätnachmittags holten, die aufgeregten Zwillingskindlein dabei. Aus der ruhigen Stimmung warf mich dann Freund Sascha, der nachts bei mir hereinschaute und natürlich wissen wollte, ob es von der Sìdhe und mir Neues gebe. So mußte ich mir abermals die Schweigemauer vergegenwärtigen, von deren Errichtung die Löwin als einer „Mechanik“ spricht; daß sie das >>>> in ihrem dunkel vibrierenden Text mit der Entenpresse aus den >>>> Fenstern von Saint Chapelle verknüpft (ich hab‘s drunter zitierend belegt), ist ziemlich böse. – Um mir, á propos, noch eins da draufzugeben, kam von den >>>> Kulturmaschinen die Abrechnung der vergangenen drei Jahre. Na immerhin. Aber wie erbärmlich, geradezu nicht zu fassen! Ausgerechnet diese Novelle hat sich seit Erscheinen nicht mehr als 59mal verkauft. Dabei ist sie ein Herzstück meiner, neben >>>> Argo, das ziemlich gut lief, poetischen Arbeit der letzten vier Jahre. Da bin ich jetzt doch ziemlich hilflos. Zwar habe ich dem Verlag die Rechte gekündigt, aber wer publiziert ein bereits erschienenes Buch noch einmal? Meine bei den Kulturmaschinen herausgekommenen Bücher liegen wie lebendige Tote im Verlagsgrab. Ich sollte meine Idee eines eigenen eBook-Verlages reaktivieren, weiß aber nicht, woher die Zeit nehmen, um ihn angemessen zu betreuen. Sehr, sehr unerfreulich, dies alles. Doch eine insgesamten Bilanz des vergangenen Jahres werde ich Ihnen (und auch das nicht der Sìdhe) an Silvester schreiben (oder vielleicht doch der Sìdhe – mal sehn: Wenn, dann müßte das aus dem Triestbrief-Buch-als-Roman wieder herausgenommen werden; formale Fragen).

(Schön, wie Ilg am Baß, Böhm am Klavier und Héral am Schlagzeug mit dem >>>> Arietta-Motiv umgehen… daß sie sich auf die „Rumba“ fokussieren, ist jazzgemäß, aber auch das Zurückträumende der Meölodie ist bei ihnen gut-meditativ aufgehoben; in meiner Rezension werde ich darauf besonders eingehen. Nur darf sie vor dem 30. Januar noch nicht erscheinen. Hab drum, meine Sìdhe, Geduld.)

Gut, ich will jetzt doch noch ein bißchen an den Tonfiles schneiden. Für Menschen wie mich gilt, daß jeder Tag, an dem sie nichts getan haben, ein verlorener ist – Ausnahmen rechtfertig alleine die Liebe; selbst aber sie verlangt, mindestens später, die künstlerische Objektivierung – „verlangt“ ist das korrekte Wort.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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71 Antworten zu 24. Dezember 2014. (N i c h t als Triestbrief).

  1. Ach ja… S e h r schöne Nachricht! >>>> Christopher Ecker wird der >>>> Hebbelpreis zugesprochen. Gestern wurde bei mir angefragt, ob ich die Laudatio übernehmen würde. Selbstverständlich habe ich zugesagt.

  2. gast sagt:

    59 Exemplare Schauerlich. Irgendwie kann das doch alles gar nicht wahr sein. Angeblich ist Ihr BLOG-Beitrag hier heute bereits ‚180 mal gelesen‘, und es ist noch nicht mal Abend. An einem einzigen Tage kommen hier also 180 Leute zusammen, um den Blog zu lesen. Was sind denn das für Leser? Wenn in drei Jahren gerade 59 die Fenster gekauft haben? Das ist doch absurd! Beschämend! Wahrscheinlich kaufen nicht mal Ihre besten Freunde Ihre Bücher. Die kommen alle nur in Ihrem BLOG vorbei, um Ihnen beim Lamentieren zuzuschauen.

    • phyllis sagt:

      Nicht doch: Wir kommen eigentlich nur hier vorbei, um hochkarätigen Kommentaren wie dem Ihren zuzujubeln.

    • gast sagt:

      Doch: Ihr hilfloser Ironieversuch rettet da leider gar nichts. Das Missverhältnis der Zahlen lässt einem die Haare zu Berge stehen. Aber vermutlich gehören Sie auch zu den Internetnomaden, die hier gern klug daherreden und noch nie ein Buch gekauft haben.

      Wer solche Besucher auf seine Seite zieht, der braucht sich um seinen Untergang nicht mehr zu sorgen.

    • @gast zu Lamentation & objektivem Mißverhältnis.

      Ich denke, Sie haben >>>> Mrs. TTs Kommentar mißverstanden, was allerdings an der Mißverständlichkeit >>>> Ihres eigenen liegt, also an Ihrem Vorwurf, in Der Dschungel lamentierte ich permanent. – Was meinen Sie überhaupt mit diesem Wort? Nehmen Sie es in seinem eigentlichen (einem religiösen) Sinn oder in dem umgangssprachlichen der unbegründeten Jammerei? Doch selbst also, sollten Sie im Kopf tatsächlich >>>> Jeremiah gehabt haben („Books of Lamentions“), als Sie die letzten beiden Sätze Ihres ersten Kommentars schrieben, ist Abfälligkeit zu spüren, weil Sie die eine von der anderen Lesart nicht abgrenzen, ob nun bewußt oder unbewußt.
      Nun wird in Der Dschungel mitnichten dauernd ge„klagt“, noch wurde es das je – bisweilen indes angeklagt. Daß wiederum, in den letzten Wochen, >>>> die Triestbriefe klagen, liegt schlicht am Sujet. Auch das müßte Ihnen eigentlich klarsein. Vor allem aber, wie vieles andere in Der Dschungel, analysieren diese Briefe, schauen sich – allgemeine! – Beziehungsstrukturen an und insgesamt vieler der uns bestimmende Dynamiken. Hierfür werden gleich drei parallele Geschichten erzählt: Ein Roman wird geschrieben.

      Seit ihren Anfängen öffnet Die Dschungel den Blick in poetisches Arbeiten, diskutiert Übersetzungen, veröffentlicht Arbeitsproben, verwirft sie wieder, setzt neu an, zeigt rhythmische Ideen und den Versuch ihrer Umsetzung, denkt zudem über Poetik öffentlich nach, veröffentlicht Kritiken zu Musik und Literatur und und und. Allein die „Kapitel“ genannte rechte Rubrikenleiste führt Ihre Bemerkung zum Lamentieren völlig ad absurdum. Ganz sicher also rührt daher Frau Phyllis‘ Unwille über Ihren Kommentar.

      In der eigentlichen Sache freilich haben Sie recht. Die Verkaufszahlen s i n d erbärmlich, ja geradezu bizarr. Ich schrieb schon an einer früheren Stelle, daß sich meine einstige Idee, vermittels Der Dschungel meinen Arbeiten eine weniger ungute ökonomische Basis zu geben, als ein Wolkenkuckucksheim herausgestellt hat; in der Hinsicht dürfen Sie mich gerne naiv nennen, denn das bin ich wohl gewesen. Offensichtlich gibt es zwischen Buchverkäufen und Lesezugriff eines Literatischen Weglogs keinen Zusammenhang, bzw. nur einen, der sich wirtschaftlich vernachlässigen läßt.
      Dafür kann es mehrere Erklärungen geben, etwa diejenige, daß man sich von einem Autor, von dem man täglich Texte umsonst kriegt, nicht auch noch Bücher kauft; man läse andernfalls ja n u r noch ihn. Allerdings gibt es Gegenbeispiele, etwa >>>> Herrndorf (den ich literarästhetisch für extrem überschätzt halte). Ein weitere Erklärung ist, also im bürgerlichen, „klassischen“ Feuilleton, mein Verschwiegenwerden insgesamt, nämlich seit dem Buchprozeß um >>>> Meere. Auch das hat verschiedene Gründe, zu einem derer tatsächlich Die Dschungel gehört, die ungesagte Verbote immer wieder übertritt, zum Beispiel, daß ein „verrissener“ Autor nicht reagieren darf, sondern hinzunehmen habe. Das, in der Tat, tue ich nicht, sondern wehre mich, wenn zu unrecht oder gar tendentiös verrisssen wird, und ich tue das >>>> unter Nennung der Namen. Da schweigt man dann im Feuilleton lieber. I s t ja auch peinlich, nur halt für mich nicht.
      Generell können Sie sagen, daß ich mich nicht unter Usancen beuge, die Ausdruck purer Machtverhältnisse sind, und zwar auch dann nicht, wenn mir das schadet. Ich habe viele Ängste, aber lasse es weder zu, daß sie meine Haltungen noch gar mein Handeln bestimmen. Diese spezielle Nichtkorrumpierbarkeit macht mich unbeliebt, lockt aber das Interesse an Der Dschungel. Verschärfend kommt hinzu, daß ich poetisch und poetologich die vermeintliche Grenze zwischen privat und öffentlicht unterlaufe; daß ich das tue, hat deutlich politische Gründe: Sie wurden und werden in Der Dschungel immer wieder diskutiert. Außerdem bringe ich poetisches Selbstbewußtsein zum Ausdruck; auch das stört das Cela on ne dit pas. Wer außer mir hat denn den M u m m, solche miesen Verkaufszahlen zuzugeben? Sowas hält man doch besser unter dem Tisch…
      Nun sind sie, die Verkaufszahlen der >>>> Fenster von Saint Chapelle, nicht repräsentativ, Göttinseidank, sondern sie hängen auch mit der Ohnmacht, in diesem Fall sogar mit der Unfähigkeit kleiner Verlage zusammen, in die allgemeinen Vertriebsstrukturen des Buchmarkts hineinzukommen. Ein Rowohlt-, S.Fischer-, Hanser- oder Suhrkampbuch hat objektiv größere Chancen, überhaupt wahrgenommen zu werden, vor allem dann, wenn es sich um nichtbeliebte, weil nicht zu biegende Autor:inn:en handelt, solche mithin, die nicht bereit sind, Machtvrhältnisse anzuerkennen, sondern sie attackieren. Gemocht wird das freilich auch bei denen nicht; Sie müssen sich nur einmal die Kritiken zu Elfriede Jelinek anschauen, der v o r dem Nobelpreis. Dennoch ist zum Beispiel >>>> Argo bislang recht gut gelaufen, und der >>>> Wolpertinger, ebenfalls bei einem Kleinverlag erschienen, war noch ein Jahrzehnt später im Buchhandel präsent. Das änderte sich tatsächlich mit dem Buchprozeß um Meere, dem die Gründung Der Dschungel parallelging, die auch eine Antwort auf ihn war. Ich bin nicht stillzubekommen, halte jede gerade auch ökonomische Bedrohung durch. Übrigens waren Kafkas Verkaufszahlen zu seinen Lebzeiten gleichfalls nicht sonderlich besser.

      Unterm Strich jedenfalls sehe ich nicht, woher Sie den, wenn er als solcher gemeint war, Vorwurf des nur-Lamentierens hernehmen. Im Gegenteil legen nahezu alle meine Bücher Zeugnis meiner Lebenslust und -freude ab, zu der selbstverständlich auch Trauer und Ärger gehören. Ich bin, ohne allerdings Marxist zu sein, ein Autor des Widerstands gegen eine bürgerliche „Ordnung“, die sich mit den Entfremdungsprozessen des Kapitalismus handgemein macht, damit auch einer des Widerstands – das verschärft die Problematik – gegen den, soweit er Mainstream ist, Pop. Mit dauerndem Lamentieren hat das weißGöttin wenig zu tun.

    • diadorim sagt:

      holla, wer hat angst vor den internetnomaden? alle, die noch klassisch verlegt werden und damit so gerade überleben? das internet ist nicht mehr wegzudenken und wegzunutzen, begreift es, oder lasst es sein, „you better start swimming or you sink like a stone, times they’re a changin“. freunde kaufen selten die eigenen bücher, die kriegen sie meist geschenkt, hat man literaten unter den freunden, gehts meist im schriftentausch. beschämend ist vielleicht eher, dass keine ausschüttung per klick erfolgt, aber dafür fehlt einigen offenbar die vision, früher ging man, um ein lamento zu hören, in die kirche. aus klagen wird nicht wenig kunst gewirkt.

    • @diadorim. aus klagen wird nicht wenig kunst gewirkt
      Deshalb u.a. habe ich auf Bernsteins Erste Sinfonie verlinkt und das „Book of Lamentations“ genannt. Aber die Leute kennen das gar nicht mehr; die Unbildung ist im Wortsinn bodenlos. (Man kann ihnen das freilich nicht verübeln, allenfalls, daß es ihnen gefällt, grundlos zu sein. Hat ja auch was befreiend Bequemes.)

    • @Herbst Natürlich ist Herrndorf ziemlich überschätzt, aber er hat all das was im zeitgenössischen Literaturbetrieb notwendig und wichtig ist: Ein Schicksal, Mentoren und – das ist das wichtigste – er hat sein privates Leben, seine Krankheits- und Todesgeschichte perfekt vermarktet (aus der Not eine Tugend gemacht nannte man das früher). Der Leser findet kein Blatt mehr zwischen Fiktion und Realität: man schaut einem Künstler bei privaten, ja intimen Dingen zu – hier: dem Tod. Das ist der Stoff, aus dem die Verkaufszahlen sind. Da werden dann drittklassige nachgelassene Romane noch als Literatur verhökert – und alle Dummschreiberinnen und Dummschreiber spielen da mit. Sie lassen von den Emotionen korrumpieren.

      Dass es keinen Zusammenhang zwischen Zugriffszahlen eines Blogs und Verkaufszahlen von Büchern gibt, ist – pardon – längst eine Binsenweisheit. Die heutige Pseudo-Bohème kauft keine Bücher; sie greift gierig auf kostenlose Inhalte zurück. Zum Bücherlesen fehlt ihnen schlicht die Zeit.

    • @Keuschnig zum kostenlosen Zugreifen. Die heutige Pseudo-Bohème kauft keine Bücher; sie greift (…) auf kostenlose Inhalte zurück:
      Das hat, Herr Keuschnig, sicherlich auch schon die nicht-pseudo Bohème so gemacht, schlichtweg, weil Geld zu haben nicht zu ihren Segnungen gehörte. (Ich finde das wertende Wort „gierig“ hier nicht angemessen, deshalb habe ich es nicht mitzitiert). Bei Herrndorf scheint es aber eben anders zu laufen (in der Schule meines Sohnes ist er bereits Unterrichtslektüre). – Sie sprechen von einer Binsenweisheit, ich selbst habe mich oben, meiner Fehleinschätzung wegen, indirekt „naiv“ genannt, gebe dennoch die Hoffnung nicht ganz auf; einige – allerdings fast zählbare – Ausnahmen stützen sie. Im übrigen sehen die Verkaufszahlen bei etwa Genazino unterdessen anders aus, ebenso, aus wiederum anderen Gründen, bei den, sagen wir mal, großen US-Amerikanern, deLilli, Pynchon, Auster usw. Ganz so einfach liegen die Dinge eben nicht, also an der Vermarktung von privater Krankheits- und Sterbegeschichte ohne Differenz zu literarischen Formung (Verfremdung). Dafür gibt es auch einige deutschsprachige Beispiele, Georg Klein, Raoul Schrott, übrigens auch Handke. „Tschick“ wurde meines Wissens schon gut verkauft, bevor von Herrndorfs Krankheit etwas bekannt war. Und denken Sie an Christian Kracht und Dietmar Dath, die ich beide für ausgezeichnete Schriftsteller halte, was, besonders deutlich bei Kracht, „der Markt“ ganz ebenso sieht. Die „Frage“ der Mentoren kommt der Sache näher,. wohl aber auch etwas, das sich, wenn auch etwas unklar, mit dem Begriff des Zeitgeistes fassen lassen könnte und in politischen Ideologien, bzw. Anti-Ideologien mitwurzelt, gesellschaftlichen „Bewegungen“. Kracht und Dath sind hier ganz hübsche Beispiele, weil sie die verschiedenen Pole dieser Bewegungen zu repräsentieren scheinen – auf jedenfalls den ersten Blick.

  3. Iris sagt:

    Mir wird körperlich schlecht beim Lesen der Unterstellung Gregor Keuschnigs, Herrndorf habe sein Privatleben inklusive Krankheitsgeschichte und Tod (bewusst?, kalkuliert?) vermarktet. Was Sie über die literarische Qualität seiner schriftstellerischen Erzeugnisse sagen, ist mir egal, da kann jeder seine Meinung haben. Ich habe eine andere, die ich gerne, aber nicht an dieser Stelle diskutiere. Was mir aufstößt, wirklich übel aufstößt, ist die Arroganz, mit der Sie behaupten, er habe seinen Erfolg (zu einem guten Teil?, in erster Linie?, lediglich?) seiner privaten Geschichte zu verdanken. …
    Ach, ich merke, ich möchte hier gar nicht mehr ins Detail gehen und zur Fürsprecherin werden, auch wenn sich die Worte in mir anstauen. Ich käme gegen die hier herrschende Wortgewandtheit doch nicht an.
    Aber wenigstens dies musste heraus. Und ja: durch und durch emotional.

    • @Iris zu Herrndorf. Wo habe ich das bitte behauptet? Ich meine lediglich, daß seine persönliche Geschichte benutzt worden ist – ähnlich im Fall des gleichfalls -als Romancier – extrem übergehochmetzten David Foster Wallace. Lesen Sie gegen dessen „Unendlicher Spaß“ einmal >>>> Christopher Eckers „Fahlmann“ – und Sie werden geradezu körperlich erleben, w o literarische Kompetenz ist.
      Kreuschnig sprach euphemistisch von „Mentoren“. Dieser Spur wäre allerdings zu folgen.

      (Daß Sie Herrndorf nicht diskutieren wollen – nämlich speziell hier nicht -, ist Ihnen unbenommen, zeigt aber tendentiöses Verhalten. Mir ist das allerdings wurscht; in hundert Jahren wird er eh so vergessen sein wie zahllose fühere Bestseller-Autoren, und die Kafkas, die bezeichnenderweise keine waren, werden gegenwärtig sein. Übrigens meint auch das nicht, daß ich Herrndorf irgendwas übelnähme; gewiß tu ich das nicht. Er ist mir nur, literarisch, egal, weil ästhetisch zu wenig auf Höhe der Zeit. Man hat eine Verpflichtung als Künstler, eine gegenüber der Form. Blöd in seinem Fall ist, und das tut mir für ihn leid, daß an ihm andere als er selbst, und ziemlich gut, verdienen. Und ihre Karrieren schmieren. Beim wem hier die wirkliche Fühllosigkeit ist, mögen bitte Sie selbst entscheiden. Interessant freilich, daß Sie mich arrogant nennen, auch das ohne Begründung, ja sogar mit einer falschen Zuschreibung. Nein, es tut mir nicht leid, Ihre Sentimentalität gestört zu haben. Daß einer dabei körperlich schlecht wird, nun ja, Psychosomatosen drücken Wahrheiten aus.)

    • Iris sagt:

      @ANH Ich schrieb nicht, dass Sie, sondern dass Gregor Keuschnig das behauptet hat: „er hat sein privates Leben, seine Krankheits- und Todesgeschichte perfekt vermarktet“ schreibt er. Mein Ärger richtet sich gegen seinen Kommentar.
      Dass Sie mir nun Sentimentalität und Psychosomatosen unterstellen – nun ja, Ihre Entscheidung.

    • @Iris. Pardon, aber mit der Anredeform „Sie“ haben Sie m i c h angesprochen, nicht Keuschnig, von dem Sie als „er“ schrieben. Andernfalls hätten Sie Ihren Kommentar mit beispielesweise „@Keuschnig“ überschreiben müssen. Wenn ich Sprache genau nehme, hatte ich also m i c h angesprochen zu fühlen.

    • Iris sagt:

      @ANH Stimmt, das war missverständlich. Tut mir leid.

  4. Bersarin sagt:

    Krankheit, Tod, Blut gehen immer. Wenn dann im Western-Literatur-Showdown faktisch einer stirbt, rennt die Rendite. Marktgesetz. Gehirntumor ist die neue Tuberkulose. Der Hohenzollernkanal das neue Davos. Morgen vielleicht ALS oder anderes. Natürlich haben im Sinne der unmittelbaren Verwertungskette die letzten beiden Bücher Herrndorfs ihren Erfolg – nach Tschick – seiner Krankheit zu verdanken. Nicht seinem Können. Lebte er noch, schriebe er noch, bliebe er gesund, so wäre Herrndorf – nach Tschick – einer unter vielen Schriftstellern und kein Arsch interessierte sich rührungsgefühlig für ihn. Da sollten wir uns nichts vormachen. Es ist die Krankheit, es ist die Extremsituation, die treibt. Wenn ich morgen in meinem Blog über irgend einen Krankheitsexzeß schriebe, den ich seit zwei Jahre oder seit Ewigkeiten oder mehr in mir ausbrütete, den ich als Herz-, Nerven- oder Lungenwesen in mir trüge: Die Zugriffszahlen schnellten rapide nach oben wie die Luzie abgeht, wenn ich mit Zeige- und Mittelfinger im Innenraum richtig berühre. Literarische Qualität, Rezeptionsrührung und Voyeurismus sind in Zeiten der neunen Medien nicht unbedingt und leicht mehr zu trennen. [Neue Linie fahren: Virus-Blog aufmachen: Im Blut wuchernde Epistel: Epstein-Barr-Virus korrigiert die Seinsvergessenheit. Om om. Nebenbei: Unter der Optik der Liebe und des Todes wird alles und jedes Exzeptionell.]

    Ginge – ohne Tumor and so on – der Verkauf seiner Bücher nur mäßig, ließe Rowohlt Herrndorf fallen wie die bekannte Kartoffel. Die Investitionsspannen von Buchkonzernen sind rapide gesunken. Kein (Konzern-)Verleger setzte – wie weiland der Verleger Unseld – heute noch einen halben Penny in U. Johnsons Prosa. Alki – nee geht nicht. Ok, Todsuff in merry old England: Geht doch. Allerdings – es sinken die Halbwertszeiten.

    Es erinnern diese Krankheitsvergottungen mich an Heines Diktum: „Der Knecht singt gern ein Freiheitslied des Abends in der Schenke. Das fördert die Verdauungskraft und würzet die Getränke.“ Heute freilich ist es nicht mehr die Revolte, sondern das salbadernde Siechtum, was Denken und Handeln bestimmt. Krankheit als exzeptioneller Zustand, als Rührung in ereignislosen Zeiten. Aus genau diesem Grunde gelangen Bücher wie Karen Köhlers schreckliches Erstlingswerk „Wir haben Raketen geangelt“ zum Erfolg.

    Wobei ich nichts gegen Herrndorfs Prosa, wohl aber gegen seine Apologeten gesagt haben will. Der Herrndorf-Gehabe geht mir schlecht-unendlich auf den Senkel. Seine Prosa ist nicht schlecht. Aber eben auch nicht wirklich gut.

    Erschösse Herr Herbst sich morgen oder schiede imposant irgendwie und in irgendeiner Weise aus dem Leben, wäre flugs eine veritable Gesamtaussage am Markt.

    @ ANH
    Ihr Hinweis auf Kracht ist interessant. Ich halte ihn für einen der schwer unterschätzten Schriftsteller.

    • Beckmesser sagt:

      Oh, General Bersarin, da haben Sie mir kurz vor Jahresende noch ein Schmuckstück für meine Sammlung geistreicher Vertipper geschenkt:

      „…, wäre flugs eine veritable Gesamtaussage am Markt.“

      Der wird um die ersten Plätze streiten! Dürfte aber an die bisherige Nummer eins (jüngst aus einer akademischen Wurfsendung gefischt) nicht ankommen:

      „Abschussprüfungsberechtigung“

      C??????

    • Bersarin sagt:

      Bitte, bitte, gern geschehen. Ein netter Schreibfehler. Allerdings gehören die Verschreibungen von „Gesamtausgabe“ und „Abschlussprüfungsberechtigung“ nicht derselben Kategorie an. Diesen Unterschied möchte ich denn doch beachtet wissen. Bei letzterer liegt uns ein Wortungetüm vor, was sich sprachlich elegant auflösen läßt.

      Sammeln Sie auch im nächsten Jahr weiter die Verschreibungen! Es ist gut, wenn wir solche Spezialisten in unseren Reihen haben – wenngleich mich solches Spezialistentum auch wieder an die skurril-drolligen Figuren in den Marthaler-Stücken erinnern.

      Mit militärischem Gruß und einer tiefen Panzerflanke ins objektlos Innere

      N.E.B.

    • Hurra sagt:

      Berasin ist wieder da, man sieht es an der Schleimspur.

    • diadorim sagt:

      juli zeh muss sich nicht mal erschießen, die hats gut. und jan wagner bekommt pro jahr wenigstens 3-10 literaturpreise bis an sein lesensende. zwei unerreichte möhren, hach ach :). aber, es gibt hoffnung, is wie beim lotto, ein paar gewinnen immer, wie die das angestellt haben, hängt von vielen faktoren ab, und einige liegen nicht in ihren händen, ich hab noch keinen dr no gesehen dabei, der alles unter kontrolle hätte, die idee vom auktorialen coup ist ein ebensolches erfolgsmärchen, wie vieles andere, liegt einfach an der existenz anderer menschen und ihrem aktionsradius, der meist in den eigenen so hineinragt, dass man ihn schlecht kontrollieren kann.

    • Ich will mich ja gar nicht einmischen, aber Kracht für einen „schwer unterschätzten Schriftsteller“ zu halten, erscheint mir dann doch allzu komisch. Nicht etwa, daß nicht auch einer vom Feuilleton hochbeförderter und zu höchsten Ehren gepimperter Autor gut sein kann, doch in diesem Fall spricht alles dagegen, zumindest wenn man diesen „Roman“ namens Imperium liest (Die anderen Bücher kenne ich nicht). Das ist Mainstream und dazu noch schlecht geschrieben. Aber was rege ich mich auf, isses ja nicht wert.

    • diadorim sagt:

      es ist ja auch nicht wirklich interessant dazu. herrndorf habe ich lange vor seiner erkrankung gelesen und gemocht, das ist erlaubt, es ist dazu erlaubt, das zu mögen, auch wenn man es mittelmäßig schimpft, aber mir fällt eben doch auch ein, dass seine begabung zum situativen slapstick mir alles andere als mittelmäßig erscheint, im gegenteil, der anfang von bilder deiner großen liebe wählt, ähnlich wie bei tschick, schon ein enorm skurriles setting. wer beginnt schon ein buch damit, dass jemand auf den gehweg kackt, hm? meine bescheidene meinung, der mann hätte auch lebend weiterhin erfolg, weil das an seinen perspektiven auf welt liegt, scheint mir, die sich etwas enorm befreiendes in knebelsituationen erschreiben, so würde ich es eher sehen.

    • platzwart sagt:

      wenn man sonst nichts zu tun hat kackt man halt auf die strasse, ist mir auch schon passiert und ich bin keib schriftsteller sondern platzwart

    • diadorim sagt:

      ja, da liegt eben die differenz zum erfolgsschriftsteller. es zu tun, oder es ausdrücken können, macht da den ganzen unterschied.

    • diadorim sagt:

      kein schlechter erster satz für einen roman: ich bin keib.

    • platzwart sagt:

      aber danach muss es weitergehen…ich schenke ihnen den satz, als platzwart muss ich mich um andere dinge kümmern.

    • diadorim sagt:

      was macht denn ein platzwart eigentlich so?

    • platzwart sagt:

      Den Platz einzeichnen, Sechzehner und Fünfmeterraum, die Grundlinie, die Ecken…Dann die Bälle einfetten, sie aufpumpen DIe Trikots in die richtigen Schränke legen und so weiter

    • diadorim sagt:

      würd ich gern mal mitgehen! und unbedingt ein trikot hinlegen würd ich wollen. so wie herrndorf von verzweifelter unterwäsche schreibt würde ich verzweifelte trikots hinlegen wollen. aber vielleicht lieber beim eishockey als beim fussball oder noch lieber bei der tour de france :).

    • platzwart sagt:

      Ist furchtbar eintönig und wenn ich nicht kostenlos Flaschenbier trinken würde, würde ich das auch nicht machen, na ja, haben Sie eine Lieblingsmannschaft?

    • diadorim sagt:

      dank meiner unkenntnis und projektivkräfte finde ich die kölner haie nicht schlecht, shark spotting hat was!

    • diadorim sagt:

      was für ein kostenloses flaschenbier denn?

    • platzwart sagt:

      Die Kölner Haie…..

    • platzwart sagt:

      Vom Verein…

    • diadorim sagt:

      vereinsbier also. ja, die kölner haie, eishockeymanschaften heißen fast alle nach tieren, das muss mir doch was sagen!

    • Bersarin sagt:

      @ Norbert W. Schlinkert
      Das eben meinte ich mit „unterschätzt“: Kracht wird leichtfertig für Mainstream gehalten. Ebenfalls schadete seiner Prosa diese Pop-Etikettierung. Richtig ist, daß er zu denen gehört, um die eine Zeitlang ziemlicher Feuilleton-Wirbel veranstaltet wurde. Mit „Imperium“ legte Kracht einen Roman vor, der zwischen Reise, Geschichte und dem Blick auf die ästhetische Moderne des frühen 20. Jhds angesiedelt ist. Diese „ernste“ Satire auf den deutschen Kolonialismus und auf Rassismus scheint mir allemal angemessener als bloßes Schreiben von den Opfern her. Diesen Wechsel zwischen den Perspektiven gestaltet der Text gut. Er verbindet die unterschiedlichen Aspekte von Moderne des frühen 20. Jhds. Man mag das für leichte Prosa halten, in die ein wenig Philosophie gepreßt wurde. Ich denke dennoch, daß unter der Oberfläche des Textes etwas brodelt und wirkt. Dieses Buch streift viele Themen und es scheint mir nur auf der vordergründigen Ebene simpel gestrickt zu sein. Sicherlich ist bei der Vielzahl der Romane „Imperium“ nicht der Roman dieses Jahrzehnts. (Aber welcher ist das schon?)

      Ebenfalls „Faserland“. Modisch zwar wie Zeh und Konsorten – und ärgerlicherweise wurde Kracht insbesondere in jenen 90ern zudem mit jenen sabbelnden Popschriftstellerinnen assoziiert –, aber dennoch traf Kracht auch hier den Ton der Zeit richtig und sprachlich sehr genau. Der unendliche Ennui der 90er Jahre. Markennamen als Zeichen. Der Protagonist: ein widerlicher und zugleich herrlicher Hochstapler, dessen aufgesetzte Bildung und Arroganz zum Himmel oder zur Hölle stinken mögen. Dieses Typus, der von Nord nach Süd durch die BRD und dann in die Schweiz reist, wurde von Kracht gut in Szene gesetzt. Aber ich vermute, Sie werden auch „Faserland“ nicht mögen. Zur Versöhnung kann ich ihnen dann aber den traurig-lustigen und abgedrehten Film „Finsterworld“ empfehlen.

    • platzwart sagt:

      oh ja die sind weltberühmt, aber ich guck kaum eishockey, das kaum sollte man streichen.

    • diadorim sagt:

      ja, sehr traurig, das mit salamun.

    • Bersarin sagt:

      @ diadorim
      „Puck“. Das ist wie „Tschick“, nur kürzer. Ich schreib den gerade, das ist zwischen Träumen, Zetteleien, Eselsohren und Eigenblutdoping angesiedelt. Kalt, kühl, modern, teuer.

    • diadorim sagt:

      süperkühl!

    • Bersarin sagt:

      Oder superbe oder süperherbe geradezu.

    • @bersarin Es geht nicht ums Mögen oder um das Standing eines Autors oder seine Etikettierung, sondern um die literarische Qualität. Was Kracht mit Imperium (eigentlich) wollte, ist ja durchaus sichtbar. (Ich schrieb damals meine Leseeindrücke auf http://nwschlinkert.de/2012/02/24/christian-krachts-imperium-%E2%80%93-leseeindruecke/ ) Ein Brodeln aber kann ich da nirgends entdecken, weil die Sprache nicht funktioniert – der „Roman“ ist einfach unfertig, was sich sicher im Einzelnen nachweisen ließe, wenn man denn seine Zeit mit sowas verbraten wollte. Wenn ich etwas leicht Daherkommendes mit tiefstmöglichem Sinn lesen will, greife ich aber ohnehin immer zu Robert Walser, der hat in diesem Genre die Maßstäbe gesetzt, an denen andere Texte zu messen sind, unabhängig von Geschmacksfragen.

      (Letztens las ich den Roman Die Habenichtse von Katharina Hacker, ein schon „älterer“ Roman von 2006, völlig anderes Thema, klar, aber sprachlich auf hohem Niveau und insgesamt sehr gelungen. Das lasse ich mir gefallen, nicht aber Texte, die hinter ihre Vorgänger und Vorbilder zurückfallen.)

      „Finsterworld“ habe ich gesehen. Nicht schlecht, aber leider zu wenig böse – da hat man sich mal wieder nicht getraut beim deutschen Film, wahrscheinlich weil es sonst keine Fördermittel gibt oder der Film dann ab 18 ist und da Eltern heutzutage ja nur noch mit ihren Kindern ins Kino gehen …

    • diadorim sagt:

      süperderbe!

    • Bersarin sagt:

      @ Schlinkert So ist es, es geht in der Literatur um die literarische Qualität eines Textes. [Oder zumindest sollte es darum gehen.] Und diese Qualität spreche ich Krachts „Imperium“ nicht ab. Er schreibt zunächst in einem leichten Ton. Der Begriff des Abenteuerromans trifft es insofern und zunächst ganz gut. Zugleich steckt aber darin bereits die Kolportage – Leserinnen und Leser werden auf die falsche Fährte geführt – und ebenso die Umschrift des Abenteuers. Denn es mündet die Geschichte in eine Katastrophe. Die Sprache entspricht ihrem Gegenstand: sie verfährt einerseits positivistisch-sezierend wie es Forschungsreisenden tun, die in der Südsee Neues sichten, katalogisieren und in ihr Referenzsystem hineinpressen. Sie ist nicht poetisierend oder irgendwie lyrisch-dingsuchend wie bei Handke oder im neuen Roman von Esther Kinsky, was zum Sujet auch gar nicht passen würde, sondern Situationen beschreibend, manchmal wie eine Kamera die Szenerie erfassend. Über das teils Lakonische des Erzähltones, der an manchen Stellen mit der ironisch hochgezogenen Augenbraue auftritt, kann man streiten. Ebenso über die knappen philosophisch-essayistischen Einschübe, die dem Leser (vermutlich) erklären sollen, weshalb Kracht eben kein Rassist ist (Schreiben im vorauseilenden Gehorsam), wie das die Skandalvollpfeifennudel Diez von SpOn schrieb. Andererseits greift die Sprache Krachts abgelebte Formen auf. Das erlaubt dann durchaus das Stilmittel der Ironie.

      Die Qualität dieses Textes zeigt sich ja bereits daran, daß er für einen größeren Roman zu taugen scheint, wie Sie Kracht zugestehen. Dies eben würde auch ich Kracht vorhalten: daß er sich um einen ganz und gar großartigen Roman brachte, weil er diesem Text zu wenig Zeit gönnte und ihn nicht entsprechend aus- und aufbaute. Im selben Zug aber halte ich diese knappe Skizze einer eigentümlichen Welt, die da parodiert wird, stilistisch für geeigneter als einen ausufernden 600-Seiten-Roman. Denn da läge die Latte noch viel höher und es würde der Geschichte, die Kracht erzählt, kaum gerecht.

      Hacker, Kracht, R. Walser zu vergleichen, halte ich nicht unbedingt für zielführend, weil es um unterschiedliche Sujets geht. Dieser Unterschied bedeutet zwangsläufig auch für die Sprache selbst einen anderen Modus und Ton, der sich eben aus der Sache ergibt. Man könnte allenfalls Uwe Timms „Morenga“ nehmen oder solche Romane, die sich mit dem Kolonialismus befassen. J. Conrads „Herz der Finsternis“ etwa. Alle Literatur muß im Grunde hinter ihre Vorbilder zurückfallen, denn es ist (fast) alles bereits geschrieben. Der Begriff des Avanciertesten ist einerseits zwar hochzuhalten, da teile ich Ihre Sicht, andererseits scheint diese Position mir schwierig zu halten, wenn auch der Eklektizismus zum Prinzip der Kunst wurde. Jede Literatur hebt insofern mit dem Erzählen an, als wäre es neu, was da erzählt wurde. Und zugleich besitzen wir nun einmal diese Vergangenheit, unter deren Optik wir lesen (müssen und auch wollen).

      Wie geschrieben: Ich halte „Imperium“ nicht für ein Meisterwerk und ich bin beim Lesen keinesfalls in die Euphorie verfallen wie kürzlich bei Seilers „Kruso“ oder seinerzeit bei Clemens Meyers „Als wir träumten“. Dort gelingt die Konstruktion des Romans; diese Texte ziehen kühl und nah in einem die Linien, erzählen eine Geschichte. Das tut Kracht zwar auch. Aber im Gestus fehlt etwas. An „Faserland“ und „1979“ reicht „Imperium“ sicherlich nicht heran. Dennoch erwarte ich von Kracht durchaus den einen oder den anderen Roman, der aus dem Üblichen herausragen wird.

    • Bersarin sagt:

      @ diadorim Süperderbe
      Sündenherde,
      fleischverzehrnde
      Herzbeschwerde.

    • diadorim sagt:

      ach, kracht, irjenswie habe ich ja eh dit jefühl, die deutschen schriftstelleriche teilen das bärenfell unter sich auf, es macht keinen wirklichen spaß. mitspielen darf ich ja eh nicht, also, was schert es mich. da schwärme ich doch lieber weiter für schweigende friseure. außerdem war finsterdings doch der film von krachts frau, das erinnert man dann, nicht die regisseurin, walburga von walhalla oder so, sondern eben einen, der mit faselland ein paar menschenverachtende beobachtungen seiner klasse zum besten gegeben hat, däts german litritschaaa, so kimmtsma manchmal vor. und, ja, der is eigentlich schweizer, geschenkt.

    • @bersarin Da ich kein Diplom-Schriftsteller bin und ich mir mein Schreiben (ohne leipziger oder hildesheimer Anleitung zwecks Fehlervermeidung) über Jahre selbst angeeignet habe, sehe und empfinde ich es sehr deutlich, wenn ein Text den (eigentlichen) Anspruch seines Autors nicht erfüllt – eben weil ich da eine Menge eigener Erfahrung zu sammeln hatte, bevor bei mir einmal Anspruch und Text zur Deckung kamen. So was hat man dann im Urin, das mit dem Texterkennen, da kommen die Bruchlosen nicht mit. Bei Imperium ist das Scheitern im Text jedenfalls überdeutlich, das Buch liest sich wie ein als Fließtext ausgeführtes Drehbuch, wenngleich ich einräume, daß der „Roman“ für junge Leser womöglich gut geeignet ist und ebenso für ungeübte. Wahrscheinlich hätte man einfach „für Jungen und Mädchen ab 12 Jahren“ draufschreiben sollen, dann wäre alles in Ordnung gewesen und auch der Diezvomspiegel hätte sich seinen Blödsinn gespart.

    • @diadorim Natürlich dürfen Sie mitspielen! Ich ahne auch, mit welcher Romanidee sie schwanger gehen: eine Lyrikerin macht einen Fahrradladen auf, in dessen Hinterzimmer sie sich häuslich einrichtet. Eines nachts muß sie pullern und geht zum Klo, da merkt sie, daß die Räder mitnichten seelenlose Geschöpfe sind und mit einem gewissen De Selby skypen, der fließend fahrradisch spricht … Wir sind gespannt!

    • Bersarin sagt:

      Die Distinktion geübt/ungeübt im Schreiben durch Leipzig und ebenso das Empfinden für Texte sind für die Beurteilung eines Textes nicht wesentlich. Genauso könnte ich dagegen nun behaupten, daß ich als Germanist und als langzeitstudierter Philosoph, der sich mit Ästhetik beschäftigt, es im Gespür habe, wo ein Text gelingt oder mißlingt. Genausogut könnte man behaupten, daß gerade aus dem Grunde, weil Kracht keine Schreibschule besuchte, sein Text glückte. Intuition und Gespür mögen in manchen Dingen eine gute Sache sein, vielleicht auch beim Schreiben eigener Texte, um das treffende Wort oder die geniale Wendung des Wortes zu finden oder bei der künstlerischen Bricolage ganz allgemein. In der Sichtung von Texten sind sie es nicht. „Imperium“ fällt gegenüber „Faserland“ und „1979“ klar ab. Allerdings kommt bei „Imperium“ sehr viel stärker der ironische Ton zum Tragen. Kracht macht sich (und seinen geübten Lesern) einen riesigen Spaß mit diesem Buch. Wobei in diesem Scherz zugleich ein großes Stück Ernst steckt, denn harmlos ist dieses Thema mitnichten.

      Daß „Imperium“ kein Meisterwerk des 21. Jahrhunderts ist, schrieb ich. Dennoch halte ich Kracht für einen begabten Schriftsteller, der sich in „Imperium“ seinem Gegenstand gewachsen zeigt – auch in der Sprache, deren Qualitäten ich oben beschrieb. Was nicht ausschließt, daß es dem Buch an manchen Stellen im Ton mangelt. Da etwa, wo es das Retro zu sehr inszeniert. (Beim Coverentwurf merkt man dies insbesondere, wenn an die vermeintliche Harmlosigkeit der „Tim und Struppi“-Comics mit ihren Reiseszenen angeknüpft wird, wenn Abgelebtes im Ton der Ironie wieder aufgegriffen wird.) Aber es ist endlich, endlich, endlich einmal ein Roman, der nicht zum x-ten Mal die Befindlichkeiten von Mittdreißigjährigen, die an Berlin-Leben und ihrer Mittdreißiger-Welt leiden, zum Thema hat. Das Buch erzählt eine Geschichte, die originell ist. Und jenseits der deutschen Provinz. Wenngleich diese Erzählung, der Plot mit Deutschlands Geschichte durchaus korrespondiert.

      Der Hinweis zum Drehbuch paßt insofern gut, weil der Roman genau dieses filmische Moment in sich hat. Auch deshalb lese ich diese Art der Sprache als gelingend. Kracht will keine Ding-Ontologie, es ist kein Buch über die Natur und die Tiefe menschlicher Beziehungen, er psychologisiert die Figuren nicht, weist nicht in die Vergangenheit von Zeiten weit vor unserer Zeit, die den Urgrund bilden, sondern es wird von der abenteuerlich-skurrilen Schtory getragen, die freilich mit der deutschen Geschichte sich verbindet.

      Die meisten ungeübten Leser werden nach der Lektüre von „Imperium“ vermutlich rufen: „Was soll denn dieser abgedrehte Scheiß?“ Die wollen Berlinszenen, Illuminaten, bißchen was aus ihrem Lebensumfeld, das Wiedererkennungswert hat, oder Bisse bis in die Nacht. All das, was unmittelbar einleuchtet. Kaum aber einen Roman„helden“, der als Vegetarier zur Eiweißaufnahme seine eigenen Zehennägel verspeist und sich ansonsten von Kokosnüssen ernährt.

    • diadorim sagt:

      hat das krachtsche werbebüro nicht mal über die festtage frei? und, lieber norbert schlinkert, bitte, nicht an die wunde rühren, alles heikel, das happy end dazu muss ich vermutlich erfinden oder kosmische strahlen müssen alles ins gute wenden.

    • Das Happyend ist, liebe diadorim, immer ein erfundenes, denn wer will schon am Ende sein! Aber die Penaten machen das dann schon!

    • Bersarin sagt:

      @ diadorim Wenigstens funktioniert bei Kracht das Marketing, was man nicht von allen Schriftstellerinnen – den vielzuvielen – sagen kann, die in mancherlei Hinsicht so vor sich hindümpeln. Am Rande des Bedeutungslosen. Nicht wahr?

    • Das muß ich Ihnen, bersarin, vehement widersprechen, denn ohne (ein aus eigener literarischer Arbeit entstandenes) eigenes Gefühl für literarische, künstlerische Texte kann eine Textbeurteilung „nur“ eine technische sein, eine akademische, eine prüfende, die ihre Berechtigung hat, die man aber nach System lernen kann. Ich selbst kann Texte sowohl aus meiner eigenen Schreiberfahrung heraus „erkennen“ als auch wissenschaftlich beurteilen, was mich in die Lage versetzt, das Gelungensein oder das Nichtgelungensein zu spüren (was nicht esoterisch zu verstehen ist), vor allem natürlich auch deswegen, weil der Leser sich mit dem Autor in dessen Welt quasi trifft und im Lesevorgang das vorgebebene „Vollständige“ selbst für sich verlebendigt. Wer nur eine der beiden Seiten kennt, liest anders und verbleibt naturgemäß in seinem Beurteilungsraster als Leser mit oder ohne Fachwissen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will die Beurteilung von selbst nicht literarisch Schreibenden nicht abwerten, sondern nur sagen, daß ich anders beurteile und diese meine Art der Beurteilung nicht als unwesentlich abgetan wissen möchte, weil sie scharfen akademischen, enggefaßten Standards nicht standhalten kann. Im übrigen lese ich kaum Buchbesprechungen (und wenn, dann die von Ihnen und von Gregor Keuschnig) sondern lieber gelungene Bücher. Das zur Rede stehende Buch Krachts jedenfalls hat mich geärgert, weil ich damit meine Zeit verschwendet habe, so wie Kracht selber die seine beim Schreiben, wenn ich ihm auch zugute halte, es wenigstens versucht zu haben, ein gutes Buch zu schreiben. Immerhin.

    • diadorim sagt:

      ja? funktioniert das marketing? oder sinds schon verzweifelte erinnerungsmaßnahmen? whose nose. dann mal weiter so! die viel zu vielen bedeutungslosen widmen sich derweil intrinsischer romantik und anderen abendliedern 🙂 am rande. (psst, ich kenne inzwischen so viele gute bedeutunglose schreiber, die mich fragen, wer ist eigentlich dieser kracht…). und wenn man mich fragt, sage ich, ach, es reicht, wenn man goetz kennt ;).

    • Bersarin sagt:

      @diadorim
      Dann widmet euch mal schön.

      So ist es: es gibt (zu?) viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Dies sind die Tücken der aufgeklärten Spät-Moderne, die demokratisch sich transformierte. (Zumindest dem Schein nach.) Meinetwegenn könnt ihr alle schreiben soviel ihr wollt und niemand muß Kracht mögen. (Sind ja keine Liebesszenen and this is not a lovesong, wie eine der besten Bands der 80er intonierte.) Nur schließt dieses Schreiben der Vielen eben kein Recht auf monetären Verdienst ein – allenfalls den ideelen. Jenen regelt nun einmal und bekanntlich der Markt. Is halt Kapitalismus – näch wahr?

      Schriebe ich hier Marketingtexte für Kracht, würde ich mich dafür von Verlag oder sonstwem fürstlich entlohnen lassen; keineswegs aber längere Texte für lau hervorzaubern. (Zumal ich einen eigenen Blog betreibe, wo ich es besser und ausführlicher machen könnte.)

      @Norbert W. Schlinkert
      Wer es zu schreiben versteht und auf seine Texte schaut – und das müssen (oder sollten zumindest) sowohl Wissenschaftler/innen, Essayisten wie auch Schriftsteller/innen –, wird unweigerlich ein Gespür für die Sprache und die Arbeit entwickeln, und zwar diesseits des bloß Technisch-Formalistischen oder einer Seminarübung. In diesem Sinn für Sprache ähneln sich Schriftsteller und Essayist. Wer Texte über Ästhetik schreibt, so wie ich es mache, entwickelt ein Gespür für den Ton und die Melodie von Sprache. Und es sollte zudem – und damit einhergehend – der Blick für Form und Inhalt nicht fehlen. Auch der Essayist wird insofern Sprache nicht als äußere Angelegenheit bloßer Kommunikation von Texten betrachten. Ich habe in knappen Zügen versucht, darzulegen, was mir an Krachts Buch, auch in bezug auf seine Sprache, als gelungen erscheint, wenn auch bei Kracht nicht rundheraus und im ganzen geglückt.

      Ansonsten scheint mir in Ihrer Argumentation denn doch ein gehöriges Stück Plotin bzw. Platon zu stecken: Wär` nicht das Auge sonnenhaft, wie könnte es die Sonne erkennen … Diese Sicht teile ich nur bedingt. (Ich würde ihr allerdings ebensowenig strikt oponieren. Das machen Hegelianer nie.)

      Allerdings: Um die Qualität eines Gemäldes zu bemerken und diese Qualität samt den Kriterien in einem Text zu entwickeln, muß ich mich in der Kunst auskennen und wissen, was und wie gemalt wurde. Jedoch brauche ich nicht selber malen zu können. Ansonsten wäre Kunstkritik überflüssig. Kenntnisse über das Material und die Technik sind jedoch auch in jener Kritik unerlässliche Voraussetzung. (Künstler sind im übrigen die schlechtesten Kritiker ihrer Malerkollegen.) Hinzu kommt, wie wir seit der Schlegelschen Romantik und seit W. Benjamins Dissertation wissen, daß emphatisch verstandene Kunstkritik selber ein Kunstwerk sein kann.

      Daß ein Schriftsteller ein besonderes Verhältnis zu seinem Gegenstand und dem Mittel hat, mit dem er ihn formt, sehe ich so wie Sie. Andererseits sind manche Schriftsteller dann auch wieder zu nahe dran. Bitte verstehen auch Sie mich nicht falsch: Aber die meisten Buchkritiken, die ich von Schriftstellern las, sind grandios daneben. Etwas fehlt. Schriftsteller/innen sind meist Schriftsteller/innen. Keine Essayisten. Sie bauen Geschichten in Sprache. Ihre eigenen. Sie formen in ihrer eigenen Welt: rücksichtslos, egoistisch und ohne Mitleid. (Was genau richtig und gut ist. Schriftsteller/innen sind Besessene und Berserker. Aber sie leben eben in ihrer eigenen Welt.) Ich teile Ihre Vorbehalte gegen Krachts „Imperium“ insofern, als ich ebenso meine, Kracht hätte hier mehr gekonnt. Aber ich denke zugleich, daß es schwierig ist das Sprachverständnis des einen Schriftstellers auf das eines anderen zu übertragen. Beim Schriftsteller herrscht eine gewisse Blindheit aus Einsicht vor. Vielleicht aus einer zu tiefen Einsicht heraus, die den eigenen Maßstab der Schrift zum Allgemeinen transformiert. Nicht bei allen, aber vielfach. Hätte Kafka als Feuilletonist, von einer Zeitung dazu eingeladen, Buchkritiken geschrieben (ich glaube er äußerte sich in Nebentexten, etwa über Werfel): Ich hätte sie nicht lesen mögen.

      Ich selber bin kein Schriftsteller, bespreche von Zeit zu Zeit Bücher (klingt immer ein wenig wie Warzen besprechen und nach Kräuterweiblein), und ich lese ebenso Buchkritiken, um mich zu orientieren. Dies sollte die Funktion einer guten Kritik und eines gelungenen Feuilletons sein. (Auch vermeintlich abseits Liegendes zu besprechen.) Die gelungene Buchkritik, der gelungene Buchessay – nehmen Sie Benjamin, Raddatz oder Baumgart – ist eine eigene Weise von Literatur. Sie erzählt, wie etwas warum und mit welchen Mitteln erzählt wurde. Diese Weise des Schreibens erfordert ein Verständnis von Sprache, das diese Sprache nicht als bloßes Transportmittel für Handlung bzw. Plot auffaßt.

    • diadorim sagt:

      ach ach, an mir tobt sich hin und wieder dieses recht sogar aus und schlägt sich nieder, man solls kaum glauben, man weckt gar hoffnungen, ermutigt geradezu, mir deucht ja auch, dass ganz andere zittern als ich gerade, die ich eh am rande der bedeutungslosigkeit lebe, wo es ja eigentlich nur noch bergauf gehen kann. aber auch das kann täuschen. es kann übrigens nie zu viele geben, so wenig, wie das boot voll sein kann, es können nur privilegien anders verteilt werden, das kann passieren. ich glaube, der markt regelt einfach bald nix mehr, zumindest einer, der wachstum als allein seligmachend anpreist, es könnte aber durchaus sein, dass selbst erfolgsautoren bei ein paar erfolgstiteln bleiben, es ist im grunde schon so und dass dann andere kommen, wie in der musikbranche ja längst der fall. da muss man dann mit den paar titeln seinen share gemacht haben und darf sich dann wieder in die bedeutungslosigkeit verabschieden, manch einem ist das sogar segen. auch ein kracht hat kein anrecht auf erfolg, den muss er sich immer wieder erschreiben, allenfalls hat er die besseren netzwerke, wie weit die tragen, wird man sehen.

    • @bersarin Ich habe sowohl Plotin als auch Platon/Sokrates weitestgehend vergessen, insofern wäre jede Ähnlichkeit zufällig. Was ich aber betonen will ist, daß ich mich, der ich mich etliche Studienjahre lang vor allem mit Ästhetik beschäftigte, ganz und gar nicht bemüßigt fühle, mein Denken und Handeln auf diesen Bereich zu beschränken, so als sei so ein Studium eine Ausbildung und beruhe auf einem System. Das ändert aber nichts daran, daß ich so gut wie alles auf dieser Welt nach ästhetischen Kriterien beurteile, wie ich das schon immer tat, schon als Kind. Dies nicht zu gefährden fange ich heutigentags gerne auch mal wieder bei Doof und bei Naiv an und verlasse mich ganz auf mein Gefühl in Sachen Kunst. Meine Art und Weise des Rezensionschreibens http://nwschlinkert.de/rezensionen-nws/ ist also eine aus dem Bauch heraus, denn wäre sie das nicht, schriebe ich wahrscheinlich fürchterliches Zeug, so wie viele Autoren über die Werke ihrer Mitstreiter – da haben Sie völlig recht, das passiert nicht selten. Wie so oft geht es eben um den richtigen Abstand, um scharfes Sehen gewissermaßen, damit der Leser einer Rezension einen kleinen Einblick bekommt vom einem, der quasi vorkostete. „Verreckt“ der Vorkoster, sollte man daraus seine Schlüsse ziehen, klar, allerdings waren die ersten Kritiken damals zu Krachts Imperium eher positiv, so daß ich eben diesen Kritikern nie wieder irgendetwas glauben werde – ist eh alles eine Dauerwerbesendung: http://nwschlinkert.de/2012/03/26/denis-scheck-faehrt-rad-mit-christian-kracht/

    • tass sagt:

      Die Arbeit des Dichters besteht nicht im Dichten, sondern in dem Aufspüren von Gründen, sie herrlich zu finden.

      (Jorge Luis Borges)

      „Ein gutes Buch ist eines, bei dem ich das Gefühl habe, es sei für mich ganz allein geschrieben.“
      ?António Lobo Antunes

    • diadorim sagt:

      und selbiger fährt nicht nur mit kracht rad, sondern widmet sich auch mal den bedeutungslosen ohne marktstrategie, siehste wohl. so gesehen ist er doch durch meine bedeutungslosigkeit quasi rehabilitiert :D. ich hatte die sendung mit kracht aber eher als schwierig in erinnerung, kracht spielt den nicht zu fassenden, den er immer spielt und scheck lässt ihn kaspern, so kams mir vor. und wenn der herr tatsächlich qua familie noch mit der springer presse auf trotz-du ist, dann muss man sich doch eigentlich auch und trotzdem eh nicht wundern.

    • Veto @bersarin & Schlinkert. Es gibt ebenso grandiose Rezensionen, die von Dichtern über andere Dichter geschrieben wurde, wie es unsägliches Zeug von „Berufs“kritikern gibt, übrigens auch furchtbar ödes Zeug von Scheck – der einmal, in seiner Jugend, ein kluger empfindlicher Kopf gewesen ist. Die meisten Kritiken, die ich von Nicht-Poeten gelesen habe, sind hingehauenes, auf den Markt zielendes Zeugs. Dazu gehört auch das meiste, was Reich-Ranicki viel zu lebenslang hingeschmiert hat. Ausnahmen wurden schon genannt, Baumgart, Raddatz, auch in ihren Sternstunden Radisch (wofern sie nicht grad die Moral wieder nimmt, a tergo dann, versteht sich; großartig seinerzeit ihre Arbeit über Soupault). Also ich meinerseits lese am liebsten Kritiken von Autor:inn:en – die wissen einfach, was sie tun; daß sie ästhetische Nähen bevorzugen, ist kein Hinderungsgrund, sondern gerade dann können sie gültige Aussagen treffen.

    • Ist @diadorim Bedeutungslosigkeit eigentlich absolut zu sehen, hopp oder eben doch (mal) top, oder gibt es die in mehr oder weniger? Oder anders gefragt: ist der bedeutungslose Autor mit dickem Scheck bedeutungsvoller als der ohne? Zwischen-den-Jahren-Fragen, ohne jede Bedeutung!? Ich zum Beispiel schreibe auch mal Bücher, bei denen ich das Gefühl habe, sie nur für mich geschrieben zu haben.

    • diadorim sagt:

      ich schaue zu selten durckfrisch und ich kenne scheck zu wenig, es hat mich wie blöde gefreut, dass sie mich anfragten und ich wäre beinahe nicht hingekommen, da rio den innerstädtischen flughafen sperrt, wenns viel regnet und es hat an dem tag, wo das interview anvisiert war, geregnet, sehr viel geregnet, morgens war der flughafen gesperrt und abends auch wieder. mir hat das interview und das gespräch viel freude gemacht, ich hatte nicht den eindruck, ich hätte es mit einer dumpfbacke zu tun, im gegenteil, dass scheck deutungshoheit besitzt weiß er, aber, was soll ich sagen, lieber scheck als spinnen, viel lieber. und während alle anderen den indieverlagen bloß die wange tätscheln und sie für den strukturwandel loben, nutzt scheck wenigstens mal die gelegenheit, um auch verkäufe zu generieren und lässt ‚uns‘ nicht nur auf den risikokosten hängen, das finde ich begrüßenswert, andere, die mich ach so schätzen, werfen den kleinverlagen dann noch kleinkrämerei vor, na schönen dank, denke ich da, das hilft nun gerade auch gar nicht. aber ist ja auch weiß gott nicht alles rational, bei so narzisstischen egoshootern wie es autoren sind ja eh schon mal nicht. ich sagte es ja bereits, um die letzten bärenfelle kloppen sich ganz andere, da staunt man so am rande des geschehens nur. und, das letzte wahrhaft fantastische, das ich las, stand in der letzten edit, nennt sich tag- und nachtlieder, den autor kann sich hier eh keiner merken, der spielt eh nirgends mit und rangiert unter bedeutungslos, wozu ihn also erwähnen, also weiter mit den nibelungen und ihren helden, n est pas. ich schreibe bücher, so wie ich sie schreiben möchte, jeden imaginären leser schicke ich dabei vor die tür. für mich sind die bücher eines kracht völlig bedeutungslos, für den buchmarkt sind sie es nicht, damit dürfte die frage beantwortet sein, denke ich.

    • Nicht der Scheck @diadorim ist das eigentliche Problem, sondern das Fernseh- bzw. das Radioformat. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk bringt ja locker mal drei, vier Stunden Oper oder Jazz- oder Rockkonzert am Abend, während Literarisches immer mehr komprimiert wird auf halbstündige Sendungen zu unmöglichen Zeiten. Fernsehen jedenfalls ist ein Auslaufmodell, die Literatur hoffentlich nicht. Ich schreibe übrigens auch genau wie ich möchte und halte mich aus dem ganzen Be- und Verurteilungsquatsch weitgehend raus, weil es ohnehin nur meiner Arbeit schaden täte.

      Kleinverlage betreiben Kleinkrämerei? Was sollen sie sonst tun, aber so lange der Kram gut ist, den die drucken, ists mir lieber als Großkrämerei = Mainstream.

    • diadorim sagt:

      tja, besser es wird nix verlegt, bei dem niemand gewinn macht, weil, böse, weil, sägt am selbstverständnis von kostspieligen verlagen und ihren autoren und am buchmarkt generell, wenn das schule macht, verdient niemand mehr damit und daran, das ist die angst, vermutlich. nur, das ist kompletter irrsinn, soll man dem straßenmusikant verbieten zu spielen? soll man verbieten, dass das jemand filmt und ins internet stellt, umsonst und dass es dann millionenfach geklickt wird? nein, soll man nicht, aber man soll sagen, alles, was nicht die prozesse durchläuft, die man dafür vorgesehen hat, muss die ausnahme bleiben, und/oder kann gar nicht so gut sein, so die bartwickelargumentation all derer, die bislang eben so bücher gemacht und damit ihre brötchen verdient haben, die mittlerweile und unaufhaltsam täglich millionenfach unterlaufen wird und die einem eh keiner mehr abkauft. times they re a changin. und, btw, ich würde auch lieber besser bezahlt, so gut wie kracht et al mal bezahlt wurden, aber das war der reine tulpenwahn. wer das, was wir tun, als beruf betrachtet und nicht als glücksrittertum, bei dem es doch relativ unwägbar bleibt, was in den mittelpunkt des interesses gelangt und meist nur im nachhinein die gründe dafür doch scheinbar so offensichtlich waren, der sollte vielleicht doch lieber prokurist werden oder so. wenn es so einfach wäre, einen erfolgstitel zu platzieren, dann ginge es vielen verlagen und ihren autoren sehr viel besser. auch kleinkram macht mist und misst sich mit macht, und auch ein david gewann schon mal gegen goliath, oder wie war das.

    • ping sagt:

      DIE FLAMME, DIE REDE

      In einer Dichtung les’ ich:
      Worte wechseln ist göttlich.
      Doch Götter reden nicht:
      bauen, zerhauen Welten,
      während die Menschen reden.
      Die Götter, ohne Worte,
      spielen schreckliche Spiele.

      Der Geist läßt sich hernieder
      und entfesselt die Zungen,
      doch er spricht keine Worte,
      er spricht Gluten. Die Sprache,
      von dem Gotte entzündet,
      sie ist eine Verheißung
      aus Flammen und ein Turmbau
      aus Rauch, ein Niederprasseln
      feuerverzehrter Silben:
      Aschenstaub ohne Sinn.

      Das Wort des Menschen aber
      ist die Tochter des Todes.
      Wir reden, weil wir sterblich
      uns wissen: unsere Worte
      sind nicht Zeichen, sind Jahre.
      Im Sagen, was die Namen
      sagen, welche wir sagen,
      sagen sie Zeit: uns selber.
      Wir sind Namen der Zeit.

      Verstummt, sprechen die Toten
      dieselben Worte aus,
      die wir Lebenden sagen.
      Die Sprache ist die Wohnung
      von allen, das Haus, hängend
      an der Flanke des Abgrunds.
      Worte wechseln ist menschlich.

      http://www.planetlyrik.de/octavio-paz-worter-die-welt-zu-versiegeln/2010/10/

    • ping sagt:

      Gedicht von Octavio Paz

    • Ja, @diadorim, ein Musiker spielt in der Fußgängerzone, ein bildender Künstler mietet was zwischen und stellt aus, ein Filmemacher zeigt seine Filme da, wo es Sinn macht, ein Hörspielmacher pustet es in eine Cloud – nur der Wortesetzer soll gefälligst nichts tun außer Kunst?, denn das andere macht ja der Verlag für ihn nach allen Regeln des Kaufmännischen?! Tjoah, keine schlechte Sache das, denn am Ende verdienen ja doch viele gutes Geld damit, nur eben der Autor höchst selten, was sich seit 250 Jahren moderner deutschsprachiger Literatur nicht geändert hat, fragense ma‘ den Jean Paul oder E.T.A. Hoffmann oder Robert Musil … Am schlausten ist es immer noch, verbeamtete:r Lehrer:in zu werden, sich am Abend in seinen Geldspeicher zu hocken und zu dichten, aber für die, die das aus ethisch-moralischen und ästhetischen Gründen nicht können, bleiben ja immer noch die Kleinverlage. Einen hoch auf die!

    • diadorim sagt:

      ich muss den berufsstand des lehrers jedoch entschieden in schutz nehmen, dit kann auch richtig arbeit sein, son lehrerleben und dazu ernährt es nicht selten das gemeine dichtende volk noch mit ;), das natürlich lieber von und durch seine genialen werke leben würde, aber, mach wat dran, schlimmer geht immer.

    • Alle Lehrer:innen, die ich kenne, sind nachträglich quer eingestiegen, hatten also ein paar Jahre Zeit, erwachsen zu werden und heranzureifen. Allerdings muß man allen Lehrer:innen natürlich die Chance geben zu beweisen, daß ihre Tätigkeit ein Beruf und die Bezeichnung Lehrer:in nicht nur Diagnose ist. So viel Fairness sollten wir schon aufbringen.

    • tom sagt:

      Alle Lehrer:innen, also mehr oder weniger alle, die ich kenne, haben die Schule nie verlassen. Es handelt sich um weitgehend verschulte Menschen. Den Anforderungen außerhalb der Behörde sind sie nicht nur nicht gewachsen, sondern diese sind ihnen gar nicht erst bekannt.
      Es gibt auch ein paar andere, aber es gibt immer ein paar andere.

    • Lehrer:innen sind die, die für die Schule lernen!

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