Zweiundreißigster Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 38).

„Geh!“ sagte Lenz, als die Lydierin

Arbeitswohnung, den 19. Januar 2015,
Montagnachmittag um 15.50 Uhr,
Pettersson, Neunte,


vor ihm stand, draußen noch, er hatte ihr gerade geöffnet. Es war derselbe scharfe, doch leise Ton, mit dem Gerald ihn Wiebkes Wohnung verwiesen hatte, fortan der seinen auch wieder, wäre es zu der allerdings nun verworfenen Version unserer Geschichte gekommen. Die Schärfe rechtfertigt das Ausrufezeichen.
Der Frühling stieg aus dem Karst, das Gras war schon gesprossen, sein Grün von Gelb und Weiß durchsprenkelt.
„Läßt mich herein?“
Er antwortet nicht, sieht sie nur an, erst in die Augen, dann ihren Körper hinab; sein Blick ruht keine zweidrei Sekunden auf ihrem Bauch. Jessirs Kind. Langsam gleitet sein Blick wieder an ihr hoch, bleibt in dem ihren liegen.
Alles braucht nur Momente: Bevor er „Geh!“ sagt, vergeht nicht mehr als eine Minute.
Ihr wiederum, in dieser wenigen Zeit, wird sein ganzes Leid bewußt und die Zumutung, die ihre Wiederkehr bedeutet. Sie kann nicht garantieren, begreift sie, sich auch selbst nicht, daß sie Lenz nicht eines Tages oder vielleicht sogar schon sehr bald abermals verlassen würde. Das macht sie unsicher. Schon deshalb wird sie nicht mehr Sìdhe, weder für ihn noch für sich.
Geliebte, auch das ist nämlich möglich, daß sich sein Leid in Skepsis gewandelt hat, nicht nur gegenüber dieser Frau, sondern prinzipiell. Härte kann das mit sich bringen. Dann ist kein Raum mehr für die Projektionen, auf die solch eine Elbe angewiesen ist. Nur wenn man sie glaubt, kann sie sich selber spüren; die Kraft ihrer so wundervollen wie erschreckenden Wirklichkeit speist sich aus der des Liebenden.
„Geh!“ sagt Lenz und schließt vor ihr die Tür. Sie bleibt fast noch zehn Minuten draußen stehen, als hoffte sie, daß er sich umentscheide. Wahrscheinlich glaubt sie, daß er drinnen, wie sie draußen, weiter vor der Tür steht. Das kann doch gar nicht anders sein! jetzt, wo sie diesen schweren Entschluß gefaßt hat. Denn es ist doch nicht so, daß sie nicht auch Jessir weiterliebte.
Die Überraschung ist zu groß, Lenz muß sich wahrscheinlich erst fassen. Darum einfach stehen bleiben und warten. Die Vögel tirilieren, ein leichter warmer Wind spielt in den Baumwipfeln des Waldsaums. Um nichts in der Welt will die Lydierin jetzt wieder weg. Dabei hat sie selbst nicht die geringste Vorstellung, wie das mit ihnen, Lenz und ihr, denn werden soll. Wahrscheinlich war es eine Schnapsidee. Und trotzdem, man weist doch eine Sìdhe nicht ab!
So schwankt sie vor dem Stufenauftritt zwischen Not, Enttäuschung und sekundenbruchteilskurzen Wutimpulsen. Nein, sie wird sich nicht herablassen und noch einmal klopfen, schon gar nicht bitten. Ich fahre in die Stadt zurück und tu später so, als wär nichts gewesen.
Daß ihr die Tränen in den Augen stehen, ignoriert sie, wischt sie nicht weg. Überhaupt war das ja gar nicht mehr Lenz. Diese tiefen nasobialen Faltenschnitte. Die zerfurchte Stirn und die in ihre Höhlen versunkenen… ja, muß sie denken, occhi delle grotte: fahle, so fahle Grottenaugen, in denen gar kein Licht mehr ist. Aber sie selbst war es doch, damals in Lydien, die es überhaupt in sie hineingetan hat! Hat sie das, Liebste, denn gar nicht gewußt? Völlig natürlich, daß es, als sie ihn verließ, wieder erlosch.
Und knochig ist er geworden, ihr Lenz. Er kommt ihr sogar gewachsen vor, derart gerüsthaft wirkte er: wie wenn er sich bücken müßte, um durch die Tür zu kommen. Obwohl er doch drinnen stehen blieb. Trotzdem sah es so aus, wie wenn er in Gefahr sei, ständig mit dem Kopf an die Decke zu stoßen, woraus sich natürlich erklärt, weshalb er diesen Bogen im Nacken hat, ein bißchen wie ein Geierhals führt er zum an ihm aufgehängten Kopf.
Aber die Lydierin irrt sich. Lenz steht nicht weiter an der Tür, sondern hat sich, nachdem er sie, der Lydierin quasi vor der Nase, zugedrückt hatte, ins Zimmer umgewendet und an seinen Eßtisch gesetzt, den Briefeschreibtisch, aus dem die Triester Venus herausgewachsen war. – Und auch Du, meine Nahste, irrst Dich, meine Fernste. Daß Lenz die Lydierin abweist, anstatt sie zu sich herein und überhaupt wieder zu sich zu lassen, hat mit ihrer Schwangerschaft nichts zu tun, nichts mit Jessirs Baby. Das nähme er in liebender Bereitschaft als seines, auch wenn alles ein wenig kompliziert werden würde. Denn selbstverständlich wird Jessir nicht bereit sein, sein Kind anheimzugeben, kampflos sowieso nicht. Sein Beruf mag für das Vatersein nicht taugen, ein guter Vater wär er dennoch, sogar ein ganz vorzüglicher. Und die Gefahr, in der er quasi ständig schwebt, wäre für das Mädchen der Grundstoff für Legenden. Das, in der Tat, ist ein andres Menschenholz als der Span, aus dem Bankangestellte gepreßt sind. Überdies wird er seine Tochter vergöttern und ihr, wenn sie noch klein ist, von überall her Spielzeuge mitbringen, die niemand sonst in der Grundschule hat; später auf dem Gymnasium werden es Kleider aus exotischen Stoffen sein, und Schmuckstücke, Perlen, Muscheln an Ketten. – „Papa, ich hätte gern ein Äffchen…“ „Kommt ja gar nicht infrage!“ ruft die Lydierin. Lenz, auf seine verschlossene Art, interveniert. Jessir zwinkert ihm zu. „Um Gottes willen“, so abermals die Mutter, „ein Affe! Und wer kümmert sich schließlich um den? Du, Frollein, n i c h t…“ –
Die beiden Männer treffen sich im Tommaseo, das für Lenz nicht die Bedeutung hat wie für mich; wiederum Jessir verkehrt da täglich, wenn er nicht auf Reisen ist. Man hat sich arrangiert, sogar miteinander angefreundet. Zoë ist da bereits um die fünfzehn. Die Lydierin arbeitet frei als Fremdsprachenkorrespondentin, Lenz hat es in den Servizio Verde Pubblico geschafft und beaufsichtigt Triester Gartenanlagen; gern legt er auch selbst mal Hand an. Er lebt aber weiter in seinem Grenzhäuschen, auch wenn er während der Schwangerschaft meist bei der Lydierin war und sowieso im Säuglingsjahr, schon wegen der Nächte. Aber seine Sìdhe ist in die via della Guardia gezogen, schräg gegenüber Lenzens erster Triester Wohnung; die repräsentative Unterkunft an der XX Settembre hat sie Jessir gelassen, der so viel Platz gar nicht braucht. Das wendet er auch ein, nachdem sich die beiden ein Jahr später, schon Zoës wegen, wieder zuammengerauft haben und insgesamt die schmerzhafte Spannung nachgelassen hat.
„Nimm d u doch die große Wohnung, was soll ich damit?“ Aber jetzt kann die Lydierin sentimental sein, ohne spöttische Bemerkungen einzuheimsen; es hängt ihr einfach zu viel Erinnerung an dieser Viale, noch weit übers Teatro Rossetto zum Botanischen Garten hin, zu viel Vergeblichkeit und Verlust enttäuschter Hoffnungen. Ich meine, die beiden sind vor Lenz zehn Jahre zusammengewesen, und dann noch einmal mehr als eines.
Jedenfalls hat Jessir das größte der Zimmer für seine Tochter eingerichtet, die ihn auch täglich besucht und nicht selten bei ihm übernachtet. Einverständig haben die Lydierin und er das Sorgerecht gemeinsam eingerichtet. Dennoch ist Lenz ständige Bezugsperson; trotzdem hofft er auf eigenen Zuwachs, bespricht sich sogar mit Jessir – oder nein, aber der redet ihm immer mal zu, wenn die beiden wie jetzt im Tommaseo beisammensitzen, wo sie grad das Äffchen besprechen und daß es doch oben bei Lenz ganz gut einen Platz haben könnte…

Stellt sie sich, die nun verhinderte Sìdhe, das so in ihren zehn Minuten vor, die sie noch vor der Tür des Grenzhäuschens steht? An geraffter Zeit wär es genug.
Und Lenz? Nein, die Schwangerschaft ist es wirklich nicht, was ihn dieses „Geh!“ hat aussprechen lassen. Er sprach es auch nicht selbst, sondern etwas tief in ihm drückte es aus ihm hoch und heraus. Wir werden, darüber, mein Herz, noch sehr nachdenken müssen.
Tatsächlich beschäftigt ihn, während er auf die Tischplatte starrt, etwas ganz anderes: Weshalb hat er nicht wenigstens jetzt auf die Haarfarbe seiner Geliebten geachtet? Sie stand doch eben noch vor ihm, schön wie je, begehrenswert wie je… und ja! er begehrt sie immer noch, liebt sie weiter und weiter, vielleicht sogar eine Spur tiefer als früher. Und er weiß ganz genau, daß sie draußen weiterhin steht, bislang immer noch wartet; er spürt sie bis fast zur Erblindung, hört sie sogar, hört sie atmen, also glaubt, sie atmen zu hören. Doch wozu dann all die Briefe an den Wänden? Er müßte sie herunterreißen, sich herunterreißen. Und aus dem Ravoltella verschwände die Venus, machte einfach Plopp, und weg wär sie. Niemand kann sich das erklären, daß die Kiste, in der man sie aufrecht verwahrt hat, plötzlich leer ist. Auch die Polizei tappt im Dunklen.
„Geh!“ – Die Lydierin hört es wieder und wieder, da sie endlich aufgibt und, wie seinerzeit Lenz, als er das Grenzhäuschen für Wiebke verließ, nicht über den Sandweg, sondern über quer die Wiese bis an den Waldrand und dort den Rain entlang zu ihrem Auto schreitet, na ja, eher wohl stapft, das an einem Seitenpfad der Strada statale abgestellt ist.

*

18.04 Uhr,
Pettersson, Neunte.

Ich war schwimmen, Schönste, zog meine Bahnen und dachte und dachte. Und dann, seltsam berührungslos erst, begriff ich. Es war ein großes Glück, daß ich mich bewegen mußte. Im kleinen Thälmann-Bad hätte es ohnehin kaum Sinn gehabt, es mit dem Ertrinken zu versuchen. Zu viele schwimmende Leute und unentwegte Bademeister, die zu genau aufpaßten.
Zwei, Geliebte, Monate, daß Du Dich trenntest; es war der 19. November. „Ich kann nicht annehmen, verzeih.“ Am 19. Mai, vielleicht, steht die Lydierin vor Lenzens Grenzhaustür, vielleicht dem eines ganzen Jahres später. Jedenfalls hatte ich unrecht, als ich von Spätsommer schrieb.
„Läßt mich herein?“ Er tritt zur Seite, sie nimmt die zweidei Stufen, ihr Blick gleitet über die Wände. „Das muß dann weg.“ – So wird er wirklich wieder schwach?
„Und mach endlich die Tür zu. Ich darf mich nicht erkälten.“
Oder zeigt er sich ihr nunmehr gewachsen und dem, dafür wäre es die Voraussetzung, was auf beide nun zukommen wird? Ich weiß sehr gut, wovon ich spreche.
„Ich muß dir etwas sagen.“
Was will sie? Man sieht es doch längst.
Jessirs Baby.
Lenz könnte ausrufen: „Jetzt?! Jetzt kommst du zurück?!!“
Zwei Monate, mal neun.
So vieles ist geschehen.
Er weiß gar nicht mehr, wie ihr Mund schmeckt, kennt nur noch den seines Innenbildes, dessen Hemdchen er allnächtlich in seine Schultermulde und an sein Herz gedrückt hat.
Zwei Monte, Liebste, sind schon schwer genug. Achtzehn aber? Nein, keinen Ton bringt Lenz heraus. Aber es genügt auch völlig, diese Frau zu s e h e n, man kriegt sowieso keine Luft.
Andererseits sind achtzehn Monate eine Chance, nach zweien, vielleicht sogar nach sechs noch ist alles zu frisch, zu belastet; nicht nur der Lydierin objektiven Umstände umschatten uns, ihre Hoffnungen, gefährdeten Wünsche, auch die Vergeblichkeiten, um deretwillen solch eine neue Liebe aufgegeben wurde oder, wie Du tatst, geflohen; da war zu wenig, wahrscheinlich, selbständige Entscheidung, Enscheidungsmöglichkeit. Da fühlte man sich bedrängt, nicht Du von mir, aber vom Schicksal, das Dir durch mich die Autonomie nehmen wollte. Du konntest gar nicht frei entscheiden, sondern ich kam über Dich wie ein Sturm, gegen den Dein Dach nicht gesichert war. So brauchtest Du Zeit, die zerschlagenen Schindeln zu ersetzen. – Während in der Lydierin noch lange die Enttäuschung darüber bebte, daß Lenz sie nicht empfangen ließ.
Jetzt allerdings war alles anders.
Möglicherweise hätte sie Jessir auch ohne den Umstand wieder verlassen, daß sie nun Mutter wurde. Ihre Wesen waren zu verschieden und das, was sie erstrebten, womit sie sich umgaben, er mit seinem harten Jazz und dem rigorosen politischen Wollen, sie mit ihrem Schubert und den schönen Künsten, auch mir ihrer Phantasie und Fantastik, die wiederum ihm fremd war, sogar, wenn er ehrlich zu sich war, ein bißchen lächerlich fand. Er sah das imgrunde an, wie er es bei einem Kind tun würde und gegenüber dem seinem später auch tat, da aber nicht herablassend, sondern bei der kleinen Zoë empfand er es als altersgemäß und freute sich dran. Doch bei einer erwachsenen Frau, da kann man wohl Pragmatik erwarten. Da möcht man nicht gerührt sein, das geht sonst auf den Sex..
Doch die Lydierin war nicht pragmatisch, weder so noch so, aber über Jahre bemüht, es für ihn zu werden. Also verkniff sie sich ihre „Romantik“. – Worauf kam es an im Leben? Auf diese Frage hatten die beiden – sie fühlten sie – grundsätzlich verschiedene Antworten. Ja, wäre auch sie, die Lydierin, eine Reporterin gewesen, hätte sie m i t ihm reisen können und wollen, denselben Reiz verspürt wie er… Doch so?
Nicht nur, seit sie Mutter wurde, konnte sie keinen Sinn darin sehen – fühlen – , sich permanent in Lebensgefahr zu bringen. Und sei‘n wir mal ehrlich: Was änderten seine Fotoreportagen am Elend der Welt? Imgrunde ihres Herzens dachte sie, sie machten es genießbar, nein, bedienten zwar nicht, oder nur wenig, die bestens verkäufliche Sensation, aber gaben ihm einen gewissen ästhetischen Wert, der sich überdies als moralische Aufklärung ausgab. Die Lydierin war, anders als Jessir, auch schon von ihrer akademischen Ausbildung her, kritische Theoretikerin, er Aktionist. Hätte er sich freilich, statt für den Stern und, bis ganz zuletzt, 2008, für Life zu reisen, im Eismeer für Greenpeace anketten lassen, sie hätte seiner Arbeit zur Seite gestanden. Nur bekam man dafür keine Pulitzerpreise.
Sie brauchte die achtzehn Monate einfach, um sich über alledies klarzuwerden, auf ihre Weise nüchtern, und hätte sich nun auch getrennt, ohne daß es einen Lenz gab. Nachdem sie die Entscheidungsfrage, wenngleich nur in Form einer Bitte, gestellt hatte: Begib dich nicht in Gefahr, wenn du ein Vater wirst. Deine Verantwortung, jetzt, liegt woanders. – Übrigens ebenso Wiebke, nachdem Gerald Lenz aus der Wohnung geworfen hatte: „Ich will nicht mehr, daß du in diesem Job tätig bist, der dich s o weit ausgehöhlt hat – u n s, Jerry, aushöhlen konnte.“ Ihrer beider Glück war, daß Gerald g e l e r n t hatte, seelisch gelernt; indem sie ihn derart abzockte, hatte ihm die Stone-Sìdhe die nötige Lehre erteilt. Letztlich, wie viele Federn er auch hatte lassen müssen, wäre es ihr zu verdanken, wenn es mit Wiebke und ihm und nicht zuletzt für Dianamaria ein sehr langes gutes und gegenseitig sorgendes Ende nimmt.
Nein, Gerald fragte n i c h t, und was soll ich dann machen? Sondern wickelte seine Firma a b. Dann versuchte er sich mit Immobilien. Nicht daß das auch nur ungefähr dieselben Gewinne brachte. Es kann auch sein, daß er seine Unternehmen nach bereits einzwei Jahren abermals aufgab, daß sie vielleicht, die beiden, ein kleines Restaurant eröffneten, irgendwas in dieser Art; doch es kam darauf nicht an, nicht einmal dann, wenn sie, Wiebke, die kleine Familie würde mit ihrem Lehrerinnengehalt durchbringen müssen; er übernähme die Hausarbeit dann und die Tagessorge für die Tochter. Worum es wirklich ging, war, niemals wieder hohl zu werden.

„Ich habe“, sagte Lenz endlich, nachdem er die Tür geschlossen hatte, „so lange auf dich gewartet.“
„Ich weiß.“
„Fast hab ich dich nicht mehr geglaubt.“
Doch das war nun falsch: Er hatte sie n u r noch geglaubt. Genau darin, in der dunklen Variante unsrer Erzählung, hat sein „Geh!“ seinen Grund. In ihrer hellen indessen zittert, als Lenz ihn ausstreckt und seitlich die Hand auf das Gesicht der Geliebten legt, sein ganzer rechter Arm.

Zwei Monate, Sìdhe, in denen ich nicht täglich an Dich denke, sondern Stunde um Stunde, Minute um Minute, unterbrochen nur von gelegentlichen Treffen mit Freunden; bei aber auch denen bist Du mein ständiges Themas. „Ich hatte etwas Angst“, sagte vorhin E., wir haben uns zum Billard getroffen, „daß du dir etwas antun würdest .“ So auch Do: „Du warst wie eingefallen. Du standst auf der Kippe.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Es geht mir“, sagte ich, „wahrscheinlich besser als ihr. Denn ich weiß, wohin mit meinen Gefühlen. Ich kann zu ihnen stehen und schreib ihnen einen Roman. Sie hingegen, mit den ihren, ist völlig allein. Sie kann sie nicht ausleben, ihnen keine Form geben, darf sie nicht brennen lassen, um aus dem Feuer und seiner Energie etwas zu gewinnen. Sondern sie muß sie verdrängen, so daß es in ihr schwelt, und selbst das muß sie ersticken. Sie ist viel gefährdeter, als ich jemals war: daß nicht nur das Feuer erstickt, sondern mit ihm, im quellenden Rauch, sie selbst.“

Alban

*

Arbeitswohnung, den 20. Januar 2015.
Dienstagmorgen, 7.55 Uhr,
Paul Hindemith, Requiem „For those, we love“ (1946)
auf Gedichte von Walt Whitman,


Ich habe Angst vor Deiner Stimme, Geliebte,
vor Deinem Schweigen, Fernste, Angst –

und furchtbar geträumt:

Wir gingen über ein Bergland, dessen Öde sich, wie vorgestern die Dächer unter den Nebeln, in weiße, schnell treibende Schwaden zerflatterte; wir gingen Hand in Hand, entweder Du voraus, mich ziehend, oder ich, Dich ziehend, Dir. Weit und breit außer uns keine lebendige Seele. Etwas, abwechselnd, s o g an uns, zog uns hinab, und immer die andere, der andere hielt fest, um die Geliebte, den Geliebten nicht versinken zu lassen. Es fühlte sich so an, nach einer Art Sumpf, aber aus Leere, die uns einschlucken wollte, aber nicht uns beide zusammen, sondern eine, einen nur. Wir wurden immer mehr auseinandergezerrt, doch wenn wir es schafften, je die andere, den anderen aus diesem hellen Nichts wieder hervorzuziehen, fügten wir uns wieder zusammen. Die Kraft gab uns die Wärme, die aus den Händen fühlbar ineinanderströmte, und wirklich kamen wir voran, immerhin das, erreichten eine Höhe, mußten den sich anschließenden Hang wieder hinab.
Das Schlimmste war, daß wir nicht sprachen. Es wäre aber sinnlos gewesen, es zu versuchen, weil sich kein Schall in diesem Medium übertrug, das wir stundenlang durchzogen, die ganze Nacht hindurch, die sich gleich unsren Körpern streckte, auseinanderstreckte, fasrig, zunehmend dünn. Dann, mit aufgerissenen Augen, sah ich zu, wie Dein linker Arm, dessen Hand in meiner Rechten lag, entsetzlich lang wurde, und diese blieb in meiner, aber nur sie, bis nur ein wenig über ihre Wurzel hinaus; er selbst, Dein Arm, zerriß. Ich konnte Dich nicht mehr halten, mich nicht mehr Deines Verlustes erwehren, Dich vorm Verlorenwerden schützen. So gingst Du unter, und ich… ich blieb allein. In meiner Hand indessen blieb die Deine haften und völlig körperlich und hielt mich, hielt sich an mir fest, als wäre da noch etwas, das sich an ihr aus der Leere noch einmal herausziehen ließe. So vergeblich, fühlte ich, führte Orpheus aus der Unterwelt Eurydike hinauf, die sie jedoch, als er sich umdrehte, in sich zurückrief.
Ich hätte mich nicht umdrehen dürfen, nur auf Deine Hand vertrauen müssen? Aber auch ich war doch hinabgezogen worden, und D u hattest Dich umgedreht, um mich zu halten! So wären wir einander Orpheus gewesen, Du mir Orphea, ich ein Eurydicus Dir? Und wieso träumte mir der Hades als dieses Gebirge? zudem es, der wehenden Schwaden wegen, milchig hell war und nicht dunkel… – In den Tod steigt man – hina u f?
Es war zu kalt, um zu weinen.
Ich verharrte, dachte: Ich muß an diese Hand, Deine wunderbar flache und schmale, nur genügend glauben, um Dich wiederzugewinnen – und tat es, glaubte, ließ auf keinen Fall von ihr den Blick; sie trug sogar noch, wie einen Beweis ihrer Konkretheit, den silbrigen Ring. Doch als ich darüber nachzudenken begann – fühllos, Liebste, fühllos vor einem Entsetzen, das uns jedes Begreifen verwehrt -, darüber nachzudenken, daß Deine abgerissene Hand gar nicht blutete, sondern es zog aus ihrer Wurzel ein fasriger Nebel in die wehenden Schwaden; so würde sie doch noch dünner werden und dünner – als ich das zu verstehen glaubte und darüber in Panik geriet, wachte ich auf.

Ich stelle mir vor, Dich zu sehen, stelle mir vor, Du habest angerufen nach so langer Zeit, über Facetime; vielleicht ist hier etwas liegen geblieben, das Du nun dringend brauchtest. Jedenfalls meldet sich das iPad, und ich erstarre. So eine Angst habe ich. Und dann siehst Du mich an, wobei Du zugleich meinen Blick vermeidest, unser Blicken, das sich aber augen-, im Wortsinn, -blicklich wieder einstellt – und daß wir uns nicht weglügen können. Du hast ja ganz recht: Das einzige, was hilft, ist, sich nicht mehr zu sehen, nie mehr, Geliebte. Denn jedes neue einander Ansehen höbe unser Lieben aus ihrem Vergangenen wieder heraus, ihr Unvergehen, Sìdhe, das wir nur leugnen, nicht aber enden können.
Die Lydierin, als sie vor der Tür des Grenzhäuschens stand, achtzehn Monate später, sah Lenz so an wie ich jetzt Dich ansehen würde; auch Du bist hart geworden in den Zügen, ein bißchen bitter, und sehr blaß. Daß Du, wie als ich Dich zum ersten Mal traf, zehn Jahre jünger aussahst, als Du bist, ist gänzlich vorüber, und die Leichtigkeit gleichsam ermüdet, die Du, als wir noch sprachen, Deinen Erschütterungen immer wieder zu geben vermochtest. Denn nicht nur hast Du den möglichen tiefsten Vertrauten verloren, der Dir jemals geworden wäre, sondern, wie Du zugleich mit Deinem Vorwurf fühlst, aus Not hat er dieses tiefste Vertrauen gebrochen, bevor es wirklich w e r d e n konnte: während. Dies nicht zuzulassen, sondern es zu kappen, ging als D e i n Vertrauensbruch vorweg. „Ich kann nicht annehmen, bitte verzeih“, hast Du mir deshalb geschrieben, ich versteh das „verzeih mir“ erst jetzt. Und läßt mir dennoch, wie in dem fürchterlichen Traum, Deine Hand.
S o jetzt, wenn wir uns ansähen, sähen wir uns an, und keiner, Du nicht, ich nicht, wagte zu fragen: „Wie geht es Dir? Erzähl.“ Aber vielleicht würde ich sagen, Du sehest nicht gut aus: „Du bist sehr blaß.“ Worauf Du, mit einem schmerzlichen Lächeln, erwidern würdest, das sei nur die schlechte Beleuchtung Deiner Elbenkämenate. Und wichest abermals meinem Blick aus.
„Kann es sein, daß ich bei Dir einen Füller liegen gelassen habe? Ich vermisse ihn, er ist ein Erbstück.“
„Nein, tut mir leid. Ich habe keinen gesehen. Aber Dein Shampoo steht noch hier, oben auf dem Regal neben der Dusche, und der Conditioner.“
Kein Wort indes zu dem Hemdchen, das allnachts an mir schläft. Und Du erwähntest keinen der Briefen, deren jeder einzelne Dir wehtut. „Ich weiß, Du willst mir gut“, schriebst Du. Und dann aber d a s! Weshalb, müßtest Du mich fragen, tust Du mir das an?
Also wenn wir sprächen. Wenn nicht ausgewichen würde.
Der Klang Deiner Stimme, wenn wir uns sprächen, wäre um Abstand bemüht, Kopfstimme rein, geradezu geschäftlich. „Professionell“, stelle ich mir vor, würdest Du das nennen. Ich aber nennte es „unwahr“. Schon deshalb wird es zu Deinem Anruf nicht kommen, und ich, meinerseits, habe gesagt, daß ich, sogar mit einem „selbstverständlich“, Deine Entscheidung akzeptierte. Das schließt, daß ich Dich kontaktiere, selbstverständlich aus ( – „kontaktiere“!).
So weiß ich gar nicht, wovor ich mehr Angst habe; davor, daß wir miteinander doch wieder sprechen, geschweige uns ansehn, oder davor, daß wir es n i c h t tun. Wir haben einander viel zu viel zu sagen, als daß wir‘s, als Getrennte, noch dürften. Doch hier, in meinen Briefen an eine für mein Leben Tote, doch in dem Roman bist Du für mich am Leben geblieben, nehme ich mir die Freiheit heraus – eine poetische, die sich ihres und auch Deines Leides ermächtigt, und unserer Hoffungen und Lüste. Damit all dieses nicht vergessen wird, nicht später als ein Niegewesenes wegsinkt und nie gewesen dann auch i s t.

(Heilige Anachoreten gebirgauf verteilt, gelagert zwischen Klüften.)
Ich stehe, Deine lose Hand in meiner, zwischen Felsen in den milchigen, über sie dahinfliehenden Schwaden. Und wenn ich auch erwacht bin, ich h a l t e auf sie, Deine Hand, den Blick. Und laß sie, Liebste, nimmer los.

A.

*


Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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