Über den Mittag (u n t e r dem Mittag) des 6. Julis 2015.


Ich hatte eine Lesung aus dem >>>> Traumschiff in einer Wiener Schule, dem Alter der jungen Zuhörer:innen nach einem Gymnasium. Und ich begann. Alle hörten mir aufmerksam zu, bis mir, plötzlich, die Sätze vor den Augen verschwammen, Satzteile. Ich sehe das Buch vor mir, eine Stelle etwa in der Mitte, rechte Seite, kurz über der Leerzeile, die zwei Abschnitte trennt. Der Satz, den ich gerade vorzutragen angefangen hatte, ließ sich nicht beenden, ich erkannte die Wörter einfach nicht mehr und versuchte, sie mit denen des Folgesatzes zu kombinieren, um wenigstens dieses Kapitel zu einem sinnvollen Ende zu bringen. Es ging nicht. Ich entschuldigte mich. Nein nein, sagten einige, es ist das alles doch sehr schön. Ist doch nicht schlimm. Aber ich sah, wie sich andere Schüler unter die Tischplatten duckten, als wenn sie sich in Deckung bringen müßten. Oder waren sie eingeschlafen?
Ich warf einen Blick zu dem Lehrer, der ganz hinten saß, neben der Tür, der mir sehr vertraut war, möglicherweise mein Freund Ch. Immerhin ließ sich etwas sehen, wenn ich mich von meinem Buch abwandte. Nahm ich es aber erneut in den Blick, fingen die Sätze abermals zu verschwimmen an, ja nun, von rechts her, schob sich eine schwarze Fläche vor meine Augen, erst vor das rechte, dann vor das linke. Ich werde blind, dachte ich. Wenn ich aus diesem Buch noch weiter vortrage, werde ich erblinden.
So gab ich auf. Alle klatschten.,
Ich ging langsam zu dem Lehrer hinüber, der aufgestanden war. „Was ist denn gewesen?“ Ich versuchte zu erklären, fand aber die richtige Wörter nicht, wurde leiser, verstummte nun auch. Da kamen einzelne Schülerinnen und Schüler zu uns beiden her, bedankten sich noch einmal für die schöne Lesung und drückten mir Geldstücke in die Hand, versteckt, mal ein 1-Euro-, seltener ein 2-Euro-Stück, was den Eindruck eines Backschischs vermittelte, das sie mir aus Mitleid gaben. Davon wachte ich auf.
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3 Kommentare zu Über den Mittag (u n t e r dem Mittag) des 6. Julis 2015.

  1. lobster sagt:

    ihr sohn guckte ein wenig verkniffen bei dem cello-auftritt.
    vielleicht dann doch eher schauspielerei ( professionell ) oder drumming ( oder beides )
    ( cello ist doch eh schizzo-grundiert – handelsüblich : androgyn „connotated“ – … sowohl bass wie violine, consider men, zwittrig ne )

    • @lobster: Ihr Kommentar ist erstens falsch plaziert; er gehört wohl eher >>>> dort hin. Zum anderen ist er Unfug. Weder Rostropovitch noch gar Stalker hatte auch nur im entferntesten Androgynes, ebensowenig hat >>>> >>>> Truls Mørk davon auch nur irgend etwas. Und die Cellistinnen sind – Frauen, ohne besonders auffällige männliche Anteile. Und überhaupt ist Ihre Instrumenten-Geschlechter-Zuschlagung etwas bizarr. Ihrnach wären alle Geiger Frauen – der kurzen Saiten wegen, für die man feine – weibliche eben – Finger brauche?
      Ach, Lobster…

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