Irgendwas tun können. Das Arbeitsjournal des Sonntags, dem 13. September 2015.


[Arbeitswohnung, 9.53 Uhr]

„Wenn sich der Zustand chronifiziert“, sagt die Löwin, „mußt Du therapeutische Hilfe suchen.“ – Die mir dann helfen wird, den Grund des Zustandes zu verdrängen: unklar zu werden.

Auch damit muß man klarkommen: Anruf des >>>> ilbs, ob ich kurzfristig die Moderation zu >>>> Frank Witzels Roman übernehmen würde, den ich ja besprochen habe, für >>>> Volltext, mehrfach aber auch in Der Dschungel. „Wir haben Witzel spontan noch einladen können, aber man kann niemandem zumuten, das umfangreiche Buch in so kurzer Zeit noch zu lesen. Da wären Sie ideal.“
Klar habe ich zugesagt, schon weil es in der Tat ein sehr guter Roman ist. Dennoch tut‘s weh, denn vom >>>> Traumschiff ist keine Rede. Witzel kam (wie mit Recht zu erwarten) auf die Longlist des Buchpreises, ich nicht (wie bei einiger Erfahrung, gegen die ich aber so sehr angehofft habe, ebenfalls zu erwarten war). Ein bißchen werd ich nun zum Steigbügelhalter, wie gesagt: Muß man verkraften. Aber das Buch ist wirklich gut. Andernfalls hätte ich nein gesagt, auch wenn ich die 200 Euro dringend brauche.

Aufrecht hält mich >>>> die Videoreihe, auch wenn die Zugriffe mau sind. Überdies exportiere ich sie nach und nach parallel >>>> zu Vimeo, wo‘s aber überhaupt keine Zugriffe gibt. Interessiert halt niemanden, oder interessiert wenige, Freunde, paar Bekannte. Denen könnt ich die Filmchen auch privat schicken. Andererseits ist das Projekt nicht nur eine Art Sichtung und Vergegenwärtigung für mich selbst, sondern die sinnliche Arbeit mit Bild und Wort (freilich jedesmal eine Interpretation) gibt mir das Gefühl, trotz der Dauerdepression (lassen Sie‘s mich einfach so nennen, auch wenn der Begriff nicht korrekt ist) noch etwas zu tun, bzw. tun zu können, auf das ich einen Einfluß habe. Durch die Videoreihe bin ich nicht völlig gelähmt. Ich kann mit ihr, auch wenn‘s faktisch nicht stimmt, für meine Texte etwas tun, sie zumindest momentlang aus der Vergessenheit holen. Und was das ilb angeht, so werde ich drum bitten, daß wenigstens ein paar Traumschiffbücher mit auf dem Büchertisch liegen. Man wäre sonst ja gar nicht da – nicht anders denn als Staffage.
Bei amazon guck ich besser nicht mehr nach, weiß aber nicht, ob ich das durchhalte. Wie um Luft nach Hoffnung schnappen. Alle bisher, die das Buch lasen, lieben es, aber die öffentliche Resonanz bleibt unterhalb der nötigen Bedeutungsschwelle – als würden schwere Planen darübergeworfen, damit nichts durchdringt. Ich selbst kann gar nichts tun: für mich wahrscheinlich das schwerste, schwerst zu Ertragende.
Meine Bücher seit >>>> Meere waren eine Totgeburt nach der anderen; ich hab die lastende Bedrückung, daß sich dies mit dem Traumschiff wiederholt; es wäre dann die zwölfte Totgeburt in Folge. Leb mal damit. (Meere-selbst wurde nicht totgeboren, dafür tot geschlagen).
Es ist keine Depression, nein, sondern das pathologische Erscheinungsbild einer unentwegten Kränkung. Die wird durch eine Therapie nicht geheilt, nur durch Erfolg. Die Therapie würde alleine dazu dienen, die Kränkung aushaltbar zu machen: zu akzeptieren, ein öffentlich abgelehnter Mensch zu sein, sich darin einzufinden. Ich werd gleich mal nachlesen, welche psychischen Folgen permanente Kränkungen haben; dann seh ich schon mal klarer.
Im >>>> San-Michele-Stück schrieb ich‘s mir, übrigens, voraus, neun Jahre liegt‘s zurück, fast ein Jahrzehnt:

SPRECHER 1    Nein? Also bitte. Spielen wir wieder. Was hätte ich aufgeben sollen? Was würdest Du m i r nehmen?
Zikaden, leicht verhallte Stimme, Raum:
SPRECHER 2    Die Sympathien. Du würdest ein unbeliebter Mann, wie Tiberius von einem üblen Leumund umgeben. Den Menschen unangenehm. Sie werden dich meiden.


(Der gestern montierte Clip findet sich in Der Dschungel nun >>>> dort. Eigentlich stellte ich gerne auch alle meine Hörstücke bei Youtube ein; doch das Urheberrecht hält sie begraben.)

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8 Kommentare zu Irgendwas tun können. Das Arbeitsjournal des Sonntags, dem 13. September 2015.

  1. im Nachgang: Gaga Nielsens Fotostream. ANH&LCB. Bei Flickr:

    ANH@LCB 08.09.2015

    >>>> Gaga Nielsen

  2. (Tr. 13.9.15)

    7,3 km – 44’47“
    41,5% M
    18,0 % F
    77 kg
  3. Lourdes sagt:

    Was ich nicht nachvollziehen kann, sie haben jede Menge rezensionen und sogar radiointerviews. beachtung noch und nöcher, was denn noch, wo dennn noch – in der tagesschau?

    • Liebe(r?) Lourdes, (wunderschöner Name),
      der Schein trügt. Es geht um Relevanzen. Offenbar kennen Sie den Buchmarkt nicht – nicht, wie er funktioniert. Vergleichen Sie einfach die Zahlen mit denen der Bücher der Longlist, und vergleichen Sie die Namen derer, die schrieben. Von „noch und nöcher“ läßt sich wirklich nicht sprechen, weil etwa das Internet für den Markt keine Rolle spielt. Wenn Sie mal zählen, gibt es bislang drei Zeitungskritiken, alle in Österreich, keine, schon gar nicht eine namhafte, in Deutschland. Und von den drei österreichischen verfällt der Kritiker der Wiener Zeitung in einen restlos unangemessenen Ton („Mängelrüge“), auf den ich gleich noch im Arbeitsjournal eingehen werde. Radiointerviews wiederum sind keine Rezensionen; sie sind wichtig für eine gewisse Bekanntheit, aber, leider, nicht mehr. Damit Kritiken sich auf Buchkäufe auswirken, müssen sie zumal parallel und in Menge erscheinen; so und nur so wird etwas zum Gespräch. (Auch eine Meldung in der von Ihnen polemisch genannten Tagesschau würde, vereinzelt, nichts bringen.)
      Sie können die Wirkung eines Buches gut an den Lesungen ablesen, zu denen man eingeladen wird, und an den Orten, und müssen dabei abrechnen, wo persönliche Kontakte solche Einladungen (mit)bewirkt haben, bzw. wo sie ohne solche Kontakte zustandekamen.
      Ja, das Traumschiff hat eine gewisse Resonanz, aber bei weitem nicht entsprechend dem (ausgesprochen leidenschaftlichen) Engagement meines Verlages und schon gar nicht entsprechend der allgemeinen Themenbedeutung des Buches für tatsächlich sehr viele Menschen und nicht angesichts des von mir ja bewußt gewählten „einfachen“ Stils (keine komplexen Sentenzen, kurze Sätze, weitgehende Absehung von Bildungsvoraussetzungen), um vom poetischen Schwingen der Sätze ganz zu schweigen.
      Es gab nach meiner >>>> Buchpremiere sehr langen, sehr anhaltenden Beifall, der deutlich zeigte, was möglich wäre. Kein Wort war da mehr von meiner angeblichen Kompliziertheit und Unverständlichkeit, auch keines von den Grausamkeiten meiner Texte oder von, sagen wir, als Übergriffigkeiten empfunden Szenen. Dieses „möglich“ wird aber nur auf handfeste Weise real, wenn auch Menschen von dem Buch erfahren, die keinerlei persönlichen Kontakt zu mir und meiner Person haben, und wenn von dem Buch auf ihm angemessene Weise erzählt wird, und auf die begeisternde oder sagen wir beseelende, die sein tatsächlicher Charakter ist. Benjamin Stein – der, wie er auch schreibt, in mancherlei Hinsicht meinen literarischen Wegen nicht folgen mag oder kann – >>>> hat gezeigt, wie so etwas ganz unabhängig von meiner Person und manchen meiner Bücher geht; nur leider „nur“ im Netz und selbst da ohne Google-Relevanz. Und bitte sehen Sie auch die ökonomische Bedeutung, die all dies für mich hat oder eben nicht haben wird. Ich bin darauf angewiesen, von meiner Arbeit zu leben, und habe schlichtweg Angst – bisweilen Panik – es nach über dreißig Büchern immer noch nicht zu können und dauerhaft in die Verarmung zu rennen, in der ich grad stecke – egal, ob in den Literaturwissenschaften ein paar dieser Bücher längst zum Kanon der Gegenwartsliteratur gezählt werden. Der Kritik ist das egal, jedenfalls gewesen: Seit zehn Jahren gab es zu keinem meiner Bücher eine Rezension, außer in >>>> Volltext. Sie sind nicht im öffentlichen Bewußtsein; das Traumschiff könnte dies wenden. Wie es jetzt aussieht, wird es das aber nicht.
      Kann sein, daß es sich noch ändert, daß ich zu ungeduldig bin. Zugestanden. Hat man aber dreißig Mal auf eine glühende Herdplatte gefaßt, hat man vor dem einunddreißigsten Angst, berechtigt, ja eigentlich, faßt man auch noch ein zweiunddreißigstes Mal drauf, würde man mit Recht für irre gehalten. Und glauben Sie mir, man wird nicht stärker mit den Jahren; auch ich werd’s leider nicht. Da kann ich meine gegenwärtige Depression so gut gebrauchen wie ein Ochse einen Liter Benzin.

  4. diadorim sagt:

    lieber alban, es ist viel einfacher, es gibt jede menge bücher in jeder saison, es gibt jüngere autor*innen dazu, du bist teil dieses betriebs, ganz übersehen warst du nie, nur, trotz so vieler bücher und hörstücke bist du kein vom betrieb verwöhnter, so viel steht fest. was die gründe dafür sein mögen, ist müßig. ich denke manchmal, es ist in unserem business wie im sport inzwischen, es gibt einen slot, wenn man da seinen share nicht gemacht hat, macht man ihn nicht mehr, die, die ihn erwischt haben, die machen ihn danach auch nich unbedingt weiter, bis auf ein paar ganz wenige ausnahmen, die extrem hochgejubelt werden. klar sind das kränkungen, klar geht es bei dir um die existenz. ich kämpfe auch, mit weniger im gepäck. ich denke, du hast recht, dass dieses buch seine klientel finden könnte und eine hat. dass du seine rezeption fortwährend kommentierst könnte tatsächlich ein fehler sein. vieles, auch bücher und ihre autoren, lebt von projektionen, die sich jeder gern so formt, wie es ihm beliebt (auch rezensenten), wenn ein autor aber sehr viel offenlegt, bleibt dafür vielleicht nicht genügend platz? zu wenig geheimnis dann. oder ganz einfach, andere wollen jetzt auch mal recht haben, das buch ist raus, es braucht den autor jetzt nicht mehr. kannst du dir vorstellen, dass das auch ein grund sein könnte? ich bin mir nicht sicher, ich denke, es ist auch viel überpersönliche gleichgültigkeit dabei, auch wenn du das in bezug auf dich nicht für möglich hälst, aber meine erfahrung, steht man nicht am richtigen abend, mit den richtigen leuten rum, wird man schlicht vergessen, weil sich viele weniger mit der mühe dezidierter ablehnung aufhalten, als mit dem knüpfen ihrer netzwerke. so kommt es mir vor. dass das ilb nur 200 zahlt für eine moderation finde ich indes beschämend wenig. wie soll man da überhaupt auf einen grünen zweig kommen, bei den preisen im betrieb? gut, man muss nicht anreisen, es ist berlin, aber ich muss ganz ehrlich sagen, ich frage mich, wie man da noch einen unterschied machen will, zwischen großen und renommierten festivals und indiependentveranstaltungen, am preis kann man es längst nicht mehr festmachen, und das, wo solche festivals doch nicht zu knapp bezuschusst sind! vielleicht hilft nur der weg über die akademien und ähnliche institutionen, kulturfunktionär werden, seiten wechseln? aber auch leichter gesagt, als getan. die bücher sind da, sie leben, dass sie sich nicht in mengen verkaufen, ist schade, aber das risiko mit dem wir alle leben, es ist ein markt, was menschen lesen wollen, unterliegt so vielen parametern. ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn man das persönliche daran sich so herausrechnet, vielleicht brauchst du ganz unbedingt auch die dezidierte ablehnung, besser ganz bewusst abgelehnt, als einfach übersehen oder andere eben vorgezogen. natürlich kränkt das. jeden einzelnen von uns. die frage ist doch, wie damit umgehen? und, der applaus war lang und anhaltend, du verstehst es, zu erzählen und zuhörer in deinen bann zu schlagen, das ist ganz offensichtlich und ohne zweifel so, du hälst durch, du arbeitest ohne unterlass, ich verstehe auch nicht, warum es bislang noch nicht wirklich durchgestartet ist. der plymouth barracuda ist heute ein gefragtes auto, viel teurer als ein ford mustang, weil er damals mangels nachfrage in viel kleineren stückzahlen produziert wurde. also, auch das kann markt bedeuten, später ruhm nicht ausgeschlossen. bis dahin vielleicht einfach sich auf die liebe konzentrieren, und nicht auf den mist fokussieren, der einen ständig betrübt. lieber mit adrian ne radtour machen dann, oder ähnliches! ich glaube, das buch findet seine leser, aber langsamer als bei den betriebsüblichen feuerwerkssalven von ein paar wochen feuilletontrubel. ach ja, als wir die rks fürs ilb machten, schlappe 300 für jeden, und das für eine einmalige veranstaltung mit so viel aufwand, fand ich auch sehr dürftig, aber sehr schöne programmbücher gibts, der ort ist klasse, man hat zugang zu getränken und speisen im zelt, vieles ist auch sehr schön dabei. aber innerlich gegrollt habe ich auch, kann ich mich erinnern. dennoch hat die veranstaltung großen spaß bereitet, uns und ich glaube auch dem publikum, zumindest teilweise.

  5. Lourdes sagt:

    na das wusste ich nicht in der Breite, so wie sie geantwortet haben. Aber diese Aufmerksamkeit entspäche ja dann einem Bestseller. Das ist doch dann eh wie beim Lotto und kann überhaupt nicht eingefordert werden. Kann ihnen aber auch nur dazu sagen, kennen sie die Altersarmut von zum Teil hochqualifiziertem Hochschulpersonal oder von Menschen, die sogar mit Doktorgraden und einem enormen Arbeitslebenspensum auf dem Buckel am Existenzminimum sind. Also ich will nicht ihren Ärger relativieren, aber Altersarmut bei geistiger Qualifikation und vorangegenagenem Arbeitspensum, ist heute leider sehr normal geworden. Deshalb hat ihre Kommentatorin sicher nicht ganz unrecht, wenn sie sagt, es ist besser sich um die wichtigen Dinge im Leben zu kümmern. Lourdes, da hab ich (weiblich) mal gewohnt.

    • diadorim sagt:

      na ja, die kommentatorin stellt nicht in abrede, dass geld zu den nicht ganz unwichtigen dingen im leben zählt, auch bei autor*innen ist das nicht anders, als bei allen anderen auch, und sie sagt hier auch ganz entschieden, ohne jemand wie alban wäre es auf dem betriebsparkett der sich wohlverhaltenden doch auch ein ganzes stück öder, allein für die dschungel gebührt ihm ja schon lange preis und ehr. das muss man nicht mögen, aber jeder, der etwas von betrieben versteht, versteht auch etwas davon, dass man menschen wie alban braucht, denn wirklich niemand erträgt es, nur von aufstiegsorientierten und hippsterliterat*innen umgeben zu sein auf die dauer. das vertreiben der bunten hunde zugunsten der herden von dienstleistungsschreibern macht ja auch keinen wirklichen spaß mehr, mir zumindest schon lange nicht mehr.

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