III,130 – Übergangsweltbilder

Dorfidylle, spaziergänglich und herbstlich bekleidet, Wind, der trotz Jacke und drunterherum zuweilen die Haut kräuselt. Neue Fassaden anstelle verschwundener Fassaden, aber weiterhin auch einige der Bauern-’Paläste’ zumeist aus der Gründerzeit, aber nicht wirklich mehr Bauern darin. Zum Hof des Cousins ging’s auch, um den versprochenen Tanten-Besuch abzustatten (sie die einzige noch aus der vorhergehenden Generation, dann komme in der nächsten gleich ich als der älteste unter denen, die nachgeboren (also alles noch sehr einem Verwandtschaftsdenken verhaftet (aber nicht unbedingt vordergründig, aber solche Bezüge sind immer schnell bei der Hand), woanders käme einem ein solcher Gedanke vielleicht nicht in den Sinn)), wie ich zu tun pflege, wenn ich hier bin. Auch dort stimmt die Gebäudefassade noch mit der Vergangenheit überein. Der Rest: ein umfunktionierter Kuhstall, ein verfallender Schweinestall, zwei Traktoren. Was er noch anbaue? Mais (Biomasse), Kartoffeln, Rüben, Getreide. Tierhaltung gehe nur noch im Maxi-Format. Und der Sohn macht bald auf Werkzeugmacher, natürlich beim bekannten niedersächsischen Automobilhersteller. Zwar sah ich Kälber unterwegs, die aber wurden in immerhin ‘individuellen’ Plastikboxen gehalten. Davor hingestreut das Futter. Dorfidylle durch die Laienbrille. Die Tante bedauerte den Freund, den ich beim Schützenfest noch gesehen, er liege im Krankenhaus, beschrieb Details, die nichts wirklich Gutes verheißen. Man könnte den Besuch bei der Tante auch als eine Art Ritual bezeichnen: ein Sich-Vergewissern, dass dennoch eine gewissen Generationenkontinuität gewahrt bleibt, zumal sie immer noch versucht, mir einen Geldschein beim Abschied zuzustecken, als sei ich noch der Student von einst. Gestern kam zu Besuch der Großneffe. Ich brachte ihm bei, wie man Gerüche auf Finger überträgt. Und heute noch ein Weißbier mit dem Vater des Großneffen, des Sohnes meiner Schwester. Und wenn ich so fortfahre, komme ich zuletzt bis in Abrahams Schoß, muß aber dann doch wieder nach Amelia (etwas Nostalgie heute), von der Erd- zur Selbstverwurzelung. Dennoch ist immer alles da. Nicht zuletzt, weil ich auch in Italien in ein Familiendenken eingebunden wurde, das dort noch weitaus stärker war. Übergangsweltbilder. – Kann sein, daß ich erst in Amelia wieder schreibe: morgen nach Braunschweig, Samstag zum Kaiserstuhl, Montag Alpen- und Apennin-Überquerung.

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3 Responses to III,130 – Übergangsweltbilder

  1. „wie man Gerüche auf Finger überträgt“: (Rätseln am Morgen; Ideen, die nicht wirklich hier hingeschrieben sein sollten – zumal nach einer Nacht voll der sirrenden Luftangriffe einer einzigen „bioökologischen“ Stuka .)

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