Mantra und was (k)ein Gedicht sei. Das Arbeitsjournal zum Sonnabend und Sonntag, den 7. und 8. Oktober 2017. Seminartage. Dazu von Kermes Lava.


[Vor den Pflanzen, die fleischlich, 5.35 Uhr
Lutoslawski, Präludium und Fuge]

Bei Ecker gestern ein frappierender Satz: „ (…), denn er ist schwach oder die Liebe ist echt.“ Das sind so Formulierungen, die einer und einem unter den Füßen die Böden wegreißen können. Obwohl es weniger ein reißen als ein fast nur erahnberes Wegsacken ist. Schon auch – Sie müssen, Nahste, nur zur nächsten Seite umschlagen -: „ (…) und sie refft“ – refft! – „ die Kleider, um ihre Nacktheit zu verdecken und flieht auf Seite 150.“ Ich sehe nach, in den >>>> Anderen Häfen freilich, und müßte dankbar sein. Doch bin ich es nicht.
Dankbarkeit war nie recht meine Stärke. Der Satz brach eben leise aus mir herein. Stimmt er, stimmt er nicht? Darf und mag ich ihn schreiben? ‚Mögen‘ sicher weniger. Woher bezieht er sein Recht außer aus dem Umstand, daß er plötzlich da war? Was aber ist das, ‚plötzlich‘? Glaube ich es? Glaube ich an Grundlosigkeit? – Freundin, da liegt das Problem. Deshalb muß ich ihn schreiben und mich von mir selbst ungerecht behandeln lassen, indem er mich in ungünstiges Licht stellt.
Das des vergangenen Mittwochabends war mir entschieden gewogener, sofern wir >>>> den Fotografien Gaga Nielsens vertrauen. Das müssen ja nur wir beide tun, um eine andere Wahrheit in ihm zu erkennen.

Seminartage.
Die Gruppe ist mit sechs Personen klein; das erlaubt es, die Unterschiede in Zugängen und Vorwissen auch in den Temperamenten einigermaßen auszugleichen. Aber zu meinem leisen – alleine diesbezüglich – Traurigsein nicht ganz. Da ist mit den Fingerspitzen zu leiten, was nicht ‚zu führen‘, sondern, vielleicht, ‚zu verführen‘ bedeutet – hinaus aus der vorsichtigen Obacht. Immerhin brachte ein langes Gespräch nach dem langen Seminartag gestern, auf der Berger draußen unter einer Markise und bei gelegentlich angedeutetem Regensprüh, indessen bei Cigarillo und Wein, – brachte mich also dieses Gespräch darauf, heute mein seinerzeit in ganz anderer Konstellation gelungenes >>>> Scelsiexperiment auch hier im Seminar zu wagen. Anlaß war freilich auch ein konzentriertes Lyrikgebilde einer der Teilnehmerinnen, in dem die Kraft eines Mantras vibriert – noch nicht de facto, es war noch nicht rein genug, aber als Nukleus, der innen schon an der Eischale pickt.
Die verfluchte Wahrheit des „keine/r muß, sonden kann“. Da ist dann eine Pädagogik erfordert, über die ich nicht verfüge – gerade ich nicht; nicht mal verfügt sie über mich. (Auch ein Satz, zu dem sich meditieren ließe). Ich darf nachher den Lautsprecher nicht vergessen.
Wir reden darüber, daß uns die Formen davor schützen, den Anlaß unserer Gedichte zu verraten, etwa an den Kitsch, darüber, daß die Form dem Gedicht die Evidenz von Autorität verleiht, deren privates Wahrsein erlischt, wenn es öffentlich wird; auch sie muß dann – oder sollte es – öffentlich sein. Wir schreiben immer auf all dessen Folie, was war (all deren, die waren). Um es in Freiheit tun sie können, müssen wir sie kennen.
Wir sprechen über Pathos, viel. Ich meine, die Leute haben sich bei mir angemeldet, nicht etwa bei Henscheid oder Gernhard – wobei der nun freilich schon tot ist, Friede seiner Lürik. Also bei mir, der bekannt fürs Rümpfen seiner Nase ist, wird ohne Herz und Geschlecht rein aus dem Kopf hinein in alleine die Köpfe geschrieben. Hab ich nicht gesagt, könnt‘ ich aber noch tun: daß Gedichte penetrieren sollten, etwas weniger machistisch, doch dann eben kitschig ausgedrückt: berühren. „Was ist an einem Buche gelegen, das uns nicht einmal über alle Bücher hinwegträgt?“, Nietzsche. Feuer, Freundin, Sturm, Besinnung, Meere.

À propos. Gestern nacht schickte Do, in deren Wohnung ich unterkam, derweil sie bei ihrem Gefährten schläft, die Mitteilung, das >>>> Journal Frankfurt habe >>>> die Meere-Lesung des kommenden Dienstags auf Platz 1 der Terminempfehlungen dieser Frankfurter Buchmesse gehoben. In der Printausgabe, online finde ich es nicht. Eitel genug bin ich ja nun, da mal nachzusehen. Vielleicht liegt >>>> im Forum ein Exemplar herum.
Hingegen ich mit meinem heutigen – bislang alleine diesem – Morgentext von Ecker nicht viel anfangen kann. Mein Interesse zerbröselte an dem fehlenden Sinnelement des folgenden Satzes: „Sie spielen es täglich, als hätten sie es nie zuvor gespielt, und gehen völlig im gemeinsamen – absurd anzunehmen, die Begeisterung am Spiel könnte bis in alle Ewigkeit anhalten!“ Was fehlt vor dem Gedankenstrich? Mach ich mir darum Gedanken? Wozu? Doch auch das Ausrufezeichen leuchtet mir nicht ein, geschweige daß es mich riefe – was solch ein Zeichen doch tun sollte.
Angesichts der anderen meist sogar grandiosen Kabinettstücke dieses Bandes ist mein Einwand allerdings eine Beckmesserei. Nur ist das Problem eben eines der Fallhöhe; unerfüllte Erwartung verstimmt, wo man bei Minderen sich sogar glücklich fühlte. Kunst ist fast noch ungerechter als das Leben, um vom, sagen wir, Sozialen besser ganz zu schweigen. Ich meine, aus irgendeinem Grund muß ich zu meinem schlechten Ruf ja gekommen sein. (Verzeihn Sie, Freundin, wenn ich lache; es ist nicht wirklich Heiterkeit.) Aber schön singt sie, >>>> die Kermes, jetzt. (L a v a, sic!)

Der Begriff ‚penetrieren‘, oben, war korrekt, ist zugleich aber, poesieerotisch, ungerecht, also, ich gesteh es, unangemessen. Denn welches Wort wähle ich für Frauen? Ach, solln sie selber wählen! (Wer war das neulich, sich ganz zurecht über das Idiom ‚sich auf etwas zu versteifen‘ zu mokieren? So etwas geht mir nach.) – Ach so: mit den Händen die Takte in der Lyrik schlagen, „aus dem Geiste der Musik“. Wird heute eine Übung werden.

Ihr, Déesse,
admirador

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