Passer, venir ODER Die Volljährigkeit. Für Adrian Ranjit Singh v. Ribbentrop. Statt eines Arbeitsjournals am Dienstag, den 30. Januar 2018.


1999 Ultra

[Arbeitswohnung, 8.39 Uhr
Richard Strauss, Die Ägyptische Helena]

Bei der Familie bin ich nun schon gewesen, früh um sieben, damit auch die Zwillingskinder noch da waren, bevor sie los zur Schule mußten. Der Sohn, grippal seit gestern angeschlagen, wird heute daheim bleiben, damit er abends für seine große Party auch fit ist, die in einem angesagten Berliner Club stattfinden wird. An die achtzig Gäste werden erwartet, möglicherweise mehr.

Nun ist er volljährig.

Welch seltsames Gefühl! „Ich schwanke zwischen Stolz, Gerührtsein und Erschrecken”, schrieb ich gestern nach Wien, und meine Lektorin antwortete: „wenn sich das Alter über die Zeit stülpt, einem bewusst wird, was es heißt: gehen, kommen, passer, venir …” Zwar ist es wahr, daß wir erst wirklich erwachsen werden, wenn unsere Eltern für immer gegangen sind, aber dies ist eine Erfahrung des bereits sehr lange selbstverantwortlichen Menschen; zwischen ihm, bzw. ihr und dem eigenen Ende steht dann nämlich keine Person mehr, der wir entstammen. Aber erwachsen und volljährig zu sein, also in die Selbstverantwortung tatsächlich einzutreten, sind etwas wesenhaft Verschiedenes. Wirkliche Reife erlangen wir wahrscheinlich nur – allein.

Wie war denn ich, als ich achtzehn wurde? Seltsam, ich habe keinerlei Erinnerung, weiß nur noch, daß ich miterlebt habe, wie der Eintritt der Volljährigkeit von einundzwanzig auf achtzehn gesenkt wurde; ich war einer der ersten „Nutznießer” des neuen Gesetzes. Aber da war ich schon nicht mehr daheim, war vom ersten, dem Braunschweiger, Gymnasium geworfen worden, vom zweiten, dem Syker, feuerte man mich zwei Jahre später, und ich floh von meinem Vater nach Bremen, wo ich die Lehre bei den Kulenkampffs begann. Es gibt aus dieser Zeit keine Bilder, doch von vorher. Und ich vergleiche:

2017
Adrian v.R. mit siebzehn
ANH ca 1972
Alexander v.R. mit siebzehn (ANH gab es noch nicht)


In mir war damals alles Aufbruch. Daß ich Schriftsteller werden wollte, wußte ich schon genauso, wie heute mein Sohn weiß, er will Musiker werden. Längst waren schon meine ersten Erzählungen und sogar ein Roman geschrieben; von ihm seinerseits liegen erste Musiken vor: Er vertont Raps und findet dabei höchst ungewöhnliche Wege, etwa indem er sein Cello mitverwendet. Ich stand und er steht noch vor dem Abi. Anders als er indes war ich sozial nicht integriert; ihm ist es erspart geblieben, ein Außenseiter zu sein – etwas, vor dem er ganz sicher nicht von mir, sondern von seiner Mutter geschützt worden ist. Wir Eltern haben uns auf eine im Wortsinn wunderbare Weise ergänzt; >>> das Chaos , das wir zwei miteinander veranstaltet haben, ist da ganz egal gewesen.

Und jetzt denke ich zurück, „passer, venir”, führe mir den kleinen Jungen wieder vor Augen, wie ich mich um ihn legte, wenn wir einschliefen in der Väter-WG, denke an die >>>> „AZWSB”, die mich so lange begleitet hat, bis wir Eltern wieder zusammenkamen, und die >>>> Einschulung meines Jungen, es war die erste gewaltige >>>> Argozeit, waren die ersten Dschungeljahre, noch waren nicht einmal die >>>> Bamberger Elegien geschrieben, die als Hexameter-Etuden für den Epilog von Argo dienen sollten; daß sie etwas Eigenständiges wurden, war mir noch gar nicht bewußt.
Ich denke an die Auseinandersetzungen mit dem Lee/hrpersonal des Schliemanngymnasiums, in deren Folge der Junge auf die Waldorfschule kam, denke an die Geburt der Zwillingskinder zur Jahreswende 2006/07, als der noch Kleine und ich jeden Tag mehrmals in die Charité radelten, wie wir dort unten vor der Klinik die Silvesterraketen loszischen ließen (eine wäre fast durch eines der oberen Fenster gerast), denke an seine ersten Cellostunden und das fast durchweg innige Verhältnis, das er fast immer, bevor seine Eltern wieder zusammen und nachdem sie abermals getrennt waren, zu meinen Geliebten aufgebaut hat, die fast durchweg daran litten, daß ich stets sehr deutlich machte, wer des Jungen Mama war (und nach wie vor ist und bleibt), denke daran, wie unmöglich es für alle meine nachherigen Partnerinnen war, mit mir wirklich eine Beziehung zu führen, weil es da immer etwas gab, an das sie nicht reichten, nicht reichten konnten, von dem sie ausgeschlossen waren; wie ich hörte, ging es den Partnern der Mutter nicht anders.
Ich denke an die Reisen mit dem Jungen, sehr oft nach Italien, meist nach Italien, das Entstehen, er war dabei, des >>>> Strombolizyklus‛ und wie oft wir nachher an Stränden aus dem Sand Vulkane gebaut, die wirklich rauchen konnten; denke an sein erstes Treffen mit >>>> parallalie, bei parallalie, der damals noch in Montecastrilli wohnte, noch verheiratet war; denke an unsere Neapelbesuche und daß er wie ich diese Stadt liebt; denke auch an seinen Freischwimmer zurück, den er mit fünf gemacht; denke an seine frühe Judo- und ein paar Monate lang auch Fußballzeit („Ich will aber nicht tun, was ein Trainer sagt!” Seine tief eingewurzelte Abneigung gegen Befehle. „Dann wirst du dich, Junior, entscheiden müssen.”); denke an all die gemeinsamen Weihnachtsfeste und daß er heute den Baum so schmückt, wie‛s ihn geprägt hat; denke an seine innige Liebe zu seinen beiden Geschwistern und ihre innige Liebe zu ihm (einen großen Bruder zu haben!); denke an unsere vielen Konzert- und auch Opernbesuche und wie er einmal im Großen Saal der Philharmonie, nachdem das Orchester geendet hatte, nach vorne stürmte und aufs Podium kletterte, um, als die Musiker sich verbeugten, sich mitzuverbeugen – und welch ein begeistertes Lachen den ganzen riesigen Raum da erfüllte. Ich denke daran, wie oft er beim öffentlichen Cellovorspiel, für das er gar nicht genug geübt hatte, den Bogen ansetzte und welch ein T o n plötzlich im Raum stand, einer, der sich über die fehlende Technik gänzlich erhob; denke daran, wie wir Eltern ihm Fahrrad zu fahren beibrachten, allabendlich hinaus und mindestens einmal ums Karrée; denke an seine Liebe zu Bananensaft („Wenn du noch viel davon trinkst, wirst du Banane mal selbst…”); denke an seine ziemlich schreckliche >>>> Yugi-oh-Zeit: Es war seine erste wirkliche S u c h t. Wir mußten ihm die Karten entziehen; dies war es tatsächlich: Entzug. Ich denke an seine Star-Wars-Bausätze von Lego; es dürften über die Jahre mehr als einhundert gewesen sein, die er ganz alleine zusammensetzte, schon mit sieben die für Zwölfjährige, konzentriert bastelnd, immer erfolgreich, auch wenn es Stunden dauerte. Ich denke an seine Laserschwerter.
Ich denke an den ersten Einfluß, den die Mode auf ihn hatte: Chucks. Mir gefiel das nicht, aber es war seins, nicht meins. Ich entsinne mich stundenlangen Vorlesens; er war vier, als ich ihm den kompletten Herrn der Ringe vortrug. Seine Mutter tat‛s ähnlich, wir wählten nur verschiedene Bücher. Ich erinnere mich unserer Filmabende, „Männerabend” nannten wir sie. Die ersten Serien, Primeval etwa, die Schatzinselverfilmung (die er sich neulich noch einmal begeistert angesehen hat) >>>> mit dem von Ivor Dean geradezu göttlich dargestellten John Silver, erinnere mich unserer langen Gespräche, darunter Dialoge, die ich, wie >>>> Die Nichtgeborenen, nachher aufgeschrieben und teils in Der Dschungel eingestellt habe, erinnere mich, daß der Charme dieses Jungen und auch noch der des jungen Mannes fast jede und jeden ergriff, die mit ihm in Kontakt kamen, und der nur dort nicht erfahren werden konnte, wo es ein Machtgefälle gab und er gehorchen sollte. Da wurde und wird er nach wie vor biestig. Daß mir das sehr gefällt und er es merkt, macht es ihm diesbezüglich nicht leichter: Auch er trägt an dem Willen zur Freiheit. So, wie er auf meine – durchaus heftigen – Vorhaltungen, er lerne zu wenig, vor einiger Zeit gesagt hat: „Aber Pa, ist das jetzt nicht a u c h eine Zeit, in der ich lebe?” Ja Göttin, was antwortet man(n) da? Ich konnte ihm nur zustimmen. Alles andere wäre mir selbst in die Taschen gelogen. In der Tat, wir leben nicht für morgen, sondern leben heute, nur heute; die Zukunft ist ein Konstrukt.

Was soll ich noch sagen? Ich habe Vertrauen in ihn wie ich Vertrauen in Fügungen habe, unerwartete Geschehen, Wendungen, die sich wirklich nicht planen lassen. Wäre ich nicht vom Gymnasium gefeuert worden und hätte notgedrungenermaßen eine Lehre gemacht – niemals hätte ich die Begegnung mit der Unwahrscheinlichkeit eines Berufsschul(!)lehrers gemacht, der in den Kreis von Stockhausen, Vostell und Otte gehörte und mich dort eingeführt hat, und sehr wahrscheinlich hätte mir, wie meine Anwaltslehrherren taten, niemand geraten, das Abendgymnasium zu absolvieren, wo ich dann Martin Korol kennenlernte, meinen Deutschlehrer, der in den Kreis um Carola Bloch, Ernst Blochs Witwe, gehörte. Ich wäre auch kaum mit der Oper in Kontakt gekommen, hätte nicht den grandiosen Tristan in Bremen gesehen und Hermann Michael, den Dirigenten, kennengelernt, der meine erste längere Novelle las; ebenso wenig wäre ich von dem alten Manfred Hausmann zu einem Gespräch geladen worden, in dem er mir die wichtigste Lehre meines Autorenlebens gab: „Sie können ein Geheimnis nicht konstruieren, können es nicht behaupten. Sondern es muß sein. Erst dann dürfen Sie wagen, es zu beschreiben.” Das strahlend weiße Haus an der Unterweser hing voller Becker-Modersohns.
Ich wäre wahrscheinlich nicht nach Frankfurtmain gegangen, hätte Do nicht kennengelernt und wäre also von der Psychoanalyse unberührt geblieben. Ich hätte Paulus Böhmer nicht kennengelernt. Der Wolpertinger wäre nie geschrieben worden, ohne welches Buch ich nicht nach Berlin gekommen und also auch लक्ष्मी nicht begegnet wäre – Deiner Mutter, mein Sohn.
Der Flügelschlag eines Schmetterlings, Sohn, ist entscheidend, nicht das Befolgen von Regeln und schon gar nicht das Sichfügen in vorgebaute Bahnen, ob wir sie nun Abitur nennen und Studium oder was auch immer. Hab einfach – aber Du hast es ja längst – Vertrauen in Dich und die Welt

sagt Dir
Dein Vater

der nun zum letzten Mal schreibt, was er so g e r n e sagte, wenn er Dich ansprach – Junior:



*


Nun ist auch dieses Wort vorbei. Denn seit heute – um exakt zu sein: seit heute um 6.55 Uhr – bist Du auch rechtlich ein

M  a  n  n.


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2 Kommentare zu Passer, venir ODER Die Volljährigkeit. Für Adrian Ranjit Singh v. Ribbentrop. Statt eines Arbeitsjournals am Dienstag, den 30. Januar 2018.

  1. Im Foyer des >>>> Beate Uwe zum Empfang seiner Gäste:

    IMG_3172
    Adrian v. R. am 30. Januar 2018

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