START II, Springe. Nun bereits auf der Rückfahrt. Mit Phyllis Kiehl und – hier bereits vorerwähnt – Paul-Henri Campbell. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 25. Februar 2018.

[ICE 549 (Springe)/Hannover – Berlin
16.13 Uhr]

Nun also bereits auf der Rückfahrt. Es war wieder einmal ein lustvolles und diesmal sogar ganz besonders ertragreiches Seminar, was schlichtweg am von vornherein in die Räume mit hereingebrachten Engagement lag, hingegen es „normalerweise“ oft so ist, daß wir einigen Teilnehmer:inne:n die Lust am Umgang mit der geschriebenen Sprache erst vermitteln, sie sozusagen infizieren müssen. An diesem Wochenende indes war es zum Schluß sogar noch so, daß ich meinen Seminarist:inn:en über alles hinaus noch einen Schnelllauf durch „die“ Poetik zumuten konnte. „Wieso erklärt niemand sonst es uns so?“ „Weil Menschen, die lehren, brennen müssen, brennen können und wollen.“ Man tut sich am Feuer ja schnell mal weh, wovor die meisten sich fürchten.

Zum Abschluß große Runde im Forum des Hauses; beide Gruppen kommen erstmals zusammen und stellen im Plenum ihre Arbeiten vor. Hinreißend abermals Ceyda, „meine“ blinde Teilnehmerin, mit der ich gestern nacht sogar tanzte, als alle START-Stipendiat:inn:en sich zur, so nennen sie es tatsächlich noch (oh Jugend, wie du mir aufsteigst!), Disko zusammenfanden.
Es ist nicht unheikel, wenn sich ein nicht mehr junger Mann, geschweige denn Trainer, also durchaus Lehrer, sich auf das Parkett da begibt, zumal in den heutigen Correctnesszeiten. Aber irgendwann hielt es mich nicht mehr auf dem Barhocker. Und noch irgendwanner, später, waren denn auch Jackett, Krawatte und Hemd gefallen; das TShirt troff bald vor Nässe. Ich tobte mich wirklich aus, und den Jugendlichen gefiel’s. Phyllis Kiehl ließ sich anstecken, bald hatte ich auch die Landesdirektorin auf der Tanzfläche, und alles alles mischte sich – einer der mir liebsten Zustände überhaupt, wenn auf soziale, geschweige pädagogische, also immer moralische Tabuisierung nicht mehr geachtet, sondern einfach gelebt wird. Dabei muß es nicht mal „meine“ Musik sein, die sich ja in aller Regel nicht betanzen läßt – eines ihrer objektiven Makel, zumindest Nachteile.

Um Mitternacht lag ich im Bett, um halb fünf jieperte der Wecker, um fünf saß ich mit einem Automaten-Lattemacchiato an meinem neuen Zenbook (ich werde es fortan „mein Zenderl“ nennen – ein Spontankauf vom Freitagvormittag, weil ich 200 Euro runterhandeln konnte; das heißt, ich hatte 150 Nachlaß haben wollen, da bot der Verkäufer mir 200; sein Argument war derart gut, daß ich nun ein G  e  s  c  h  o  ß hab).
Also um fünf vor dem Zenderl und Texte, die gestern entstanden, lektoriert, damit sie nachher vorgetragen werden konnten. Ausführlich zuvor jede Arbeit persönlich durchgesprochen, hier noch Tips gegeben, da Formulierungen zweifach abgeklopft, und nach der gemeinsamen Veranstaltung noch der Schnellauf durch die Poetik. Manöverkritik sodann, die Teilnahmezertifakte ausgestellt und verteilt; schon saß ich mit Phyllis am Mittagstisch. Wir diskutieren zur Zeit ein neues Modul für die Stiftung; ich selbst möchte gerne einen musikalischen Teil mit einbringen, was gerade bei jungen Migranten sinnvoll sein wird, die in der neuen Sprache noch nicht zuhause sind. Mir schwebt ein Synkretismus der Klänge vor – nicht unähnlich den Kompositionen Verbeens. Also werde ich den Wüstling kopieren müssen, bzw. nachahmen, es sei denn, ich würde  bei ihm-direkt fündig. Mal sehen. Erst einmal muß nun der Endspurt für die Thetisfahnen hinter mir liegen, damit Elfenbein in die Produktion gehen kann.

Ach ja, als Phyllis und ich den letzten gemeinsamen Kaffee nahmen, fand ich in meinem elektronischen Postfach abermals einen Brief der Mâconière. Allmählich grenzt es an, na jà, „Stalking“. Schon die letzten hatte ich bekanntlich nicht mehr gelesen; diesmal saß aber Phyllis dabei, die nun zum zweiten Mal darauf bestand, daß ich die Nachricht öffnete. Nun jà, „Nachricht“… Doch Phyllis‘ Gegenwart ist wie ein Schutz.
Nein, ich werde dennoch heute nicht darüber schreiben, was ich zu lesen bekam, erst recht nicht über das, was Paul-Henri Campbell über mich sagt, bzw. schreibt, dem sie von mir und der Zeit auf Fuerteventura geschrieben hat und dessen Antworten sie mir „des“, formuliert sie im Betreff, „Anstands halber“ weitergeleitet hat; ich werde heute ebenso wenig darüber schreiben, was sie ihm verschweigt. Nein, dies alles wohl erst morgen, vielleicht auch gar nicht. Ich möchte nicht Ihnen noch mir selbst die Laune verderben, sondern ungetrübt in Erinnerung behalten, wie großartig es war, „meinen“ Seminarist:inn:en ganz zum Schluß, weil sie es wünschten, den Rap meines Sohnes vorzuspielen. Oh, wie wird er sich freuen! Und wie großartig sie insgesamt gewesen sind. Darum meinen Dank an Huda, Beverly, Elyas, Mobin und Ceyda. Und an die ganze Runde:

 

 

 

 

 

Haben Sie, Freundin, noch einen guten sich senkenden Sonntag.
Lächelnd bin ich – und bleib es:
Ihr ANH

 

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