Wasserfrauen: Der poetischste aller „Tatort“s. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 28. Februar 2018. Borowski und das Land zwischen den Meeren. Mit Peter Bender, Ben Braeunlich und Sven Bohse, Christiane Paul und Axel Milberg. Dazu noch einmal FluxFM, sowie abermals, indessen freundlich nun, Paul-Henri Campbell.

[Arbeitswohnung, 5.02 Uhr
France musique: Le Jardin des Voix, Les Arts Florissants]

Ergriffen, tatsächlich tatsächlich ergriffen war ich gestern frühnachts, als ich in der ARD-Mediathek Borowski und das Land zwischen den Meeren sah, einen fast mythischen Film über eine nicht nur fast mythische Liebe. Geschrieben haben ihn Peter Bender, Ben Braeunlich und Sven Bohse, der auch die Regie geführt hat. Ohne es zu sein, ist Christiane Paul eine Meerfrau, beinahe Sirene, durch sie lebt das Meer als eine Person, die ihrem Wesen imgrunde selbst ganz ausgeliefert, dabei nicht einmal schön in „klassischem“ Sinn ist, sondern schön über ihre Ausstrahlung, ihr Lächeln, ihre Trauer; sie agiert, würde der psychoanalytische Terminus sagen, ihr Wesen, ist vergangenheitslos, pure Präsenz, und zieht in diese den neuen Liebhaber, der ebenso vergangenheitslos sein soll, es aber doch nicht ist. So nennt jemand ihrer beider Liebe eine „amour fou“, welches eine sei, die keine Vergangenheit und, so der bürgerliche Schluß, auch keine Zukunft habe. Zwei Elemente finden zueinander, die sich widersprechen, schon weil der Mann ein achtjähriges Kind in der Stadt zurückgelassen hat, die er fliehend verließ, und damit dieses auch. Als er zu zweifeln beginnt, zieht die Sirene ihn unter Wasser. Aber w i e! Wir erleben, und er wird uns vorgeführt, einen Liebestod – daß dieser nicht gefühlig verbrämt wird, sondern Teil eines Sexualaktes ist, gehört zu den mythischen Höhepunkten des Films, von dem ganz sicher einige, die nichts verstanden haben (nichts verstanden haben wollen), sagen werden, es sei dies komplett „unrealistisch“. Ich lese besser die Kritiken nicht.
Zu den entscheidenden Umständen, damit die Geschichte nicht in den Kitsch gerät, gehört, daß es sich bei dem liebenden Mann nicht um einen „guten Menschen“, sondern um jemanden handelt, der sich hat böse schmieren lassen, einen Kriminellen also, der nun von seiner Begegnung ebenso überrascht und von Liebe überwältigt wird, wie es danach dem ermittelnden Kommissar auch fast ergeht.
Außergewöhnlich intensiv, nämlich innig, spielt ihn Axel Milberg. Ja, seinen Borowski ergreift die Sirene ganz ebenfalls. Nein, er und sie kommen nicht zusammen – oder kommen es d o c h, aber in der Szene einer Nacht, worinnen Körperlichkeit zu reiner Seele wird – wundervoll geschnitten von … schade, das gibt die Seite leider nicht an. Dabei sind die „Cutter“ fast noch wichtiger als der Regisseur/die Regisseurin, denn sie geben den Filmen ihren Rhythmus. Es ist eine gleichermaßen eindrucksvoll wie betörend diskrete eben nicht-Beischlafszene, die indes die Essenz der Liebe einer Meerfrau zu einem Menschen gerade im nichtGeschehenden erfaßt und uns nachfühlbar macht. Daß dies einem älteren Mann geschieht, ist dabei ebenso unabdingbar, wie daß er es weiß.

©: 1, Das Erste – ARD/NDR, Christine Schröder 2018

Er weiß es fast von allem Anbeginn an, von dem ersten Blick an, den er, Borowski, mit ihr tauscht, der sich selbst ebenfalls nur ahnenden Meerfrau Famke; sie bleibt bis zum Ende des Filmes so in sich gefangen, was fremd der menschlichen/bürgerlichen Welt heißt, wie Hans Christian Andersens glücklich-unglückliche Meerjungfrau. Diese wiederum ist von Thomas Mann über Vladimir Nabokov, und auch mir selbst, eine der großen mythisch-poetischen Musen der Dichtkunst gewesen und erscheint als solche hier ausgerechnet in einem Tatort wieder. Der „Trick“ ist dabei, daß sie sich selbst tatsächlich nicht weiß, nur spürt, wie auch Borowski sie spürt. So verliert hier Moral ihr Recht, was der Film ebenfalls zeigt, nein: erzählt. Sehr schön dabei auch die ständigen Wandlungen Borowskis, der nie patriarchal daherkommt, wohl aber verspielt-machistisch aussehen kann, dann wird sogar sein Altmännerbart zur Geschlechtssymbolik, nämlich dann, wenn er sich mit Sonnenbrille zeigt, und dann wieder wird er, zu einem Viertel oder Drittel ganz perplex-benommen, innig Staunender.

Ungewöhnlich auch ist die Übernahme eines eindrucksvoll surrealen Traumbildes Borowskis in die dann geschehende Realität, wobei wir uns auch nur halb sicher sein können, daß es um sie sich handelt: nämlich der fast fiebrig konturierten, fast fiebrig glühenden Windhose, die über dem Meer steht – einem stets grauen, nicht blauen, dessen Kälte wir nicht nur spüren, sondern sogar die Meerfrau geht im Neoprenanzug schwimmen; mit äußerstem Fingerspitzengefühl wahrt Bohse die sich verschleifende Differenz von Realität und Imagination.

Nun habe ich den ersten Latte macchiato schon getrunken, Morgenpfeife und Morgencigarillo geraucht und mag Ihnen, Freundin, nur empfehlen, sich diesen poetischen Film selbst anzuschauen. Unter dem Link oben sei er, las ich eben, in der Mediathek bis zum 25. März noch verfügbar.

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[6.12 Uhr]
Zweiter Latte macchiato.

Es war ein schönes, lebhaftes, vonseiten der Moderatorin – Kate Kaputto – neugierig-offen geführtes Gespräch, das dort jetzt auch als Podcast nachhörbar ist. Wenn Sie es gestern, Freundin, also nicht „geschafft“ haben sollten…
Schon die großzügigen weiten Räumlichkeiten des Senders bewirken einen Eindruck äußerster Offenheit; mit im Studio, während der Aufnahme, war übrigens Hubert. Einmal, erinnere ich mich, können Sie ihn kurz und mopsisch bellen hören. Jedenfalls eine völlig andere Atmosphäre, als ich sie von meinen Öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten kenne, kein sich wichtig gebendes Autoritäres, das sich in erstarrten Formenkanons ausdrückt, keine ständige Kompetenzquatscherei, keine, kurz, Appartschikness, die alle Kreativen – seien es die Autor:inn:en oder Regisseure/innen, seien es die mutloser und mutloser werdenden Redakteure und Redakteurinnen selbst – in ständig verschobenen Regulationen erstickt. Aufatmen, dachte ich, als ich dort hineintrat und sofort einen – starken! – Kaffee bekam:

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Und dann, das ist unbedingt für gestern nachzutragen, hat sich Paul-Henri Campbell bei mir entschuldigt. Kurz, nachdem mein Journal eingestellt war, ließ er mich über FB wissen:

Okay, was Sie schreiben ist hart. Ich finde es aber fair. Sie werden Sie nicht akzeptieren, nehmen Sie meine Entschuldigung. Wissen Sie auch, was ich privat einer Person sage, damit gehe ich nicht „hausieren.“ Grüße, PHC.

 

Selbstverständlich nahm ich die Entschuldigung an, sie hatte schlichtweg Stil. Und damit Sie sehen, daß ich es auch ernst meine, verlinke ich sehr gerne auf eines seiner Bücher:

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Weiter mit den Thetisfahnen nun; gegen halb zwölf werde ich „fliehen“ müssen, weil Mme LaPutz wieder herumwirbeln wird, was allerdings schon des Kohleofens wegen ziemlich nötig ist. Und nachmittags werde ich mich auf eine unangenehme OP vorbereiten, die morgen über die Bühne, bzw. den Arztisch gehen wird, immerhin ambulant, dennoch die erste Vollnarkose meines Lebens. Vor der hab ich Bammel. Die Vorstellung, ausgeliefert zu sein, ist mir zutiefst widerwärtig, nicht sehen zu können. Ich hänge außerdem heiklen Fantasien unterschwellig nach: Vielleicht nehmen wir ja doch alles wahr und erinnern uns nur später nicht mehr dran, vielleicht einen jeden Schnitt, das Aufspreizen des Gewebes… Könnte ich zusehen, ich wäre tapfer-gelassen, jedenfalls gefaßt. So begebe ich mich (was ist das in diesem Fall? der Körper nur, abgeschnitten von Seele und Geist?) in die Wehrlosigkeit – die scheußlichste Situation, die ich mir vorstellen kann, aber wohl besser nicht sollte.
Nun gut, nachmittags soll alles vorbei sein. Und sowieso, tags drauf reise ich schon wieder, zum nunmehr dritten START-Seminar, übers Wochenende nach Frankfurt am Main. Jedenfalls werden Sie morgen früh von mir, oh Freundin, sicherlich n i c h t s lesen; ich darf nämlich, erklärte mir der Anästhesist, vor der OP weder essen noch, o Schreck, gar rauchen. Was aber wäre ein Arbeitsjournal ohne den Morgencigarillo? Es wäre nichts und wird nichts darum sein. Aber vielleicht, wenn ich wieder erwache, daß ich dann… meine Güte, mit dem Krankenwagen werd ich heimgebracht werden, Vorschrift… rasend peinlich ist mir das. Außerdem b i n ich nicht krank; da muß nur endlich etwas weg, das furchtbar, furchtbar nervt. Nein, Freundin, mehr erzählt ich nicht darüber. (Wie war das mit Heile, heile, Gänschen? „… in hunnert Jahrn is alles weck.“)
Der Ihre:
ANH

[Heinz Holliger, Konzert für Violoncello und Orchester
France musique contemporaine]

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