Wovor ich solche Angst. ODER. Die kurze Vollnarkose. Nachgetragen ins Arbeitsjournal des Freitags, den 1. März 2018. An dem es mittags, nämlich START III, weiter nach Frankfurt am Main geht.

In der Tat, davor, nicht vor der OP, hatte ich Angst. Es würde die erste Vollnarkose werden und i s t es nun geworden. Die OP selbst zwar, lassen Sie’s mich, Freundin, pikant nennen -, aber sie würde mich und hat mich jetzt von etwas befreit, das am vergangenen Wochenende Phyllis Kiehl ausgesprochen treffend beschrieben hat: „Da hast du dich selbst ins Aus geschossen“, nachdem zuvor die Löwin – oder danach? gestern abend am Telefon? – ebenfalls nicht eben unspöttisch bemerkt hatte: „Also bei Ihrer Lebensweise, da ist es doch nur selbstverständlich, daß Sie sich mal was einfangen.“ Und ihren Leitsatz wiederholte, er sei halt gefährlich…“ „Was?“ „… der Sex.“ Welch abgefeimtes Weib! Denn an ihrer Bemerkung war besonders gemein, daß ich seit gut einem Dreivierteljahr quasi abstinent lebe. Freilich das ist diesem Krankheitsbild egal; ich kann mir das Zeug vor Jahren eingefangen haben. Drauf schlummerte es brav, doch lauernd vor sich hin, bis ich an Widerstandskräften verlöre – um dann mit martialischstem Juchhu! die Wikinger zu spielen. In der Tat drängen sich militärtechnische Vergleiche auf, zum Beispiel die Belagerung von Namur.
Voll siegreichstem Juchhu brach’s denn dann auch aus und war selbst mit jenem Eingriff am Astronauten nicht zu stoppen. Im Gegenteil lief das Zeug danach erst recht zur Hochform auf – als hätte ich ein Trojanische Virenpferd verschluckt, das sich nun, im Wort-, also organischen Sinn am Ende, so richtig überhaupt erst auftat. „Das muß alles weg“, so der Chirurg, „und bitte: unter Vollnarkose.“ Es lasse sich nämlich nicht sagen, wie weit drinnen diese Myrmidonen ihre Befestigungen schon erbaut. – Was ich nicht nur seines, des Arztes, metaphorischem Anspielungsreichtums wegen erst relativ gelassen hinnahm, obwohl ich auch da schon nach Auswegen suchte. Außerdem lag der nächste freie Termin vier Wochen in der Zukunft. Bis dahin fließe noch genügend Beruhigungswasser die Spree mit hinab.
Aber dann ließ der Arzt am Montag anrufen: ihnen – was seine Praxis meinte – sei kurzfristig eine OP abgesprungen – hüpf! denkt man da -, da schöben sie gerne mich rein. „Wann denn?“ „Am Donnerstag um elf.“ Tapfer, also moi-même: „Ooooo-kay.“ „Aber Sie müssen schon um elf hier sein und vorher mit dem Anästhesisten gesprochen haben. Seine Telefonnummer haben Sie ja.“
Von da ging’s mit dem Bangen los, einem, das sich stündlich und immer weiter steigerte, je näher der Termin rückte. Vollnarkose, Göttin hilf! Nichts schlimmer für mich, als Kontrolle abzugeben. Immer will ich alles sehen. Nein, vor Schmerzen fürchte ich mich nicht. Sind halt nur Schmerzen. Aber den G e i s t ausschalten, meinen Geist, mithin mein Ich? Mich freiwillig hilflos werden lassen, ausgeliefert? – Und was passiert eigentlich während solcher Absentia? Vielleicht bekommen wir ja d o c h alles mit, so daß der Eingriff zu einem wahren Martyrium wird, an das wir uns nachher, wenn erwacht, nur nicht mehr erinnern? Vielleicht tun sich noch andre Höllen auf? Vor allem aber, mir wurde erklärt, man schlafe hernach bis mindestens drei Uhr frühnachmittags aus und komme dann erst zu sich – meine Güte, das sind vier Stunden aus meinem Leben geschnitten! Mein Leben wird um vier Stunden verkürzt! Filmrissig Amnesia, nie wieder aufzufüllen! Und! so!! weiter!!!
Vorgestern abend war ich nahe daran, meinerseits den Eingriff abzusagen, ich sei plötzlich erkrankt, Grippe, bei diesem Wetter kein Wunder. Laufende, gar verstopfte Nasen sind antioperativ. Woraufhin mich Freund Broßmann, der zum Essen herkam, am Erektum meines Stolzes faßte, so unschwul er, also Broßmann, ist: „Wie?? Du willst flüchten??? Du????“ Also faßt‘ i c h erbittert mir mein Herz in der Hose, in deren linke Tasche es gerutscht, und stopft‘ es zurück an den richtigen Platz.
Freilich blieb ich nervös noch im Wartezimmer.
Auf den Stuhl gegrätschten Beinwerks, der Ohnmachtsdoktor legt seinen Port. „Piekst ’n bißchen.“ Als würde mich das stören. Ne, der Pieks isses nu‘ wirklich nicht. „’s wird Ihnen warm werden, dann der Kopf tisserig.“ „Dusselig?“ „Nein, tisserig.“ Dazu noch dieses Häubchen auf dem Kopf, „der Hygiene wegen“ hatte mir vorher die Schwester erklärt, was die Absurdität nicht kleiner werden ließ – ich meine: bei meiner Frisur… über Schwimmkappen, die ich tragen soll, habe ich früher schon geschrieben.
Die Wärme stieg vom Magen auf. Ja, spürbar. Nicht unangenehm, eher interessant. Erreichte nicht mal den Hals, jedenfalls nicht spürbar, übersprang ihn sozusagen, dann fing das – wie war das Wort? – Tisserige an. Und –
weg.

Mir hatte geträumt. Ich programmierte irgendwas, war, wie sich dann herausstellte, eine halbe Stunde lang emsig beschäftigt. Weil ich programmieren aber gar nicht kann, wußte ich nachher nicht mehr, was. Es hielt mich indessen beschäftigt, nahezu in Atem.
„Alles erledigt.“
„Bitte?“
Ich war hellwach. Nur etwas schummrig war mir.
Die Schwester hatte einen Rollstuhl vor meinen Platz geschoben, da sollte ich rein. Da wollte man mich reinheben.
„Neenee, lassen Sie mal, ich schaff das schon alleine.“
Sie hielt dennoch zaghaft meinen Arm fest.
„Wie spät isses denn?“
Es war wirklich nur eine halbe Stunde vergangen.
Sie rollten mich in die Ruhekabine, die ich ‚Kajüte‘ nannte und mir auf diese Weise schon vorher vertraut gemacht hatte. – Ähm, schlafen? Jetzt schlafen? Kam ja gar nicht infrage. Als erstes riß ich, versehentlich, aber weil komplett aufgedreht, ein Poster von der Wand neben mir, das hübsch und geordnet die inneren Organe abwärts des menschlichen Magens zeigten, und versuchte, es wieder anzubringen. Gelang nicht.
Die Schwester schaute rein. „Randalieren Sie?“ – „Nee, ich habe nur das iPad drangelehnt, da isses runtergrauscht.“ – – „Jaja. Machen wir nachher. Aber wennSe schon wach sind, können Sie bitte diese Patientenbefragung ausfüllen?“ – Klar. War mir in der Tat recht; so hatte ich etwas zu tun, nachdem ich die Liebsten informiert und schnell auch nachgeguckt hatte, wieviele Zugriffe es während meiner Absens in Der Dschungel gegeben. Noch komme ich an >>>> die alten Twodayzahlen nicht heran. Aber es wird. – „Mögen Sie einen Tee? Und etwas essen, Kekse, Zwieback?“ „Oh, etwas essen, jaaaa!“
Ich mampfte, das schmale Buttergebäck klebte zwischen den Zähnen, und döste dann wohl doch etwas, trat aber nicht mehr weg. Um eins hielt es mich nicht mehr. Aber ich sollte auf den Krankentransporter warten, den ich schon vorher als besonders peinlich empfunden hatte. „Muß so sein, versicherungstechnisch.“ Daß Versicherungen Technik sind, ist ein schwerer Grund zur Meditation, Zen modern. Wenn jemand fragt, was Zen denn sei, und der andre antwortet, wissen es beide nicht. Mit der Technik schien’s mir nicht anders zu sein.
So stand ich schon in Anzug und Pelz im Hausflur vor der Praxis und dampfte vor mich hin, indessen ich mir die Sonne über dem Berliner Winter besah. „Kann etwas dauern“, hatte die Schwester mir gesagt und der Arzt mir Schmerzmittel gegeben, die ich zwei zweimal täglich nehmen soll, aber nicht nehme, obwohl mich meine Lektorin, auf die ich sonst imer höre, ermahnt hat: „Das ist auch gegen Entzündungen, also schluck die Pillen bitte.“ Nö. Habe ich bis jetzt nicht.

Dann kamen die Krankentransporter an, zu zweit plus abermals Rollstuhl. „Sie kommen meinetwegen.“ – Höchst skeptischer Blick auf mich. ‚Zu Ihnen‘, sollte der heißen, ‚ganz bestimmt nicht.‘ „Wie heißen Sie denn? – Oh, dann doch.“
Ich sagte Danke quer durch die Praxis, dann schritten wir hinab, der eine Sanitäter, der andere Sanitäter, der Stuhl und ich. Wobei der Stuhl nicht eigentlich schritt. Es sah aber etwas so aus. Wir fuhren auch mehr, sowieso, im Fahrstuhl. – Irgendwie tat er mir leid, der Stuhl, weil es so sinnentleert blieb und deshalb zu einer Figur aus Douglas Adams‘ The Hitchhiker’s Guide to the Universe geworden war, eine Tetralogie, die wie keine zweites Stück Literatur Entfremdung sinnlich zu fassen vermag. Ich hörte ihn seufzen, leise, sogar, und nahm im Transit Platz:

Dann ließ ich mich durch Berlin chauffieren.

Wie lustvoll war doch die Sonne!

लक्ष्मी hatte Kaffee zubereitet. Doch gab es keine Milch. „Ich hol eben welche.“ „Bist du dir sicher?“
Mein Sohn grinste.
Ich schob ab, kaufte ein, kehrte zurück. Und eine Stunde später brach ich spazierend zur Arbeitswohnung auf. Daß der Popó (bitte auf dem zweiten ‚o‘ betonen) jetzt ein bißchen wehtat, schien mir der Ordnung der Welt zu entsprechen. Scheint mir auch jetzt noch

[Arbeitswohnung, 6.22 Uhr]

so zu sein.

Seit Viertel vor fünf bin ich auf. Erster Latte macchiato, schon geraucht den Morgencigarillo. Kurz die Ofenkohle hochglühen, dann vor sich hin verschmauchen lassen, weil ich um halb eins schon in der SBahn zum ICE nach Frankfurt sitzen werde; da muß es hier nicht warm sein. Um acht allerdings schon ‚Nach’kontrolle beim Chirurgen. Selbstverständlich fahr ich da mit dem Rad hin. – Ein jedenfalls knapp getakteter Tag. Während der Fahrt die Thetisfahnen ff, in denen ich gestern dann auch noch korrigiert habe. Jetzt sind es nicht mehr viele Seiten.
Derweil leere ich, parallel, den alten Laptop, sichere aber die Dateien, selbstverständlich, und übertrage sie auf mein, ecco, Zennerlbook. Welche ich schließlich löschen kann, entscheide ich später mal zwischendurch. Das alte Gerät geht an लक्ष्मी, deren Airbook aufgegeben hat, bzw. hat’s das noch nicht ganz, aber es zuckt mehr, als es rundläuft.

Gut, liebste Freundin, also das nächste Seminar, diesmal mit entschieden mehr Teilnehmer:inne:n; deshalb wird unser Team auch zu dritt sein. Und um meine Lektorin zu beruhigen: Die Schmerztabletten nehm ich mit, auch wenn ich wahrscheinlich „ganz für umsonst“ die Rezeptgebühr berappt hab.

Ich habe Lust auf Gedichte: wieder welche zu schreiben. So wohl ist mir rundum (Betonung auf ‚um‘). Zurück|beschnitten ins lebendige Leben: / Mußt Frauen, du Unhold, | nicht länger meiden (Arsches Dankgesang, Verse 10 & 11; „lebendig“ heißt selbstverständlich „nicht ewig“).

Ihr ANH

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