III, 365 – Der Chor der Roten Armee

Bevor 2 Jahre um sind, hat diese IIIer-Serie nun ihr Jahr vollendet nämlich mit 365 Einträgen seit dem 26.3.16, im Schnitt also alle zwei Tage ein Steinchen zum Lampe-Mosaik, auch wenn’s derzeit eher träge zugeht, weil die Zeit sich Zeit läßt, und der Verfasser ihr nichts wirklich Wichtiges entgegenzuhalten weiß. Seine Outdoor-Aktivitäten reduzieren sich immer wieder auf das nicht zu Vermeidende. Und falls in den Fernen der Milchstraße ein Interesse auftaucht, stört ihn das Staubkorn am linken Nasenflügel, das ihn daran hindert, das in der Milchstraße erahnte Interesse dem anderen Interesse aufzuopfern, dem Staubkorn in einer – sagen wir – unendlich langen Vorbereitung, die Stunden dauern kann, den Garaus zu machen.

Es ist ein Kampf auch der Bilder gegen Bilder. Das eine ist das Eigenbild von Sich. Nach wie vor. Das andere sind die Bilder der Lektüre. Ein noch anderes die Bilder, die man selber entstehen lassen will. Obwohl der Wein mich irgendwann doch wieder in Bilder führt, die ich mir passiv anschaue. Sei’s eine Tatort-Folge, sei’s ein Biermann-Konzert, Biermann, in den letzten Tagen wiederentdeckt, lange nicht mehr gehört. Auch eine Art Heraufbeschwören. Um dann morgends erst gegen 9 oder gar erst zehn dem Schlaf mit einem “Redrum”, geschrieben mit rotem Lippenstift, den Spiegel vorzuhalten. Morgue ends life.

Es hat Schnee gelegen, stimmt. Ich schrieb davon, wie es anfing. Minusgrade erzeugten Eisglätte. Und Asche war zu streuen, den Hof zu verlassen, wäre sonst tatsächlich riskant gewesen. Nun liegt aber gar nichts mehr, und ich muß mich sogar ein bißchen beeilen, das Ofenholz zu verfeuern, in ein bis anderthalb Wochen sagt die Wettervorhersage schon mildeste Temperaturen voraus.

Und so erübrigt sich auch die Geschichte von den in Neapel angebotenen fertig gerollten Schneebällen, das Stück zu € 0,50, Stücker drei zum Vorzugspreis von € 1,00. Denn dort hatte es auch geschneit. Ich, meinte er, solle darüber schreiben, aber, sagte ich, auf dem Zettel stehen anderen Dinge.

So zum Beispiel akustische Halluzinationen. Ich las wahrscheinlich weiter in Aragons “Blanche”, die ich immer noch nicht verstehe (bzw. in die ich einen analogen Weg geschaufelt, wie auf dem Hof am Montagmorgen einen provisorischen Weg durch den Schnee, um wenigstens einen ungefähren Weg zu bahnen, um nicht steckenzubleiben) und reichlich “neige” rieseln läßt. So ungefähr stelle ich mir vor, daß dem am Abend vorm Fernseher eingeschlafenen Vater der schneeige Bildschirm vorgekommen sein muß, als er endlich aufwachte. Was für Geschichten!

Also beim Lesen hörte ich weiter nichts, da war nur das eintönige Rauschen dieses nunmehr über zehn Jahre alten Küchen-PCs, da erstand so etwas wie Gesänge des Chors der Roten Armee in all der patriotischen Begeistertheit, dessen diese Gesänge fähig sind, was natürlich voraussetzt, daß ich mir sowas tatsächlich schon gern angehört habe (irgendwann sogar der ein Film aus den 50er Jahren: ‘Soweit die Füße tragen’). Und überhaupt: antifaschistisch eingestellt sein im italienischen Wahlkampf…, in dem sich Faschisten, wie ich schrieb, salonfähig machten. (Heute um 23 Uhr schließen die Wahlurnen). Es hat schon andere solche Momente der akustischen Halluzinationen gegeben. Voraussetzung ist immer ein monotones Geräusch. So hörte ich einmal auf einer Autobahnfahrt von Fiumicino nach Amelia in der Nacht Tango-Klänge in meinen Ohren. Usw. usf.

Zuweilen – Ich weiß nicht, ob Dir je etwas Ähnliches glückte, u. ob Du es folglich für wahr halten kannst. Aber ich höre zuweilen, wenn ich in der Dämmerung, einsam, dem wehenden Athem des Westwinds entgegen gehe, u. besonders wenn ich dann die Augen schließe, ganze Concerte, vollständig, mit allen Instrumenten von der zärtlichen Flöte bis zum rauschenden Contra-Violon. Kleist an Wilhelmine von Zenge, Würzburg 19.9.1800

Ansonsten steht da noch: “Verständnisschwierigkeiten mit O —> 237, 238! unten / wichtige poetische frage – wer ist der gesprächspartner —> 246 oben [und meint ‘Blanche’] und einen ganzen abend eskimo-pop”.

Irgendwie brachte mich jetzt YouTube von Scelsi auf unbekannten Umwegen zu Malipiero ‘Sinfonie del silenzio e della morte’… sei’s. Enderby schlich auch durchs Haus.

III, 364

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