III, 372 – Wer weiß?

Wieder kurz davor, von einer Tätigkeit zur anderen zu zappen, als es klopfte. S., der Ukrainer Sohn, dies schlanke blonde Bürschchen. Mutter habe Gespräche zu führen, er müsse zur Musikschule, die Gitarre irre schwer. Ob ich nich’… und sagte sogar die Zeit: „zehn vor fünf“. Tief durchatmen. Er, sagte er, sei dann bereit, ich sagte nach einigem Zögern, ich dann vielleicht (mit großer Betonung auf dem „vielleicht“) auch. Nochmal durchatmen.

Wie üblich war in einer solchen Situation ein Umschalten auf Anderes dann nicht mehr möglich. Was soll ich in der Zeitspanne einer Stunde schon Neues anfangen? Ergo Leerlauf.
Bevor er aus der Haustür trat, stand ich schon mit Gennaro vorm Bioladen, der dort zur Zeit gelegentlich als Freiwilliger “Dienst” tut, weil die Hauptbeschäftigte von der Elfenbeinküste für drei Monate einen lukrativeren Job gefunden: als Altenpflegerin, bis daß der Tod euch scheide. Ja doch, so laufen diese Jobs. Jemanden bis in den Tod pflegen. Immigrantinnenjobs.

Ob ich schon über die Vierundsechzig hinaus sei? Er, Gennaro. “A voglia.” Er noch nicht, fühle sich entsprechend jünger, heuchelte er, ich lachte. Heilige Lüge! Und dachten darüber nach, wie der Name der Mutter dieses Bürschchens, auf das ich da nun praktisch wartete, auszusprechen sei. Ich hatte immer die zweite Silbe betont. Er meinte, die Schweizerin betone ihn auf der ersten Silbe der im Ganzen vorhandenen vier Silben. In der polnischen Version Miroslawa, der mir heute in einer Übersetzung vorkam, weiterer Name (Vorname?) Czyz: Tschüß? Hm. Also in der Übersetzung (Berufungsurteil von 2017, und es geht um einen Unfall von 2007 (Gottes Mühlen)).

S. kam dann aus seiner schräg gegenüber liegenden Wohnung heraus mit seinem schwarzen Gitarrenkasten. Ich fragte ihn kurz nach der Aussprache: “Erste Silbe.” Dekretierte er. Wir gingen zum Auto, ich nahm den Gitarrenkasten in die Hand: für mich eher leicht. Der Weg sei aber weit, meinte er.

Dieweil stellte ich fest, daß sich auf den Scheiben des Autos Sand abgesetzt. Mithin Schirokko-Regen. Die Scheibenwischanlage mußte betätigt werden. Irgendwie kam der Junge, während wir im Auto hinunterfuhren, auf den Vesuv zu sprechen, den schlafenden Vulkan. Ob das dann auch bis hierher kommen würde, wenn… Ganz sicher, meinte ich, es käme auch auf die Windrichtungen an. Und erwähnte das finstere Jahr in Europa, das auf den Ausbruch des indonesischen Krakatau im 19. Jahrhundert gefolgt war. Man hat halt seinen Schmidt gelesen. Wirklich vorstellen könne ich’s mir nicht. Aber da war auch Tambora.

Hm, meinte er, wir reden hier einfach so über das Ende der Welt. Stimmt, meinte ich. Aber da mußte ich schon das Ende der Altstadt an der Porta Romana in Acht nehmen, um hinausschlüpfen zu können, ohne irgendwelche Vorfahrten zu verletzen. Und schon waren wir vor der Musikschule. Er bedankte sich recht höflich. Und hinauf ging’s wieder über die 90-Grad-Kurve mit hochprozentiger Steigung.

Und nochmal zum Bioladen. Hatte noch Lust, mit Gennaro zu fabulieren. Das klappt immer ganz gut, so ein Navigieren zwischen Livornesisch (unterm Link ein Satiremagazin im livornesischen Dialekt (naja, recht deftig: „buoderculo“ – indovinate!)) und Neapolitanisch mit Exkursionen über die Aussprache schwieriger deutscher Wörter: München, weil eben wegen Bayern und mein Frohsinn über AS Roma und Liverpool (immer wieder die Nostalgie nach anständigen Fußballspielen auf der Mattscheibe, ich geb’s zu).

Außerdem brauchte ich Suppenmaterial, denn frisches Gemüse war angekommen. Und irgendwann, wir standen schon an der Straße, aber dauernd kam wieder ein Auto um die Ecke, das mich daran hinderte, über die Straße zu gehen, wie es so passiert, wenn man sagt, jetzt muß ich aber, aber eben dann sich wieder ins Parlieren verlegt, weil eben grad wieder ein Auto vorbeikommt, meinte er nach einer Bemerkung über mein immer länger werdendes Haar, auf die ich wie üblich antwortete, ja ich müsse mal wieder etc. zu Tonino, dem Friseur, daß er gerade gestern erst dort gewesen sei.

Tatsächlich sein kurzgeschnittenes Haar, wie ich es selbst für mich meinem inneren Auge vorführe seit nunmehr schon zig Wochen, aber dennoch nicht von dem “lockigen Haar” so einfach Abstand zu nehmen weiß, das so verwegen da wallt in meinem Nacken. Aber man ist eben nicht mehr neunzehn. Wie man damals sagte: “Lange Haare, kurzer Verstand”.

Neulich bimmelte das Mobiltelefon: eine angenehm überraschende Annegret (die Stimme sofort wiedererkannt! Seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Mitschülerin am Wolfsburg-Kolleg, wichtiger Kontakt während der Studienzeit in Berlin. Rief an, weil Anfang September das Wolfsburg-Kolleg (ZBW (der heutige Sitz entspricht nicht dem damaligen)) sein 50jähriges Bestehen feiert und deshalb auch Leute der ganz alten Jahrgänge einladen möchte. Man könne über deren Website entsprechenden Kontakt aufnehmen. Neunzehn damals und lange Haare. 1973! Ich glaub’, den Spaß einer Einladung ließe ich mir gefallen, aber ob ich dort werde sein können, ist eine Fifty-fifty-Frage. Einen Spaß bereitete es mir wahrscheinlich schon.

Und da fing Gennaro an, von seinem Vater zu reden, wie er beim Friseur gesagt habe, sein Haar sehe mittlerweile mausgrau aus, und das habe er, Gennaro, selbst gestern auch beim Friseur festgestellt, was das seine betreffe. Dauernd kamen weitere Autos vorüber, die mich am Fortgehen hinderten, da die jeweiligen Sätze, die Gennaro sprach, so angelegt waren, daß man mich am Ende wahrscheinlich überfahren hätte, weil das Ende des Satzes der Entfernung entsprach, die fehlte, mich von dem kommenden Auto überfahren zu lassen.

Immerhin ein kleines Kompliment am Schluß: ich hätte ja nun kein mausgraues Haar wie er, sondern es gehe das meine eher ins Weiße. Was durchaus von Vorteil sei.

Wer weiß?

III, 371 – faces

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