III, 375 – frizzo

Fast am Ende mit dem Rohtext der über 200 Seiten langen Versicherungsbedingungen: große Erleichterung. Jetzt kommt die Feinarbeit. Die Zeit sollte reichen bis zum 7. Mai. Zumal anderweitig eine ziemliche Ruhe herrscht wegen der Feiertage (25.4. und 1.5.) und nebenbei lediglich ein “leaflet” über Kalbfleisch aus der Poebene zu erledigen ist (dieselbe Agentur hatte neulich das Menü für eine Pornosite zu übersetzen, viel mehr als 50 Begriffe waren’s nicht, aber und um zu sehen, wie man denn bestimmte Begriffe locker an den Mann bringt, mußt’ ich doch ein bißchen googeln und Bilder anschau’n, ohne allerdings die Seiten zu öffnen, war mir zu gefährlich: “Beware the Jubjub bird, and shun / The frumious Bandersnatch!” (und? fragte mich mal jemand, als ich erzählte, daß ich mit einer Frau während eines Gewitters auf dem Sofa gesessen und der Strom wegging. Wir nahmen eine Taschenlampe und fuhren fort, uns über die Zoten einen abzulachen, die Schmidt in ‘Der Sonn’ entgegen’ abließ, was wir uns abwechselnd gegenseitig vorlasen (und? (hinter dem Wort “Bandersnatch weiterlesen: ecco))). Indes war also der Dienstag gekommen, der Tutag bzw. Mars ahoi.

An den ich mich nur noch insofern erinnere, als er mir jetzt in der Fiktion als der Tag vorkommen will, an dem ich mit Leopold Schefer den Petersdom bestiegen. Jawoll. Nämlich in dem Kapitel “Die Kuppelerleuchtung” in der Erzählung “Der Zwerg”, denn die Kuppel der Peterskirche in Rom wird “Ostern, und am Peter- und Pauls-Tage, wie bekannt, prachtvoll erleuchtet”. Dazu waren Pechpfannen hoch oben anzuzünden, auch auf dem alles überragenden Kreuz. Der, der’s erzählt, kannte den, der’s sonst machte, der aber einen verbundenen Arm hatte. So bietet er, der Erzähler, sich an und steigt an dessen Statt. Das ganze führt zu einem Delirium dort oben auf dem Kreuz, das mehr als zwanzig Seiten einnimmt. Ihn packt nämlich dann doch der Schwindel, und er kommt nicht hinunter. Ein Gewitter kommt noch dazu. Er vermag sich nicht zu rühren. Seitdem lese ich nur noch Schefer und finde schon beim nächsten “Kurzroman” (‘Die Deportirten’ – eine Reise von englischen Strafgefangenen nach der Insel Tasmanien) eine ganz andere Erzählweise. Die Ausgabe, die ich habe, war der erste Band der zweiten Folge (mit silbernem Einband) der „Haidnischen Alterthümer“, die allesamt Ausgaben von Werken herausgaben, die der Schmidt’schen Literatur-Archäologie entsprungen, zumindest die erste Folge steht hier vollständig. Wahrscheinlich nur noch über ZVAB zu bekommen.

Und so kam der 25., Feiertag, Tag der Befreiung. Der ganze Tag war sehr still hier oben in der Altstadt. Lediglich gegen Mittag zog gegenüber auf der Straße der festtägliche Zug mit Kapelle vorbei. Vorweg zwei Carabinieri, dann die Musiker, dann die Veteranen mit Veteranen-Käppi, dann eine italienische Flagge, gehalten von acht Frauen, als hielten sie ein Leichentuch, dann ein minimales Häuflein Aufrechter. Die Bürgermeisterin war jedenfalls nicht dabei.

In den Tagen danach erhob sich im städtischen FB-Forum eine heftige Streiterei, denn die Bürgermeisterin (die bei den Wahlen für B.lusconis Partei kandidierte) hatte untersagt, dass die Kapelle “Bella Ciao” spielt, wie sonst üblich, dieses auf die Partisanen anspielende Liedchen. Auch andernorts sei das geschehen. Dann tauchten nach und nach Filmchen auf von Leuten, die auf dem Platz Augusto Vera von selber dieses Liedchen sangen. Selbst ‘La Repubblica’ veröffentlichte ein Video dieses “Flash mobs”. Man erkennt sogar Tullia vom B&B auf der anderen Seite des Rathausplatzes. Überhaupt ein allgemeines Kleinreden der Partisanen. Und ein Hervorheben des „roten Gesocks“ vor allem in aufgebauschten Ressentiments gegen die Jugoslawen und die Geschichten in der damaligen Zeit rund um Triest im Karst. Darauf einzugehen ist müßig, die Nachweise sind auf welcher Seite auch immer stichhaltig. Scheinbar. Und diese Scheinbarkeit verbietet jede Stellungnahme, die ganz einfach nur in eine Meinung mündet, die man selber nicht wirklich haben kann. Rubbish. Außer man sitzt am Stammtisch, rummsdibumms. Und der andere grundsätzlich ein Arschloch.

Aber tatsächlich wurde mittlerweile auf Druck der Rechten – es ist nicht allzu lang her – ein Gedenktag für die Opfer des jugoslawischen Kommunismus eingeführt. Gemeint ist dieses. Klar, Schuldzuweisungen, um sich reinzuwaschen.

Donnerstag war Godard an der Reihe. ‘Pierrot le fou’. Projektion vor einem Häuflein Aufrechter. Jedenfalls nicht mehr als zwölf im Saal, um das ins Dutzend zu erheben, was das italienische “dozzina” eher ins Ungefähre ummünzt. Noch so’n Delirium: das Drehbuch würd’ ich gern mal lesen. Werbesprache, Absurdes, Poetisches (eine Stelle, wo sie ihn “Paul” nennt (sonst nennt sie ihn Pierrot, woraufhin er immer betont, er heiße Ferdinand), und er ihr ein “Virginie” hinterherwirft („Questa poi la conosco purtroppo“). Also ein en plein der Entzückung. Peter Steins Frau Maddalena Crippa, die ohne ihn da war, äußerte sich dito begeistert im Hinterher und schloß, bevor sie ging, mit den Worten “Io frizzo” – “Ich prickle”. “Il fait beau”. Der, der den Film projizierte, empfand den Film als “kalt”, vielleicht – während wir gemeinsam in die Oberstadt heimgingen – weil er, wie er sagte, eben “intellektuell” sei. Wahrscheinlich hat er Recht. E già, i sentimenti!

Während ich – wie jetzt oft – meine Zigarettenpausen im Hofe verspazierte, kam mein neues Spielzeug an: ein Minifotoapparat. Habe es also nun doch getan, nachdem das nun recht sehr lange hin und her ging im Kopfe. Doch ich kann mich partout zu keinem Smartphone durchringen. Aber ab und zu knipsen – das vielleicht doch… Also vielleicht demnächst Fotos, sofern sie schräge genug sind. Aber erstmal muß ich damit umgehen lernen. So klein und fusselig, wie das Dings ist. Ja doch, ich brauchte ein neues Spielzeug. Gestern machte ich 10 Fotos, heute eins, in zehn Tagen dann wieder eins. Wie das so mit Spielzeugen geht.

Auf allen Höhen weht der Wind heftiger; aber hier oben rasselte, heulte und pfiff heut ein sausender Sturm, daß meine Haare mir nicht einmal zu Berge stehen konnten, von seinem reißenden Strome vorgewühlt. Gern hätte ich den Hut mir in die Augen gedrückt, aber der war mir vom Kopfe gefallen, als ich ohmächtig von der Leiter auf das Kreuz gesunken.
[Schefer, Die Kuppelerleuchtung]

Mein Haar wallt auch nicht mehr, es war sehr lang geworden in all den Monaten, dauernd dacht’ ich nur noch: “Haha, wie fast mit neunzehn”. Wachte aber regelmäßig wie Struwwelpeter auf, also Shampoo täglich, falls Aushäusigkeiten angesagt waren, sonst wär’s Mist gewesen. Also vertraute ich mich vorgestern vertraulich Antonio an!
Und, wie ich grad sehe, eine neue Winterreise-Version bei youtube. Und noch besser von gar 1948 dieses.

III, 374 – „b-moll“

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2 Kommentare zu III, 375 – frizzo

  1. @Bruno Lampe zu Hampsons Winterreise:
    Die Aufnahme ist schon alt, stammt aus den Endneunzigern. Man merkt ihr ein wenig die Skrupel an, die Hampson, seiner damals eigenen Verlautbarung nach, gegenüber Schubert gehabt hat. Deshalb reicht sie für mich an Oliver Widmers Interpretation nicht heran, die Sie kennen, von der es aber, so sehr ich auch suchte, keine erhältliche Einspielung gibt. Ich hatte das Glück, im Radio eine live-Übertragung mitschneiden zu können.
    Im Gegensatz zu Hampson hat Widmer von Fischer-Dieskau den deklamierenden Ton gelernt, ohne allein noch zu deklamieren, wie es sein Lehrer in den letzten Jahren getan. Hier eine Dokumentation über den ganz jungen Widmer im Verhältnis zu seinem Lehrer:

     
    Weshalb Widmer, anders als Hampson, nicht längst weltbekannt ist, verstehe ich eigentlich nicht, zumal er, mit Cecilia Bartoli als Gattin, jede Voraussetzung hätte. Vielleicht ist ja dies einmal der seltene Fall, daß ein Mann ganz bewußt hinter der geliebten Frau zurückstehen will.

    • Bruno Lampe sagt:

      Hör‘ mir das erst jetzt an. Erinnert sehr an Gespräche über Silben und Versmaße, Betonungen und Sinn im Schall. Man spricht von Nichts und meint doch Alles.

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