Erste Erwähnung des Requiems von Orth, Schachinger und Stavarič. Im Arbeitsjournal des Donnerstags, den 3. Mai 2018. Vor allem aber die bedrückte Rezension eines Lesungsabends.

[Arbeitswohnung, 8.56 Uhr]


Küken Gottes, ihr wisst nicht, dass euch am Ende der Fahrt
ein Zerfetzer erwartet, der gelbe Flaum und das rote Blut
mischt sich und sticht ins Orange der untergehenden Sonne.

Orths, Schachinger, Stavarič: R e q u i e m

 

Es war ein fast lauer Abend, dennoch der leichte Trenchcoat nötig, auch der Hut dazu ließ sich tragen und der Ort der Veranstaltung nach kurzem Spaziergang erreichen. Vor den Cafés saßen die Menschen, vorwiegend junge, plaudernd, trinkend, essend; wem es zu kühl war, hielt eine Decke über die Beine geschlungen, teils auch, Frauen vor allem, über die Schultern. Kühler Mai, doch Mai. Seit Tagen schon durchduftet’s die Straßen, als ob bereits die Linden blühten. Frühling ist vor allem Geruch, dieser und Licht. Da mag es gern auch mal regnen.
Ich war voller Erwartung, habe mich auf die Lesung gefreut, bin ohnedies im Lesemodus derzeit, trinke die Bücher. Dafür schreibe ich weniger, ja kaum. Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. Kohelet, 3,1. Wie lange ich brauchte, um zu bemerken, daß der Fürstin Werdenberg, dieser so sehr großen Frau, berühmter Satz sich darauf bezieht! Ach Hofmannsthal!

Angekommen, war ich fast drei Viertel einer Stunde zu früh; es standen nur vier Mitarbeiterinnen des Verlages und ein Mitarbeiter, alle jung, er sogar noch jugendlich, vor dem Eingang und schwätzten und rauchten wie alle anderen, die es auf die Straßen umher gelockt hatte. Ich hatte mir schlichtweg die falsche Uhrzeit für die Lesung notiert, hätte nun noch etwas flanieren können, aber die Fünfe boten mir einen Wein an, den ich meiner derzeit bekannten Diätgründe halber ablehnte, nicht aber den Tee. Und so stand ich da.
Ins Gespräch der Fünfe gehörte ich nicht, was also tun?
„Darf ich?“ fragte ich und schnappte mir eines vom Stapel der drinnen für Verkauf und Signieren ausgelegten, sehr dicken Bücher. Viel-, s e h r vielversprechend hatte es meinen Blick quasi erwidert, „lies mich, lies mich!“ bedeutend. Selten bin ich vor Beginn einer neuen Lektüre von solcher Erwartung. Es gibt auch gute Vorurteile. In mir war alles auf Gefallen gestellt.
Dreißig Seiten durchlas ich draußen vor der Tür, im Stehen wenige Schritte neben den Fünfen, auf dem schmalen Blechschutz vor einem der Schaufenster achtelsitzend. Das schwere Buch wog. Machte nichts. Nur aber drauf achten, daß dir nicht versehentlich der Schutzumschlag einreißt. Ihn hingegen abzuziehen und beiseitezulegen, wäre einer unzulässigen Aneignung gleichgekommen.
Die Seiten überzeugten, überzeugten s e h r. Hier hatte sich einer, von dem ich’s so auch erwartet, an ein altes, gleichsam ewiges Thema gewagt. – Nun jà, „ewig“: Die erste Kunde erreicht uns davon aus dem Hochmittelalter, langt motivisch allerdings in die Antike zurück. Daß ich Ihnen, liebe Freundin, nicht erzähle, um welches es sich handelt, werden Sie nachher verstehen. – Jedenfalls, Lederjoppe, schief aufgesetzte Baskenmütze… nur daß der Herr beleibt ist, scheint mir ein Novum zu sein (im falschen Neudeutsch ohne „zu sein“ – wie wenn das Novum Sonne wäre!). Ein Herr doch aber immerhin. Indes int’ressant, daß der Vertrag über den Kopf des hier ein wenig zu frühe lebensmüden Helden, über ihn also hinweg geschlossen wird. – Spannender Ansatz.
Ich mag bekanntlich hybride Unternehmen. Meine Sympathie für den seit den späten Achtzigern von mir verehrten Autor nahm noch zu.

Sein Lektor kam, begrüßte mich, stellte sich mit Freunden abseits, schon zu den Fünfen. Sie waren miteinander vertraut. Dann kam auch der Autor heraus. Er war deutlich alt geworden, doch seine Pfiffigkeit schien mir erhalten geblieben zu sein.
Der Lektor stellte mich ihm vor, wir gaben uns die Hand. Daß wir uns nichts zu sagen hatten, lag schon an Zegna und Krawatte, die ich beide trug; poetisches sozusagen Proletariat trifft auf Aristokratie, egal ob die rot, ob anarch. Bei wirkenden DDR-Herkünften, ich spür es immer wieder, sträubt sich deren Phylogenese. Das ist nicht schlimm, halt nur der Fall. Meiner Achtung vor Führmann, Mickel, Reimann, Müller (Heiner) nimmt das nichts. Fremdheit ist Humus.

Es dauerte noch, bis die Veranstaltung begann. Schließlich fanden wir uns zu zwanzig/fünfundzwanzig im Leseraum ein, nahmen Platz. Ich tat’s hinten auf einer Bank, nicht an den längst aneinandergestellten Tischen, saß quasi dem Dichter genau gegenüber.
Von mir aus gesehen rechts neben ihm sein Lektor, der nach der Begrüßung durch den Verleger eine kleine Einführung las, hüstelnd, da erkältet, und sich immer wieder räuspernd, ich spürte den Schmerz in seiner Kehle.
Er – ausgerechnet er! – sprach, zu meinem Erstaunen, von phantastischer Literatur, von Philip K. Dick sogar (der nun tatsächlich nicht schreiben konnte, aber halt Einfälle hatte wie kaum jemand sonst in dem Genre) und davon, daß der heute abend lesende Autor die Gefilde des Realismus verlassen und sich eben in die Phantastik begeben habe. – Meine Neugier wuchs, mein Wohlwollen wogte.
Er habe, der Autor, eine vierzigminüte „tour de force“ durch den Mammutroman vor. Auch das mir sympathisch. Und ich erinnerte mich, daß Ulrich Faure mich bereits vor Jahren auf dieses Buch aufmerksam gemacht, das es damals aber noch nicht gab, sondern nur als Typoskript vorlag, das er mir, glaube ich, mich zu erinnern, sogar als Datei übersandte – die Bitte darangefügt, ob nicht ich bei „meinen“ Verlagen vielleicht ein Wort einlegen könne. Und ich erinnerte mich weiter, daß ich in das Typoskript hineingelesen, es dann aber voller Zweifel beiseitegelegt hatte.
Weshalb? Weshalb hatte ich das getan, wenn ich doch jetzt, auf der Straße vor dem Veranstaltungsraum so begeistert drin gelesen hatte? Hatten sich – haben sich – meine Kriterien derart verändert?

Und dann l i e s t der Mann. Stockend, betonungslos, immer wieder die Zeile verlierend.
Er beginnt mit dem Anfang, den ich schon kenne. So ist’s nicht schlimm, daß der Lesende stockt. Später wird es nervig. Aber gute Autor:inn:en müssen keine guten Vorleser sein, und Vorleserinnen. Oft kann der holpernde oder pur nach innen gerichtete Vortrag der Konzentration sogar helfen, weil alle Sinne der Hörenden nach vorn gerichtet werden müssen. Indes tut hier genau das – weh.
Zunehmend verliert der Roman an Struktur. Die Sprache, von ein paar bonmotartigen Wendungen abgesehen, ist von einer Schlichte, die dahinreferiert wirkt. Dazu eine furchtbare Neigung zum Kalauern, Ankalauern, u n d – da bin ich besonders empfindlich – zum Gezote. Eine Art Altmännerfreude am Furzen, die so auch ausgedrückt wird. Dazu eine völlig unreflektierte, sich gefällig im eigenen Ausdunst wälzende Art von greise gewordenem, ja altersverwirrtem Machismo – ach was! viel zu elegant das spanische Wort!
Mein Unbehagen wuchs und wuchs. Es schwoll. Vor allem, weil politisch ja sein mochte, was der alte Mann beklagte, aber doch nicht so: in dieser viel zu selbstgewissen, nichts mehr befragenden, zunehmend täppischer werdenden Prosa! Dieses Gesülze über die etwa technologischen Enwicklungen der Gegenwart, Sülze, ja! … fehlte nur, daß von „die Jugend von heute“ gesprochen wurde.

Kurz, der Abend wurde zur Qual.
Doch sie ward noch gesteigert.
Ich weiß nicht, ob der Applaus, den der alte Mann erhielt, ehrlich gemeint war. Wenn, dann waren die Leute entweder von Sympathie verblendet oder sie verstanden nichts von Romanen. Ich kann’s mir nicht vorstellen, schon gar nicht bei diesem Verleger, den ich ungemein achte. Auch den Lektor, einen der wichtigsten Köpfe, noch immer, der poetischen Gegenwart, verstehe ich nicht. – Bin ich so blind? Mag sein. Doch dann bin ich’s gerne.
Sie ward noch gesteigert, ja. Denn es folgte ein Gespräch mit dem Autor, das jedes, aber auch jedes Urteil, das sich während der Lesung in mir vorbereitet hatte, aufs allerschlimmste bestätigte – und aufs allermitleidsvollste. Der Mann, der da antwortend sprach, verstand nicht mehr die Fragen, wußte nicht mehr die Antworten, bezog alles auf sich allein persönlich, er, imgrunde, sei der Held des Romans, auch er selbst immer auf der … nein, darf ich nicht verraten, will ich nicht verraten. Sonst bekommen Sie doch noch heraus, von wem ich hier spreche.
Und dann habe er viel geträumt in der langen Romanentstehungszeit und seine Träume aufgeschrieben und später dann mit seinen Aufzeichnungen zu dem Roman verbunden, nein, konstruiert habe er nicht, nicht bewußt, alles sei „so aus ihm geflossen“ und so in den Roman hinein. Schließlich wird er von einem Ufo entführt, in dessen Bordbibliothek ganz offensichtlich weder Lem stehn noch Clarke oder Dick, um von den Modernen wie Gibson und Stephens, gar von Pynchon zu schweigen; jedenfalls hat es niemand gelesen: Der Autor hätte sich auf seiner Weltraumreise dafür besser die Zeit genommen, anstatt mal grob herumsatierend, mal wieder zotig vor sich hinzularmoyieren.
Wie sollte ich jetzt nur, wäre das „Gespräch“ endlich beendet, aus diesem Raum hinauskommen, ohne aufzufallen – was den alten, auch körperlich klapprigen Mann ganz unbedingt verletzen müsse? Denn das, nein, das wollte ich auf gar keinen Fall.

Arno Schmidt hat einmal, und es leuchtete mir ein, geschrieben – was er damit forderte -, daß es auch in der Literatur einen Jugend- und Altersschutz gebe, zu geben also habe. Dem entspricht seine an anderer Stelle getätigte Bemerkung, es gebe keine Altersweisheit, nur Altersstarrsinn – was ich zwar nicht durchweg unterschreiben werde, Gegenbeispiele lassen sich leicht zeigen, zumal in diesem „Fall“ von einem solchen, also Starrsinn, nicht gesprochen werden kann. Es ist vielmehr, fürchte ich, ganz so ein Alterszerlaufen, wie der Roman im ebenfalls „thematisierten“ Urin zerläuft und von Hölzchen auf Stöckchen, ein langsames, furchtbares Sichlockern der Hirndichte, wie einem jeden von uns und einer jeden widerfahren kann, und wir selbst, ach wir merken es nicht! Und werden wie die Kinder wieder, ohne aber die Zukunft zu haben, anders als sie. Denn unsere liegt hinter uns. Dies ist als Jammerei aus dem Roman zu hören, doch selbstgerecht bis ins Zittern der Hände.
Mitleid erfaßte mich – auch darob, daß die Fragesteller diesen alten Mann einfach nicht aus der Klammer ließen. Gebt ihm doch endlich Ruhe! rief es in mir, Laßt ihn infrieden! Gebt ihm Euren Applaus, lobt ihn, schenkt ihm das Glück der Anerkennung! Aber seid doch bitte so gütig, nicht diese elende Fragerei fortzusetzen, auf die er nie mehr wird antworten können, wie er’s gekonnt doch mal hat! Denn vielleicht, ach Göttin, vielleicht spürt er’s ja selbst, irgendwo in sich drin, und weiß sich nicht mehr zu helfen? Vielleicht möcht er nichts mehr als jetzt zu Bett.

Es kann sein, daß der Verlag mit der Veröffentlichung dieses Buches das getan hat, was meine Großmutter „eine gute Tat“ nannte. Sie hätte ihr Recht. Der alte Mann – ich kann, wiewohl ich’s wollte, „alter Herr“ nicht schreiben – wäre auf eine gute und menschliche Art noch einmal bestätigt. Das Buch selbst aber möchte ich nun nicht mehr lesen. Um es böse auszudrücken: Es wird mir drin zu viel gefurzt – real und metaphorisch wie, insgesamt, als Allegorie. Es riecht zu sehr nach Altmannsschweiß, also einer Verschwitztheit, die sich poetisch nicht duschen mehr will, sei es aus, siehe Schmidt, starrsinn’gem Trotz, sei es verdienter Müdigkeit halber. Dabei hatte der Roman so prächtig begonnen, und verspielt: mit manchmal barockhaften Wortbildungen und mit einer, vor allem, grandiosen Idee. Diesen Stoff noch einmal, und neu, ganz neu zu schreiben! D a s zu wagen! – Davor die Achtung b l e i b t. Auch meine Ehrfurcht vor den früheren Büchern, vor allem vor einem, ist nicht getrübt. Und nicht vor dem Menschen.
So daß ich, als ein paar zum Rauchen hinausgingen, so unauffällig wie möglich zwischen ihnen verschwand.

Noch immer saßen die Leute vor den Cafés, Männer, Frauen, manche fast noch Kinder. Es war, als flanierte ich aus dem Ende des Lebens, auch meines eigenen, durch Erwachsensein und Jugend bis zu den Zeiten des Kinderwagens zurück. Auf  meinem Schreibtisch liegt ein Requiem. Ein literarisches, poetisches, ungemein gelungenes. Es lockte mich heim; nur zwei kleine letzte Passagen waren noch ungelesen. Morgen werd ich drüber schreiben, wollt es heute schon tun, doch wär es nun, wiewohl passend, unangemessen. Markus Orths, Marlen Schachingers und Michael Stavaričs „Fortwährende Wandlung“, die zwar heute schon das Motto gab, muß in Der Dschungel für sich stehen, auch wenn es neun Zehntel kürzer, an Seiten, als des alten Mannes Roman ist:

So lange es den Klatschmohn gibt, muss gelebt werden!
Sohrab Sepehri, nach dem Requiem zitiert.

 

 

 

 

 

 

 

Ihr ANH
11.30 Uhr

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