Europäischer Feiertag im Literaturhaus Berlin. Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 5. Mai 2018. Darinnen zu einem Gespräch über Kreuzfahrten. Und wie der Dichter an Dingen hängt.

[Arbeitswohnung, 7.40 Uhr
Britten, Songs and Proverbs of Wiliam Blake]
Latte macchiato, erster Morgencigarillo. (Seit sechs Uhr am Schreibtisch).
Gestern mit meiner Rezension zu Orths, Schachingers und Stavaričs Requiem begonnen, will ich sie heute fertigstellen, allerdings exklusiv für Die Dschungel. Denn sowohl bei Faustkultur als auch Volltext liegen noch Artikel, die ich erst veröffentlicht sehen will, bevor ich Weiteres liefre. Wegen eines Arzttermins und dann dem Gespräch im DRB-Studio zu Kreuzfahrten – geladen hatte mich Burkhard Müller-Ulrich -, wozu nach dem Training eine kleine Radtour zu unternehmen war, brachte ich meinen Text halt bloß noch nicht zuende. „Zwischendurch“ gab es dann auch noch mal ein Hin und Her wegen der neuen Arco-Vorschau, darinnen Das Ungeheuer Muse. Und die Contessa hätte mich gern vom 11. bis zum 16. auf Mallorca – nur daß ich am 11. bereits einen für mich wichtigen Termin habe; am 9. und 10. werde ich aus privaten Gründen, um bei etwas Schwerem Do zu helfen, in Frankfurtmain sein; „dann flieg doch direkt von Frankfurt aus“, aber da ist halt diese Veranstaltung in der Barenboim-Said-Akademie. Gefiel meiner Contessa nicht, jetzt bin ich sehr im Schwanken und sah heute nach Flügen. Frankfurt-Palma-Berlin ist fast viermal so teuer wie Berlin-Palma-Berlin. – Ich werd mit ihr gleich noch mal, nun jà, „konferieren“.
Also das Rundfunkgespräch: je zugeschaltet Müller-Ulrich in Köln, Kunze von AIDA in Rostock, Schümer in Baden-Baden, ich dort in Berlin:

Ich hatte es mir ein wenig anders vorgestellt, als es dann lief; irgendwie war es dann doch eine Werbeveranstaltung für AIDA; poetische sowieso, aber auch anthropologisch-soziologische Fragen blieben auf der Strecke, zumal Schümer mehrfach unterstrich, es könne nicht darum gehen, sich über dem Massentourismus ergebene Menschen zu erheben, „das ist unterste Stufe“, sozusagen habe auch Ballermann sein Recht, die, mithin, SichumjedenVerstandSauferei; nur er selbst möge da nicht mitmachen. Gleichzeitig beklagte er die Tourismuslawinen, die in Venedig von den großen Kreuzfahrtschiffen nicht eingespült, sondern eingezunamit würden, und schlug einen Modus der Portionierung vor – wie überhaupt das Gespräch zunehmend, ich sag mal, funktionaler wurde. Schließlich ging es fast nur noch um technisch-ökonomische Fragen, nicht mehr um das Phänomen-„an sich“. Da Schümer, wie er erzählte, nicht seefest ist, kommt für ihn eine Schiffsreise allerdings ohnedies nicht in Betracht. Ihr großer Reiz – die eben nicht Stille, sondern die nahezu ständigen Naturgeräusche mit gleichzeitig enormen Blicken – muß ihm also fremd sein und so auch die Versenkung, die vom quasi unentwegten Entertainment an Bord gerade der Riesenschiffe schwer gestört und eben durch das zerquetscht wird, was Thomas Bernhard „die totale Musik ist ausgebrochen“ genannt hat: Es gibt vor dieserart Konsumismus kein Entkommen. „Da gebe ich Herrn Herbst recht“, entgegnete Kunze, „aber genau das haben wir in den letzten Jahren zu verändern versucht; so haben die meisten Kabinen einen eigenen kleinen Balkon, von dem aus sich in aller Geruhsamkeit auf das Meer blicken läßt“; nun jà, dachte ich, Zellen – doch wer spazieren will, wird vom totalen Entertainment sofort wieder umtost. – Ich hielt im Gespräch also die kleinen edlen Kreuzfahrtschiffe wie die MS Astor, auf der das Traumschiff entstand,  gegen die schwimmenden Mietskasernen, jene wiederum Kunze „unzeitgemäß“, ja veraltet nannte.
Irgendwann mochte ich dann nicht wirklich mehr was sagen. Allerdings muß ich zugeben, daß ein Sterbebuch, das auf See spielt, sicherlich nichts ist, worüber Veranstalter von Kreuzfahrten gerne sprechen möchten; schon der Kontext von Meer und Lebensende ist nicht unbedingt geeignet, Urlauber zu locken.
Wer mag, kann sich das Gespräch am 9. Mai in der Sendung „Forum“ des SWR um 16 Uhr anhören; für dann ist die Ausstrahlung geplant. Ich werde sie am selben Tag hier annoncieren.

Heute also weiter mit meiner Requiem-Rezension, nachmittags dürfte sie hier drinstehen. Mittags wieder laufen: Ich habe mir neue Schuhe gekauft, „Barfuß“-Schuhe, weil die alten Asics nun wirklich „durch“ sind, aber vor ein paar Jahren mein Versuch, auf andere Laufschuhe umzusteigen, Anadyomene schenkte mir Nikes, bereits am zweiten Lauftag zu angerissenen Achillessehnen führten, woraufhin ich, nachdem sie ein halbes Jahr (!) später wieder ausgeheilt waren, zu den alten Schuhen zurückkehrte. In denen ich nun seit über dreißig Jahren laufe. Die Sohlen sind unterdessen so dünn, abgesehen davon sind auch vorne die Spitzen leicht geplatzt, daß ich mir gedacht habe, wahrscheinlich brauche mein Fuß genau solche Sohlen: möglichst dünn. Ich recherchierte im Netz, fand dann in Berlin einen Laden und radelte gestern abend, nach dem Rundfunkgespräch, dort hin.
Jetzt habe ich die Dinger also hier und bin gespannt, wie ich drin laufen werde; wahrscheinlich sollte ich, gewöhnungshalber, nicht gleich mit den zehn Kilometern, sondern erst mal nur mit fünfen anfangen.
Wie Sie, liebste Freundin, sehen, sind nicht nur – okay, das sehen sie auf dem Bild nun nicht – die Sohlen hauchdünn den Fußsohlen angeschmiegt, sondern  es bleibt auch die natürliche Form des Vorderfußes erhalten, das heißt, der große Zeh wird nicht gegen die anderen Zehen  gedrückt, sondern kann seine eigentliche Funktion erfüllen, Stöße seitlich zu dämpfen, bzw. aufzufangen, ohne daß dies künstlich/technich von gepolsterten Laufsohlen übernommen wird.
Da gibt’s eine ganze „Philosophie“ dahinter, wohl auch einige Ideologie. Ich werde ja sehen, wie’s klappt. Tut es das nicht, kehre ich zu den alten Schuhen einfach zurück, die ich ohnehin, weil sie mich nun wirklich über – unterdessen dürften es Tausende Kilometer sein … getragen haben. So etwas wirft man nicht weg. (An meiner Zimmerdecke hängt noch immer die alte Ledertasche, die mich, bis der Riemen, mehrmals geflickt, endgültig riß und auch ihr Boden Löcher bekam, viele viele Jahre begleitet hat, vor allem auch auf den Reisen. So war sie selbstverständlich dabei, als mich seinerzeit der Ätna fast „erwischte“. Übrigens weiß ich, daß ich diese Rechnung noch schließen muß.)

Heute abend der erste Europäische Feiertag im Literaturhaus Berlin. Da möchte ich unbedingt hin. Die großartige Idee hat Priya Basil gehabt, die mir bis heute allerdings noch kein Begriff war. Wer sich als Europäer fühlt, und als Europäerin, sollte, schon um ein Zeichen zu setzen, mit hingehen. Auch daß die Idee ausgerechnet von einer Britin stammt, erfordert es aus meiner Sicht geradezu. Ich werde dort wahrscheinlich sogar wieder ein wenig Wein trinken. Lebten Sie, meine Freundin, von Berlin nicht so arg weit weg, säh ich auch Sie da wahnsinnig gerne.

Haben Sie und alle andern einen guten Tag – so himmlisch ist der Himmel blau, und die Sonne s t r  a h l t bereits!
Ihr ANH

[9.03 Uhr
Britten, Spring Symphony]

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