Aus dem ICE. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 9. Mai 2018. Von Anthologien, Genres und „Vergleichsautoren“.

[ICE 1638, Berlin-Frankfurtmain
6.20 Uhr]
Um halb fünf hoch, gegen 23 Uhr bereits lag ich gestern im Bett, nachdem ich noch zuvor im Haus für Poesie zu einer Veranstaltung über Lyrikanthologien gewesen war, dort Sabine Scho, aber auch, nach Jahren, Christoph Buchwald, der mit auf dem Podium saß, wiedergetroffen habe – seinerzeit Lektor bei Hanser und damals schon Herausgeber des nun schon legendären Lyrik-Jahrbuchs, wir warn uns nie recht grün. Wer hineinkommt, erhält den Ritterschlag, quasi. Mir gelang es n i c h t – wobei „gelingen“ das rechte Wort auch nicht ist, ich glaube, ich habe es einmal versucht, danach es sein gelassen.
Es ist ja auch wie bei Preisvergaben: Du schaust dir die Juries an und weißt, ob es überhaupt sinnvoll ist, sich auch nur zu bewerben. Bei den „falschen“ Juries kann es sogar schädlich sein, wenn du’s tust. Dabei geht es gar nicht so sehr um Seilschaften, wenngleich um die immer mal auch, sondern in erster Linie um ästhethische, viele Jahre hindurch auch politische Positionierung. Das machen sich junge Autor:inn:en in den seltsensten Fällen klar und stolpern dann in Fallen, die ihnen für ihr ganzes Schreibleben anhängen können.
Jedenfalls blieb ich nicht lange, schon weil ich des heutigen sehr frühen ICEs wegen zeitig wieder hochmußte, kehrte aber noch einmal – ich hatte Lust auf einen Spaziergang gehabt, solch lauschige Nacht, deshalb das Fahrrad zuhause gelassen – in meinem geliebten Daye ein, wobei „ein“ nicht stimmt, denn ich nahm mit meinem Schawarma-Hummus-Teller draußen auf der Straße Platz. In jedem Fall hatte ich nach der gestrigen, gleich doppelten Trainingseinheit dem Körper vor allem Eiweiß zuführen müssen. Was ich nun tat, auf Verkehr und Passantinnen sinnend.
Danach nachhausflaniert, wieder vor den Cafés ein Flirren und Schwirren und Klingeln, das beinah zu den Sternen aufstieg, jedenfalls als ein Dunst, der sich mit den Blütendüften mischte, über dem Prenzlauer Berg lag, wobei er in Augenhöhe und darunter völlig transparent war.

Der Morgen schon hatte angenehm begonnen, die etwas mehr als fünfzehn Kilometer zu meinem, ich sag mal, „Termin“ radelten sich sanft; sodann höchst freundlicher Empfang, ich wurde auf die Terrasse zur Spree hinaus gebeten, wo wir plauderten und plauderten, und ich schnitt das Gespräch so lange mit, wie ich’s für meine kleine Auftragsarbeit brauche, dann kam die erste Flasche Champagner, kam eine hinreißend wohlige Habana dazu, kam die zweite Flasche Champagner.
Der Rückweg pedalte so ganz leicht sich nicht mehr, jedenfalls nicht auf die ersten zehn Kilometer. Dann war der Alkohol entdunstet, so daß ich recht beruhigt auch noch ins Kraftstudio konnte. Deshalb das Eiweiß, Freundin, abends.
Hin und her dann noch paar Schäkereien zwischen der Contessa und mir, auch ein leichter Rüffel, lieb gemeint und wohl auch zurecht; außerdem hat es abermals eine Ablehnung unseres Ghostromans gegeben: „zu kompliziert geschrieben für Mainstream“, kommentierte sie das. Was mich ein wenig hilflos macht. Mir völlig schleierhaft, was an dem Buch kompliziert sein soll. Ich dachte sofort an „Vom Winde verweht“, das ja nun auch ein Bestseller, sogar Weltbestseller und also Mainstream war und ist. „Komplizierter“ ist unser Ghostroman nun ganz gewiß nicht. Aber vielleicht sind seither Bildung und Sprachgefühl der, hm, Massen? noch weiter erodiert, vielleicht geht es nur noch um sozusagen Gebrauchsanweisungstexte, in denen Sprache allenfalls insofern eine Rolle spielen darf, als sie „Jetzt passiert das, dann passiert das“ r e f e r i e r t, ohne was da passiert auch ausdrücken zu dürfen. Dann würde Schönheit, gar Form in der Tat zum  Lesehindernis.
Ja, ich bin ein wenig hilflos, zugleich aber zuversichtlich. Es wäre dies nicht das erste Buch, das es mit der ersten Annahme schwer hat und später aber gerühmt – und enorm gekauft wird. Auch Ecos Rosenroman ist seinerzeit von bedeutenden Verlagen abgelehnt worden. Heut beißen sich die in die Zehen.
Ablehnungsgründe waren übrigens, daß die „Genrezuordnung“ schwerfalle und man, echt irre, „keine Vergleichsautoren“ finde. Aha, dachte ich, es soll also so geschrieben werden, wie schon die und jene schrieben; es geht um Kopien dessen, was es erfolgreich längst gibt… nicht g a n z ein Plagiat, ein bißchen aber besser doch.
Merken Sie, Freundin, wie ich lerne?

Jetzt also auf dem Weg nach Frankfurt am Main; Do wird mich abholen, dann fahren wir in die Wohnung weiter, die gesichtet werden muß. Es werden zwei sicherlich nicht leichte Tage werden; ich will helfen, so gut ich kann. Morgen abend dann mit Phyllis Kiehl Spargel essen, dabei Projekte besprechen und am Sonnabendmorgen früh zurück nach Berlin. Für die Zugfahrten habe ich genügend Arbeit dabei.

Meine Togonidze-Rezension ist bei Faustkultur erschienen, gestern; der Text lag schon länger dort. Und ich merkte gestern, daß meine für Volltext geschriebene Besprechung des Friedhofs der Klaviere, Peixotos also, noch gar nicht in Der Dschungel steht. Das will ich gleich nachholen.

Welch wunderbaren Maitage zur Zeit! Und aber – im Wortsinn ver/rückt: aus Amelia schreibt mir Parallalie, daß er friere. Ich hoffe sehr, daß, wenn Cristofero Arco und ich dort hinreisen werden, der Vorsommer dort seinen Einzug genauso gehalten haben wird wie hier. Dann, ach!, ist auch – in ihrer Wiener geschmeidigen Fassung – die Aeolia
wieder da!

 

 

 

 

Ihr ANH

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