Anselm Kiefer in der Galerie Bastian Berlin. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 13. Mai 2018. Darinnen auch schon, und zwar anfangs, Johannes Pichts Psychoanalyse & Musik.

[Arbeitswohnung, 9.16 Uhr
Leevi Madetoja, Sinfonie 2 (1916/18)]

 

 

Aussagen, die ihren Wahrheitsanspruch auf Übereinstimmung mit Sachverhalten gründen, treten zurück zugunsten einer Rede, die nicht über ein Geschehen, sondern aus einem Geschehen heraus spricht, die sich nicht mehr über den Prozeß erhebt, sondern in ihn eingefügt und in ihm wirksam ist. Die Wahrheit eines solchen Sprechens bemißt sich nicht danach, ob etwas so ist wie behauptet, sondern danach, ob es etwas eröffnet, was zuvor verschlossen war.

Hören trennt nicht zwischen innen und außen, Hörbares ist immer schon in uns; wir finden dazu keine Distanz. (…) Als Hörende sind wir keine Subjekte.

Das ist der Stoff der Psychoanalyse: Es ist ihre Eigenart, die an ihr Beteiligten in eine offene Zukunft zu versetzen, die über das Antizipierbare hinausreicht, und zwar so, daß beide darauf hören können.

Johannes Picht, Musik und Psychoanalyse hören voreinander

Die beiden Bände werden mich noch sehr beschäftigen; in Frankfurtmain hat Do sie mir als Dankeschön für meine Hilfe geschenkt. So lese ich nun gleich drei Bücher parallel, Ruoffs Apatit, Millhausers schöne Erzählungen (ich kann aber nicht s c h o n wieder über ein Septime-Buch schreiben) und dieses; hinzugekommen ist außerdem noch Botho Straußens Fortführer, auf den mich Ralf Schnells Rezension gebracht hat und von dem ich spüre, auch mir habe es so viel zu sagen, daß ich selbst drüber schreiben wollte. Leider war für Volltext Felix Philipp Ingold schneller; so habe ich erst einmal bei Faust nachgefragt. Meine Beziehungen zum Rundfunk sind ja leider sämtlichst verloht, was sicher auch etwas mit dem neuen Generationenwechsel zu tun hat. Ich schaue bisweilen ein bißchen wehmütig zurück, lasse das Faktum aber nicht wirklich an mich heran. Der Funk war ja eine der wenigen Möglichkeiten, mit meiner Arbeit Geld zu verdienen; Faust zahlt nichts und Volltext nur wenig. Auch meinen langen Aufsatz zu Katharina Schultens habe ich honorarfrei geschrieben. – Die Realität der allermeisten Autor:inn:en.

Gut, es finden sich andere Wege, haben sich gefunden, um über die Runden zu kommen, nun ist’s, neuerdings, sogar ein ebenso witziger wie auch poetischer Pfad, den ich grad zu beschreiten beginne, über den ich öffentlich aber noch nicht sprechen will. Immerhin, ökonomisch bin ich bis September gesichert, auch wenn sich Sprünge, um von „großen“ zu schweigen, nicht machen lassen. Eine Sommerreise mit der Familie muß dieses Jahr deshalb entfallen; doch mein Sohn hat diesmal ohnehin ganz Eigenes, mit Freunden, vor, wofür er sich sein Geld grad erjobbt – als, hà!, Gelatiero:

 

 

 

 

 

Gestern „nach dem Kiefer“ radelte ich zum zweiten Mal hin, und wir zwei Männer legten eine kleine Rauchpause vor der Eisdiele ein, um ein wenig zu plaudern. Dann radelte ich auf ein nächstes Schwätzchen weiter zu Broßmann, schließlich heim, um endlich etwas zu essen. Vom Kiefer war ich noch ganz voll – lächelnd voll. Denn er hatte mich mit etwas erwischt, auf das ich bei diesem für mich und meine Arbeit so entscheidenden Künstler (er hat mir seinerzeit erlaubt, eines seiner Bilder für Der Engel Ordnungen zu verwenden) absolut nicht vorbereitet gewesen:

mit

–  H  u  m  o  r :

 

 

Gaga Nielsen, die ich dort auch zu treffen hoffte, hatte mich auf die Eröffnung in der übrigens hinreißenden Galerie Bastian aufmerksam gemacht, einen für ihre Zwecke architektonisch perfekten Ort gleich gegenüber dem Pergamonmuseum. Ich werde ganz gewiß nicht zum letzten Mal dort gewesen sein,

kam wie immer früh, das heißt unberlinisch pünktlich an, da stand indes ums Eck schon eine enorme Schlange Wartender. Doch da ich aus andrer Richtung hingeradelt und sich direkt vorm Eingang Menschen auch locker verteilt, verteilte ich mich locker m i t und durfte dann zum ersten Schub gehören, der eingelassen wurde.
Perfekt nämlich auch die Organisation: Es wurde immer nur ein Teil des wartenden Publikums in die Räume gelassen, so, daß sie zwar voll, nie aber überfüllt waren; besonders bei kleinen Objekten – etwa den im schmalen Nebensaal auf einem Tisch ausgestellten, in nach Blei wirkenden, doch dünnblechenen Rahmen gefaßten Vitrinen – sowie bei sehr großen wie dem „Weltzeit-Lebenszeit“-Bild ist es nötig, verschiedene Abstände einnehmen zu können, um, was wir sehen, überhaupt zu erfassen. Und die Einlaßprozedur wurde mit höchstem Stil geradezu rituell umgesetzt, ebenso höflich wie freundlich dabei, gleichzeitig entschieden, etwa bei der „Frage“, ob Taschen mit hereingenommen werden durften; auch kleine Rucksäcke mußten abgegeben werden – eher nicht, weil Diebstähle befürchtet wurden, sondern schlichtweg, weil auch sie einen Raum beanspruchen, der die Kunstbetrachtung stören kann.
Zu meiner Überraschung war es erlaubt zu fotografieren; jedenfalls gab es kein Eingreifen, wenn es jemand tat; so nahm auch ich die beiden Bilder auf, die ich hier zeige – ich tu’s, um Sie ganz unbedingt zum Besuch der Ausstellung zu verführen; „offiziell“ werden diese Arbeiten Kiefers, die ich teils noch nie gesehen, vom 17. Mai bis zum 28. Juli zu sehen sein.

Kichernd, wirklich kichernd – anfangs – gingen wir herum. Was auch zu unversehenen Kontaktaufnahmen, erst der Augen, dann auch verbal, der Menschen führte. Auch das hatte ich tatsächlich noch nie in einer Galerie oder einem Museum erlebt. Kaum jemand, der nicht wenigstens ein Lächeln mit sich herumtrug, sowie diese Daphne gesehen, sowie Die Prinzession von Sibirien oder gar Die fromme Helene; schon das Wortspiel „Manna“/“Mana“, ein anderes Objekt, hat es in sich.
Selten habe ich in einer Ausstellung derart viele Notate niedergeschrieben; es ging mir aber wirklich um Präzision des Ausdrucks: Wie fasse ich, was ich sehe, in Wortgebilde? Etwa in „Kirke“s Vitrine, worin, umgeben von bräunlichem Laub, zwei bräunlich-rostige Halbkäfiggitter, die wie auseinandergebrochen, ein Schweinchen auf der Seite liegt, oder das quasi Mädchenbild der schon erwähnten sibirischen Prinzessin, ihre Ballettschuhchen also, die langen Schnüre quasi gespreizt, dazwischen Eiswürfel… Oder wie in einer nächsten Vitrine aus zwei Spielfilmprojektoren unvermittelt Panzer werden, die Filmstreifen unten, zu große, zeigen Pflanzen, doch keine verwelkten; die Filmstreifen oben, kleinere Bilder, universitäre Seminarsituationen. Wiederum böse die Vitrine der „mater inviolata“; auf der Rückwand das angedeutete Aquarell eines halb auf dem Bauch liegenden Frauenaktes, zentral davor ein mittelalterlicher Keuschheitsgürtel, dessen Schloßstück furchtbar nach eingeführtem und genau dafür absichtsvoll-brutal viel zu breitem Metallheft wirkt… inviolata, „unangetastet“ fürwahr. Da erstirbt denn das Lächeln. Oder wie aus Thors Hammer eine Axt wird, aus also Mjölnir, – und was er und wie zerschlug, sehen wir unter dem aufgehängten Hemd, das Kiefers Arbeiten seit langem begleitet, meist in der Mehrzahl und oft (Lilith am Roten Meer) als Levitationen. Wobei insgesamt deutlich ist, wie eng sich Kiefers Arbeiten ineinander verschränkt haben, so auch Das Goldene Vlies den Einfluß Robert Fludds wieder aufnimmt, denken Sie an die Orden der Nacht. Tatsächlich neu aber, jedenfalls für mich, ist das humorvolle Spiel, das zwar mit, in weitem wie engem Sinn, Vergänglichkeit stets konnotiert bleibt, aber ihr die unbedingte, sagen wir mal „deutsche“ Schwere nimmt.

Dennoch, das mich am meisten … ja, treffende Bild wurde zunehmend jenes, das der gesamten Ausstellung den Titel gestellt hat (selbstverständlich gibt mein Knipsversuch nicht im entferntesten wieder, in was ich hier tief, tief hineinfiel):

Immer immer wieder mußte ich hin. Es lohnt sich gerade hier, sich auch mal auf Nasenspitze zu nähern, um die feinen Strukturen zu erkennen, die sämtliche Reden über Kiefers „Gigantomanie“ der ausgesprochen groben und einer wahrscheinlich intentiösen Fehlwahrnehmung überführen; im Gegenteil gehen bei ihm mikroskopische Feinteiligkeit mit gleichzeitiger Gesamtschau ineins. Eben das hat für mich die Faszination seines Werk niemals ausdünnen lassen.

Übrigens ist zur Ausstellung ein neuer Katalog erschienen, den der Galerist selbst bei Schirmer/Mosel herausgegeben hat:

Ich hätte ihn sofort mitgenommen, allzugerne, habe aber derzeit nicht das Geld. Die Qualität der Drucke ist hinreißend – ähnlich gut habe ich bisher fast nur Ausgaben von Beyeler gesehen.

Wenn Sie also, Freundin, Ihr Weg einmal wieder nach Berlin führen sollte, noch in diesem Sommer, verabsäumen Sie den Besuch der Galerie Bastian auf gar keinen Fall. Ah, und gerne würd ich Sie begleiten; Sie müssen halt nur – fragen.

Lächelnd, Ihr
ANH

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6 Kommentare zu Anselm Kiefer in der Galerie Bastian Berlin. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 13. Mai 2018. Darinnen auch schon, und zwar anfangs, Johannes Pichts Psychoanalyse & Musik.

  1. Gaga Nielsen sagt:

    Schön, das zu lesen, lieber Alban. Ich wartete gestern brav eingereiht, war gegen Viertelacht in der Ausstellung. Selten, dass bei einer Eröffnung die Exponate einen derart stärkeren Magnetismus haben, als die aufgeheizte Atmosphäre eines Openings an sich – für mich. Ich war oft, nahezu durchgängig gerührt und empfand die Intimität und diese Wucht von Vergänglichkeit. So sehr, sehr persönlich und metaphysisch, dieses Werk. Ich konnte nicht verifizieren, ob Kiefer persönlich da war, zu Beginn vielleicht? Ich hätte ihn gerne gesehen, kenne ihn nur von einigen Gesprächen mit Alexander Kluge. Er hat einen interessanten sprunghaften Humor in diesen Gesprächen. Ich vermute, er war gar nicht anwesend, auch nicht zu Beginn. In so einem engen Zeitfenster von achtzehn bis zwanzig Uhr wäre man dann doch präsent, meine ich. Diese Balettschuhe… und der Projektor… und die Sonnenblume. Gott – – –

    • @Gaga Nielsen
      Um Viertel nach acht war ich längst fort, blieb insgesamt etwas mehr als eine Stunde in der Ausstellung. Bevor ich mich aber aufs Rad setzte, um zurückzufahren, schritt ich draußen einmal die Warteschlange ab, um nach Dir zu schauen. „Möglicherweise kommt sie gar nicht mehr“, dachte ich und fuhr dann halt davon. Schad.
      Als aufgeheizt empfand ich die Atmosphäre übrigens in keiner Weise, was möglicherweise an dem tatsächlich exzellenten Ort liegt. Und – nein, Kiefer selbst war nicht da. Es hätte aber auch die Dynamik komplett verändert; es wären dann die, sagen wir mal, Weltstargucker gekommen und hätten aus Kunstbetrachtung Event gemacht. Gerade die f e i n e n Arbeiten wäre daran in die Knie gegangen. Aber ich möchte mir gerne vorstellen, daß er heimlich da war, um die Wirkung gerade der h e l l e n Arbeiten zu erleben und – mitzulächeln.

  2. Gaga Nielsen sagt:

    Genau, es war nicht aufgeheizt, vielmehr auf unaufgeregten musealen Alltagsbetrieb heruntergekühlt. Was den Fokus maximal auf die Exponate richten ließ.
    Viertelacht ist übrigens 19:15 Uhr ; – )

  3. Gaga Nielsen sagt:

    Mir fällt gerade auf, dass es eine geradezu nostalgische Anmutung hat, vielleicht zur selben Zeit am mehr oder weniger gleichen Ort zu sein, und sich nicht zu treffen, weil ja moderne Menschen smarte Geräte haben, um sich zu jeder Zeit in Verbindung zu setzen. Mir gefällt dieses Nostalgische irgendwie, man halte mich für verschroben. Unlängst hätte ich beinah jemanden um ein Mobiltelephon gebeten, leihweise, es war lustigerweise im Museum für Kommunikation (!) , wo man keine Möglichkeit hat, ein Hausgerät zu nutzen. Der nette Herr vom Empfang gab mir dann aber den Hinweis, dass es auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein öffentliches Fernsprechgerät gibt. Ich war selbst verwundert, dass es das noch gibt. Die Münzen fielen durch, und da kam meine verspätete Verabredung auch schon. Es hatte sich damit erledigt.

    • @ Gaga Nielsen
      Viertelacht… dann müssen wir uns um M i n u t e n verpaßt haben.

      Das Emoticon habe ich geändert; nun ist’s ein allerdings s e h r langes Gesicht. Sei’s drum. – Und ob nicht registrierte Kommentator:inn:en doch editieren können, frage ich nach. Es ärgert mich selbst, wenn ich nicht, so ich irgendwo kommentiere, mir unterlaufene Fehler revidieren kann.

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