Das Wiener Lektoratsjournal. Am Dienstag, den 22. Mai 2018.

Verlagshaus Arco, Schreibtisch gegenüber dem Verleger, 19.04 Uhr
Boris Blacher, Erstes Klavierkonzert (1947)]

Gestern intensives Lektorat – wobei meine Lektorin diesmal kaum etwas beanstandet, aber w e n n, dann fällt sofort das gesamte Gedicht und wird ausgesondert. Ich habe bewußt nicht gezählt, doch dürften es bislang acht oder neun gewesen sein. Nur daß etwas „ganz in Ordnung“ ist, reicht nicht. Ähnlich werden wir auch bei den Gesammelten Erzählungen für Septime Frühjahr 2019 vorgehen, die also nicht den Anspruch der Vollständigkeit haben werden, sondern eine jede soll enormen Zug haben; nette Dahingeschriebenheiten fallen bei Elvira durch, ebenso wie übrigens Erklärungen, die ich bisweilen eingebaut habe, wenn ich davon ausgehe, daß bestimmte Hintergründe nicht bekannt sind. Das leidige Bildungsthema. Sie hat für sowas keinen Sinn; jeder könne nachschlagen, Bildungsinhalte sind schneller abrufbar als sie es jemals zuvor waren, selbst bei ausgesprochen speziellen Sachverhalten.
Sie ist streng, meine Lektorin, und ich selbst habe es bei mir noch nie zuvor erlebt, auf Einwände derart zu hören; während unserer ganzen bisherigen Zusammenarbeit – sei es beim Traumschiff, sei es bei der Aeolia oder jetzt dem Ungeheuer Muse – wogte in mir nicht ein einziges Mal auch nur die Spur des mir eigenen und mir also ziemlich bekannten Trotzes. Es ist gerade für einen wie mich ein riesiges Glück, solch eine Autorität gefunden zu haben. Nicht einmal nachher, wenn ich, wie heute,  die bereits erledigte Arbeit durchsehe, regt sich Widerstand. Allerdings speichere ich die gefallenen Gedichte in einem neuen Ordner ab, um sie vielleicht später noch einmal zu bearbeiten, nicht freilich mehr für den neuen Gedichtband, sondern für irgend einen späteren. Aber auch nur sehr vielleicht.
Und dann gibt es noch Gedichte, denen zwar Elviras Wohlgefallen gilt, die ihr aber für speziell dieses Buch nicht zu passen scheinen. Solche Texte haben wir provisorisch beiseitegelegt. Wenn es – was eine der Hauptarbeiten dieser Woche sein wird – um die An- und Zuordnung der Gedichte innerhalb des Bandes gehen wird, kann es nämlich sein, daß sich manche von jenen als Kippstellen oder Übergänge gut eignen. Das ist derzeit noch nicht zu sagen; in diesem Fall wird auch der Verleger dazu etwas zu sagen haben.

So verbrachte ich den heutigen Tag erst einmal mit der Übertragung der Lektoratskorrekturen; bei zwei Gedichten brauche ich einen Einfall, der mir noch nicht recht zurhand sein wollte. Doch dafür kann auch die umbrische Zeit bei Parallalie, ab dem Sonnabend, gutsein – der Flug nach Rom geht am Freitagmittag.

Schon zog es mich h i n a u s: laufen, laufen, im P r a t e r laufen! Und tatsächlich: Welch ein Laufgrund! Kaum zu erzählen, wie schön er ist… kilometerlang über Wald- und auf Pferdepfaden… rasend weich unter den Füßen –  der Erinnerung nach der überhaupt schönste Laufgrund, den ich kenne. Dazu meine neuen Barfußlaufschuh: als hätten sie gejubelt vor Glück!
Und fast gleich zu Anfang kreuzte eine enorm große Blindschleiche meinen Weg, wunderschön in ihrem eleganten Bronzeglanz; seit Jahrzehnten hatte ich keine mehr zu Gesicht bekommen, geschweige denn ein solches Exemplar.
13,3 Kilometer lief ich einfach durch, hätte auch noch weiter laufen können, aber hatte mich verfranst und ging dann, mit Googlemaps Hilfe, die knapp vier Kilometer hierher zurück. So will ich am Donnerstag, wenn ich Zeit für das nächste Training habe, die gesamte Strecke durchlaufen.

[Blacher, Hamlet – Poema sinfonico (1940)]

Morgen der Tag ist terminlich zu gefüllt, um mir Sportzeit nehmen zu können, – aber gut gefüllt. Unter anderem werde ich Ilse Dick treffen, die stilistisch so großartige Peixoto-Übersetzerin – eine Begegnung, auf die ich enorm gespannt bin.  Den Klang ihres wirklich ausgesuchten Deutschs im Ohr, war ich, als wir vorhin telefonierten, impulshaft amüsiert, ja hätte fast aufgelacht, weil sie, wenn sie spricht, es eben als Wienerin tut. Klar, logo, wie denn sonst? Außerdem mag ich das Weanerische ja sehr. Und dennoch.  Daß es spontane Irritationen gibt, deren Substanz der pure H u m o r ist, war mir, scheint mir, neu.
Ich habe ein Traumschiff für sie dabei. Vielleicht ist mein Gefallen an ihrer Sprache nicht  nur einseitig; vielleicht, daß sie auch meine Arbeit mag – also Elviras und meine. Denn schon das Traumschiff ist ohne diese begnadete Lektorin nicht einmal denkbar.

Mein Verleger schläft momentan. Es ging lange gestern nacht, zudem ich selbst da fast ungehemmt Wein in mir hineinkippte, obendrein Mirabellengeist – den ich heute morgen ziemlich spürte. Auch seinetwegen war zu laufen geradezu wichtig: „Siehst du, jetzt hat er“ (wieder) „ein g u t e s Gewissen.“ So hieß es uns Lenor in meinem fünfzehnten Jahr.

Ah, und eben kommt er aus seinem Zimmer… „Ich brauch ’n Kaffee…“: also schlurft sein Bariton.
Wahrscheinlich werden wir nachher schon mal die bearbeiteten Gedichte durchsehen – und haben auch noch weitere Projekte im Sinn. Zu, Freundin, denen indessen jetzt noch nichts.

Sein Sie mir gegrüßt:
von Ihrem ANH

Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal, Hauptseite, W E R K S T A T T veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.