Von Olevano Romano und den Case di Eigner in der Casa di Schulze: Il Giornale nuovo amerino № 2. Am Donnerstag, den 31. Mai 2018.

Casa di Eigner, Olevano Romano

[Casa di Schulze, ore 8.03
Amelia/Umbrien
Nachgetragen:
29. & 30. Mai 2018
Olevano Romano, auf dem Berg und im Ort]

 

 

 

 

 

 

Cristoforo Arco wünschte sich, den genius loci zu spüren. Zudem waren wir hier in Amelia noch gar nicht dazu gekommen, meiner Lektorin und meine Arbeit am Ungeheuer Muse zu sichten. Ich hielt es für angemessen, dies nun auf des verstorbenen und von mir hochrespektierten Eigners Grundstück am Berg zu tun, dort an dem von dem Lorbeerbaum beschatteten Steintisch unter der kleinen Pergola direkt vor der Finka, wo wir, Eigner und ich, so oft gesessen und, wie auch diesmal, gegessen:

 

Und als ich vor sechzehn Jahren Meere auf Sizilien zuendegeschrieben hatte, war ich ebenfalls dort hin, nach Olevano, gefahren, direkt, was heißt: erst mit der Fähre nach Napule, dann mit dem Zug nach Roma, von da in der Metro bis Anagnina und weiter in die südlichen Berge mit dem Pullman der CO.TR.AL. Den Rucksack gehalftert und aufgestiegen. So wurde Eigner der erste, den Roman ganz zu hören – allerdings nicht an dem Steintisch, sondern, paar Stufen zum Hauptraum der Finka hinauf, dann gleich rechts, auf der kleinen Terrasse, die hoch überm Tal weit, sehr weit blicken läßt; die Augen werden zu Segelfliegern.
Es war für das Buch die Nagelprobe gewesen. Eigner kritisierte immer hart. Doch dieses Mal war das erste ohne jeden Einwand. „Sie werden dich vernichten“, sagte er freilich. Auf wen das „sie“ gemünzt war – das zu erklären, erspare ich mir; die Geschichte ist Ihnen, Freundin, bekannt.
So würde Das Ungeheuer Muse das zweite Buch werden, das hier seinen Ritterschlag, oder auch nicht, bekäme. Im übrigen ging es mir darum, mir vom Zustand des Hauses und Geländes ein Bild zu machen und vielleicht schon mal, für Eigners Tochter Oktavia, ein bißchen Hand anzulegen.

Das ziemlich große Gelände ist unterdessen völlig überwachsen, und es gab keine Sense. Wir hätten eine besorgen können und hatten auch Lust, erst einmal Durchsicht zu schaffen, doch die anderthalb Tage, die wir hatten, wären zu kurz gewesen.
Übernachten durften wir übrigens unten, in Eigners Wohnung am Fuß des Centro storico; auch hier hängt der Balkon hoch überm Tal, doch auch über einer allerdings nicht sehr befahrenen Straße: malerisch, vor allem eindrucksvoll die in der Wohnung noch ruhende Seele eines Mannes von Geist. Ich habe, um zu bewahren, einige Fotos gemacht, bin mir aber nicht sicher, ob es nicht indiskret wäre, wenn ich sie zeige; dieses eine mag genügen; 
für alles weitere müßte ich Oktavias Erlaubnis einholen, mag sie aber nicht belasten.

 

 

 

Und gleich wieder auf den Berg hinauf.
Wir hatten sehr viel Glück; schon als wir angekommen waren, empfing uns Ernesto, der Winzer, dessen Cantina das untere Stockwerk der Finka ausfüllt. – Ob er sich meiner noch entsinne? Tat er erst nicht, aber dann ging die Sonne in seinem Gesicht auf, als ich erzählte, oben überm Haus mit meinem damals noch sehr kleinen Sohn campiert zu haben. Ja, das hatte Ernesto nie vergessen.
Adrians Lieblingsplatz war der Lorbeer gewesen; auch er, natürlich, war viel kleiner gewesen als heute … :

 

 

 

 

 

… und ob er, Ernesto, eine Damigiana Cesanese für uns habe? „Dolce oppure secco?“ „Spumante.“ Wie oft hatten wir die bauchigen, sektflaschenartigen und so auch, mit Drahtkorb gesichert, Gefäße entploppt! Die Erinnerung war eine warme, permanente Woge aus Melancholie und Glück und sanften Bildern, auch aus Gerüchen, Geschmäckern, die in mir aufstiegen.
Wir plauderten auch über den Zustand des Geländes, vor allem des Bodens der Finka, dort, wo er die Decke der Cantina ist und sich schon durchbiegt. Es wird hier sehr viel zu tun sein, entweder mit eigener Kraft und der Hilfe der Bauern und Landarbeiter, oder man müßte sehr viel Geld in die Hand nehmen, aber dann es auch haben. Im übrigen ist es ein hartes Paradies, „hart“, weil unentwegt gepflegt werden muß – „kultiviert“ eben, wie das klassische Wort dafür lautet. (Und nun, da ich dies schreibe, habe ich mir wider jede Gewohnheit ein Glas des moussierenden, in Bouquet, Geschmack und Farbe an Johannisbeermost erinnernden Weines eingegossen, dessen… lassen Sie’s mich Wirkkraft nennen, man anfangs überhaupt nicht merkt:

Unten in der Wohnung standen davon in einen Karton, wohl zur Mitnahme nach Deutschland, verpackte fünf Flaschen. Sie wirklich in den Norden zu bringen, dazu ist Eigner halt nicht mehr gekommen.
Aber welch eine Fügung! Als wir abends hinuntergeschritten waren, erreichte mich die Email-Nachricht von Faustkultur.de, daß meine Besprechung des letzten Buches meines in meinen jungen Jahren Vorbilds, genau heute erschienen sei. Einen „Zufall“ läßt sich sowas fast mit Gewißheit nicht nennen, zumal auch schon tags zuvor meiner Lektorin etwas Eigenartiges widerfahren war, das damehr mit der Aeolia zu tun hatte, deren Fertigstellung für nächste Woche erwartet wird.

Wir nahmen am Steintisch Platz und schmausten erst einmal. Plopp! machte der Cesanese – eine Traubensorte für sich, übrigens. Und für abends hatte ich – Neapel ist nah – eine hinreißende Mozzarella di Bufala erstanden, deren ciato ‚e bbufala („Atem der Büffelkuh“) sich noch durch die Verpackung hindurch erschnüffeln ließ. Schneiden Sie das Bällchen an, läuft Milch heraus, in die Sie das abgezupfte Stück Brot tunken sollten – ein ebenso hinreißendes aus „meiner“ Bäckerei. Als ich 1986 das Vierteljahr in der Casa Baldi verbrachte, spazierte ich allmorgendlich im Ort hinab, um einzukaufen in ihr – auch weil die Bäckerstochter, die damals mitbediente, zum Hinknien schön war. Heute, zweiunddreißig Jahre und drei bis fünf Kinder später, ist sie es nicht mehr – sofern denn eine der beiden Damen, die mich die eine vorgestern, die andere gestern bedienten, derselbe Mensch auch ist. An der Qualität des Brotes hat sich indessen gar nichts geändert; auch mein Verleger war erst hin, und dann war er weg.
Gesprochen ward am Steintisch nun – wie, wenn dort gesprochen wurde (Eigner zog lange Phasen des Schweigens vor), auch zu des verstorbenen Wüterichs Zeiten – über die Dichtung. Auch über Dichtung und Landwirtschaft, Kultur, ecco!, und über Dichtung und Wein, desbezüglich mein Verleger, anders als ich, zu den Kennern gehört.
Die Sonne prallte, doch auf Bergen geht nahezu immer ein Wind; deshalb war es geraten, mir mein Islamikäppchen auf den Schädel zu ziehen, andernfalls der Sonnenbrand programmiert ist.
Wir saßen bis fast zehn, taten noch den Begutachtungsgang übers Gelände, Ernesto meldete sich hie und dann; schließlich, was war fast schon zehn, begaben wir uns in den Ort hinunter. Ich wollte „bei Rita“ noch einen Grappa nehmen, wie damals immer, in meinem Vierteljahr; bezahlen durfte ich nie: Die dort wohnenden Künstler waren oft als Gäste betrachtet, auf die nicht wenige Einwohner stolz sind. – Es gab aber „Rita“ nicht mehr; heute ist ein Bistro mit Bar darin. Nebenan eine neue schicke Kneipe, Treffpunkt der Jugend. Wir nahmen das Bistro. Danach wurde es nicht mehr spät.

Nächstmorgens, Cristoforo Arco schlief noch, schrieb ich an Eigners Schreibtisch seiner Tochter einen Brief, nachdem ich von sechs bis sieben auf dem Balkon gesessen und einem ungeheuren temporale zugesehen hatte, dessen Blitze, je sofort vom Donner gefolgt, durch die gesamten Himmel zuckten. Dann leuchtete Klarheit von Neapel her auf. Und schon war es, als wären die dichten, nachtschwarzen Wolken auseinandergepustet worden und hätten sich auf den Boden der saftigen Erde gelegt, aus der sie als Nebelschleier wieder aufstiegen.

Nachdem wir am Corso, ein paar Treppen hinauf, den Latte macchiato und jeder ein Stückchen genommen und auch ganz hoch zur Burgruine gestiegen, danach in die Wohnung zurückgekehrt waren, packten wir zusammen und fuhren abermals zur Finka hinauf, um nun wirklich Ungeheuers Muse Gedichte durchzusehen:

Es waren und sind ausgesprochen wenige, die den kritischen Blick des Verlegers nicht unbeeinwandet passierten; an zweidrei Stellen werde ich nachformen müssen, ein weiteres Gedicht ist ohnedies noch, an seinem Ende, zu ändern – es könnte aber sein, daß es aus der Sammlung ganz hinausfallen wird – und ein letztes überhaupt noch zu schreiben, eines, das den titelgebenden Zyklus abschließt und insofern hervorgehobene Bedeutung hat. Heikel. Da ich, anders als der Verleger, der zwei Tage vor mir zurückfliegen wird, noch das ganze Wochenende in Amelia bleiben werde, wird dann wohl auch Zeit sein. Momentan sind noch verlagsprogrammatische Fragen zu beantworten, die er an mich hat; dafür ist noch ein wenig was zu lesen. Wiederum Parallalie hat den lassen-Sie’s-mich-Auftrag nennen, italienische Dichtungen durchzusehen, die bei Gefallen übersetzt werden sollen.

Gegen fünf Uhr nachmittags – wir hatten auf Ernesto warten wollen, der aber leider nicht mehr kam; außerdem zog sich ein neuerliches Gewitter über dem Monte Scalambro, dem höheren Nachbarberg, zusammen und ließ auch bereits die Tropfen fallen – verstauten wir unser Zeug im Wagen und machten uns auf den „Heim“weg nach Amelia: insgesamt keine zwei Stunden Fahrt, erst gen Rom. dann um den Moloch herum, schließlich Richtung Firenze.
Der Abschied von Olevano fiel mir etwas schwer. Ich drehte mich noch einmal zur Finka und zum Steintisch um – und sah ihn, den großen Romancier, dann dort in einem der raren Momente sitzen, in denen er völlig gelöst war und lachte:

Ihr ANH

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