Giorno di Plebiscito: Fest der italienischen Republik im Giornale nuovo amerino № 3. Am Sonnabend, den 2. Juni 2018.

[Casa die Schulze, Cortile
ore 11.32 | Fernsehgequassel aus dem Nachbarinnensfenster]

Soweit die Vornahme am morgendlichen Arbeitstisch. Da war ich schon, aufgestanden um ein Viertel nach drei Uhr, vor Stunden unterwegs gewesen, um Cristoforo Arco zum Regionale nach Orte zu fahren, der ihn zum Flughafen brächte. Im Knalledunklen über die Hügellandschaft hin, in sich erleuchtender Dämmerung zurück und nochmal ein wenig ins Bett. Dann bei einem zweiten Latte macchiato die Eignerkritik verlinkt, danach hinunter zum Wochenmarkt, der immerhin stattfand; nur mein Panificio hatte leider geschlossen. Doch den Prosciutto für Deutschland bekam ich.
Vom italienischen Nationalfeiertag allerdings ist in Amelia wenig bis eigentlich gar nichts zu spüren; nicht mal beflaggt ist; dabei gehört die hiesige Bürgermeisterin zur Lega Nord, und diese Tage sind für die rechten Populisten ja nun, erschröcklicherweise, triumphgesättigt.
Heute vor 72 Jahren entschieden die Italienerinnen und Italiener über ihre Staatsform: Monarchie oder Republik war die Frage. Genau vor einem Jahr erlebten लक्ष्मी und ich, zu wiederum unserem Jahrestag, die Feier direkt in Rom, sahen die enorm tieffliegenden Jäger aus ihren … na jà, wohl nicht den Düsen, aus irgendwas andrem aber sehr wohl die Trikolore versprühen; proppevoll die Piazza Venezia und südliche Seite des Forums bis zum Colosseo – … Wir konnten nur sehen, möglichst schnell aus dem Gedränge zu kommen.
Hier aber – Ruhe, komplette Ruhe. „Vielleicht marschiert nachher mal eine Blaskapelle vom Rathaus zum Gefallenendenkmal“, kommentierte Parallalie. Freilich ist mir dieserart Musi(ke) noch sehr viel weniger angenehm als „der“ Pop; immerhin findet ab heute ein Improvisationstanz-Festival in Amelia statt: Da möchte ich denn d o c h mal hingehn und zuschaun und bin mir gewiß, daß mich der Freund begleiten wird. Vielleicht, verehrte Freundin, daß es auch mich dann auf das Parkett zieht.

Zuvor freilich will ich meine Rezension über Ruoffs Apatit schreiben, noch vor meiner eigenen Rückreise, damit das Buch gleich hierbleiben kann (ich habe gewaltig aufs Gewicht meines Rucksacks zu achten, schon weil ich u.a. anderthalb Liter des maurischen Weines mitnehmen will; die warn ja vorher nicht drin). Es wird mit meiner „Laufvornahme“ denn wohl doch nichts werden.

Ich lese wieder Ulrich Becher, diesmal die Erzählungen. Stilistisch sind sie alle virtuos, nur in der Konstruktion gibt es bisweilen Schwächen, namentlich in seltsam wegrutschenden, ich sag mal, Pointen. Besonders schmerzte so etwas in dem ansonsten herzergreifend berückenden „Ein Roman“ von um 1932. Wie geh ich damit um, daß der Ich-Erzähler ein höchst gebildeter und gleichzeitig so ausgesprochen sinnlicher wie empathischer Mann ist und dennoch wie bei einer schiefen Tumbheit nicht merkt, oder erst viel zu spät, unglaubhaft spät merkt, was der Geliebten widerfuhr?
Immer wieder sprach ich mit Cristoforo Arco darüber, es ließ mich nicht los. – In andern Fällen schmieren die letzten Seiten ab, oder es wird oben was drauf gehuckt, das vielleicht überraschend sein soll, aber grob herbeigebogen wirkt. Und dennoch haben diese Erzählungen, mitunter grade sie, etwas, das ich nicht mehr missen möchte; ganze Passagen hallen nach und immer weiter nach. – Die Lehre, die ich für mich selbst, also meine eigene Arbeit, daraus ziehe, entspricht dem, was auch meine Lektorin gefordert hat: Weder im Ungeheuer Muse noch in den im nächsten Jahr erscheinenden Erzählungen darf sich etwas finden, das nicht wirklich in jeder Hinsicht stimmt.

Jedenfalls neigt sich auch mein Aufenthalt nun dem Ende zu; wahrscheinlich, Freundin, werde ich Ihnen erst am Montag wieder schreiben. Um Ihnen aber noch einen letzten Eindruck der Stimmung hier – der unter literarischen Männern – zu geben (vor allem weil sie mich bei einer für mich & Amelia höchst typischen Beschäftigung zeigt), sei Ihnen voll Augenzwinkerei das folgende Video gegönnt. Die Stimme aus dem Off ist Parallalies:

DECANTARE IL VINO

Ihr ANH

P.S.:
Ach-schön war auch noch dies, gestern abend im Kreuzgang des Palazzos Boccarini – wie dort der Übersetzerdichter und mein Arcoverleger einander verpflichtend bezeugten.

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