Über Venen. Das Arbeitsjournal vom Montag und Dienstag, den 11. und 12. Juni 2018. Darinnen auch Konsens & Kalkulation. Mit Michael Cornelius Zepter.

[11. 6. 2018
Arbeitswohnung, 7.10 Uhr
france musique classique plus:
Olle Persson, 4 Chants serieux op.121]
Der Zeichner Michael Cornelius Zepter hat eine so, wie mir meine Lektorin schrieb, „schöne, beherzte Rezension“ zum Wolpertingerroman geschrieben, der ihn, wie er wiederum mir, über Facebook, schrieb, seit Wochen beschäftigt hat, daß ich sie mit ein paar der daraufhin geposteten Kommentare in Die Dschungel übernommen habe. 

Mein Arco-Verleger rief zu ihr aus: „Unglaublich, was für eine Einlassung! Das ist doch mal ein Echo“ – und eben eines, das noch fünfunddreißig Jahre nach Ersterscheinen des Buches erhallt.
Es gehört dies zu den wirklich glückhaften Erfahrungen eines Autorenlebens, daß Bücher offenbar bleiben, auch wenn sie längst nicht  mehr im Gespräch sind, und ein ganz eigenes Leben führen, das seinerseits Leben zeugt, in dem der Autor eine, wenn überhaupt, nur noch marginale Rolle spielt, bzw. in dem er selbst nichts mehr als eine Romanfigur ist, wie ja überhaupt Verstorbene, über die wir sprechen, fiktiven Figuren ähneln aus einer, weil eben vergangen, fiktiven Geschichte.
Und als ich Zepters Text las, dachte ich: Sähen doch die Leser:innen-Bewertungen auf Buchforen wie amazon so aus! Wäre da eben mehr als nur Daumen rauf, Daumen runter – wie Cristoforo schrieb: Einlassung eben, Ausein- und Zueinandersetzung, ganz abgesehen von den unschönen Tönen persönlicher Differenzen, die sich in die „Bewertungen“ oft nicht nur einschleichen, sondern ihr eigentlicher Antrieb sind, etwa diese da zu Meere. Zu den literarpolitischen Grabenstrategien um Macht & Deutungshoheit der professionellen Literaturkritik kommen die privaten, sei es geschmäcklerischen, sei es bewußt mobbenden „Bewertungen“ vorgeblicher, teils auch einfach allzu schlichter  Leser:innen nun noch hinzu. Da täten intensive Kundgebungen von Rezipienten wie Herrn Zepter selbst dann gut, schlügen sie deutlich kritische Töne an. Wobei allerdings auf dem Markt – in den Zeiten des Pops, mit dessen Wortsinn höchst verwandt der des Populismus ist – fast nur noch solche Bücher eine Chance haben, die einhellige Zustimmung erfahren, es sei denn, die Autorin oder der Autor sind als solche Pop längst selbst; dann schadet auch ein Verriß nicht, im Gegenteil eher. Die Zeiten, in denen „Umstrittenheit“ ein Wert war, sind ebenso vorüber wie der Respekt v o r, geschweige denn die Autorität v o n Außenseitern. Konsens ward das Credo der Kalkulation.

[12. 6. 2018
Arbeitswohnung, 10.13 Uhr
france musique contemporaine:
Daniel Brel, Sous l’écorce pour bandonéon et 4 violes]

Etwas anderes beschäftigt, genauer: behindert mich derzeit. Nicht nur Bruno Lampe hat mit den Beinen zu kämpfen. Nun erwischte es auch mich, möglicherweise langwieriger.
Es ging damit los, schon vor einiger Zeit, daß abends die Füße anschwollen – etwas, das mir, einem fußästhetisch quasi-Fetischisten, komplett gegen den erotischen, auch autoerotischen Strich geht. Aber diese Phasen verloren sich immer wieder – bis es seit zwei Wochen fast chronisch wurde.
Also zur Ärztin. „Alterserscheinung“, sagte sie, was mir nun erst recht nicht paßte. „Venenschwäche, man sieht’s, schaun Sie hier unterm Fußknöchel links, an dem sogenannten Venenkranz. Bei Ihnen durchaus deutlich.“ Also zum Angiologen, Ultraschall, schaun, ob die Venenklappen intakt sind; sie, die Ärztin, denke: nein.
„Darf ich denn laufen?“
„Das Beste, was Sie tun können, dann übernimmt der Muskel den Rücktransport.“
Nur daß seit vorgestern nun auch die linke Wade beeinträchtigt ist, so sehr, daß selbst Fahrrad zu fahren zu einer Art Quälerei wird. Woraufhin ich abermals zur Ärztin, denn den frühesten Ultraschaltermin hatte ich für den 24. August bekommen. Ich bin nicht privatversichert.
„Das geht nicht!“ So sie. Und riet mir, die Servicestelle des Kassenärztlichen Vereinigung anzurufen. „Hier, ich gebe Ihnen eine Codenummer, die Sie dort angeben müssen. Dann bekommen Sie einen zeitnahen Termin. Allerdings kann es sein, daß Sie quer durch Berlin fahren müssen.“
Daß es so etwas gibt. Wußten, Freundin, Sie das? Wahrscheinlich wissen die meisten Menschen es nicht und sind also gezwungen, ihre Krankheit zu verschleppen.
Ich bekam den Termin umstandslos gleich für die nächste Woche, und der Arzt praktiziert keine zehn Fahrradminuten von hier.
Jedenfalls, was mir furchtbar stinkt, muß ich mit dem Lauftraining momentan wahrscheinlich aussetzen; hab grad auch durchaus etwas Angst vor ihm, wenn selbst von hier bis zum Alex zu radeln ein spürbares Tortürchen ist. Andererseits kann ich das Laufen vorübergehend durch Krafttraining ersetzen, wahrscheinlich auch durch Schwimmen. Nur daß mich zusätzlich die Sehnengeschichte am linken Unterarm be-, ja: behindert und vom dagegen Antrainieren ganz sicher nicht besser wird. Immerhin spüre ich sie fast nur beim Bizepstraining und – am Computer bei Verwendung des Touchpads und der Mittelfingertipperei. Von letztrem beiden dürfte, nach jahrelangem immerselbem Vorgang, das Sehnenproblem auch rühren. Also denke ich jetzt über die Anschaffung einer ergonomischen Maus nach, obwohl ich mit dem Touchpad viel lieber als mit Mäusen arbeite, die  mir immer wie sich zwischen meinen Geist und den Text schiebende Fremdkörper vorkommen.
„Was ich Ihnen empfehle, bis wir die Ergebnisse des Ultraschalls haben, ist, daß Sie sich erst einmal Kompressionsstrümpfe für Jogger besorgen und sie beim Laufen auch tragen. Das wird nicht viel, aber ein bißchen dann doch bringen.“
So radelte ich denn zum Decathlon am Alex und erstand sie; zu meiner Beruhigung sehen sie fast elegant aus, so daß ich sie auch trage. – Ich trug sie bis spätabends. Und in der Tat, die Schwellung der Füße trat nicht mehr auf oder nur noch wenig. Beim Radfahren brachten sie allerdings n i c h t viel, so daß ich eben fürchte, es werde auch beim Laufen so sein.
Vielleicht einfach mal zwei Tage aussetzen. Heute habe ich sowieso einen Nachmittagstermin, und am Abend werde ich Aikmaier treffen, während der ANH-Werkschau des ilbs am 9. September zwei der vier Veranstaltungen mitmoderieren wird. Abgesehen davon, macht mir grad das hier, frisch aus dem Backofen, Freude:

Wenn Sie, Freundin, vorbeikommen wollten, schnitte ich’s frisch für Sie auf und unterbräche kurz die Arbeit – nämlich an der Contessa Familienbuch sowie dem letzten Gedicht, das aus Das Ungeheuer Muse noch unfertig ist: komplett absurd, ich brauche einfach ein passendes Wort mit dem Buchstaben „x“, doch finde und finde es nicht. Das macht mich nicht fuchsig, aber nervös.

Ihr ANH

P.S.: Ach so. Meine Rezension von Ruoffs Apatit ist erschienen. Ich habe sie aber gestern schon getrennt verlinkt.

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