Meine Güte, was eine Nacht! Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 14. Juni 2018: Von Venen und der Venus.

[Arbeitswohnung, 10.13 Uhr
Blasmusikprobe vom Kollwitzgymnasium her, fast schief: Sizilianische Prozession]
Ich werde Ihnen, Freundin, gelegentlich schon von den Bauchkrämpfen erzählt haben, die zum ersten Mal auftraten, als ich um die vierzehn war, vielleicht auch dreizehn, früher nicht, sie setzten quasi mit beginnender Pubertät ein und begleiteten mich hinfort in wechselnden, meist langen Abständen. Mit fünfzehn kippte ich ihretwegen mit dem Fahrrad um, ward zum Arzt geschickt, der mich ins Krankenhaus zur Untersuchung schickte. Meine Mutter ließ mich einen kleinen Koffer packen, sie konnte oder wollte die Praxis nicht schließen; bei uns wurde erwartet, daß man dergleichen selbständig erledigt. Also betrat ich alleine mein, so empfand ich es, erstes Gefängnis. Die Schmerzen waren längst weg. Verschiedene Tests, der ekelhafte Wismutbrei als Kontrastmittel beim Röntgen. Alles ohne Befund, ganz wie Untersuchungen späterer Jahre. So galt Nervosität als Diagnose.
Heute weiß ich, es ist Protest. Wann immer ich in Lebenssituationen war, die nicht stimmten, denen ich aber nicht entweichen konnte (oder nicht wollte), reagierte mein Körper genau damit. Und reagiert noch heute so. Was mich für Stunden restlos lähmt. Ich weiß unterdessen, daß ich’s dann einfach aushalten muß – ausharren, bis der Schmerz, gleichsam vor Erschöpfung-selbst, aufgibt. Meist tut er’s, nachdem es mir gelungen ist einzuschlafen. Was halt lange dauern kann.
So heute nacht. Bis halb drei quälte ich mich im Bett herum, „herum“ dürfen Sie wörtlich nehmen, mit der obligaten Wärmflasche, ein Würmchen Riopan intus, das nicht anschlug, dann gab ich es auf, verließ das Bett, kochte Kräuertee, trank ihn heiß, mehrere Tassen, dazu ich – weil an Lesen nicht zu denken war und ich etwas brauchte, das mich von mir selbst ablenkte – zweieinhalb Serienfolgen guckte. Um fünf war ich dann so übermüdet, daß ich wieder wagen konnte, ins Bett zu gehen. Wirklich schlief ich nach wenigen Minuten ein, besser: sackte einfach weg. Um halb acht wachte ich auf, leicht waren die Schmerzen noch da, ein ungefähres, warnendes Ziehen. Also n o c h eine Stunde schlafen. Und um kurz vor neun, fast, als wäre gar nichts gewesen, aufgestanden. Ich konnte es sogar wagen, was bei solchen Zuständen eigentlich ausgeschlossen ist, meinen morgendlichen Latte macchiato zu trinken.

Aber welche „Situation“ ist es denn, die mich so gegen mich selbst protestieren läßt?
Ich muß gar nicht nachdenken. Jetzt habe ich den Körper wieder auf Vordermann gebracht, bin voller Lust zu laufen und den Kraftsport weiterzutreiben, auch, weil ich weiß, wie sehr das den Geist in Regung bringt, ihn elastisch macht, ihn nächste Zukunft wittern läßt, in die er hineinwill, in die es ihn drängt, der ganze Depressionsmüll fällt wie von selbst ab – und da krieg ich diese Venengeschichte, dazu die motzende Sehne am rechten Unterarm.
Es war wirklich grauslich gestern. Cristoforo Arco hatte mich – auch wegen der Veranstaltung morgen in Bonn – gebeten, von seinen Eltern frisch aus der Druckerei eingetroffene Bücher die neue Aeolia und die Kammermusik – abzuholen; das Elternhaus dient dem Verlag schon deshalb als Zwischenlager, weil die österreichischen Portokosten signifikant höher als die deutschen sind (um von italienischen mal zu schweigen).
An sich auch kein Problem, ich habe schon weit mehr als diese gestrigen fünfzehn Kilo geschleppt. Klar, ich nahm wieder meinen Reise-Lebensbegleiter, den Rucksack. Wie halt immer. Doch schon der Hinweg, nur die kleine Strecke zur S-Bahn-Station und von der Zielstation zum Zielort war katastrophal. Zwanzig Meter gehen, die linke Wade versagt, es ist ein nicht gut definierbarer Schmerz, etwas zwischen dumpfem Stechen, Kitzel und Lähmung. Jedenfalls stehenbleiben, knapp eine Minute, die Wade erholt sich, die nächsten zwanzig Meter gehen. Und so fort. Meine Güte, daß ich nur eine Woche zuvor noch meine zehn bis zwölf Kilometer joggen konnte! Als wäre es Vergangenheit. Um von den herrlichen Praterläufen zu schweigen, keine zweieinhalb Wochen her! Und jetzt?
Dann kommen die unguten Fantasien. Plötzlich am Stock gehen zu müssen – ich! Daß es einen dermaßen aus dem Hinterhalt erwischt, wenn man doch vor Bewegungslust eigentlich d a m p f t! Wenn man sogar wieder im Kopf hat, den Friedrichroman nun doch noch zu stemmen! Wenn man die Béart wieder vornehmen will, s i n g e n, H y m n e n singen will! Und dann das.
Immerhin, zur S-Bahn zurück brachte mich und die Bücher Cristoforos Vater mit dem Auto – was aber an sich schon peinlich ist: Es sind keine zehn Minuten Fußwegs, mit dem gefüllten Rucksack wären’s vielleicht dreizehn gewesen.
Zwei Stationen fahren, dann steht der Zug und bewegt sich nicht weiter. Schließlich Ansage: Die Fahrt kann nicht fortgesetzt werden, Totalausfall eines Stellwerks. Ja nun, was jetzt? Ich den Rucksack gewuchtet, mit anderen Fahrtgästen, ihnen hinterherhumpelnd, die richtige Bussation suchen; informative Ansagen gibt es nicht. Mehrere Buslinien zur Auswahl. Am besten zu einer UBahnstation, denn auch die S-Ringbahn falle, erzählt eine auf ihrem Smartphone herumtippende Frau, zwischen Wedding und Gesundbrunnen aus: Großer Polizeieinsatz. Möglicherweise sei die Ringbahn insgesamt betroffen – meine Linie.
Ich brauchte knapp anderthalb Stunden, bis ich an der Prenzlauer Allee endlich ankam. Und wieder: zwanzig Meter gehen, eine Minute stehenbleiben, bis die Wade wieder schweigt, die nächsten zwanzig Meter, wieder stehenbleiben und bis zur Haustür so weiter. Dann noch die drei Stockwerke rauf, Wohnung aufschließen, den Rucksack abladen. Nur eine Minute Ruhe, und die Wade hat sich wieder erholt. Wenn ich mich nicht bewege, ist überhaupt nichts zu spüren. Aber ich w i l l mich bewegen! Genau aber das ist mir nicht erlaubt.
Weshalb soll ich mich also wundern, wenn mein Geist zu protestieren beginnt? Das tat und tut er bei mir immer durch den Körper und genau in der Weise, die ich oben beschrieb und mich nun wieder fast eine ganze Nacht „gekostet“ hat.

Andererseits, kaum sitze ich am Schreibtisch, fange ich zu verstehen an, was einem der Gedichte des Ungeheuers Muse noch fehlt. Ich könnte jetzt einfach so durcharbeiten und auch der Contessa Familienbuch ein weiteres Stück voranbringen, immer zwischen ihm und dem Gedicht hin- und herschaltend, zudem eine noch ganz andere Aufgabe skizzierend, müßte ich nicht – jedenfalls sollte ich es – um zwölf nochmal zur Ärztin, die sich diese motzende Wade direkt ansehen soll; vielleicht ist es ja doch noch was anderes als die, ich sag mal, „Venerei“. (Kommt „Vene“ eigentlich von „Venus“? – das wäre dann eine Erklärung von noch ganz anderer Plausibilität. Doch kommt das deutsche Wort von „vena“ – wobei es schon seltsam ist, daß die lateinische Aphrodite eine männliche Wortendung hat, indes die „vena“ weiblich ist.)

Das hingegen wird jetzt schön:

Hat immer dies Gesicht gesehn
bevor er’s wirklich sah
War schon dem Buben nah
der ferne auf der Wiese spielte,
in sich versunken, tief

War nichts als eines Waldrains Stimme
als wer vom Haus den Kleinen her
der blinzelnd durch das Letztgeglimme
des Taglichts zu den Wipfeln schielte
zum Abendessen rief

Ihr ANH

 

 

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