Erdhalme, hymnisch. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 7. Juli 2018.

[Arbeitswohnung, 5.31 Uhr
Karl Amadeus Hartmann, Erste Sinfonie

Versuch eines Requiems nach Worten von Walt Whitman]

And who has made hymns ft for the earth? for I am
mad with devouring ecstasy to make joyous hymns
for the whole earth.

Whitman, Excelsior, Leaves of grass

Nachts, 1.58 Uhr, längst schlafe ich schon. Schrecke auf. Signalton von Whatsapp, dazu das aufgeleuchtete Display meines Ifönchens.
Zur Seite tasten (wer um Polyhymnias wegen fiept mich an um diese Zeit?), blinzeln:

Du hast mich vor langer Zeit besucht in meiner Heimat und heute Nacht beschäftigt mich dein Gesicht.

Das Anagramm des Absenders, EM, regt eine kurze Hoffnung in mir auf – doch „in meiner Heimat“? Nein, grundlos, ganz grundlos, die Hoffnung.

Was ist denn so toll an ERDE? Für dich?

Sie – ich war mir spontan sicher, dies schrieb eine Frau – hatte davon im Literaturport gelesen, dessen Einträge zu mir längst veraltet, jedenfalls nicht auf dem – scharf untertrieben gesagt – „neuesten“ Stand  sind. Das liegt am dortigen Konzept: Die Autor:inn:en sollen ihre Sites selbst pflegen. Etwas, wofür ich zum einen keine Zeit habe, wozu ich zum anderen aber auch zu stolz bin. So etwas ist die Aufgabe von Literaturwissenschaftler:innen, bzw. Germanist:inn:n,  nicht der Dichter selbst. Außerdem gibt es Die Dschungel.

Seltsam, eine Frau, die nach Erde fragt; mir deucht‘, es wär eine Frage – Infragestellung – des Patriarchats. – Nun liegt hier schon seit Tagen die Doppelbox der Sinfonien Karl Amadeus Hartmanns, und ich sehr nach dem frühen Aufstehen nach und erinnere mich: die erste Sinfonie ward auf Verse Walt Whitmans geschrieben. Ob ich nicht da die Antwort fände, sie EM zu geben?
In Hartmanns Erster nicht, nein. Doch lassen Sie mich, Freundin, schauen. – Und in der Tat!

Und einen Faden werde ich durch meine Gedichte ziehen, daß Zeit und was geschieht, ineinander gefestet sind
Und alle Dinge der Welt vollkommene Wunder sind, eines so tief wie das andre.
Nicht Gedichte werde ich machen, die sich auf Teile beziehen,
Sondern ich werde Gedichte machen, Gesänge und Gedanken, die sich auf das Ganze beziehen,
Nicht auf den Tag hin werde ich singen, sondern auf alle Tage hin –

Whitman, Hymnen für die Erde 11, dtsch. v. Franz Blei

Was mich daran erinnert, daß ich bis Mitte der Woche meine Bewerbung für eines der Berliner Literaturstipendien 2019 fertiggemacht haben und fristgemäß abgeben und daß ich tatsächlich wieder die Béart-Gedichte nehmen sollte, die derzeit wahrscheinlich das wichtigste sind, woran ich sitze, bzw. derzeit mal wieder nicht sitze, was mich dennoch ständig begleitet. Und daß ich also für den Zyklus ein neues wenigstens skizzieren sollte. (Übrigens kam mir bereits gestern der Gedanke, anstelle von „Gedichte“ als Untertitel „Hymnen“ zu wählen).
Also, liebe EM, auf Ihre Frage:

„Von dem Schilf steigen Tausende Mikrolaternen glitzernd zu Wind,

Insekten, die wie Samen silbern über Ähren blinken,
von ihren Rispen weht ein Haar,
das windblütig vom Messer singt und von dem nassen Lob, Béart,

des Loses, das dem Mann geschah. Noch kräuselt sich des Raubes
umgekehrte Schwängerung
in den weiblichen Wellchenkreisen über seinem weichen Ertrinken

und klätschelt gegen die moderig duftendenen, klitschigen Pfähle
drunten des Steges -“
(Von >>>> dort)

– … und daß ich wieder tanzen konnte! Dies war, nunmehr, vorgestern frühnachts. Abends hatte ich mir grad das Abendbrot zubereitet, als mein Ifönchen klingelte: „Wo bleibst du denn?“ – Wie wo ich bliebe? – „Aber wir sind doch verabredet, auch mit Ruoff!“
Hatte ich völlig vergessen, eigentlich auch keine Lust mehr, jetzt noch aufzubrechen. Aber ich war an dem Tag nicht gelaufen, da würde eine Fahrradfahrt in den Westen meiner Disziplin eine Entschuldigung schreiben. Und in der Tat hatte ich, als wir das Treffen vereinbarten, große Lust darauf gehabt, den Autor von Apatit persönlich kennenzulernen; auch dies also sprach dafür, meine Abendbequemlichkeit daranzugebe und spontan nun aufzubrechen.
Bis zu deGruyter ist’s eine knappe halbe Stunde Radfahrt. Als ich in der Genthiner ankam, stand der Freund bereits draußen bei den Damen „der Tür„, die ebenso bereits ein Schildchen für mich geschrieben hatten, das sie mir nun ans Jackettrevers bappten. – Ruoff stand – zum dritten bereits – drinnen an einem der Stehtische im Atrium des Hofes draußen. Wir aßen, tranken, ich trank ziemlich viel durcheinander – und irgendwann hielt’s mich nicht mehr. Die Freunde staunen immer wieder, wie ich, der Widersacher des Pops, drin aufzugehen scheine. Ich staune manchmal selbst. Aber Tanzmusik ist keine Kunst, sondern Zweckrhythmus und als solcher ganz superb. Sie läßt sich nur nicht aushalten, wenn man sich auf sie konzentriert, also das Ohr konzentriert. Dann wird man ständig im Geschmack beleidigt. Nicht aber, wenn es um Bewegung geht, zumal um „formale“ – denn das versuch ich ja schon, Formen der Bewegung, mithin auch Muster zu ertanzen, seien es längst geprägt wie im Standard, seien es improvisierte aus dem Moment.
Jedenfalls bin ich irgendwann immer berauscht. Und hier kam noch hinzu, daß solch ein Tanzen kaum mehr als eine Woche zuvor ganz ausgeschlossen zu sein schien, worden zu sein schien. So tanzte ich – auch – meine Befreiung. Zumal ich vormittags bei der Kardiologin gewesen, die vollauf Entwarnung gegeben hatte. „Sportlerherz“: zu meinem Ruhepuls von 54; Blutdruck bestens, und auch im Stethoskop war nichts zu hören, das Verdacht hätte erregen können.
Ruoff und ich gehörten zu den letzten, die das Fest verließen; wir haben zur größten Strecke denselben Heimweg; auch er war mit dem Fahrrad gekommen. Als ich aber morgens erwachte, gestern also, da sah ich auf meinem Schreibtisch ein verdächtiges Schnapsglas stehen, und auch gefuttert hatte ich noch was – konnte mich aber an nichts mehr davon erinnern: ein „wirklicher“ Filmriß. Offensichtlich hatte ich nachts hier „weitergemacht“; das indizierte auch mein durchaus noch wackliger Zustand.
Ich kann mich noch immer nicht erinnern.
Ein Wunder also, daß ich abends dann doch noch lief und sogar schon wieder die Zielstrecke von zwölf Kilometern erreichte.

Nun erst einmal an die nächste der von Elvira lektorierten Erzählungen, dann weiter mit einer der Auftragsarbeiten. Es wird grad finanziell wieder eng; ich muß Vorsorge treffen. – Nein, Freundin, bis Ende August ist noch keine Gefahr. Sie müssen also noch nicht nervös werden.

Herzlich,
Ihr ANH

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