Erschütterung der Salome. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 12. August 2018. Zu Asmik Grigorian.

 

Trainingspause heute.

[Fotos (©: 3sat, Filmmitschnitt]

Also statt des Sports gleich morgens Salome, Richard Strauss, Salzburg 2018: Erschütternd durchdringt Asmik Grigorian sogar das harte Konzept Romeo Castellucis und Franz Welser-Mösts so intellektuelles wie kalkuliertes Dirigat; sie, Salome, ist, abgesehen von dem fanatisierten Jochanaan, die einzig lebende Person auf der Bühne – und vielleicht im gesamten Felsenreitschulsaal. Denn sie hat völlig recht: Hätte er, Jochanaan, sie und nicht seinen leiblosen Gott angesehen, er hätte sie geliebt. So daß sie, selbst wenn sie seinen Mund in dieser Inszenierung nicht küssen konnte, ihn geküßt haben wird. Das ist das Wunder dieser Aufführung. Soll sie danach sterben wie er („Man töte dieses Weib!“), ist es in einer Welt der Toten nur logisch. „Allein, was tut’s?“ ruft sie da aus. „Was tut’s? Ich habe deinen Mund geküßt, Jochanaan.“
Es hat mich umgehauen, nicht das Konzept, nicht der See aus Milch, der Spiegel des Mondes, in dem sie kniet, diese Frau, den sie durchwatet – alleine unter ihren Füßen hell, der schwarze Mond des Tetrarchenhofs -, sondern die Intensität dieser Sängerin. Nur einmal zuvor gab es solch eine Salome in meinem Leben: die für die Partie viel zu junge Hildegard Behrens unter Herbert von Karajan an der Wiener Staatsoper im Mai 1977. Elisabeth Schwarzkopf hatte sie vergeblich gewarnt; die Behrens sang ihre Stimme damals kaputt, und Karajan, der wußte, ließ es geschehen: als Opfer für eine Jahrhundertinszenierung. Ich habe darüber hinweggedacht, ungern, mit schlechtem Gewissen, es aber für die Kunst verdrängend d o c h. Denn in der Tat, es gab Vergleichbares nicht. Hören Sie sich, Freundin, einfach mal die Aufnahme an.
Seit diesem Jahr indes ist es nun anders. So ist die neue Salome für mich auch eine Art Befreiung. Denn ein für alle Mal ab jetzt hat die Figur Asmik Grigorians Erscheinung angenommen. Und diese Frau ist alt genug, um ihre Stimme nicht mehr zu riskieren. Allerdings singt sie eine Spur dunkler als die junge, auf beklemmende Weise „reine“ Behrens damals tat, die ihrem eigenen Begehren gleichsam kindlich ausgeliefert war, sozusagen schuldlos begehrte, indessen Grigorian sich ihres wollenden Geschlechtes durchaus bewußt ist. Das macht sie übrigens auch zur schöneren der beiden Frauen – selbst dann, wenn Welser-Mösts Dirigat an den expressiven Rausch Karajans nicht heranreicht, ihn wohl auch gar nicht will, sondern stets, wie Regisseur Romeo Castelluci, konzeptual kalkuliert bleibt. Doch die Grigorian transzendiert das Konzept. Mit ihrem ganzen Leben lädt sie es mit dem Geheimnis auf – einem größeren als dem des Todes, dem die Inszenierung folgt. In Gregorians Salome kommt Salome zu sich.

Noch findet sich die Aufführung >>>> in 3sats Mediathek. Also zögern Sie nicht, nicht eine Minute, keine Sekunde. Sie werden weder diese Stimme noch ihren Leib noch beider Ausdruck jemals vergessen. In ihm steht auf und ersteht das weibliche, sinnliche Recht gegen das Patriarchat und also jeglichen Gott. Wir sehen es in Asmik Grigorians Gesicht, in der Geworfenheit ihrer Züge – in dem Fernsehmitschnitt wahrscheinlich besser, als in der Felsenreitschule möglich; denn uns, anders als das Theaterpublikum, bringt die Kamera nah genug an es heran. – Allerdings, wenn Sie nicht wirklich eine gute Musikanlage haben, dann nehmen Sie unbedingt die Kopfhörer.

 

 

*

Ansonsten sitze ich an der letzten Überarbeitung der nächstes Hochzeitsrede, am kommenden Sonnabend an der Ostsee zu halten. Habe heute früh in letzter Minute noch ein Hotelzimmer ergattert; gestern suchte ich vergeblich. Abends ist da schlecht wegzukommen, und ich wollte auch gerne bleiben, allein des Wassers wegen, hatte nur einfach nicht dran gedacht, nicht rechtzeitig, bzw. angenommen, es wäre für mich bereits etwas gebucht.
Und quasi ständig bin ich im Gespräch für >>>> die Werkschau auf dem diesjährigen Internationalen Literaturfestival Berlin. Wobei es eines plötzlichen Krankheitsfalles wegen höchst unsicher geworden ist, ob der neue Gedichtband rechtzeitig fertig sein wird. Das macht mich etwas nervös, zumal ich ihn auch gerne bereits auf zwei vorherigen Veranstaltungen vorgestellt hätte. Daraus wird nun ganz gewiß nichts werden, indes wir bei der Werkschau werden möglicherweise mit der Satz-Pdf arbeiten müssen. Doch sei’s drum. Wie mir gestern Sabine Scho schrieb: „’n janzer Tag beim internationalen literaturfestival Berlin Dir und Deinen Werken gewidmet, zu Lebzeiten! Mehr Ehre geht nicht.“ Es wird Zeit, den Béartzyklus zu einem Abschluß zu bringen.

À propos könnte es nach dieser Salome sein, daß ich eines der neu entstehenden Gedichte Asmik Grigorian widme: wie ihr an manchen Stellen unterm Herausströmen der Klänge die ganze Zunge sichtbar vibriert und wie asymmetrisch manchmal, da sie sekundenkurz den nächsten Klang in ihrer Seele vorbereitet, der linke Mundwinkel zuckt … – in so etwas kann ich verloren gehen und geh ich wohl verloren für alle alle Zeit:

Ihr
ANH

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2 Kommentare zu Erschütterung der Salome. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 12. August 2018. Zu Asmik Grigorian.

  1. phg sagt:

    Ja, die Salome gestern war grandios. War geradezu körperlich erschüttert. Was für eine Sängerin, diese Asmik Grigorian! Bedankt für Ihre Rezension, die es genau trifft.

  2. Pingback: Salzburger Festspiele: Der etwas andere Orgasmus – Feuilletonscout

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