Opfer & Brille. In der Nacht vom 27. auf 28. September 2018.

Seit Jahren, ja zwei Jahrzehnten trage ich dieselbe Art Sonnenbrille, dessen Modelle ich – eben seit meinem Jahresaufenthalt 1998 in der Villa Massimo Rom – neben der Stazione Termini bei einem islamischen Händler der via Giolitti beziehe, bis zu meinem diesjährigen Neapelaufenthalt auch nur dort beziehen konnte, also in der Giolitti. Nur daß dieses Sonnenbrillenmodell, als ich aufs neue im Mai, mit Cristofero Arco, hineinschaute, nicht mehr da war; schon in den letzten drei Jahren hatte ich Zugeständnisse machen, nämlich Brillen mit rötlich eingefärbten Gläsern kaufen müssen, etwas, das ich nicht mag. Jedenfalls gingen die Bestände offenbar wirklich zuende.
Aber die Einzelexemplare halten selten lange, meist tritt nach einem Jahr an ein- und derselben Stelle Materialerschöpfung ein, nämlich links oben bricht der Rahmen und ist auch nicht mehr zu kleben; ich habe alles mögliche versucht. Das Glas fällt heraus, Ende der Vorstellung. Deshalb halte ich immer Exemplare auf Vorrat, unterdessen auch in verschiedenen Farben: braune Rahmen, graue Rahmen, schwarze Rahmen, letztre erst wieder seit dem letzten Neapel: Da fand ich tatsächlich zwei Exemplare auf einer Auslage der via Toledo.

Dies erzähle ich zur Einleitung nur.

Meine letzte Sonnenbrille war also zerbrochen. Ich fuhr in einem Kleinwagen durch eine melancholische Gegend. Es könnte um Verdun gewesen sein, war allerdings Hügelland. Die graue Himmel hing tief auf es hinab.
Ich wollte eine neue Stelle antreten, jedenfalls glaube ich das jetzt. Anders ist es nicht erklärlich, daß ich vor einer Dorfschule hielt, dann sogar auf ihren Hof fuhr, ausstieg, ins Gebäude eintrat, einen Klappordner unter dem Arm, diesem ein LEITZ-Etikett entnahm und es auf die Fensterbank neben der letzten Tür des Flures legte, einer, die wie die Türen davor in ein Klassenzimmer führte. Auf dem Etikett stand eine Zahl, aber ich weiß nicht mehr, welche.
Ich wandte mich wieder hinaus. Neben meinem kleinen Wagen stand ein vielleicht zwölfjähriger Junge, von dem ich wußte, daß er ich war. Nur war er verwachsen.
Er trug ehemals weiße Lumpen, sackartig fielen sie über seine Schultern; er trug eine ehemals weiße Kapuze so weit ins Gesicht gezogen, daß er wie ein Murmeltier aussah – ein beschädigtes Murmeltier, denke ich jetzt, da ich dieses – gegen die Traumflucht ringend – aufschreibe. (Man kann Träumen, wie sie verwehen, geradezu zusehen, jede Sekunde bringt den nächste Verlust, indem die Zusammenhänge sich auflösen.) Was hatte dieser Junge mit meinen Sonnenbrillen zu tun? – Als ich erwacht war, wußte ich es noch.
War es so, daß der Junge mir mit einem Arm die Richtung zeigte? Hob er nur den Kopf, weil Geräusche von der anderen Straßenseite kamen? Die wir nun, wie auch immer, gemeinsam überquerten. Und gemeinsam gingen wir eine Straße, die aus dem Dorf hinausführte. Er, den ich führte, führte mich. Schon traten wir zwischen Buschwerk in eine dumpfe, aber weite Senke, an deren tiefstem Grund ein Tümpel. Die rechte Hand des blinden Jungen lag auf meinem linken Unterarm. Alles lauschte, was „i c h“ war. Obwohl ich mich davor fürchtete, schloß ich sogar die Augen, war nun der Junge ganz.
Von der Höhe des Hügels war eine Prozession zu hören. Andere Murmeltierjungen wurden von einem verwachsenen Murmeltiermann geführt. Ein Monstrum, keine Frage. Der Trupp zog murmelnd oben vorbei und verschwand.
Alleine, ich war plötzlich alleine, der Junge verschwunden, vielleicht der Prozession gefolgt, – alleine also kehrte ich zu meinem Auto auf den Dorfschulplatz zurück.
Der Ort schien unbewohnt zu sein, außer dem nun verschwundenen und den auf dem Hügel vorbeiprozessierenden Jungen – und außer dem Unhold, der dem Trupp voranschritt – habe ich nicht einen einzigen Menschen gesehen. Weshalb ich – oder aus einem Grund, den ich jetzt vergessen habe – abermals in die Senke hinabstieg, wo ich voller Bangen und Gewißheit die Wiederkehr der Prozession erwartete.
Tatsächlich ließen die Jungen und der Unhold, der sie anführte, nicht lange auf sich warten. Diesmal passierte der Trupp auch nicht oben vorüber, sondern kam langsam herab-, ja: gekrochen. Wie eine monströse Raupe, die sich vor mir dann erhob. Ich legte den Kopf in den Nacken, als das Schwert durch meinen Hals fuhr. Mir ist, als könnte ich noch jetzt mein abgelöstes Haupt in den Tümpel platschen hören, in dem es glucksend versank.
Was, ja was hat dieser Traum mit meinen Sonnebrillen zu tun?
Es war noch nicht sein Ende. Ich war noch nicht erwacht.Als ich wieder zu mir kam, war ich verwachsen wie der unholde Führer der Prozession, ihr sozusagen Raupenkopf, verwachsen wie der blinde Junge auch, von dem ich jetzt wußte, daß er derselbe Mensch war wie jener, nur zu einer früheren Zeit, und beide waren gleichzeitig Ableitungen meines heutigen Ichs – ob mythische oder reale, weiß ich nicht. Wenn sich mein Leben wieder einrenken und ordnen sollte, mußte ich beide in den Griff bekommen: in den Begriff schrieb ich soeben zu meinem Erschrecken. Auf keinen Fall wollte ich selbst zum Anführer einer Prozession werden. Doch – und hier geschieht unversehens die Verbindung – konnte mich dagegen nur meine Sonnenbrille schützen. Das wußte ich sofort. Sie lag auch, die zuvor gebrochene, zerbrochene, und längst fortgeworfene, neben dem Leitzordneretikett auf dem Fensterbrett im hinteren Flurteil der Dorfschule. Eine neue Brille war es, die ich nun aufsetzte und mit deren dunklen Gläsern vor den Augen ich die Schule wieder verließ, zu meinem kleinen Wagen ging, ihn öffnete, einstieg und – endlich wieder vor meinem Unbewußten geschützt – davonfuhr.
Nämlich da erst wachte ich vorhin auf, „wirklich“ auf, und entsann mich, denselben Traum bereits einmal geträumt zu haben, wahrscheinlich sogar schon mehrfach, in Abständen immer von Jahren, wann immer nämlich eine meiner Sonnenbrillen wieder gebrochen war.

ANH, 28.9.18
[8.51 Uhr | Jean Sibelius, Sinfonie 2 / Einojuhani Rautavaara, Canticus Arcticus, Orchestre National de France, Segerstam]

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