Anapule (2). Anstelle eines Arbeitsjournales dankbar am Mittwoch, den 19. September 2018, geschrieben.

 

Der Höhepunkt, für mich, war ganz sicher die vergangene Mittwochsnacht, des 12. Septembers also, der nun schon wieder sieben Tage zurückliegt – eine, nicht zu fassen, ganze Woche.
Morgens hatte ich mich zu dem Golflauf aufgemacht, war bis zum Palazzo Donna Anna nach Posillipo hinüber den gesamten Lungomare entlanggelaufen und wieder bis in die kleine Gasse Pazzariello zurück (nein, kein weißer Schimmel, denn so werden etwa in Wien auch breite Straßen genannt); als ich aufbrach im Sport-, nun jà, -„kostüm“ hatte mich direkt auf der Gasse il Capitano angesprochen: ob ich der neue Gast sei? – Ja. – Und jetzt wolle ich laufen? – Ja. – Dann bis heute mittag; er sei der Inhaber der kleinen Pension, zugleich Führer durch die napoletanische Volkstradition. War auch so schon verkleidet, der Mann, mit Dreispitz, fantastisch geschmückter Uniform, die graumelierten Schläfen mit den Farben eine Pilgers nach Mekka bestäubt.
Schon vor meiner Anreise war ich gefragt worden, ob ich mit allen den Pranzo einnehmen wolle, man lade mich gerne zu Gast. Selbstverständlich lehnt man sowas nicht ab, auch wenn ich eigentlich „zu mir“ kommen und wieder in die Béartgedichte finden wollte – was, um es vorwegzunehmen, nicht gelang, nicht das eine, nicht das andere, und zwar auch dieses nicht, das „zu mir“, weil ich in der Pazzariello geradezu umgehend Mitglied einer Gruppe wurde, mehr noch: aufgenommen in eine Familie. Für jemanden wie mich, der beiunszulande doch mehr oder minder stets Außenseiter blieb, ist das eine Befreiung – zumal, nachdem alle Versuche neuer Verse, die ich hier bereits niedergeschrieben hatte, niederzuschreiben versucht hatte, schwersinnig waren, auch zu schwerfüßig, nicht einmal wärmend-melancholisch, sondern so, wie ich über ein Leben auf keinen Fall schreiben mochte. Noch möchte ich es jetzt.
Das schienen die Napolitaner zu spüren. Und so sangen sie:


Meinerseits ich, zum Pranzo, besorgte ein paar Muscheln, die ich auch zubereitete, und etwas Wein. Skeptisch sah eine Freundin des Hauses mir beim Kochen zu, kontrollierte sogar, ob ich die Meeresfrüchte auch genügend sorgsam geputzt hätte, putzte sogar nach, ich ließ es lächelnd geschehen. Nur Knoblauch in die Pfanne (sie, die Signora, reduzierte die Menge, und als ich das Öl von Sonnenblumen nehmen wollte, sagte sie nein und griff zum Olio di Olive – wobei sie später allerdings ihrerseits, man könnte sagen, heimlich, erstres doch noch hinzugoß -; dann nur noch scharfe Peperoncini, die im Busch über meinem Kopf hingen, – mehr braucht es nicht, das Gericht. Ah doch! nämlich Weißwein, viel Weißwein, auf keinen Fall Wasser. Und kein Salz, davon haben Muscheln in sich genug. (Wie auch Fisch aus dem Meer an sich kein Salz braucht).
Als die Cozze dann auf den Tisch kamen – der Pranzo, das Mittagessen, fing überhaupt erst gegen vier Uhr an, nachmittags: Man ist in Neapel niemals zu spät, was geschieht, geschieht, wenn’s geschieht, vergessen Sie, Freundin, „Termine“… – also als ich sie auftrug, weiterhin skeptisch von der Signora beäugt, und als dann die erste Gästin zugriff und nicht mehr davon lassen konnte, war bald alles bis auf ein Restchen weg, das ich tags drauf aus dem Kühlschrank verspeiste. „Buono“, sagte der Capitano, „veramente buono“, und ein Fremder war ich nicht mehr. (Am nächsten Tag lud ich zur Cena, besorgte auf dem Mercato Pendino frische Seppie, die in ihrer Tinte geradezu noch schwammen, so daß es nicht leicht war, sie zu separieren, doch gelang mir ein Kniff; elf Leute saßen dann am Tisch, wie vortags draußen auf der Gasse. Das könne doch nicht sein, so fast stolz der Capitano, daß da einer aus Deutschland komme und wie ein Neapolitaner koche. Auch dieser Abend ging bis vier Uhr in der Nacht, in der Frühe, und wir musizierten, ich hatte eine Ratsche mit Klöppel gereicht bekommen, musizierten und sangen traditionelle napoletanische Folklore, wozu ich tanzte und tanzte… Ja, aber: es ist ja noch der Abend zuvor:)
— an dem der Capitano dann eben fragte:
„Gibt es von dir denn keine Dichtung auf Italienisch?“
Was ich erst verneinte.
Bis mir einfiel, daß doch >>>> Parallalie vor Jahren einmal die Vierte Bamberger Elegie hatte in diese Sprache gebracht… das mußte doch irgendwo auf meinem Zenbook sein! Und mehr noch, auch vier Gedichte aus Dem Nahsten Orient.
Ich suchte die Dateien heraus, reichte Angelo den Laptop. Und er, der Capitano also, versank >>>> in dem Text. Versank wirklich, sprach die Verse lange nur für sich vor sich hin. Bis er sie vortrug.

 

 

 

 

 

Wir saßen, es war nunmehr weit schon nach 22 Uhr, noch immer auf der Gasse.

Angelo spielt Theater. Die ganze Gruppe hat vor Jahren das napoletanische Straßentheater, il teatro stabile di strada, eine Mezzogiorno-Form der commedia dell’arte, wieder lebendig gemacht, davon lebt dieser Kreis, hat sogar einen eigenen Theaterraum dreivier Gassen entfernt: IL TEATRINO DI PERZECHELLA.

Also Angelo kann sprechen, das heißt: rezitieren. So daß ich zum ersten Mal in meinem Leben Verse von mir auf Italienisch hörte. Er trug die gesamte Vierte Elegie vor, manchmal mit einem sehr tiefen Atmen, manchmal mit einer Pause, die sich erst fassen mußte… – dann las er alle anderen Gedichte auch noch. So daß nicht nur in diesen Tagen ich, sondern in dieser Nacht auch meine Dichtung heimkam.
Können Sie verstehen, liebe Freundin, daß mir zweidreimal die Tränen in den Augen standen?
Ich SMSte sofort Parallalie, der zu der Zeit – selten genug – in Deutschland weilte, nach meiner Werkschau in sein Heimatdorf gefahren. „Und wie finden sie es, die Neapolitaner?“ fragte er zurück. Was konnte ich da sagen? Was kann ich sagen, außer, wie erstaunlich, wie beglückend aber auch es ist, daß eine Versdichtung, die in Deutschland nahezu ignoriert wird, hier direkt beim Volk sofort verstanden, mehr! mitempfunden wurde? Und daß die Strenge der Form, die mir wieder und wieder zum Vorwurf gemacht und gar meine Dichtung-an-sich für unverständlich, ja unverstehbar erklärt wird, diesen Menschen sofort nah war, nicht Intellektuellen, von denen sich solch ein Verstehen erwarten ließe, nein, „einfachen“, einfach l e b e n d i g e n Menschen… Sie verstehen wahrscheinlich darum genau: weil sie eben so leben.
Wir umarmten uns, wir sprachen weiter, tranken weiter; schon diesmal wurde es vier. Daran, am nächsten Morgen wieder zu laufen, war nicht zu denken, und abends hatte Neapel nach wie vor über 30 Grad Celsius.
Angelo Picones Vortrag gehört zu den intensivst beglückendsten Momenten meines Lebens der letzten mindestens Monate, die Werkschau, so toll sie auch war, inklusive.
Noch am nächsten Abend, zu neuen Gästen, wurde von den Gedichten gesprochen, vor allem von der Elegie. „In Wahrheit“, sagte Raresh, ein rumänischer Globetrotter, der mit dabeigesessen hatte, „bist du gar kein Deutscher; in Wahrheit gehörst du wahrscheinlich hier hin.“ Ich unternahm nächstentags eine kleine Tour mit ihm, um ihm etwas von der Stadt zu zeigen, in der er nur für zwei Tage, an denen er aber, seinerseits so beglückt, aus dem Kreis der Freunde kaum wegkam. „Ich habe solch eine Stadt noch nie erlebt, ja nicht mal geglaubt, daß es so etwas gibt.“ – Er entwickelt Sound Design für Spielfilme, unterhält mit Freunden ein Tonstudio in Bukarest. Wir werden in Verbindung bleiben. Vor allem möchte ich, daß mein Sohn Kontakt zu ihm bekommt, für seine Kompositionen.

Aber noch einmal in den Vico Pazzariello zurück, No 11, zu Andelora Giuseppina, Angelo Picone und ihren, nun auch meinen Freunden. Sie vermieten für geringes Geld Schlafstätten über AirBnb, deren eine, wenn nicht gerade Vorstellung ist, auf der Bühne des kleinen Theaters aufgestellt wird; die anderen befinden sich in der Pazzariello selbst als eines Bassos, der allerdings, maisonetteartig, über zwei enge Stockwerke geführt ist: unten Küche und Eßraum, worin zuweilen noch ein Bett aufgestellt wird, oben der schmale andere Teil der Wohnung mit Raum für zwei Einzelbetten und einen kleinen Schreibsekretär; insgesamt sind die vermittels einer zu Seiten von vielerlei Kostümen und anderem Theaterfundus gesäumten Treppe miteinander, im halben Zwischenstock auch einem schmalen Balkon, verbundenen Räume allerdings nicht trennbar. Für den diskreten Nordeuropäer ein wenig gewöhnungsbedürftig ist lediglich der Umstand, daß das Bad, darin auch die Toilette (neben der allerdings ein funktionierendes Bidet steht!), von den Räumen nur durch einen Vorhang getrennt ist; es hat keine Tür. So daß ich anfangs dachte, oh, da braucht es schon den stoischen Witz eines römischen Legionärs. Die antiken Soldaten, heißt es, saßen ja stets beisammen auf den Donnerbalken. Tatsächlich aber gab es während meines ganzen Aufenthaltes nicht ein einziges Mal eine Situation, die peinlich gewesen wäre. Zumal für Klopapierfeinde wie mich ein Bidet ein wirklicher Segen ist; zu solcher Reinlichkeit hat man es nördlich der Alpen fast nirgends gebracht.
Wie nun auch immer die Napoletaner es hinbekommen, die Toilettengänge fließen trotz dieser von Ernst Bloch einst für die gesamte Stadt konstatierten Durchlässigkeit wie unbemerkt gleichsam gänzlich unter der Hand. Hier, in Neapels antikem Zentrum, ist jene noch völlig zugegen.

 

 

 

Wer immer also hinfahren und dort mitleben möchte, die Kontaktdaten finden Sie >>>> d a. Mitleben nämlich werden Sie – und wie! Und dann, ja grüßen Sie bitte von mir.

Ihr ANH

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