III, 417 – Schwoien

Es mag am Wort liegen, daß ich mir nach langer Zeit fast so vorkomme wie der Schädel von Marlon Brando, der sich in “Apocalypse Now” aus dem Dunkel ins Licht dreht, um dann “We are the Hollow Men” zu rezitieren. Es geht ums “Herz der Finsternis” von Joseph Conrad:

Die Nelly, eine seetüchtige Jolle, schwoite an ihrem Anker ohne die leiseste Regung in den Segeln und hielt Rast.

Im Original heißt es: “The Nellie, a cruising yawl, swung to her anchor without a flutter of the sails, and was at rest.” Der erste Satz des Buches. Ich habe nie weiterlesen können. Schuld ist immer gewesen der Name der Jolle.
Das Wort war mir gestern wieder begegnet bei Egger (‘Triumph der Farben’): ich hatte mir ihn laut vorgelesen, die beste Art und Weise, ihn zu lesen, denn ist nicht möglich, ihn zu lesen, es sei denn à la “shout it out”, klappt wunderbar. Er tanzte förmlich:

ich steige, Nachstellschritt, im Dreischritttanz, stampfe, plattle, gluckse, feixe, zischlig mit den Händen dabei schnal’tzend, fingerig spring ich an, hinter und in die Mängel der Gemenge…

Aber ich finde die Stelle mit dem “schwoien” nicht mehr, die den Conrad bzw. die Nellie und die Apocalypse wieder wachriefen. Und natürlich auch den Kopf des Freundes (ist er’s noch bzw. bin ich’s noch), dem ich 2016 in seiner Berliner Wohnung gegenüber saß. Wir hatten acht Jahre nichts voneinander gehört. Er hob – wir hatten gekifft – ohne jeglichen Zusammenhang den Kopf in die Höhe, als schaute er auf Buchrücken, und sagte: “Joseph Conrad, das hat Seele”. Sätze, die man dann mit sich herumträgt.
Aber einen anderen Egger-Satz habe ich tatsächlich notiert, es geht um den Tanz einer Schlange, die wie ein Aal zu tanzen begann:

tanzte, bis sich ihr schädel lockerte und absprang und allein durch die luft flog

Das immer noch sehr plastische Bild aus meinem Landleben, wo es Schlangen gab, die in einem Hohlraum unter dem Haus ihre Heimstatt hatten und sich dort vermehrten. Harmlose, ungiftige Schlangen, die mich nur anfangs erschreckten. Der Hund, den wir dann hatten, machte Jagd auf sie, aber nur wenn sie sich bewegten. Wenn sie still im Gras lagen, bemerkte er sie nicht. Geruchlos scheinbar für ihn. Dann aber die eine Szene: die aus dem Nest hervorkommende Schlange, der sofort zubeißende Hund, und wie der Biß ihr den Kopf abtrennte, die Schlangenkiefern, die sich ein letztes Mal weit öffneten, während der Kopf sich schon vom Rest verabschiedete.
Seit vorgestern auch in Gedanken um eine Freundin aus Wolfsburger und Berliner Zeiten. Die Nachricht von schon vier Chemios. Ging mir sehr nah, nachdem er, F., es mir geschrieben.
Ansonsten heavy duty nach wie vor, der Versuch, mein Lesepensum wieder aufzukurbeln (in den letzten dreißig Tagen mal so 20 Seiten am Tag, viel zu wenig), weiterarbeiten an ‘Re Orso’. Die tägliche Versuchung derzeit, mir Serien anzugucken. Im Moment ‘Vikings’: kind of Civilization, once a preferred game, vor vielen vielen Jahren…

III, 416 – Zeckenwirtschaft

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