Zorn und Geheimnis des untoten Schwans. In Auseinandersetzung mit Michael Braun bei tiefer Verbeugung vor Katharina Schultens.

Wie fang ich nach der Regel an?
Du setzt sie selbst und folgst ihr dann.

Wagner, Meistersinger
Kehren wir zum Alten zurück,
es wird ein Fortschritt sein.

Verdi

 

In einem aufschlußreichen Gespräch, das für Faustkultur Bernd Leukert und der diesjährig mit dem Alfred-Kerr-Preis ausgezeichnete Michael Braun geführt haben1, versucht dieser, für die Beurteilung von Gedichten Kriterien zu benennen, von denen er zugleich sagt, er wisse immer weniger, was ein Gedicht (eigentlich) sei. Diesen Umstand nennt er allerdings „wunderbar“ und begründet sein, ich schreibe mal, Berücktsein mit der Folge dieses Umstands:

weil – [: Hervorhebung von mir, ANH] – jeden Tag ein neues Gedicht erscheint, das alle bisherigen Poetologien zu widerlegen trachtet und […] erfolgreich aus den Angeln hebt – wenn es gut ist,

letzteres ebenfalls hervorgehoben von mir.

Nun führt die somit genannte Qualitätsbedingung in einen Zirkelschluß, aus dem die Fragestellung doch herauswill. Bedingung der Qualität ist jetzt allein noch Gefallen. Setzen wir statt dessen das Wort Gefälligkeit, wird das Problem sogar zum Schmerz. Denn diese findet sich nicht nur bei, um es vorsichtig auszudrücken, wenig gebildeten Menschen, die auf ihn, also den Schmerz, gerne das Herz gereimt läsen; es gibt sie auch und gerade in elaborierten Szenen, die das Herz ganz besonders ausschließen wollen:

Es muß eine Störung der geläufigen Spachstrukturen erfolgen, wir müssen

müssen! –

(…) die Vertrautheit verlieren,

etwas, worunter gerade die sogenannten einfachen Menschen zur Zeit sowieso schon, und zwar bis zum Fremdenhaß, leiden –

wir müssen ausgehebelt werden beim Lesen solcher Verse, sonst kann kein gutes Gedicht entstehen.

Braun will sogar, daß unser Verstehen eines Gedichtes verhindert, zumindest gestört wird – eine bemerkenswerte Art des ganz offenbaren Rationalismus, dem Irrationalen ein Wort zu reden. Zugleich erinnert Brauns unterschwellige Dogmatik an jene der Neuen Musik von den Fünfzigerjahren bis etwa in die Achtziger, aufgrund derer, also jener, sie den Anschluß an eine der Zahl nach nennenswerte Hörerschaft fast gänzlich an den Pop verlor, der die verweigerte Vertrautheit den Menschen eben gab: ein musikästhetischer Regreß, der weit hinter Mozart zurückfiel und meist immer noch -fällt. Dabei ist geradezu bizarr, wie das Hörverhalten der für die Dichtung „Gestrengen“ hier gestreng nicht ist. In der Musik hängen sie meist genau an dem, ja dem an, was ihre literarische, besonders die poetische Arbeit verweigern will oder soll.

Braun sieht die Reichweite der von ihm als modern, bzw. zeitgenössisch akzeptierten Lyrik denn auch bereitwillig nüchtern. Die Situation ist sogar noch schlimmer als bei der seinerzeitigen Neuen Musik, die sich, der Postmoderne sei Dank, von ihren Dogmen längst abgekehrt hat. Von 134,5 Leser:inne:n pro Lyrikband geht Braun aus, die bekannte „enzensbergersche Konstante“ durch 10 noch einmal dividiert. Das nimmt Braun hin – „affirmativ“, möcht ich fast schreiben, auch nicht ohne einen seltsam von jeglicher gesellschaftlichen Relevanz abgekehrten Stolz.

Nein, er ist nicht elitär, stellt nur die falschen Fragen, bzw. seine Haltung läßt keine richtigen Rückschlüsse zu. So bleibt man, schlimmer als jemals die Neue Musik, unter sich – ein Umstand, der auch Machtverhältnisse meint: Die soziale, hier freilich ästhetische, Kontrolle ist in einem Dorf ungemein größer als in der Großstadt und wird entsprechend ausgeübt. Das Beharren auf Regellosigkeit oder unentwegter Wandlung der Regeln bei aber gleichzeitiger, ja, Anrufung von Qualität führt zur nicht mehr befragbaren, insofern (gruppen)willkürlichen Verabsolutierung des eigenen Geschmacksurteils, dem wiederum von der Gruppe (dem Dorf) geteilte Maximen zugrundeliegen. Bestimmt diese Gruppe das, was Qualität sei, und bestimmt damit auch, was förderungs-, bzw. preiswürdig sei, befinden wir uns in einem von Minderheiten jenseits aller tatsächlichen Bedeutung genossenen Totalitarismus, den überdies in Form von Steuergeldern genau diejenigen bezahlen, die zu solcher Lyrik überhaupt keinen Zugang haben und ihn auch weder bekommen werden noch wollen: eine Selbstfinanzierungskiste höchst weniger auf Kosten aller anderen.

In einem großen Vortrag über die strauß-/hofmannsthalsche Elektra bemerkte Ernst Bloch an deren und Orests großer Erkennungsszene, daß alles Erkennen ein Wiedererkennen sei. Diese Auffassung reicht bis in die biblische, bzw. Sprache der Thora zurück, wenn sie den Beischlaf meint, zuerst 1 Mose 4,1: Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger.

Abgesehen davon, daß kirchenfremd Erkenntnis hier untrennbar mit Eros verbunden, ja dieser geradezu zu ihrer Voraussetzung wird, spielt das wie auch immer unbewußt bereits Bekannte, aber, sagen wir, Verdrängte, zumindest Vergessene die Rolle des Wiederentdeckten, aus welchem Prozeß sich eine Evidenz ergibt, die alle Liebenden kennen, wenn sie „zum ersten Mal“ dem und der dann Geliebten gleichsam plötzlich gegenüberstehen. Sie wissen sofort. Und sofort ist die Vertrautheit da, deretwegen es zum Glück kommt, einer Überschüttung von Glück durch eben dieses sofortige einander Verstehen. Es ist, als wäre man schon immer mit der/dem anderen beisammen gewesen.

Mithin ist alles Verstehen Wiedererkennen.

Ist nicht aber genau dieses das, was wir auch bei großen Gedichten, überhaupt in der Begegnung mit gelungener, bzw. gelingender Kunst erleben? Will sagen, es muß in ihr etwas sein, das wir zuvor schon kannten. Es muß sich auf irgendeine Weise etabliert, in die Seelen der Rezipienten gesunken drin festgesetzt haben, um erkannt überhaupt erst zu werden.

Dies als allererstes ist Braun entgegenzuhalten.

Was da geschieht, ist eben nicht abstrakt, sondern eine Empfindung, die möglich wurde, nachdem eine Formsprache sich gleichsam verstoffwechselt hat. Daher oft die Spannen, die es braucht, bis neue Kunstformen als solche wertgeschätzt werden können. Daher gelten uns Heutigen Beethovens späte Streichquartette nicht mehr als „mißlungene Musik“, wie wir es noch vor sechzig Jahren in führenden Musiklexika lesen konnten. Daher wird „plötzlich“, nachdem er Jahrzehnte verpönt war, Heinrich von Kleist zum Gipfel der Novellenkunst. Daher versteht „man“ mit einem Mal Hölderlin, den zur Lebzeit gleichfalls fast durchweg Ignorierten. Wir „erkennen“ solche Künstlerinnen und Künstler erst spät, weil wir sie erst spät auch wiedererkennen – also nun erst verstehen können.

Dieser Umstand, dieser Prozeß erklärt ganz nebenbei auch, weshalb zur Lebzeit oft völlig andere Autor:inn:en, Maler:innen, Komponist:inn:en en vogue sind als hundert Jahre später. Wär es nicht allzu defätistisch, müßte ich schreiben: notwendigerweise. Wir erkennen erst wieder, wenn wir die Formen internalisiert haben – was, wenn wir darüber sprechen, bzw. nachdenken, das Wort „Kriterien“ eben meint. – Wenn diese sich nun, wie Braun sagt, nahezu täglich verändern, kann es zum Erkennen nicht kommen, wird es bei den 134,5 Leser:inne:n bleiben und die meiste „moderne“ Lyrik im Vergessen versinken; ihre Autor:inn:en können alleine noch hoffen, in die für ihre Lebenshaltung nötige Ingroup und deren Dogmen zu passen. Nur genügt unterdessen ein einziges ihr ungenehmes Wort, und sie fallen heraus und werden zur Seite geschoben.

Deshalb, ihres poetisches Überlebens wegen, sind Kriterien entscheidend.

Braun sieht das durchaus:

Es geht um die Eigengesetzlichkeit, um die immanente Kritik: Welche Regeln setzt dieser Text? Inwiefern kann ich diesen Regeln folgen, sie für plausibel halten oder eben nicht? Da muss ich natürlich Kriterien finden.

Solche, die andererseits aber nicht benannt werden können, weil, siehe oben,

jeden Tag ein neues Gedicht erscheint, das alle bisherigen Poetologien […] erfolgreich aus den Angeln hebt.

So daß es bei der Gefälligkeit unterm Strich bleibt. Oder ist es vielleicht gar kein Gedicht und behauptet nur, eines zu sein? Wobei bei einem neuen Gedicht, also Poem, bereits von Poetologie zu sprechen, schon für sich genommen eine Überhochmetzung ist.

Poetologien entstehen aus der Erfahrung vieler Gedichte, ganz sicher nicht eines einzigen neuen. Und überhaupt muß ein guter Text nicht notwendigerweise Gedicht sein; er muß auch nicht Roman oder Novelle sein, kann sich jeglicher Kategorisierung verweigern. Nur, wenn er sich einer Kategorie zuschlägt oder ihr von anderen zugeschlagen wird, muß es dafür notwendige Gründe geben, Kriterien eben. Und diese müssen darstellbar sein, das heißt, sich lehrend vermitteln lassen, ansonsten die Kategorien zu völlig beliebigen Behauptungen werden – eben das, was bei der, meine ich, allergrößten Menge der zeitgenössisch gehypten, eben nur sogenannten Gedichte der Fall ist. Hier gehen die meisten Kaiserinnen und Kaiser in Wahrheit komplett nackt, und ihre 134,5 Untertanen mögen’s nicht sagen, sondern beklatschen’s, weil es die „mächtige“ Ingroup so will, deren wahrscheinlich wichtigster Fürsprech – als Kritiker – derzeit Michael Braun eben ist. Daß die Verwalter des Lyrikbetriebs, Funktionäre also, aus ihren Eigeninteressen noch ganz andere Suppen kochen als er Das fällt unter „Betrieb“.

Kriterien für Kunst, also auch für Lyrik zu benennen, durchzieht als Anstrengung unsere gesamte Kulturgeschichte. Je formaler wir sie fassen, desto weniger schwierig ist es; hinzu kommt die Genese solcher Kriterien, etwa der Ursprung von Rhythmus und Reim aus der Notwendigkeit des Memorierens. Nicht wenige Dichter der Frühzeit konnten nicht schreiben, sondern teilten sich durch den Klang mit, der im Vortrag entsteht. Auch Mohammed konnte, sagt die Legende, nicht schreiben. Qur’an heißt „Rezitation“. Alle Gedichte, die’s sind, tragen dies weiter.

Das Problem der formalen Bestimmung von Gedichten, ob wir nun Silben zählen, die Kreuzreimform auf den Rhythmus anwenden, ihn synkopisch brechen, was auch immer, besteht in einer schließlichen Erstarrung, die vor dem fin de siècle ‚Akademismus‘ genannt worden ist, in der Malerei wie in der Literatur, und der zunehmend massive Auf- ,ja: -marsch gigantischer Orchesterapparate führte zur höchsten Konzentration in Weberns Sechs Bagatellen op. 9, die grad mal fünf Minuten dauern. Nur weniges vorher entstand der freie Vers à la Apollinaire – aber, und das ist entscheidend, auf den Akademismus eben bezogen: aus ihm erlangten die neuen Formen ihre Macht. Zugleich fanden die alten zur Vollendung in ihrer semantischen Transzendierung, etwa das Sonett bei Baudelaire. Schließlich strich Pound jeglichen Zierrat, der alleine da war, das Maß zu erfüllen – noch bei Vossens Homer-Nachdichtungen geradezu schmerzhaft zu spüren, um von den Minderen zu schweigen. Aber schon Goethe schummelte Trochäen ein, wo Daktylen gefordert sind. All dies ‚funktioniert‘ durch einen kalkulierten Bruch, bezieht aus dem Bruch seine Kraft, ist aber als Bruch immer auf das ‚Alte‘ gespiegelt, das notwendigerweise bis in die Ritualisierung streng war. Deshalb ist es nötig, es zu kennen, es sei denn, daß es längst zum unbewußten kollektiven Wissen der Kultur gehört und also gefühlt, besser sogar: empfunden wird.

Das Zertrümmernde, das sich, mit, wohlgemerkt, Wagners Hans Sachs die Regel selbst gab, um ihr dann zu folgen, obsiegte. So ist unser heutiges Problem der Akademismus nicht mehr, nur aber, daß der sogenannte freie Vers, dessen selbstgegebene Regeln entweder – jenseits spezieller Exegesen – undurchschaubar sind, jedenfalls unmittelbar, oder der gar keine mehr aufstellt, sondern schreibt, wie’s mal grad in die Finger rutscht, und so auch seine Verse setzt (erkennbar, wenn’s gut geht, oft am Zeilenbruch schon und allein noch durch ihn von meist recht banaler Prosa verschieden) – daß dieser Vers längst selbst akademisch geworden ist, etabliert wie die Mainstream gewordenen Plagiate der georgeschen Kleinschreibung, sinn-, nämlich grundlos scheinmodernistisch: ein nicht wie der seinerzeitige Akademismus erstarrtes, sondern wie erwärmter Weichkäse zerfließendes Establishment – gegen das sich allmählich ein neuer Formalismus stemmt, der nun nahezu die gleiche revolutionäre Kraft hat, wie sie zur vorletzten Jahrhundertwende die Zertrümmerer der Formen antrieb, ob es Im- oder Expressionisten waren; man denke an Stramm und an Benn, der, also Benn, dennoch die Zeilen schrieb:

Noch einmal die goldenen Herden,
der Himmel, das Licht, der Flor,
was brütet das alte Werden
unter den sterbenden Flügeln vor? 
2

Doch was lesen wir bei Braun?

[…] mich stört es, wenn ich die alten schweren und überstrapazierten Basiswörter entdecke, die da im Gedicht vorbeidefilieren. Wenn da etwa steht: Hier die finstere Nacht, die Wolken liegen schwer, der Himmel verschließt sich, und die Einsamkeit kriecht in mir hoch. […] Die würde ich jetzt mal unter Verdacht stellen. Je mehr statistisch signifikante Häufigkeit von Nacht, Stein, Einsamkeit, Tag und Sonne und Licht und Dunkel auftaucht, desto verdächtiger ist der Text. Es sei denn, er ist durch Störfaktoren entregelt.

Ich möchte hier von dem Gebot eines anorektischen Masochismus sprechen, der in der Tat dazu führt, daß es bei den 134,5 Leser:inne:n bleibt, bleiben muß, weil es der meisten Menschen Instinkt schon gesundheitshalber nicht schätzt, wenn man sie dauernd prügelt. Die Einsamkeit aber kennen sie, sie kennen den Himmel, sogar seine goldenen Herden, haben zumindest eine Vorstellung davon, und sterbende Flügel sehen sie direkt vor sich. Ich bitte wirklich, nicht zu vergessen, woher das Verbot des Zierrats kam und wogegen es sich, und sehr zurecht, stemmte –, daß aber unausgesetzte Eindünnung zur Ausdörrung führt und schließlich unfruchtbar wird. Monokultur zerstört die Böden, indessen Natur, also Schöpfung, wuchern will, ja mit dem Überschuß experimentiert, den sie schon gleich fürs Nächste kompostiert. Hingegen ist zunehmende Abstraktion ein – im übrigen höchst patriarchaler – Weg von der Erde, die sinnlich ist, hinweg in einen toten grauen Himmel. Und grau bleiben die toten, nichts mehr kompostierenden, sondern kontaminierten Äcker zurück.

Nun ist auch Form, selbstverständlich, Abstraktion, aber als Rahmen, der das Chaos des Ungefügen uns verfügbar macht, indem wir das Ungefüge überhaupt erst erkennen, nämlich wiedererkennen: Das Nichtgetrennte läßt sich nicht einmal anschauen, sondern erst, wenn wir es ordnen – ihm, religiös gesprochen: seinen Namen geben. Erst nun bekommt es ein menschliches Ausmaß, dessen Unheimlichem wir uns auch stellen können: „Die Vögelein schweigen im Walde. / Warte nur! Balde / Ruhest du auch.3“ Ein genialeres Gedicht wurde möglicherweise niemals geschrieben. Der Schauer, den es verursacht, ist über fast 250 Jahre wirksam bis heute. Es ist er, woran wir uns zu messen haben.

Auch das ist selbstverständlich gebaut. „… verhalte dich wie ein Musiker, wie ein guter Musiker, wenn du mit der Phase deiner Kunst zu tun hast, die Parallelen mit der Musik hat. Da herrschen die gleichen Gesetze, denen auch du unterstehst“, schreibt Pound in Ein überzähliges Dokument4, worin er gleich vorher konstatierte:

In der Dichtung werden Anfänger unseligerweise nicht in ein für sie bestimmtes, leicht kenntliches Klassenzimmer verwiesen. Sie machen sich überall breit. Nimmt es da Wunder, daß ‚die Öffentlichkeit‘ sich nichts aus Dichtung macht?

Und eine Seite vorher, abermals das Bild des Musikers, weil dieser für den notwendigerweise strengsten Typus der Kunstausübung steht:

Der Neuling muß etwas von Assonanz und Alliteration verstehen, vom unmittelbaren und verzögerten, einfachen und polyphonen Reim, so wie es bei einem Musiker Voraussetzung ist, daß er sich auf die Harmonie, den Kontrapunkt und alle Einzelheiten seines Handwerks versteht. […] Halte dich lieber an die Methoden des Forschers als an die Methoden eines Werbereisenden für eine neue Seifenmarke. Der Wissenschaftler rechnet nicht damit, als großer Wissenschaftler bejubelt zu werden, eher er etwas entdeckt hat. Er fängt damit an, daß er lernt, was bereits entdeckt worden ist. 5

Wichtig ist, daß Pound viel weiter geht, als nur Kriterien zu benennen; er spricht expressis verbis von Gesetzen – sozusagen gemeißelten Kriterien, womit für die künstlerische Arbeit abermals das Primat der Form benannt ist und, insofern Gesetze allgemeinen Charakter haben, der Anspruch auf ihre Erkennbarkeit. Eben sie hatte die schließlich zur Hohlheit erstarrten Formen doch so lange Zeiten tragend sein lassen, bis sie am feudalen (dagegen stand die Romantik auf) und schließlich gründerzeitlich-gefälligen Zierrat erstickten, den der Expressionismus und später, mit Einschränkungen, auch einige Beatpoeten zerschlugen, nur daß der Beat dann selbst zum Establishment wurde und sich in seiner nachherigen Form als Pop komplett verdinglicht, nämlich hat zur Ware machen lassen, die er hier und da sogar besang und weiter besingt, zumindest bedient. So wurde er schließlich zur eigentlichen Ästhetik der weit mehr als minder totalen, mithin totalitären Warengesellschaft.

In dieser historischen, unserer gegenwärtigen, auf erstes Hinsehn nahezu ausweglosen Situation steigen plötzlich Verse wie die folgenden, geradezu unfaßbar, auf, wird der freie Vers zwar nicht verlassen, aber findet in die gebundene Rede zurück:

eins schreibt mehr denn je, adressiert an die elfenfabrik
in der rotoren, ideen ähnlich, durch die halle rollen
als rasende sägen quer schießen, mich zu köpfen
beim knall der knöpfe auf den hallenboden überfalle es
was ganz obskures, akkorde zögen in sein innenohr
öffne sich plötzlich eine heile bahn ins drama 
6,

wobei die formale Gestaltung fast wie aus Pounds Lehrbrief hergenommen ist, Assonanz, Alliteration, „Rotoren“, „Halle“, „rollen“, „rasende Sägen“, „köpfen“, „knöpfe“, und das erste „halle“ reimt versetzt „überfalle“, dessen erster Buchstabe ein geflachtes „ö“ der gesamten „ö“-Umlautfolge ist. Doch nicht nur dies. „Wenn man wirklich denkt oder fühlt, stammelt man in einfacher Rede daher“, schreibt Pound. „Sprache ist aus konkreten Dingen gemacht. Allgemeine Äußerungen in nicht-konkreten Worten sind bloße Trägheit; sie sind Gerede, nicht Kunst, nicht Schöpfung.“7 Indem Katharina Schultens – von ihr nämlich schreibe ich jetzt – statt „etwas Obskures“ „was Oskures“ setzt, zieht sie sogar die Umgangssprache in höchste Formung hinein. Das ist um so beachtlicher, als sie auch die Aura Goethes, in Gestalt eines anderen „Warte nur, balde“, anspielt, und zwar gleich in der Strophe davor:

wir wären einem aufstieg nach dort oben nicht gewachsen, überdies
sei unsere kleidung angemessen und der mensch ein nichts 
8

Untoter Schwan, Gedichte, Kookbooks 2017
Bestellen

Der Mensch ist ein Nichts“ – das fiele nun ganz gewiß unters Verdikt der Braunschen Wort-Auschließungssätze. Aber gerade, weil hier das Wiedererkennen, ja, fast zuschlägt, ist die Wirkung des Verses so unbestreitbar groß, und gerade weil er nicht intellektuell durch „entregelnde Störfaktoren“ gereinigt oder verkompliziert wird, sondern für sich fast im Ton eines Requiems tatsächlich rein ist. Wobei dieses „Reine“ von etwas Unreinem lebt, das zu den großen Geheimnissen der Kunstwirkung zählt: Es ist ein Fehler darin.

Wer genau liest, stutzt. Müßte es nicht „unangemessen“ heißen statt „angemessen“, wie es dort steht? Allenfalls hier griffe Brauns ‚Entregelungs‘-Postulat, doch es griffe aufgrund einer anderen Regel, die den autonomen Gestaltungszugriff, also den persönlichen Willen, hinter die Schranken zurückweist, die aus kunsttranszendentem Holz geformt sind. „Nur Gottes ist die Perfektion“ – ‚Vollendung‘, arabisch religiös Al-Ishan und auf Farsi Kāmel – ist oder war der Demutsgedanke persischer Teppichweber:innen, dessenthalben sie in ihre Meisterwerke stets einen Fehler hineingeknüpft haben; in der Lyrik trieb Rilke dies zu einer wiederum Vollendung, aus der sich einiger Halo seiner Gedichte erklärt. Nehmen wir das Sonett 14 an Orpheus:

Wir gehen um mit Blume, Weinblatt, Frucht. (10/5)
Sie sprechen nicht die Sprache nur des Jahres. (11/5))
Aus Dunkel steigt ein buntes Offenbares (11/5))
und hat vielleicht den Glanz der Eifersucht (10/5)

der Toten an sich, die die Erde stärken. (11/5)
Was wissen wir von ihrem Teil an dem? (10/5)
Es ist seit langem ihre Art, den Lehm  (10/5)
mit ihrem freiem Marke zu durchmärken. (11/5)

Nun fragt sich nur: tun sie es gern? …  (8/4)
Drängt diese Frucht, ein Werk von schweren Sklaven, (11/5)
geballt zu uns empor, zu ihren Herrn? (10/5)

Sind sie die Herren, die bei den Wurzeln schlafen,  (12/5 oder 4)
und gönnen uns aus ihren Überflüssen  (11/5)
dies Zwischending aus stummer Kraft und Küssen? (11/5)

Im Sonett gefordert sind alterierend zehn- und elfsilbige Fünfheber, die Rilke uns anfangs auch gibt. Doch der erste Vers des ersten Terzetts bricht aus, und zwar an einer rhetorisch entscheidenden Stelle, die sich im ersten Vers des zweiten Terzetts ebenso entscheidend gewissermaßen wiederholt – sogar mit einer Synkope darin, die selbst die Hebungszahl fraglich macht; lesen wir den Vers nämlich nüchtern, also mit Pound, kommen wir nur auf vier; nur dann, wenn wir, wider Pound, gekünstelt betonen, nämlich auf „bei“, erfüllt sich die 5. Addieren wir jetzt aber die überzähligen zwei Silben von Terzett 2,1 zu Terzett 1,1, erfüllt sich wieder die Regel, und zwar sogar, imaginär, um die ‚fehlende‘ Hebung.

Dennoch bleibt ein Unerfülltes, das dem Gedicht indes das Gewicht gibt. Die Demut, Al-Ishan Gott zu überlassen, wird zum Stolz des menschlichen Eigensinns: Ich könnte – und habe es bewiesen -, aber will nicht. „Ich habe ganz am Schluss bewusst in ‚angemessen‘ geändert“, schrieb mir die Dichterin, nachdem ich, noch vorsichtig und tastend, ob eines vermeintlichen Setzfehlers angefragt hatte. Sie spricht von einem Webfehler sogar selbst: „Aus rhythmischen Gründen und auch, weil ich den eingebauten Webfehler mochte, die Irritation.“

Es wird eine Regel nicht erfüllt, doch auf der Folie des Erfüllens, denn da die Regeln verbindliche, also übertragbare, lesen wir sie immer mit. So wird sie durch Nichterfüllung eben doch erfüllt, ohne daß ich sie eigens negiere, und das Gedicht ist als Gedicht definiert – weitab von jeglicher Willkür beliebiger Zeilenbrüche. Mit

ich könnte alle wunden schließen
mit was ich jetzt weiß

schließt Schultens dieses Gedicht, kunstfertigst noch die grammatische Inkorrektheit „mit was ich“ gleichsam nobilitierend; dabei ist diese Wendung (ebenfalls) nur umgangssprachlich. Das muß sich eine/r erst einmal trauen, die formal so privilegiert ist! „Ich könnte alle Wunden schließen“ wäre geradezu eine Schlagerzeile, für sich genommen ein Satz aus Kitsch: What have they done to my song, Ma?9

Sogar „das Herz“, à propos, nimmt sie auf, bekannteste, nunmehr verpönteste aller Lyrikerstanzen:

mein körper, ungleich crude, mein herz: ungleiche lampe
wo ist mein herz in diesem setting?
10,

und titelt nahezu biblisch mit „andacht“, wobei das „crude“ englisch ist, so daß „ungleich crude, mein herz“ auch rhythmisch fließen kann, ohne daß „crude“ als zu spürbar gesuchte Vokabel wirkte; auch modisch ist sie hier nicht, wird vielmehr durch das neudeutsch freilich schon eingebürgerte „setting“ geerdet, d.h. formgeklammert.

rest, was [!] nicht mehr herzugeben ist
im inferno eines unersättlichen verräters
dem es schlägt,

nämlich der Dichterin selbst,

der es zwischen den rippen trägt
auf muskeln reduziert, mein rätsel: da 
11

Abgesehen davon, daß die Zusammenführung von weiblicher Autorin und männlichem Verräter den Eindruck einer (quasi) „männlichen“ Schreibart bewirkt, sind „Inferno“ und „unersättlicher Verräter“ ebenfalls Griffe in die verbotene Pathosschatulle eines angeblich allzu bekannten, ergo nicht mehr ‚lyrikfähigen‘ Wortarsenals, aber eben wiedererkennbar, mithin identifizierbar und darum lyrikfähig erst recht: Widerstand gegen die Dogmen, die ihrerseits längst Regel geworden. Bruch der Regel durch ihre abgefeimte Mißachtung auf – ecco! – der Folie des Dogmas.

Durch solcherart Meisterinnenschaft der Faktur erreichen Schultens’ Verse etwas Ungeheures: nämlich sowohl die Akzeptanz der die anorektischen und/oder ironischen Dogmen setzenden, zumindest sie kanonisierenden Szenen, indem sie, die Dichterin, ihnen das „entregelnde“ Fett auf die Brote schmiert, deren ausgemergelte Speckseiten dann nach den Juries geworfen werden können, die prompt auch Preise dafür geben, als sie auch, was ungleich wichtiger, eigentlich nur wichtig ist, durchaus ein unvorgebildetes, auch unverbildetes Publikum erreichen, begeistern, sogar wieder erschauern lassen können, ohne ihre Qualität auch nur ein wenig ‚sich am Schwächsten in der Klasse orientieren‘ zu lassen – heißt, ohne schlechter oder banaler, jedenfalls gefälliger Songtext zugunsten allgemeiner ‚Gleichheit‘, gar Correctness zu werden.

Mein reim jagt mich, mein reim beißt mich in den arsch
weil er weiß, es muss alles genauso schmutzig sein, so peinlich
meine wirbelsäule ist keine pappel, lehnt sich nicht nach links
in den wind, och, sagt die wachfrau am laufband, es ist doch
nicht lang, nur mein gesicht, mein dummes, ein scrunchie
krampft, ein roter muskel: tropft 
12

Allein schon die Assonanz von „Gesicht“ auf „Scrunchie“ hat es in sich, ebenso wie das Zitat vergleichsweise neuer Trivialmythen, etwa der „Zombies“. „Mein Körper speichert Echos“, heißt es im echo-Gedicht und liefert die Poetik gleich mit:

vertraut ist nicht bekannt

Eben. Aber es wirkt:

ich schicke salz als reaktion
[…]
hier bin ich. lern mit meinen echos rechnen.

Das ist nicht weniger als eine Kampfansage, einer, im übrigen, Dichterin, die sich von den Szenen sichtlich fernhält und als einen Eigenkosmos definiert, von dem uns aufs distanzierendste bedeutet wird, es sei nicht ganz klar, ob er (uns) lieben könne; wir wissen in diesem letzten Vers nicht einmal, wer mit ihren Echos zu rechnen habe: Handelt es sich um einen Vokativ, also einen – durchaus drohenden – Ratschlag, oder um eine Feststellung in diesem ums „Ich“ verkürzten Satz, weil es der Vorsatz schon nannte?

Wenn jüngst Benjamin Stein in diesen Gedichten eine „unverkennbar weibliche Stimme“ zu hören meinte,13 ist dies mißdeutbar, auch wenn er seinen Text mit dem Zitat übertitelt „den schnitt seht ihr später“ und unter ihm selber zusammenfährt: „Da geht die Klinge dann halt glatt durch.“14 Er sei, schrieb er mir vorher, von der Qualität dieser Gedichte schockiert. Hingegen ich, in herkömmlichen Geschlechtszuschreibungen gesprochen, ihnen aufgrund ihrer fast durchgehenden Aggressivität einen geradezu männlichen Impetus, siehe oben, zuschreiben würde, der freilich, als von einer Frau verfaßt, Aufbruch und Durchsetzungsmodi ‚der‘ Frauenbewegung tief internalisiert hat. Entsprechend ist Zorn der Brennstoff dieser Gedichte; Schultens ruft ihn mehrmals geradezu an15: ihren Großen Bären. Daß der einen Ring durch die Nase trägt,16 macht jenen nicht eben kleiner; quasi in ständiger Panik,17 erlaubt alleine die Form noch die Haltung – eine, die Durchhaltung ist. Längst ward selbst der eigene Körper ein fast fremdes Ding und bäumt gegen solche Entfremdung sich auf,

und so umarmt er, was kommt. bewegt sich
auf einer fremden hand als ob auf einer schaukel
18,

doch aus der Destille der Alliteration von „eiweiß“, dem Grundstoff allen Lebens, und „eiweiß, ficken, eisen“19 steigt furchtbarerweise am Schluß, als „letzter guter tod“20, alleine noch Gezischel auf:

susurrus dreht sich um alles, was ich wiederfinden muss21

Bleib!, zischelt’s,

bleib. hier wird es leer und reinlich sein22

Bequem drin einrichten kann „man(n)“ sich’s nicht, schon gar nicht als Geliebter oder Liebhaber dieses weiblichen, kassandrasch unerbittlichen lyrischen Ichs:

er ist komisch, komisch, ich lache ihn aus
er trägt mir trinkwasser bis in den tod hinterher
23

Oder noch deutlicher:

fragt nicht allzu lang nach dir, was soll ich sagen: mein zorn
kam zurück zu mir, seine klinge flog mir in die linke hand
und öffnete drinnen ein tor nach armageddon, mein puls
war unerbittlich, schickte horden von dämonen, bis ich
ihn drehte (/ – – / – / -)

[…]
er ist nicht gemeint
24

Dabei fast am, ließe das Wort sich denn steigern, einsamsten, weil vielleicht das persönlichste Gedicht, ist das nach der Manier konkreter Lyrik gebaute „original“, das den Buchstaben „K“ formt, sie, die Schultens, selbst mithin („denn alle alle alle sind verdammt und höflich“ / „ein fluchtpunkt, um den unser sprechen rotiert“), und als das Schema im letzten, geradezu seufzenden Satz verlassen wird, da lautet er so:

du willst es einfach nicht sehen25,

mich nicht sehen“ muß ich das interpretieren. So kann sie, nein muß sie sagen, und tut’s,

aber alles läßt sich eine weile auf abstand halten: pelztiere, liebe, ein hieb
mit dem beil vielleicht nicht, kommt drauf an, wers führt
26,

nur daß auch schon „ich habe einen bauchraum für kinder“27 in dieser pragmatisch-kalten Formulierung nicht eben eine herkömmlich-‚frauliche‘ Äußerung ist, zumal in dieser Symbolik, die nur als solche – und dann eben provozierend – stimmt; die Plazenta ist Bauchraum des werdenden Kinds. So denn auch:

erst seit sie schwinden, wimmeln sie
zeilenweis: töten, verproviantieren, schmuggeln
nichts: verdunkeln waben ganz ohne brut, ich sehe
nichts, kippe den text. kommt wenig. trockene schleuder 
28

Nein, das ist nicht gemütlich:

[…]
im wesen wisst ihr, teilen wir uns
einen gletscher, güte kaum
29

Dies übrigens mit Bachmann zu lesen:

Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen. 
30

Und, bittrer noch, als Conclusio formuliert:

kaum hab ich das erneut verstanden
puzzeln sie sich zum zombieherz
nutzt es nicht. ein gekachelter raum
bin ich. was eins mir gibt, mach ich
steril 
31,

woraus sie sich immer wieder zu erheben versucht, und zwar von Gedicht zu Gedicht, die alle miteinander vermittels derselben aufwogenden, abwogenden, verschwindenden und abermals aufwogenden Begriffe kommunizieren, Bienen, Rainchen, Maulwurf, Zombie, Zombieherz sogar wie der titelgebende untote schwan untot, eben! er wimmelt von Maden32 –, mit dem die Seite 66 endet, sie mit dem der Seite 22 verklammernd, geradezu schicksalshaft, starling und sperling und knochen, selbst ertrag wird zum Leitmotiv und die selige terroristin von S. 17 vom Versteil zur Überschrift eines ganzen, sogar des abschließenden Kapitels: Das schmale Buch, es glüht vor Form, aber einer, an der wir uns die Finger vereisen, denn

hinter mir: dieser sturm ist nie aus meinem rücken verschwunden.33

Oh, die Schultens weiß selbst, wohin sie gehört! Sie nennt ihre eigene Ahn(inn)enreihe. Benjamin Stein hat sie um weitere Namen ergänzt, Mistral, Plath, Mayröcker, Grasnick, Materni. Die Dichterin läutet sie um

monikas ponys, beispielsweise34

ein. Meint sie die Rinck? Kann sie, den Ponys zum Trotze, nicht meinen, die lebt ja schließlich noch. Und Bob Dylan ist für Dichtung sowieso ein schlechter, ja schlächter, um an My Lai zu gedenken, Bezug: seine Lieder auf den Lippen, als die GIs die Frauen stopften (… „an My Lai zu gedenken“: ich weiß, ich weiß). Aber

marina, denk nicht an tiere, dichter

und selbstverständlich

Emily… königsdisziplin insekten, schätz ich,

nur seltenst ein Bild, das gewerblich:

dran zieht er mich aus den zeilen.

Da ist man dann fast mal erlöst. Doch eben immer nur fast. Denn es kippt ja gleich wieder, wir sind hier erst auf der Seite 21, über zwei Buchdrittel werden noch folgen,

jedes blut enthält zwei arten eisen, eine davon essenziell
du kannst sie bloß ersetzen, wenn du etwas totes isst.
35

So geht es gleich ja schon weiter, so daß – in ‚altem‘ kathartischen Sinn – ‚Erlösung‘ eben nicht in der Bedeutung des Wortes und also einer Botschaft liegt, sondern in der formalen sowohl Durchdringung als auch zugleich Fesselung, das ist Bannung, des Stoffs. Benn schrieb von „Zusammenhangsdurchstoßung“. Schultens klopft auf diese Katharsis aber, nämlich durch Form.

Sie ist Form seit je. Das ward nur, und wird noch, gerne vergessen – nicht weil der sogenannte freie Vers tatsächlich Befreiung verspräche, sondern weil er ein Establishment ist, in dem es sich wohlfeil einrichten ließ – ohne Kriterien, an denen man wirklich zu messen wäre, vielmehr sie von den, siehe oben, Ingroups lediglich behauptet werden. „Kunst wird gemacht“, schreibt Benn und hat durchaus die Rezeption im Sinn, nicht etwa die Faktur, oder die nur in zweiter Lesart am Rande. Was Kunst sei, wird vom Markt, bzw. von denen gemacht, die ihn bestimmen. Was ihnen nicht schmeckt, fällt heraus, ja kommt gar nicht erst in den Betrachtungen vor.

Ich erinnere mich sehr gut an die Zeiten, als neben Hans-Joachim Linke alleine ich es war, wieder und wieder für Paulus Böhmers Dichtung zu streiten. Beide unsere Einlassungen hatten keinen Widerhall. Es brauchte eine neue Dichter:innengeneration, die, geprägt von z.B. Thomas Kling, Böhmer für sich entdeckte und, als einige von ihnen zum ihrerseits prägenden Sprachrohr wurden, ihm seinen heutigen Rang nicht, nein, eben, argumentierend erstritt – sondern ihn behauptete. Da war er schon sehr alt, zu alt, wie ich andernorts schrieb. So gesehen, hat Katharina Schultens Glück; so gesehen, aber nur so, bedient sie mit den Zeitgeist und findet sich jetzt auf den Bestenlisten. Als ich zum ersten Mal über ihre Arbeit schrieb36, war daran nicht zu denken. Doch nicht nur sie hat Glück, wir als Leser haben es nun auch, denn nun wird sie zurecht bekannt, wenn auch nicht aufgrund der eigentlichen poetischen Klasse:

du kannst nur schreiben
was du mitgenommen hast
und wenn es a. tod ist so ist es eben tod
und wenn es b. angst ist dann lass sie fliegen
37

Wer denn, die und der mit der Dichtung vertraut ist, hörte hier nicht Gottfried Kellers

Nun, Phantasie! laß deine Adler fliegen,38

auch wenn der die Apotheose erstmal verweigert?

Hier schwingen sie wohl nimmer mich hinaus!

Bei Schultens brennt die Angst im Tal sogar ab. – Überhaupt ist dieses Gedicht, „Kali“, wahrscheinlich eines der intensivsten des gesamten Bandes:

a. lass ihn stufe um stufe diesen hang zum meer absteigen
sich seine weißen beine zerren bis sie knacken, brechen
b. lass sie los in myrrhe buschlavendel und im rauch
der hirtenfeuer wenn sie plastikmüll verbrennen
soll sie sich dran berauschen glauben es wär holz

Allein die rhythmische Struktur dieses Verses ist berauschend: „bee laß sie los in myrrhe Buschlavendel und im rauch“, dem, abgesehen vom Auftakt, strikte Trochäen folgen: „(der) hirtenfeuer wenn sie plastikmüll verbrennen“. Solche Verfahren binden die scheinbar ungebundene Versfolge enorm, ja bewirken Klassizität, ohne daß dieser neue – ein freilich nachpostmoderner – Klassizismus sofort auffällt.

Das ist überdies poesiestrategisch klug; man merkt der Schultens an, daß sie ihr Brot ganz anderswo in Zusammenhängen verdient, die auch politisches Kalkül erfordern. Zu deutlich herausgestellte Klassizität hat in der Lyrikszene nicht nur bei Jan Wagner ob seines Erfolges zu geradezu Verwerfungen, bis hin zu irrationalen Wutausbrüchen, geführt. Andere Vertreter, darunter ich selbst, kommen in der öffentlichen Wahrnehmung gar nicht erst vor. – Die Wut hat ihren Grund darin, daß etwas, das vor den Ideologen nicht länger kratzfüßt, sich dennoch nicht mehr verschweigen läßt; dem Betrieb passierte irgendein „Unfall“; schon Durs Grünbein war dafür ein Beispiel, der einer der ersten gewesen, auf formale Wiederdurchdringung – und auch, o Grauen, auf Bildung – zu pochen. In ihnen, den poetischen Ideologien, west ein – nachmarxistischer – Antiintellektualismus nach, der die, mit Hegel gesprochen, schlechte Stufe der Unmittelbarkeit fetischisiert hat und Bildung als Reflex sogenannt Elitärer versteht, als ein großbürgerliches, ‚bourgeoises‘ mithin, Aas, dessen vorgeblich schon zerfallenes Rückgrat die Form sei. Klassizität, um es anders auszudrücken, zieht im Schleppnetz den sofortigen Verdacht hinter sich her, ‚reaktionär‘ zu sein, zumindest (gleich das nächste Schimpfwort, das den Begriff obendrein falsch, nämlich im common sense verwendet) ‚romantisch‘. Dabei wird nicht begriffen, daß so ‚romantisch‘ der ‚freie‘ Vers längst selbst geworden ist. Kein Establishment sieht sich als solches, geschweige denn als erstarrt. Es bestimmt zwar die Kriterien – Gipfel des Totalitären: ohne sie, eben, nennen zu müssen –, aber hält sich noch immer für revolutionär, zumindest ‚fortschrittlich‘. Das hat durchaus politische Entsprechung: Nahezu alle ‚ursprünglich‘ revolutionären Bewegungen werden, haben sie die Macht errungen, ihrerseits reaktionär.

Ob Schultens es bewußt tut, weiß ich nicht, doch legen ihre Gedichte genau hier ständig kleine Bomben; man kann sie durchaus als Tretminen begreifen:

nach jahren in bärten, baretten, krawatten, fremden talaren, jetzt:
ist es das haar, ist es das haar, hats sehnsucht: nach akkuratesten scheiteln
pomade, coiffage in orange, sommersprossen; taucht aus adretten schachteln
auf, kugelsicher stehn sie zum andenken in !fiesen vitrinen, es sprengt sie
von innen, springt aus der gaspistole irgendeines großvaters, unauffällig
reinigt die passende tante sie, sie funktioniert und das wars 
39

Poetologisch gehört auch das, nicht-gedichtimmanent, zu den Stärken diese ungewöhnlichen Lyrik: Sie bestellt ihr Feld auch strategisch: in einem alten Sinn poetisch, doch technisch gleichfalls, ja technologisch – ohne indes, daß es Feld eben ist, zu vergessen; deshalb stimmt das scheinbar überkommene Bild meiner Formulierung. Um es mit Schultens selbst zu sagen:

wir müssen alles nehmen, was wir haben, es ist viel
wenn wir in prozenten rechnen, und wenig, zu wenig
rechnen wir in energie.
40

Untoter Schwan, Gedichte, Kookbooks 2017
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*******

[Geschrieben März/April 2018 für und erschienen in
>>>> Die Wiederholung, Heft 6, Mai 2018]

Quellen
1  >>>> Gespräch mit Michael Braun
2  Benn, Astern, zit.n. Gottfried Benn,
Gedichte in der Fassung der Erstdrucke,
Fischer Taschenbuch Verlag, Ffm 1982

3  Goethe, Wanderers Nachtlied,
zit.n.Goethes Werke, Auswahl in sechzehn Teilen,
Hesse & Becker Verlag, Leipzig o.J.
4  Ezra Pound, A Stray Document, 1934,
deutsch je von Eva Hesse, in:
Ezra Pound, Dichtung und Prosa,
Ullstein, Frankfurt/M und Berlin 1967

5  Pound, ebda
6  Schultens, sumpf, in: untoter schwan
7  Pound an Harriet Monroe, 1915, Pound ebda.
8  Schultens, ebda.
9   Bei >>>> Melanie Safka, 1971
10   andacht, ebda.
11  Ebda.
12   die elfenfabrik steht niemals still
und zombies. Ebda.

13  Bei >>>> Benjamin Stein.
14  Benjamin Stein, ebda.
15   plea deal. Ebda.
16   im kreis toter frauen. Ebda.
17   sprich rückwärts. Ebda.
18   femtosekunden. Ebda.
19   mein untoter schwan. Ebda.
20   wenn das monster geht. Ebda.

21   Sperlingsherzen. Ebda.
22   episode:buttonholed. Ebda.
23   simple dinge, II. Ebda.
24   simple dinge, III. Ebda.
25  original. Ebda.
26  und die lüge distanz. Ebda.
27  tramschublade 37. Ebda.
28  diese bienen schwinden nie. Ebda.<
29  gletschersalamander. Ebda
30  Ingeborg Bachmann: Erklär mir, Liebe,
aufgrund eines Hinweises von Elvira M. Gross
auf >>>> „Über das Wesen der Liebe in der Literatur“
(CD/auditorium-netzwerk.de) zit.n. Bachmann,
Sämtliche Gedichte, Piper München 1978
31  immer im nacken zeit. Ebda.
32  tiere sortieren. Ebda
33  als ich verrückt wurde. Ebda.
34  im kreis toter frauen. Ebdea.
35  mein untoter schwan; Schultens, ebda.
36  in Volltext 4/2014; im Netz >>>> dort.
37  kali, schultens ebda.
38  Gottfried Keller, Lebendig begraben,
zit.n. Gesammelte Gedichte, Erster Band,
J.G.Cottasche Buchhandlung Nachf.,
Stuttgart und Berlin 1918
39  Ich dachte, wir hätten es getötet,ebda.
40   es ist überall; Schultens, ebda.

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28 Kommentare zu Zorn und Geheimnis des untoten Schwans. In Auseinandersetzung mit Michael Braun bei tiefer Verbeugung vor Katharina Schultens.

  1. xo sagt:

    irgendwo lauert immer ein kunde, ob nun für neoklassizismus, freie verse oder werbesprüche, ich entdecke gerade ferdinand kriwet wieder, der schon 1965 eine glasklare analyse auf 6 seiten hinlegte in seinen leserattenfängen: „zur veränderten rezeption von wort und bild“, wohin es mit dem buch geht und dabei einiges im blick hat, den sich rasend verändernden buchmarkt z b. wo früher wenige lasen, weil bücher kostbar und selten ware, lesen heute viele gelegentlich und auch längst nicht nur in büchern, schrift bevölkert öffentlichen raum. die schrift hat sich in die vertikale begeben. lieber alban, das interessiert mich tatsächlich alles viel mehr, als ein sehr eng abgezirkelter formendiskurs. er denkt über das objekt buch nach, er denkt über die kulturtechnik des lesens nach. ich komme aus dieser tradition, die immer eher eine war, die sprache als bildkünstlerische betrachtet hat. jenny holzer, lawrence weiner, ian hamilton finlay, um nur ihre klassischen vertreter zu nennen. eine studentin im seminar prägte den schönen vers: ich möchte sätze anschauen. das macht mir alles gerade viel freude, ihr entdeckergeist, sich gedichte jenseits des buches vorstellen zu können, zu ermessen, dass literatur mehr sein kann, als ein manuskript abwerfen, dass sie irgendwann physisch in der welt ist. wie gesagt, ferdinand kriwet war 15 jahre, als rotor veröffentlicht wurde und es war 1961. und man kann nicht sagen, seine erkenntnisse sind auf dem markt durchschlagend gewesen. da hält man es doch lieber weiterhin mit a-hybriden zugängen und lässt gedichte noch gedichte sein, was immer das bedeuten mag, ich weiß es nicht und mir ist es ehrlich gesagt auch egal, mein erkenntnisinteresse an kürzeren textformen ist ein völlig anderes, als in ihnen gedichte aufspüren zu wollen. wenn es welche sind, ok, aber ich denke, das ist etwas, was sich zwischen uns nie vermitteln lies, du bist literat und begeisterst dich für literatur, ich bin eigentlich bildende künstlerin, bei der sprache das material ist und ich gehe in die kunstbuchhandlungen und schaue mir an, wie bücher gedacht werden und was mich an ihnen interessiert. darum lohnt das streiten eigentlich auch nicht, weil es zwei völlig andere wünsche an text sind.

    • @Xo:
      Das finde ich eine nachvollziehbare und, na sowieso, legitime Haltung und auch ziemlich interessant: Buch und Text als Phänomene der Welt. Nur trifft sie nicht den Kern dessen, worüber ich ich schrieb, bzw. womit sich der Essay auseinandersetzt. Hier wird ja gerade gesagt, ein Gedicht sei gut oder schlecht. Geschieht eben dies, muß nach den Kriterien eines solchen Urteils gefragt werden, zumal wenn aus „Mainplayer“-Position gefällt. Daß jemand ein solcher sei, läßt sich nämlich mit Argumenten gut beiseiteschieben, woraufhin die Aussage selbst ins Zentrum rückt: ihr je Wahres oder Falsches oder Beliebiges. (Nicht beiseiteschieben läßt sich das pure Gefallen oder Mißfallen; das ist halt so oder nicht und selbstverständlich ebenfalls legitim, darf aber nicht Gegenstand eines öffentlich wirkenden Urteils sein, bzw. sollte es nicht sein dürfen. Deshalb spitzte sich oben der Geist.) (Gleichfalls klar ist, denke ich, daß ein persönliches Gefallen vorgängig ist, wenn jemand sich intensiv mit einem Gegenstand der Kunst beschäfigt; wird über die Gefallenskundgebung hinaus aber öffentlich gewertet, sind objektive Kriterien erfordert und müssen, wie ich’s bei Schultens‘ Gedichten tat, nachvollziehbar dargestellt werden.)

      • xo sagt:

        ich denke nicht in diesen kriterien, ich denke eher in interessant und nicht interessant, auch dafür lassen sich kriterien benennen, sie nehmen auch mehr in den blick, als das einzelne gedicht, aber sie leugnen das wahrnehmende subjekt dabei nicht. somit liegen die wertungen: gut/schlecht auf einem träger, der sich nicht einfach herausrechnen lässt und nichts behauptet, das nicht auch seine zuwendung mit benennt. mit der kunst und der literatur ist es wie mit der liebe, das lässt sich alles nicht ertindern, man fühlt sich affektiv verbunden und nicht aus nachvollziehbar guten gründen. dem affekt kann man die guten gründe hinzufügen, die man bei vielen gedichten wiederfinden kann, das sicherlich. ich glaube an keine objektiven kriterien, so lange subjekte sich angesprochen fühlen müssen.

  2. Das ist alles wahr; doch oben ist die Rede von anderem, nämlich von aus Machtpositionen wirkenden Urteilen, die Urteile gar nicht sind, sondern bestenfalls persönliche Geschmäcker. Übrigens wird auch beim Argumentieren das wahrnehmende Subjekt nicht verleugnet, indem wir unsere Argumente ja wählen. Der jeweiligen Subjektivität aber allein das Wort zu reden, als auf dem und den Markt wirkende und Gedeih und Verderb von Künstlern wie ihren Künsten zumindest mitbestimmende Faktoren, halte ich für schwer ungut. Wendeten wir so etwas auf das Rechtsleben an oder auch nur auf irgendeine Disziplin, sagen wir die Medizin, überantworteten wir uns kompletter Willkür. – Zumal führt dieser Diskussionsstrang jetzt weit von dem ab, was oben dargestellt und besprochen wurde. Es ist, als würden wir bei einem zu untersuchenden Gegenstand statt ihn zu untersuchen sofort die Frage stellen, inwieweit Erkennbarkeit überhaupt möglich sei und welche hinreichenden und notwendigen Bedingungen dafür gegeben seien; zum Schluß, Du weißt es, landet man dann bei der Unerkennbarkeit Gottes, bzw., wie eben Kant, bei seinem Postulat, obwohl es eigentlich doch darum ging, ob ein Gedicht Gedicht sei und ob als solches gelungen oder nicht.

  3. xo sagt:

    ich verspüre auch kein interesse daran, deine gedichte als gut oder schlecht zu kategorisieren, nur weil ich mich vielleicht nicht von ihnen angesprochen fühle, würde ich darüber nie so ein urteil fällen wollen, ich finde sie sogar interessant, aber so, wie ich bei tinder jemanden interessant finden würde, sie lösen aber in der direkten begegnung zu wenig aus, dass ich mich hineingezogen fühlte. das ist aber für mich die allererste bedingung, um zu einem band zu greifen. aber ich käme nie auf die idee, das müsste jetzt aus objektiven gründen allen so gehen. wir wissen, du hättest gar keine verlage für sie, wenn es anderen nicht anders ginge. hier frage ich mich, warum du dich erst an braun so abarbeiten musst, wenn du über schultens schreibst. braun war lange zeit einfach derjenige, der überhaupt lyrik rezensiert hat, das ist sein verdienst, er kennt viel, dass es ihm so erscheint, wie es ihm erscheint, wundert darum nicht, seine vorlieben hat er darum aber auch. ich frage mich, woher kommt dieser glaube daran, etwas sei gut oder sei schlecht. entscheidet man sich für einen menschen, weil er gut oder schlecht, der eine besser, als der andere, wohl kaum. weil einem mit dem einem etwas verbindet und mit dem anderen nicht, so ist es, glaube ich, mit jeder kunst. klar gibt es konventionen, was man gerade gut finden soll, aber jeder, der sich selbst beobachtet, weiß eigentlich, die halten nicht ziemlich lang, wenn man allein mit sich und den texten ist, dann greift man zu dem, was einem persönlich zusagt, oder? oder, wie schrieb ich neulich, ich will nicht überredet werden, sondern intrinsisch überzeugt sein. ich kann ja vieles aus guten gründen tun, aber der kunst und der liebe kann ich mich nicht aus guten gründen zuwenden, sondern ausschließlich aus affektiven. das habe ich inzwischen kapiert. wobei noch zu ergründen wäre, ob gute gründe sich zu affektiven wandeln lassen, das wäre noch von interesse dabei für mich.

  4. xo sagt:

    der sophie charlotte salon in der akademie der wissenschaften, wendet sich in einer langen nacht, am 19.1, den wissenschaftlichen kriterien zu: wiegen, messen, zählen. die medizin ist ein anderer schnack, sie baut auf überprüfbare ergebnisse, aber an was will man kunst und literatur überprüfen? außer an trends und moden, die sie erschaffen hat, die aber nicht zwingend sind.

  5. xo sagt:

    ich meine, die konvention sagt gerade, houellebecq unbedingt lesen, veranlasst mich dennoch wenig. einzig die errettung des französischen käses, die in einer rezension eine rolle spielte, bewöge mich vielleicht dazu, alles andere klingt für mich zu wiedererkennbar. die sinnlosigkeit der existenz des mitteleuropäischen mannes und sein leiden daran. ehrlich, das mögen andere interessanter finden als ich, offenbar.

  6. xo sagt:

    und wieder tauchen diese ganzen feuilletonistischen fragen auf, es interessiere dabei einzig, ob das ein gutes buch ist. ja? wirklich? ich misstraue diesen kategorien zutiefst, auch sie verfolgen interessen, wenn dussmann ein ganzes fenster mit serotonintiteln bestückt, versucht man auf ein buch die kundenaufmerksamkeit zu lenken, weil man gemerkt hat, das wird gekauft, ganz egal, wie man es persönlich findet, sondern weil irgendwer mit deutungshoheit sagt, das ist gut. so funktioniert kanonbildung, nur, der witz ist, sie funktioniert immer schlechter und will ich denn überhaupt, dass kunden so übergeholfen wird mit meinen büchern, will ich eigentlich nicht, man muss mich nicht gut finden müssen. brrrr. das erinnert mich an erzwungene kirchgänge, die ich nie erleben musste, aber genug leute kenne, die damit gequält wurden.

  7. xo sagt:

    irgendwann wird es heißen: wir mussten damals alle houllebecq lesen und wagner als den wichtigsten lyriker unserer generation annehmen, auch wenn uns ganz was anderes interessierte, aber gut waren immer die anderen, am a die räuber, echt mal ;). das sind lagerfeuer, um die soll man sich versammeln und es wärmt halt auch so schön, dann bringt noch einer ne gitarre mit und stimmt was nettes an, aber mehr ist es doch nicht.

  8. xo sagt:

    die crux liegt für mich in etwas ganz anderem, in der irrigen annahme, das gut-schlecht-urteil befördere noch irgendwas, außer unwillen und geneigtheit, also eigentlich genau das, was du geschmack nennst und ablehnst im umgang mit kunst. und ich glaube, inzwischen produziert so ein zugang eher unwillen, als geneigtheit. ich habe ja nicht nur dieter m gräf ständig als vermeintlichen und der kookbooks als eine art clan ausgemacht haben will, den er auch schon mal den kookbooks-clan nennt, wo alle die gleichen ziele verfolgen und sich bewusst in die steigbügel helfen, ungeachtet dessen, dass er, anders als du, ja offensichtlich auch menschen hat, die ihm in die steigbügel helfen, dazu kann ich von x feindschaften und ablehnungen im diskriminierten verlag berichten. das geeinte dorf erkennt immer nur der als geeint, offenbar, der selbst nicht drin lebt, die, die drin leben, empfinden sich doch eher mals als unfreiwillige nachbarn. ich weiß nicht, was mich mit den gedichten von schultens einte? nichts. oder rinck? nichts. jackson und popp? keine überschneidungen, keine gemeinsame poetologie, kein konsens über irgendwas. hefter? anderer planet. wirklich nah fühle ich mich noch einigen gedichten von marquardt. das muss mich ja nicht hindern, die qualitäten der andern durchaus zu sehen, auch öffentlich herauszustellen, aber ich bezweifle sehr, dass das allein genügte, wenn sich nicht menschen fänden, die mehr damit verbänden, als ein bloßes qualitätsurteil. man kann spots setzen, mehr nicht. manche bühne wird auch hell erleuchtet und es findet sich dennoch wenig publikum ein.

  9. xo sagt:

    und ist es nicht manchmal sogar umgekehrt, den texten, denen man sich nah fühlt, die erwähnt man paradoxerweise oft gar nicht, wenn man mal öffentlich die chance dazu hat? gerade weil man sich ihnen nah fühlt und einem ein öffentliches bekenntnis dazu wie seelenstriptease vorkäme? ja auch dadurch erschwert, wenn die autor*inne noch leben? und im zweifel lässt sich manchmal gar nicht entscheiden, warum man beschwiegen wird, ob aus gleichgültigkeit oder nähe.

  10. xo sagt:

    das kommentieren hier muss ich auch wieder lassen, ich sehe scho schwäne redeverbote erteilen. mein business ist einfach von wenig open minded humans bevölkert, ich muss da wieder raus. zurück zu den tieren.

  11. xo sagt:

    ich kenn meine pappenheimer und ich weiß, wie gerne sie einfluß nehmen. gibt so leute, die wollen alles kontrollieren, ich gehöre nicht dazu, ich will ein wenig spaß haben, mehr nicht. und ich vermisse phyllis, die war die sichere bank für spaß. wenn man sich zünftig zankt, dann geht das nur, wenn hinter alle wieder befreit lachen können. und ich treffe so wenige davon in meinem job. schade.

  12. xo sagt:

    dieser heilige ernst, der geht mir ab, ich denke, die paar jährchen, die wir hier auf diesem planeten wandeln und ich soll irgendwem sagen, was das gute gedicht sei? nee, keinen bock drauf. ich sag lieber, hab freude am tun, was immer dabei herauskommt, am aller wichtigsten ist, dass du es so machen willst. ich weiß gar keinen besseren rat, als diesen. ich kann noch sagen, was mich stört, was ich besser fände, aber mehr nicht. ich kann auch sagen, spricht mich irgendwie nicht an, könnte da und da ran liegen, aber ich ginge nicht hin und sage: so wäre es besser, grundsätzlich und für immerdar. schultens gedichte stehen bei mir nicht im fokus. sie verhandeln zustände, die sind mir nicht nah, kann sein, das ist alles sehr sehr gut, aber es tangiert mich nicht. das ist aber letztlich das, was es muss, wenn ich mich interessieren soll. da müssen jetzt die ran, die es interessiert und berührt.

  13. xo sagt:

    sprich, dein interesse ist brennend und sicher auch noch das einiger anderer. aber das liegt daran, weil du dort all das wiederfindest, was dir wichtig ist. und das halte ich bei allem für vorgeordnet. texte sprechen was an, was uns wichtig ist und dann finden wir die gründe dafür, warum sie wichtig sind, in ihnen und durch sie.

  14. Bruno Lampe sagt:

    Komisch, im Eckermann einen Nachhall zu diesem Thema zu finden „Die Frage nach dem Zweck, die Frage Warum? ist durchaus nicht wissenschaftlich. Etwas weiter aber kommt man mit der Frage: Wie? Denn wenn ich frage: wie hat der Ochse Hörner? So führet mich das auf die Betrachtung seiner Organisation und belehret mich zugleich, warum der Löwe keine Hörner hat und haben kann.“ Und selbst bei parallalie findet sich was: „hier / wo ich begeb‘ / aller mimik mich / wird mund / nicht mir // nur dir / wird kund / was auf lippen dir / stund um stund / und je schon stand“. Also: was ich schreib‘, ist wurscht, es kommt drauf an, was du liest. Geisterte mir seit vorgestern schon durch den vorzuknöpfenden Kopf bzw. Kropf von wegen die „Guten in Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“, die werden dann eben zu „My dove, my beautiful one“ usw., wenn sie schlecht sind.

  15. xo sagt:

    oder zu: when doves cry, wenn sie mir gefallen. vielleicht müsste es heißen: was ich schreibe ist wurscht, es kommt drauf an, was mehr als eine/r drin liest.

  16. Aikmaier sagt:

    es ging bei dem oben verlinkten heft über lyrik-kritik noch um etwas anderes. denn neben (und vielleicht weit hinter) den leserinnen, die zugleich als dichter privilegiert sind (seien sie nun nun dominant literaten, bildende künstlerinnen oder eckermann-leser), geht auch etwas vor. auch nicht-dichtern gefallen gedichte – zum glück! und manche, zu denen ich mich zählen muss, juckt es dann sehr in den fingespitzen, über das zu schreiben, was sie da gelesen haben. natürlich nicht immer und bei allem, aber doch immer pochender, unausweichlicher bei dem, was einen – siehe xo – besonders tangiert, interessiert, berückt, begeistert, erschüttert hat.

    und dann wird’s knifflig: wie mache ich das? die profession gibt bestimmte konventionen und schreibweisen vor, die innerhalb dieses betriebes mehr oder minder anerkannt sind und funktionieren. die reichen aber in aller regel nicht hin, um dem nahezukommen, was einen daran eigentlich interessiert, was einen angefasst hat. „nicht was, sondern wie“ bemerkte lampes eckermann (lustig, dass von kant oben die rede war, und dann meldet sich ein lampe zu wort…), die frage ist also: was ist an diesem oder jenem gedicht (text, hörwerk etc.) so gemacht, dass es mich tangiert etc.? das berührt fast unmerklich die frage nach gut oder schlecht, aber eben eingedenk dessen, dass objektive kriterien (also solche, die ich meinen mitmenschne „ansinnen“ kann (kant)) wohl nur schwer zu finden sein dürften.

    damit scheidet das „feuilletonistische“, zumindest so, wie es heute betrieben wird, schon einmal aus, da würde ich xo zustimmen. es auf kaufempfehlung und -warnung hinauslaufen zu lassen, greift um meilen zu kurz. aber was dann? wie dann? die frage hat mich bei der zusammenstellung des heftes geleitet, ohne dass die einzelnen essays sie letztgültig beantwortet hätten, aber eben in der praxis gezeigt haben, wie es so oder so oder so oder so gehen kann. seitdem kreiste mein gegrübel zur sache (und kreist immer noch, fast paolo-und-francesca-haft) um diese frage der angemessenheit: angemessen über lyrik schreiben, hoe kan dat?

    und da kam anhs essay über schultens gerade recht. denn michael braun (der, denke, ich keine verteidigung bedarf außer, und gern, einer eigenen) hat im VOLLTEXT interview eher en passant bestimmte kriterien genannt, die als abstoßungspunkte für herbsts schreiben über schultens dienen konnten. das ist doch schon was. ob und wie weit die dann formulierte annäherung an wirklich objektive kriterien der wertung gelingt, wäre zu diskutieren. auch die position, zwischen avantgarde und akademismus herrsche eine art historischer dialektik. das muss nicht unbedingt das sein, was jedermann und jedefrau an gedichten interessiert, aber als faktoren, die sowohl eine kollektive (von mir aus kanonische) als auch eine individuelle reaktion auf lyrik beeinflussen dürften, gehören sie meiner meinung nach zur frage nach der angemessenheit unbedingt dazu.

    ein letztes @xo zur these, die bewertung „gut/schlecht“ rufe heutzutage eher unwillen hervor. mir scheint, das hängt davon ab, wen man als bewertende und reagierende voraussetzt. die größte sammlung von bewertungen allerlei „produkte“ und „contens“ (brave new world), amazon nämlich, gründet sich zum weitaus überwiegenden teil auf eben diese schlichte zweiteilung „gut–schlecht“, und das setzt sich fort und fort. in digital demokratisierten systemen, scheint dieses vorgehen also eher die erwartbare und erwartete norm als eine quelle des unwillens zu sein.

  17. Aikmaier sagt:

    ah, und @xo: danke für den hinweis auf kriwet.
    der ist nun fast genau einen monat tot, sollte aber schon und dringend wieder ins gedächtnis der gegenwart geholt werden. vor jahrzehnten hat er schon sachen bedacht und gemacht (für die augen und für die ohren), die 1:1 aufs heute passten!

  18. xo sagt:

    komisch, amazon wird doch immer dafür gescholten, gescheltet, geschilten, dass es eigentlich nur geschmacksurteile einzelner repräsentiere, die keinen objektiven kriterien unterliegen. also ihr gut oder schlecht urteil unautorisiert unters volk streuen. das erzürnt doch die berufeneren organe ständig, schien mir immer. dabei, kann man aus ihnen manchmal besser erruieren, ob einem das buch auch selbst etwas tauge und, ich sage es ungern, nein, sehr gern: gefällt. kauft man sich eigentlich ne sonnenbrille, die einem nicht gefäll, auch wenn der verkäufer einen auf die qualität der gläser hinweist? ick weeß nüsch, ick gloobe mal nüsch. bestenfalls nimmt man den guten rat des versierten mannes sich zu herzen und vereint das, was einem gefällt, mit dem, was intersubjektiv gut zu sein verspricht :).

  19. xo sagt:

    ja, kriwet ist wirklich ein zu unrecht heute wenig rezipierter. mir fehlt der rheinlandspirit in berlin eh, die kunstakademie düsseldorf hat immer sehr viel deutlicher auf die schreibende zunft gewirkt, als ich das in berlin erlebe. die grenzen waren einfach auch durchlässiger, oder wurden deutlicher gesucht, als heute. ich habe mich ja nicht umsonst für kling begeistert, der war da ja immer, auch schon durch ute langanky, viel näher dran an der bildenden kunst, als andere lyriker*innen, vermutlich hätte es mich nie in die lyrik gezogen sonst.
    https://vimeo.com/69379939

  20. xo sagt:

    ach, ja, unbedingt ein berliner creamcheese gründen! https://www.youtube.com/watch?v=WIPjJKIRPi0 „wir waren jung, wir waren 16 17 18, wat interessierte mich da die windmaschine, die machte wind, toll, aber ob die vom uecker war, dat interessierte mich eher wenig!“ können wir zu dem spirit mal zurückkehren?

  21. Bruno Lampe sagt:

    Daß Lampe zu Kant kommt, ist unwahrscheinlich, er hat ihn nie gelesen. Er dachte nach dem letzten Beitrag eher an eine psychedelische Disco in Knesebeck irgendwo Richtung Zonenrandgebiet am äußersten Südrand der Heide, wo er – aber nur ansatzweise – ähnliches gesehen, eine Art höherer Weltersatz, auf der Stirn etikettiert mit einem „Wobinnich?“. Abgesehen davon, gut und schlecht läßt sich schon entscheiden, aber auf einer anderen Ebene, nämlich derjenigen, die sich in Gefühlsduselei ergeht. Ich denke aber auch ans Übersetzen von Gedichten (ich meine, ANH hat das gemacht im Grunde, er hat sich Schultens‘ Gedichte für sich übersetzt), das ist ein Aneignen. Die eigentlich ideale Annäherung. Denn was soll man sagen zu dem, was Alice Vollenweider zu Celans Ungaretti-Übersetzungen sagen? So im Nachwort: „So sieht die Italianistin Alice Vollenweider in Celans Annäherung an Ungaretti nicht nur einen Verrat, sondern ein ‚radikales Mißverständnis‘. Celans Vokabular sei ‚wenig angemessen‘ und ‚pathetisch aufgeputzt‘, ja es komme der Sprache des Italieners nur in Ansätzen nahe. Die Übersetzung sei ‚verschmockt‘, Sprache und Sprachstil manieristisch.“ Kann Voß der Sprache des Griechen nahe kommen? Tieck/Schlegel derjenigen Shakespeares? Wer wie parallalie versucht hat, sich selbst zu übersetzen, merkt das sehr bald. Ein jeder hat seinen eigenen Kodex und jedes Wort stellt besondere Weichen… Hauptsache, der Verkehr funktioniert. Die Frage bleibt somit immer nach dem gewonnenen Widersinn.

  22. Bruno Lampe sagt:

    … das zweite „sagen“ in Bezug auf Vollenweider ist natürlich ein „sagt“… also, was ich meine: welche Gifte bietest du an, um meine Wirklichkeit zu vergiften? Und mich dazu. Und welche Gegengifte?

  23. J. Sanders sagt:

    Danke fürs Teilen! Gerade erst über Twitter entdeckt. Ihren Essay werde ich mir morgen intensiv durchlesen.

  24. Pingback: Fahnenarbeit sowie Rückschauen, die Vorausblicke sind. Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 26. Januar 2019. | Die Dschungel. Anderswelt.

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