Sohnes Abend. Nach dem Morgen des Arbeitsjournals am Mittwoch, den 30. Januar 2019. Und nach miesen Träumen.

[Arbeitswohnung, 7.38 Uhr
France musique contemporaine:

Messiaen, Quatuor pour la fin du temps]

Wüste, ja beklemmende Träume derzeit. Sie zeugen von einer offenbar enormen Nervosität, die mit dem ersten der beiden Erzählbände, Wanderer also, zusammenhängen muß, wenngleich sie mir tagsüber gar nicht bewußt war. – Die Fahnen sind jetzt „durch“, werden sehr sehr demnächst in den Druck gehen; der TIP bat um mehrere (!) Fotos für den Artikel, woraufhin ich nachts von einem Text träumte, in dem ich derart furchtbar sexistische und überdies nationalistische Äußerungen tätige, daß ich mich nicht mehr auf die Straße traute. Klar, nichts von ihnen war wahr, aber in solchen Fällen helfen auch Gegendarstellungen nichts. Grad über einen wie mich bleibt dann immer etwas hängen, wenn’s als Rumor sowieso schon überall herumhängt. Selbst zu PENNY mochte ich nur noch mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze und schwerer schwarzer Sonnenbrille – bei diesem mittlerweile wieder Novemberwetter! Das ein übriges, mich zu dämpfen, tut. Selbst im Traum-selbst sagte ich meinem Traumselbst beruhigend mit Biermann: „Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Half nix, ich traute mich nicht vor die Tür und mußte auf meinen Latte macchiato deshalb verzichten.
Schon in der Nacht vorher aber so ein mieser Traum, einer des Abschieds von einer Person, die ich mit jeder Faser liebe. Wir trafen uns in der Schweiz (Nietzsches Oberengadin?), nicht nur sie und ich, nein, es war ein Fest, zu dem auch meine Verleger und allerlei Kritikerinnen und Kritiker geladen. Eigentlich war es weniger ein Fest als ein Symposion. Denn es gab Vorträge und Diskussionen. Ich meldete mich paar Mal, wurde aber selbst von der geliebten Person übersehen. Einige Male ging sie an mir vorbei und wandte das schöne Gesicht ab. Nur Cristoforo Arco und Septimes Jürgen Schütz sprachen mir beruhigend zu, aber voll eines Mitleids, das an Herablassung grenzte. Schon deshalb hätte ich merken müssen, daß es ein Traum war. Doch ich merkte es nicht, derart realistisch war die Landschaft vor den Fenstern, waren die Almen und Berge. Eine kalte Sonne schien surreal plastisch herab. So daß ich aufgab. Daß ich, den Rucksack auf dem Rücken, das Symposion verließ, merkte niemand.
Ich kletterte auf das Dach eines Zuges. Weshalb um Göttinswillen auf das Dach? Da wäre doch vorherzusehen gewesen, was geschähe und dann eben auch geschah: Der Zug tauchte unter mir in einen Tunnel, ich konnte nur springen, hielt mich an einem Felsvorsprung fest, erklomm keuchend die allereinsamste Bergeshöhe und erwachte. – Da ich Nietzsche nicht bin, beklomm mich der Traum noch den ganzen Tag über, weil ich das Gefühl nicht los wurde, einen wirklich kühlsten Abschied genommen zu haben, den ich nehmen wollen keineswegs hatte. Und ich bin zu klug, durchschaue meine eigenen Dynamiken zu klar, um es mir in freien Willen umzulügen.

Sozusagen erschwerend kamen Dirk Skibas Fotografien hinzu. Über einige erschrak ich derart, daß ich sie – was ich so noch nie getan habe – nicht freigab; es war wie ein Schock. Ich bekam mein Selbst-Innenbild mit der fotografisch unbestreitbaren Realität nicht zusammen. Eben auch das war mir zuvor nie geschehen. Bei anderen Bildern – es sind sehr viele entstanden – knirschte ich nur, aber machte das Freigabehäkchen. Gefallen taten mir eigentlich nur zwei oder drei. Doch die Wirklichkeit hat ein größeres Recht als ich selbst; auch das ist mir bewußt. Ich muß mich „nur“ einzufügen lernen, etwas, das mir ja immer schon schwerfiel.

Ach, Freundin, weg davon! Nicht hinsehn. An etwas anders denken. Etwas sehr schönes. Mein Sohn ist heute neunzehn Jahre alt geworden. Wir werden abends essen gehen, alle, er, seine zwei Geschwisterchen, लक्ष्मी und ich. Und nachmittags, wurd ich grad gebeten, kommen wir schon zum Kaffee zusammen.
Ihm, meinem Sohn, ist Die Dschungel nach wie vor gewidmet. Wir sprachen kürzlich darüber. Ob es ihm überhaupt noch recht sei. – W a r es.
Und eben fallen mir Die Nichtgeborenen ein, w i e d e r ein. Mein Glaube daß sich Liebeskinder ihre Eltern aussuchen; daß sie selbst es sind, die wählen, wer sie gebiert und behütet. Umso schlimmer, tragischer, dann, wenn die werdenden Eltern es nicht annehmen können. Ich bin selber in so etwas schuldhaft verstrickt, sogar dreifach. Je älter ich werde, desto belastender wird es, die Wahl einer Seele von mir gewiesen zu haben. – Es gibt Menschen, die glauben an Gott, ich hingegen glaube an mögliche Wesen – an Märchen, wenn Sie so, Freundin, wollen. Wohl deshalb meine Neigung zu Volksgeistern und der Vorstellung, es wohne in jedem Baum ein Geschöpf, das ihn repräsentiere, in jedem Strauch, ja selbst der stacheligsten Distel (die eben deshalb so hinreißend blüht). Mit einer solchen Haltung, nebenbei bemerkt, wäre ein Raubbau an der Natur gar nicht möglich; wir würden uns vor Scham die Kleider zerreißen. Wir ehren nicht einmal das Tier, das wir essen. Wie sollten wir auch, wenn selbst der Mensch unter der Ökonomie steht und selbst die Religion, jedenfalls die monotheistische, ihn geringer achtet als ihren lebens-, weil körperfeindlichen Gott? – um von den Sekreten ganz zu schweigen, die er für „unsauber“ diffamiert.

Haben wir Eltern unserem Sohn dies zu spüren mitgegeben, diese andere als funktionalistische Haltung? Er ist jetzt erwachsen. Auch ihn, eines Tages, wird ein Nichtgeborenes wählen. Möge er annehmen können. Dies ist mein Wunsch grad für den heutigen Tag.

Nennen Sie mich jetzt, liebste Freundin, sentimental? Ich möchte auf eines der Motti verweisen, die ich dem ersten Erzählband vorangestellt habe; darin spricht Kjærstad von der Sensibilität für das Tragische als einer der wichtigsten menschlichen Dimensionen. Und Christopher Ecker, in dem die Seite beschließenden Zitat, läßt im Bahnhof von Plön den Vater seines Helden sprechen:

„Noch wiegt sich die Freude im Abendwind. Aber wenn wir dereinst nichts als Trauer sind, werden wir verdampfen wie Morgentau im Sonnenlicht.“

 

Ihr ANH

[Mahler, Dritte Sinfonie, Solti]

P.S. für Europa:
Hervorragendes >>>> Interview mit Timothy Snyder heute in der NZZ.

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2 Kommentare zu Sohnes Abend. Nach dem Morgen des Arbeitsjournals am Mittwoch, den 30. Januar 2019. Und nach miesen Träumen.

  1. xo sagt:

    skiba habe ich abgesagt. ich sehe seine qualitäten und auch, dass sich viele autor*innen bei ihm wiedererkennen, mir gefallen auch einige porträts von ihm, so ist es nicht. aber ich kann auch deine abwehr verstehen. fotos zeigen keine realitäten, fotos zeigen den blick desjenigen, der sie macht. und sie sind ein mächtiges instrument. inzwischen werden sie gern auf cover gedruckt. bei spinnens hauptgewinn dachte ich noch, das ist n schlechtert scherz. aber vermutlich verkauft es sich sogar so besser. ich finde autorenporträts auf covern nur schlimm, nur unter androhung von strafe, wirklich. brrrr. das lachende mit der faust und das runterblickende würde ich empfehlen, vom skiba, die finde ich gelungen.

  2. Gaga Nielsen sagt:

    Diese Aufnahme aus der Reihe finde ich herzerwärmend und sehr anziehend, mag ich sehr gerne. Die übrigen sind auch nicht unattraktiv, das eine mit dem breiten Lachen finde ich mit der „Untersicht“ nicht so ideal, das eine oder andere ein wenig statisch vielleicht, aber alles kein Beinbruch.
    Man achtet als Betroffene/r ja gerne verstärkt auf Spuren des Alterungsprozesses, Furchen hier, Furchen da. Aber in Wahrheit nimmt die Umgebung viel mehr die Kraft, das Energielevel der Ausstrahlung wahr und schlussfolgert anhand dessen, wieviel attraktive Lebenskraft vor einem steht (sitzt, liegt). Keinerlei Grund zur Sorge, lieber ANH.

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