„Wahlvater“. Das Arbeitsjournal zum 27. Februar auf den 1. März 2019, d a nämlich im ICE auf der Rückfahrt geschrieben.

[ICE 1535, Frankfurtmain-Berlin Gesundbrunnen
Bordrestaurant]
Irre voller Zug mal wieder; nein, k e i n Zug voller Irrer. Indessen:  „Freitags,“ schrieb die Löwin auf mein schriftliches NachLuft!schnappen eben, „wollen alle nach Berlin.“ Nun jà.

Es waren erfüllte, s e h r erfüllte anderthalb Tage. Zuerst einmal die Gedächtnis- zugleich >>>>Premierenlesung des neuen, indes halt nachgelassenen Buches Paulus Böhmers, No Home. Daniela Danz und ich trafen bereits vorher im ICE von Erfurt nach Frankfurt zueinander und nutzten die zweieinhalb Stunden Fahrt bereits zur ersten Strukturierung unseres Duos, worauf sich im Literaturforum-selbst etwas mehr als eine Stunde direkter Probe anschloß, einmal mit Metronom, danach ohne.

Danz-Röhnert-Jager-Demski

 

 

Das Konzept ging auf. Es gab sogar „Whouw!“-Rufe nach unserer, ich schreib einmal, „Performance“. Leider habe ich am nächsten Morgen versehentlich den von mir angefertigten Mitschnitt gelöscht; ich war wohl noch allzu benebelt vom Wein, der nachts bis fast halb drei Uhr geflossen. Ärgerlich. Nicht der Wein, sondern der Verlust dieser Aufnahme, die ich rasend gerne hier in Der Dschungel eingestellt hätte. So daß ich jetzt überlege, ob mich gelegentlich in den Zug zu setzen, um zu Danz hinzufahren und das Gedicht noch einmal mit ihr einzusprechen, dann auch nach etwas mehr Probe.
Vor uns lasen Thomas Hettche und Ricarda Junge, wie danach Eva Demski und Jan Volker Röhnert aber nicht, anders als Daniela und ich, ineinander, geschweige partienweise simultan und somit quasi als Chor, sondern je voneinander getrennt – wobei besonders Demski – in ihrem damenhaft-fraulichen, durchaus intensiven Alt – enorme Innigkeiten aufzuschließen und ihnen Klang zu geben vermochte. Mit war das Berührende ihrer Vortragsstimme bereits vor ein paar Jahren aufgefallen, als sie am selben Ort bei Anlaß eines Bloomsdays Mollys Monolog vortrug, das grandiose Endkapitel des Ulysses. Da schon hatte ich geradezu sprachlos dagesessen und gestaunt.

Später, wir standen draußen auf dem Außentreppensims der Raucher, kam mir der Gedanke, mit ihr, also Demski, einmal ein Stück einzuproben, woraufhin Björn Jager, der Leiter des Forums, lächelnd bemerkte: „Das schaffst du nie. Sie wird das nicht machen.“ – Ich sofort zu ihr hin.
„Da hat er recht“, sagt sie. Ich: „Ach ja?“ Sie: „Nun, du weißt ja, wo ich wohne.“ Sie mußte selber lachen.

Der kleine Saal war proppevoll, die Leute standen bis in den Gang; teils saßen sie sogar in ihm. Wobei man hätte einen Lautsprecher hinausstellen sollen. Danach Beieinander noch einiger, alles angenehm, teils freundschaftsinnig. Nur zwischen Hettche und mir lag Eis. Es wird sich wohl nie wieder schmelzen lassen. Sei’s drum. Aber die Oberfläche war krisslig, nicht glatt; es war aus kabbliger See gefroren. So rutschte immerhin niemand drauf aus. Außerdem gab er mir, als ich in der Treppensimsrunde nach einer Rauchware fragte, eine Zigarette, an welche Gabe er allerdings die Bedingung knüpfte: „Sofern du mich nicht fotografierst.“ – Was sollte ich da sagen? Zumal er noch der Meinung war, daß Joyce, wenn er weniger getrunken hätte, vielleicht hätte gute Romane geschrieben. Da mag ich nicht mal kontern. – Jedenfalls hätte ich eigentlich gern den Abend für Die Dschungel insgesamt dokumentiert. Wenn Ihnen freilich, Freundin, der Sinn nach Hettchefotos steht, können Sie ja einfach im Netz die Bildersuche starten. Hier wird Sie ohnedies mein kleines Portrait von Daniela Danz mehr als nur entschädigen: 

 

 

 

Danach dann eben noch lange, lange beieinander. Längst war auch Phyllis Kiehl aufgetaucht, bei der ich zur Übernachtung untergebracht, mit ihr der Maler Thomas Erdelmeier; über eines seiner Bilder möchte ich Ihnen in den kommenden Tagen etwas schreiben, es in Der Dschungel auch sozusagen dazu ausstellen.
– Dagewesen ist selbstverständlich die fast gesamte Faustcrew, da war Klaus Reichert, d a waren die, hätte Heinrich Mann noch geschrieben, „Honoratioren der Stadt“, da waren Endres und Batberger und sowieso Böhmers mit-wichtigsten Weggefährten; einige freilich, um die es mir leid, fehlten, etwa Uve Schmidt – aber auch einer, aus traurigem Grund, der kommen hätte nicht können.
Statt dessen, am folgenden Tag, fuhr ich zu ihm.

*******

Er ist mir Wahlvater gewesen. Dieter Betz. Außer Wilhelm Kühlmann, und jetzt Elvira M. Gross, hat sich niemand meines Werkes stärker angenommen – und aber eben auch zu wirken vermocht.

Dabei bin ich, als wir einander erstmals begegneten, im Café opus 111 am Frankfurtmainer Palmengarten, es muß um 1983/84 gewesen sein, ihm gegenüber aggressiv gewesen – ein Impuls, den ich bei tatsächlich oder vermeintlich Mächtigen mein Leben lang gehabt habe, bisweilen durchaus unkontrolliert. „Daß jemand Macht hat, ist Grund zu Verdacht schon genug.“
Er war damals – und blieb es noch lange – im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst der bestimmende Zuständige für Theater, Oper, Literatur und, wie ich später lernte, leidenschaftlich in die Künste versponnen. So ließ er sich von dem jungen, ich sag einmal beschönigend, „Rebellen“ nicht beeindrucken, sondern sah sich die bislang erschienenen Bücher an. Es störte ihn auch gar nicht, daß wir durchaus politische Differenzen hatten und sie immer wieder austrugen. Und plötzlich sah er mich an und sagte: „Ob jemand wirklich Freund ist, erfahren wir erst, wenn wir auf der Flucht sind und versteckt werden müssen.“
Viele Jahre später schenkte er mir einen Gürtel aus Pythonleder, „damit du weißt, zu welchen Menschen ich dich rechne.“ Ohne ihn hätte ich weder den Grimmelshausenpreis bekommen – er saß als beratende Stimme der Jury bei, wenn auch ohne Stimmrecht -, noch wäre ich in die Villa Massimo gekommen. – Doch er förderte w e i t: Das Junge Literaturforum erst Hessen, dann Hessen-Thüringen ist seine Gründung, aus dem Ricarda Junge, Daniela Danz, Thomas Hettche, Stefanie Menzinger, Jan Volker Röhnert, Maike Wetzel und viele andere hervorgingen, die heute teils bereits einen zumimdest bedingten Starstatus haben. Betz war ihr spiritus rector: ein Mann, der mal so nebenbei den halben Faust I aus dem Gedächtnis aufsagen konnte und, tat er es, mit ungemeiner Intensität deklamierte. Wenn ich, abgesehen einmal von Ernst Bloch und Wilhelm Kühlmann, jemals jemandem begegnet bin, die oder der über umfassende Bildung nicht „nur“ verfügte, sondern diese Bildung zugleich w a r, dann ist er, Dieter Betz, es gewesen. Da er zugleich mit sprühendem Witz begabt war, ist er fast immer von Frauen, die ihn verehrten, umschwärmt gewesen. Und er verehrte sie und genoß sie.
Mit fünfzig bestieg er, damals schwerer Raucher noch, den Kilimandscharo und schrieb darüber nachher ein Buch. Mit ungefähr sechzig fuhr er auf der Harley quer durch die USA:

Auf einer dritten Motorradtour, diesmal in Australien, saß ihm indes das Schicksal im Nacken, flog hinter ihm als Schatten her, ohne daß er es rechtzeitig merkte, wollte sich rächen und tat es. Man brennt nicht ungestraft an sechzehn Enden sein Leblang zugleich. (Andererseits brennen die meisten n i c h t ungestraft a u c h nicht). — Notfallwagen, Pronto soccorso, Überführung im Flugzeug via Asien nach Deutschland. Ein befreundeter Spezialist wußte dem Allerschlimmsten zu wehren, und mein, wie ich schon vor Jahren sagte, „Wahlvater“ lebt nun vergnügt und achtsam umsorgt in seiner großen, mit Kunst und Musik gleichsam rundum tapezierten Villa im Taunus. Selbst die Böden und Zimmerdecken bestehen aus Kunst. Sie, liebe Freundin, gingen gleich mir dort hindurch wie durch ein Museum, das aber l e b t. Und auch, wenn der Flügel nicht mehr bespielt wird, glänzt doch sein tiefschwarzer Lack in der alten Verheißung der großen Musik. So daß mein Wahlvater an diesem Atemort, selbst wenn er ihn nur noch zu kurzen Spaziergängen verläßt, in einer würdigen Gnade bei seinem Wein sitzt, vermittels derer die Musen ihn ehren:

Als er mich sah, kaum daß ich durch die Tür getreten, ging ein Glück des Erinnerns durch seine Züge, das die ganze Zeit – fast fünf Stunden lang – anhielt, und er mochte sich vom Ungeheuer Muse gar nicht mehr trennen, das ich ihm mitgebracht. Das Wunderbarste war, wie F o r m in ihm aufstieg, poetische Form, ich spürte sogar, wie er zählte. Die Augen blitzten, der scharfe Instinkt des wissenden Urteils schoß auf, der ihn zu solcher Instanz ermächtigt, indes er zugleich ein so sinnliches, ja vitalistisches Leben geführt hatte, wie um den Distanzierten zu beweisen, daß Leidenschaft und Intellekt sich nicht ausschließen müßten, ja es niemals d ü r f t e n. In dieser Haltung bin ich wohl tatsächlich sein Sohn.

Ich muß und will Martina Dreisbach danken, die mir diesen Besuch vorgeschlagen hatte. Ich hatte anfangs gezögert und bin nun glücklich, daß ich dortwar. Und soeben, es ist jetzt 11.25 Uhr, anderthalb Stunden vor Ankunft, schickt mir mein Septime-Verleger Jürgen Schütz das folgende Bild: 

Nun ist es also da, noch „nur“ in Wien. Doch gerechterweise wird, gleich nach dem Verleger, Elvira es nun vor mir bekommen.

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3 Responses to „Wahlvater“. Das Arbeitsjournal zum 27. Februar auf den 1. März 2019, d a nämlich im ICE auf der Rückfahrt geschrieben.

  1. Ute Dr. Strasser-Köhler sagt:

    Es war ein wirklich beeindruckender Abend im Hessischen Literaturforum ! An dieser Stelle deshalb nochmals einen besonderen Dank an Sie und Daniela Danz. Und ja: eine Lesung Herbst-Demski wäre natürlich grandios !

  2. @Dr. Strasser-Köhler, da Sie dabeigewesen sind: Wie schade, daß Sie mich nicht angesprochen haben. Ich hätte Ihnen gerne die Hand gegeben.

    • Ute Dr. Strasser-Köhler sagt:

      ich habe schon damit geliebäugelt mich vorzustellen, aber ich habe mich dann doch nicht getraut ! Es wird, hoffe ich, irgendwann dazu noch die Gelegenheit geben. Wir sind uns ja schon einmal im Literaturforum begegnet, als Sie mir die WOLPERTINGER signiert haben. Liebe Grüße und danke nochmals fürs Vorlesen !

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