Springen zwischen den Welten, mit Ramirer, Böhmer und Schnee. Das Arbeitsjournal des Mitwochs, den 3. April 2019. Dazu der „Unhold“ mal wieder, doch diesmal auch als Druide

[Arbeitswohnung, 8.19 Uhr]
Den Artikel über David Ramirer, also seiner Musik zu Bach geschrieben, für Faustkultur, deren Redaktion ihn bereits annahm; es waren gestern nur noch ein paar kleine Korrekturen nötig. Die Arbeit hat mich (fast) ebenso erfüllt wie ihr künstlerischer „Gegenstand“. Und mir Elvira M. Gross‚ens Lektorate der bislang noch nicht bearbeiteten Erzählungen für Band II der Septime-Ausgabe anzuschauen begonnen; erst einmal in einen „Wegwerf“-Ordner verschoben, was sie für „nebbich“ hält. Nahezu jegliche ihrer kritischen Anmerkungen stimmt, nur in wenigen Fällen zaudere ich – vielleicht nur, weil meine Perspektive eine andere ist. – Wir werden es halten wie schon bei Band I: Nachdem ich alle Anmerkungen bearbeitet haben werde, für die noch „offenen“ oder, das Wort ist viel zu hart:, „strittigen“ ins dann persönliche Lektorat gehen. Dieses n a c h >>>> Wien, bzw. direkt nach Ostern und am 24. April auf unserer gemeinsamen Zugfahrt >>>> nach Karlsruhe.
Acht der von Elvira nachgereichten Erzählungen habe ich nun bereits durchgesehen, von deren einer ich vermutet hatte, sie passiere niemals ihre „Zensur“. Doch sie „kam durch“. Die Frau ist immer wieder auch für Überraschungen gut. Witzigerweise ist meine eigene Skesis dem Text gegenüber geblieben. On verra.
F ü r Wien kam gestern Jordan Lee Schnee zu mir, um an der US-amerikanischen Übersetzung des Béartgedichts XX zu arbeiten, das wir in Wien u.a. vorstellen möchten; diaphanes hat bereits Magazine an die Buchhandlung 777 geschickt. Mit dabei war während unseres Arbeitstreffens Parallalie, der Schnees Übersetzungsentwürfe vorliegen hat und aus der, sozusagen, Ferne mittut – sehr klug, sehr genau, wobei er in seinen uns zugeschickten Anmerkungen auch Kritikpunkte an dem Text-selbst äußert und sie gestern spätabends auch mündlich in Skype wiederholte. Wir schalteten ihn nach dem fertigen Durchgang hinzu. Es geht um folgende Verse:

Schwarze fegen grün gekleidet,
die Trassen, und| aus sprudelnden Kanälen
bordsteins an hügelabwärts fallenden Gassen
schaufeln sie den Schmutz der Rebellion
auf die Ergebung mobiler Ladeflächen
im Schrittempo rollender Vierrads-Apen,

Woher komme die „Rebellion“? Er finde kein korrespondierendes Zugangsmotiv, ihn störten zudem die Apes – also die dreirädrigen italienischen Pick-up-Varianten aus Miniaturtransporter und überdachtem Motorroller. Hier hat er möglicherweise recht: Was haben die in Frankreich zu suchen? Das Motiv verwirre.
Nun weiß ich genau, welche Autos ich meine, und werde Prunier, der ja auch nach Wien kommen wird, fragen, wie man bei ihm zuhause diese Blechkisten n e n n t (meines Wissens werden oder wurden sie von Citroën gebaut; doch erzeugte hier der Herstellername ganz falsche Assoziationen). Da ist dann „nur“ das richtige Wort aber so einzusetzen, daß der Rhythmus erhalten bleibt. – Andere von Schnee gefundene Übertragungen sind wiederum ausgesprochen schön; ich werde zu anderer Zeit bestimmt ein paar Beispiele in Der Dschungel einstellen.

Eine scharfe Unstimmigkeit gab es, die mich schockierte – den Angriff auf einen ebenfalls Béart-Text, den ich als Hommage auf Paulus Böhmer geschrieben hatte. Er, der Angriff, war so heftig, daß ich fast meine Teilnahme >>>> am morgigen Gedankabend abgesagt hätte, mich dann aber umentschloß, weil es da nicht um eigene Verletzlichkeiten, geschweige Eitelkeiten geht, sondern darum, dem großen Freund posthume Ehre zu erweisen. Ich werde also etwas anderes lesen als geplant, etwas aus diesem quasi Frühwerk:

Es ist das erste Buch-überhaupt, daß Böhmer mir schenkte, in den frühen Achtzigern, insofern für den Abend sehr passend. – Vielleicht wird morgen auch schon mein für Volltext geschriebener Erinnerungstext vor- und die Zeitung also ausliegen. Ich habe es sowohl der Redaktion als auch dem Haus für Poesie so vorgeschlagen, bekam allerdings von keiner Seite Antwort. Nun jà.

Dann habe ich damit begonnen, all die Essays in Die Dschungel einzustellen, die im öffentlichen Archiv der seit anderthalb Jahren nicht mehr existenten „fiktionären Website“ gesammelt worden waren und dort teils Zugriffe von bis zu 30.000 mal gehabt hatten; „Spitzenreiter“ ist interessanterweise meine Arbeit aus dem Jahr 1994 über Hans Henny Jahnns „Medea“ gewesen. Ich werde diese Aufsätze jetzt gesamt in Der Dschungel konzentrieren. Den Anfang gab, gestern eben, Sie werden es, Freundin, vielleicht gesehen haben, mein 2004 gehaltener Vortrag zum Werk Wolf von Niebelschütz‘.
Die „Übertragung“ der Texte aus den docs, bzw. Pdfs macht, von der Formatierung einmal abgesehen, auch deshalb einige Mühe, weil ich viele Schlüsselwörter und Namen mit weiterführenden Links unterlege, sie, die Texte, also netzgemäß umsetze.
Dennoch möchte ich sie „natürlich“ eines Tages auch gerne in Buchform sehen. Aber das ist Zukunftsmusik. Zum einen strebe ich für 2020 an, daß die Béarts fertig werden und auch als Buch erscheinen, möglicherweise parallel mit einer US-amerikanischen Ausgabe; zum anderen ist wieder an den Roman der Triestbriefe zu gehen, für 2021 dann bei Septime wieder. Zusammen mit meinen „Ghost“aufträgen Holz genug, das ich möglicherweise bald auch bis in die späten Abende hinein werde spalten müssen. Dazu kommen die Hochzeitsreden, die ich im Auftrag schreibe und auch jeweils halten werde; für eine habe ich noch drei Stunden heikles Bandmaterial zu übertragen („heikel“, weil in einem Restaurant aufgenommen und all die anderen Gästestimmen in die Aufnahme höchst störend mit hineintölen). Allerdings bereiten mir diese Aufträge einige Freude, nicht zuletzt, weil es wie der Sprung in eine komplett andere Welt ist, in der ich nun einmal nicht der Unhold bin, sondern der charmante Herr und vielleicht auch etwas Druide, der sich auf dem Parkett zu bewegen weiß und es gern tut. (Habe mir jetzt sogar einen sehr guten Smoking besorgt und werde üben, eine Fliege zu binden; solche mit Haken oder gar Klettverschluß „gehören sich“ nicht. Außerdem sollte ich meine Tanzschulkenntniss auffrischen; immerhin hatten es Do und ich einmal bis zu Bronze gebracht.)
Entspricht übrigens, fällt mir grad auf, durchaus meiner Romanästhetik: zwischen den Welten zu springen. Denn solche s i n d es tatsächlich. Daß ich es tue, könnte freilich durchaus a u c h ein Aspekt meines Unholdseins sein, das mir im Literaturbetrieb so zu schaffen macht. Nein, Freundin, das ist für mich in keiner Weise leicht, auch wenn ich den Begriff sehr bewußt gewählt habe, Nietzsches nämlich wegen. Doch hätte ich’s gern anders, bin aber nun an Lebensjahren reich genug, um zu wissen, nicht mehr herauszukommen. Nun jà, sag ich mir da, dann ist es eben so. Was mir „bleibt“, ist, meine poetische Arbeit unbeirrt fortzusetzen, bis ich mich eines Tages erschöpft haben werde, so, daß ich eben zu dichten nichts mehr weiß. – Ich gebe zu, es sah zwischendurch so aus, als wäre es schon so. Ist es aber nicht, wie mir gerade – mein Körper wieder zeigt. Denn Fortschritte, rasante, macht der Sport. Daß ich jetzt schon auf 71,6 kg runter bin, ist fast nicht zu glauben, bewiese es mir nicht deutlich die Waage. Vielleicht setze ich heute für einen Tag wieder aus, um der rechten Wade noch etwas Ruhe zu lassen; andererseits wird meine Mme LaPutz nachher kommen, da muß ich sowieso aus der Wohnung fliehen. Doch vielleicht schiebe ich schon jetzt erstmals wieder ein Krafttraining ein. Das leuchtende Wetter hingegen zieht mich zum Laufen in den Park. – Gut, Freundin, ich werde mich spontan entscheiden.

Nochmal zum „Unhold“.
Parallalie schickte mir gestern einen sehr schönen Text, der ihm, „jetzt, wo ich’s grad gelesen, auf die Béart zu passen“ schien:

Tatsächlich aber ist das höchste Ziel eines Menschen kein anderes als das aller anderen Lebewesen: das Streben nach Lust. Auch in diesem Streben stecken Täuschungen und Irrtum, die obsessiven Phantasien eingeschlossen, die um die natürlichen Freuden des Geschlechtsverkehrs gesponnen werden. In einer berühmten Passage untersucht Lukrez diese Phantasien und beklagt den vergeblichen Traum völliger Vereinigung. An keiner Stelle jedoch verurteilt er das Streben nach Lust, auch nicht das nach sexueller Lust. Im Gegenteil. Dies zeigt sich gleich zu Anfang seines Gedichts, wenn er die Göttin zur metaphorischen Zentralgestalt seines Gedichts macht, die alle Lebewesen unserer Welt zusammenführt im leidenschaftlichen Begehren und in der puren, kostbaren Lust am Leben selbst.
Stephen Greenblatts Einführung zu Klaus Binders Lukrez-Übersetzung der Natur der Dinge

Das sind, finde ich, schöne Sätze zum Abschluß dieses heutigen Arbeitsjournals. Damit dessen Name aber auch stimmt, sollte ich jetzt mich an sie, die Arbeit, auch machen.

Ihr ANH

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4 Responses to Springen zwischen den Welten, mit Ramirer, Böhmer und Schnee. Das Arbeitsjournal des Mitwochs, den 3. April 2019. Dazu der „Unhold“ mal wieder, doch diesmal auch als Druide

  1. Bruno Lampe sagt:

    Nun bin ich zwar nicht als parallalie angemeldet, aber sei’s, er gab mir Folgendes zu bedenken, was die kritisierten Verse betraf: „Daß Schwarze fegen und grün gekleidet sind, ist soweit in Ordnung. Aber ich fürchte, sie fegen statt Trassen (paßte eher für Bahngleise, die im Text tatsächlich schon auftauchten als Bahngleise) Bürgersteige und ihre Bordsteine in den Gassen, die sich abwärts neigen statt fallen (schwierig, einer Stadt Hügel zuzuordnen, selbst in Rom, wenn man’s nicht schon von vornherein weiß). “Der Schmutz der Rebellion” ist eindeutig ein Schmutz der Rebellion, die aber nicht stattgefunden hat, es sei denn, man will sich an gewisse Rebellionen in den Pariser Vorstädten erinnern. Rebellion, die sich auf die “Ergebung mobiler Ladeflächen” entlädt. Eher schon Schmutz der Zivilisation. So daß ich eher denke, daß die Assoziation dahin geht: der Schmutz der Zivilisation wird vom Schmutz der Zivilisation, wenngleich in einer rebellenhaften, aber eben doch selbsterstickten Geste entsorgt, und mitnichten in “Ergebung”.“

  2. „ergeben“ sind die Ladeflächen der blechernen Transporterchen. – Aber wir werden in Wien über die Stelle eingehend sprechen, denke ich. Die Gedichte sind ja (fast) insgesamt nach wie vor Entwurf.
    Danke für den so klar erläuterten Einwand.

  3. astroprofi sagt:

    es ist halt erstmal wichtig, eine dauerbewissenschaftler*innenisierte station auf dem mond zu gewährleisten, um ernsthaft den mars in einen erreichbar-näheren fokus zu kriegen.
    wir haben geld anzufassen, auch privatwirtschaftlich.
    es ist doch der alte traum

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