III, 429 – Letzte Liebesgrüße aus Wien und langsames Eintauchen ins Amerinische

Langsam zurückfinden mit Hindernissen. Zunächst die lange Fahrt zurück von Wien (“von Wien” oder “aus Wien”… eher “aus”). Eine Müdigkeit beim Verlassen der Alpen auf der ins Friaul hinabgleitenden Autobahn. Und immer denken Casarsa, Casarsa… Halt, mein Freund, halt an (ein Auto mit russischem Kennzeichen neben mir an der Raststätte). Und dann wieder und dann, der dich dann doch wieder hinreißende Asphalt (hämisches Blicken hinter Bologna auf die Autoschlange der Gegenfahrbahn: Adria-Rückkehrer (es war ja Feiertag, der Rückfahrdonnerstag: Tag der Befreiung)). Um halb elf abends dann der zunächst als ungünstig empfundene Parkplatz, dann die Runde neu drehen. Müdigkeit aber bescherte Unaufmerksamkeit: promptes Schrammen der rechten Autoseite an einer engen Hausdurchfahrt, so sehr, daß ein Karosserie-Eingriff sich ins Peut-Être hinaufarbeitet.
In Wien selbst am Morgen der Abfahrt ein Strafzettel hinter der Windschutzscheibe. Nicht aber für den Abend davor (des 24.5.), der nämlich wurde parkscheinmäßig abgesichert. Nein, für den 15.4., als ich in der Hetzgasse parkte, wo man mich um 21.22 Uhr erwischte, während ich mich bereits bei meinem Gastgeber in Sicherheit wiegte (wer geht denn da noch kontrollieren? – in Amelia wahrscheinlich niemand): Strafe in Höhe von 36 Euro. Heißt, man hatte mich auf dem Quivive behalten. Erst wollte ich meinem Gastgeber (“Liebesgrüße aus Wien”, sagte der nur) das Geld dalassen fürs Bezahlen, aber dann dachte ich: Mal sehen, was kommt. [Heute (13.5.) das Bußgeld überwiesen: bei näherem Hinsehen waren alle Angaben für das “Telebanking” (Taliban-King) vorhanden.]


Hineinfinden dann in die bereits während des Wienaufenthalts eingetroffene Arbeit (Handbuch für manuelles Handhaben von Lasten (an die 50 Seiten!). Samstagnachmittag ein Gang zur Tabaccaia, der übliche. Entgegenkommen einer mir lieben ital.-deutschen Familie, erzählten mir von der Ausstellung in der entweihten Kirche, in der im letzten Jahr ein Haufen Leute sich tanzend gebärdeten (Ausstellungsrahmen dieses Mal: Sentieri Amelia – Festival di Arte Contemporanea). Die Kirche sei noch offen, und ich ging dorthin. Auf dem Boden ausgebreitete Dinge. Altäre, säkularisiert. Ein Seitenraum mit schönem Nachmittagslicht auf nackten Wänden (nicht fotografiert, eine letzte Möglichkeit habe ich am nächsten Wochenende [meine derzeitige Verliebtheit in meine nackten Körperwände]), eine Leiter mit Heiligenbildchen [genau: Ich, ich, ich (Robert Gernhardt)]. Ein bekanntes Gesicht irgendwann am Eingang: Piero. Hatte Begleiter dabei. Mit dem einen kam ich beim Betrachten der Installation im zentralen Raum ins Gespräch. Was das sein könnte, diese “Beete”, aus denen scheinbar aus einem Mutterboden (Mutterboden!) eine Plastikvegetation hervorquillt, die irgendwie an Verwesung erinnerte. Aber es zu berühren, traute man sich nicht. So unterhielten wir uns auf Italienisch.
Als wir dann vor der Kirche standen, fragte der schon weitergehen wollende Piero, ob wir uns auf deutsch unterhalten hätten. “No”, so meine ehrliche Antwort. So war der Verdacht geweckt: Ich sagte meinen deutschen Namen, er antwortete “Manfred”. Am Ende seine Visitenkarte: Professor für Semitistik und Islamwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Frau aus Lucca. Ein paar Worte zu Ibn Hamdis und “Schiapparelli”, der Name entfuhr ihm dann selber schon.
Vor ein paar Tagen ein Anruf von einem, den ich lange nicht mehr zu meinen Kontakten zählte: Federico, Jahrgang 43, der halb hier, halb in Norwegen (Trondheim) lebt, den ich aber sonst nur noch zufällig auf der Straße traf.
Der nun spielt Klarinette (seine Passion: New-Orleans-Jazz). Hatte aber ein Problem mit seiner Klarinette. Die nämlich stamme aus deutscher Herstellung (gekauft in den 60ern), und er habe dem Hersteller mithilfe des Google-Übersetzers geschrieben, er brauche ein Ersatzteil, das auf Italienisch “barilotto” heiße. Ich versprach, mich drum zu kümmern, vor allem hinsichtlich der Übersetzung ins Deutsche, um begreiflich zu machen, was anzufordern war. Verabredung für den späten Nachmittag.
Er kam vorbei, brachte eine Flasche Rotwein mit, die wir aber nicht tranken, auch den Mauro-Weißwein lehnte der einstige Konsul in Trondheim (sic!) ab [mir das zu sagen gab mein “schäm dich!” Anlaß, als er gestand, niemals den Ulysses gelesen zu haben, aber eben nur spaßeshalber; denn, sagte er, solch ein “vergognati!” habe ihm nur einmal noch jemand gesagt, nämlich der ital. Botschafter in Norwegen, als er ihn bei einem Besuch in Trondheim gefragt hatte, ob er das Land nördlich der Stadt besucht habe, und ebenfalls ein “Nein” zur Antwort erhalten hatte]. Ich zeigte ihm die gefundene “Klarinettenbirne” (so heißt das Ding), aber er brauchte eine bestimmte Länge, nämlich 58 mm. Gesagt, gefunden. Bestellt und bezahlt von ihm.
Von ihm erfuhr ich des weiteren, daß jener Piero, der auch Gedichte schreibt und meine schon mal anerkennend hat rezitieren hören, der Bruder sei von Terence Hill, und er, dieser Piero ein bißchen die Veranlassung gewesen, sich hier in Amelia anzukaufen: Kategorie: lang anhaltende Jugendfreundschaften.
Nächstens mehr über weintrinkende Lesebändchen und something else.

III, 428 – Frauenfragmentierungsbericht (Wien V)

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