Nach einem unvermuteten Erfüllungstraum das Arbeitsjournal des Freitags, den 17. Mai 2019.

[Arbeitswohnung, 6.56 Uhr]
So, unterbrochen heute nur vom Lauftraining meinen Goldschlag-Text für den WDR beginnen. Meine bisherigen Überlegungen zu Takis Würgers Roman gehen in eine, was mich selbst erstaunt, nunmehr ganz andere Richtung als jene, die den massiven Kritiken offenbar zugrundeliegen; allenfalls in der Kitsch-„Frage“ ziehe ich gleich, aber auch da nur zu Teilen.
Es ist aber wenig sinnvoll, schon hier mein Pulver zu verschießen; nach van Rossums am 25. Mai ausgestrahlter Sendung werde ich den kleinen Essay hier ohnedies einstellen, dann wohl auch mit Link auf den Podcast.

Erstaunt hat mich mein heutiger Nachttraum, der mich direkt bis zum Aufwachen begleitete. Eine völlig neue Frau, ohne jedes „Vor“ bzw. Urbild, durchzog ihn. Daß sie blond war – allerdings sehr hochgewachsen, größer als ich -, führe ich momentan auf die Erzählungen über Stella zurück, von deren Darstellung durch Würger sich „meine“ allerdings scharf unterschied; sie, also „meine“, hatte dieses mädchenhaft-Naive nicht, daß bei Würger den – gleichfalls naiven – Erzähler betört. Sie war aber auch nicht, wie viele meiner Anima-Konfigurationen, von dunkler, ja magischer Zeit- und Alterslosigkeit, sondern stand deutlich in diesem unserm realen Leben: schnell, wissend, agil, ein wenig arrogant; ob auch gebildet, weiß ich nicht: Wir sprachen nicht viel.
Fast alles ging über die Augen.
Ein Park, Halbsonne, ein paar Tisch- und Zeltensembles, manchmal schwirrende Baumsamen. Nahebei ein kleiner Flughafen. Auf dem wir zum Schluß in einen Flieger stiegen. Sie, die keinen Namen hatte, jedenfalls kam er in meinem Traum nicht vor, saß woanders als ich, weiter oben. Es war ein für den Flugplatz viel zu großer Flieger, fast ein Jumbo, in dem wir eben – wie in einem Theater oder einer Arena – in verschiedenen Höhen, auf verschiedenen der ansteigenden Reihen saßen. Weshalb ich versuchte, für sie neben mir den Platz freizukriegen. Höfliches Fragen, leichtes Bitten, man lächelte, ich sah zu ihr hoch. Sie selbst hatte für einen leeren Sitz neben sich genauso gesorgt. Also stieg ich die paar Stufen hinauf.
Ich setzte mich neben sie, sie nahm meine Hand ohne ein Wort, nur mit der Linken.
Zu wissen genügte.
Wir sahen uns nicht einmal an.

So hoben wir ab, der gemeinsamen Zukunft entgegen. Noch als ich die Augen aufschlug, hatte ich keinen Zweifel daran.
Was bewegt mich, so zu träumen?

Vielleicht d o c h eine Svava, die mich vom Kampfplatz auflas? Ist doch auffällig, diese Bewegung hinauf. (Vom weiten Raum her war das Flugzeug, denke ich plötzlich, viel eher ein Raumschiff – Kugelraumer, wie bei Perry Rhodan.)

(Abends Spargelessen bei Broßmann. Morgen Hamburgfahrt zur alten Dame, um für ihre Autobiografie eine weitere Erzählung mit dem Recorder aufzunehmen und auch zu schauen, was sie an den bisherigen Aufzeichnungen geändert haben möchte. Es soll einiges sein.
Ich freue mich auf sie; sie ist mir nahe gekommen. Was für eine solche Arbeit allerdings Voraussetzung ist.)

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2 Kommentare zu Nach einem unvermuteten Erfüllungstraum das Arbeitsjournal des Freitags, den 17. Mai 2019.

  1. holio sagt:

    Dürfen wir mit der Rezension von Lyophilia denn noch rechnen, Herr Herbst? Sehr schön im Sinne von treffend fand ich Ihre Charakterisierung ihrer Sprache: ohne Klanghof (obwohl sich Binnenreime vorfinden wie einem „hellen, schnellen Grün“ auf S. 450), aber mit Interesse weckenden Formulierungen.
    Die Merkmethode für Stalaktit(t)en konnte sie nicht auslassen, sie funktioniert ja auch, dennoch würde ich sie lieber durch eine für Stalagmit(r)en ersetzen, also aufragende Bischofsmützen. Das nur so dahingeworfen. Dass Serifen was von Stalaktiten/-gmiten haben, hat sie schön beobachtet.
    Stanislaw Lem lässt sie ihren Protagonisten Zladko durchaus lesen. Zwar nicht Solaris, aber doch Der Mensch vom Mars (S. 103).
    Die Problematik subventionierten Künstlerinnentums finde ich immerhin angesprochen von ihr, wie auch von Clemens Setz jüngst. Insofern lobe ich Ihre Geistschreiberei, nur schade, dass ich, anders als bei Ortnit Karlssons Katastrophenquartett damals, nicht herausbekomme, unter welchem Namen Ihr, ja doch: Ihr, Werk erscheinen wird. Denn dann würde es von mir gelesen werden. Fata habent.
    Ceterum censeo: Rolf Dieter Brinkmann fehlt. (Cotten: „Es geht um extrem präzise Empfindungen, die keinen Namen haben.“ (S. 171)) ER wäre jetzt 79. (Ich muss aufpassen, nicht zu schwafeln wie Dieter Kief!)
    „Wir lesen gebannt.“, träumt Cotten S. 396. Und schließt S. 459 mit einem Reim: „Lesen. Das war unser Projekt gewesen.“

  2. @holio:
    Ja, ich werde drüber schreiben, bin aber momentan noch von anderem allzu eingespannt, einigem, das mir eben auch ein bißchen Einkommen gibt, indes ich die Cotten-Rezension unhonoriert schreiben werde.
    Zum Ghostwriting hier nichts Konkretes, nur daß sich der Anlaß der Geheimhaltung unterdessen (fast) aufgehoben hat. Es gibt allerdings auch noch keinen Verlag für das Buch; einige Agenten winkten mit der Bemerkung ab, zu kompliziert/zu komplex. Aber das wird sich finden – und dann vielleicht auch die Geheimhaltungs“klausel“ erledigt haben.

    (Ist aber kein guter Reim am Schluß, gerade in Prosa, sondern mehr ein Kalauer.)

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