III,432 – Open the Doors

Vor fast genau einer Woche, des Montags nämlich am Abend, klopfte es an meiner Tür. Wahrscheinlich hatte ich wieder an der Gedichte-Revision gesessen, derweil mir Youtube (meine im Grunde einzige Plattensamlung derzeit) Bach spielen ließ. – Ich ging nachsehen.
Da stand eine Gestalt aus dem letzten Jahr, als es so alt wie jetzt gewesen. – Ob ich seinen Brief erhalten habe, wollte sie wissen.
Nein, hatte ich nicht (ich fand ihn zwei Tage später). Die Adresse habe er sich über mein Blog herausgesucht, aber da sei eben keine E-Mail-Adresse gewesen. Er, dessen Name mir trotz sonstiger Namensvergeßlichkeit plötzlich ins Gedächtnis schoß, suche Unterkunft für die Tage und Nächte bis Freitag.
Spontan das Geständnis meiner völligen Unvorbereitetheit. Daraufhin er, der aus Freiburg kommt: daß er heute morgen um halb vier von Basel aus aufgebrochen sei und hab den Tag in Rom verbracht. Er könne verstehen, wenn ich sagte: unmöglich. Doch habe er eine aufblasbare Matratze dabei.
Letztlich war sein Wort “Frühaufsteher” dafür ausschlaggebend, daß ich ihm den Fußboden im Arbeitszimmer überließ (das ausklappbare Sofa, auf dem er tatsächlich vor einem Jahr mal übernachtet hatte (daher die eher flüchtige Bekanntschaft, abgesehen von zwei-drei Begegnungen in der Woche davor), sei ihm nicht so geheuer (ich weiß, der Körper muß sich an die eine durchbrochene Latte anpassen, schafft er das, ist es kein Problem)).
Kurz, es funktionierte. Obwohl ich nicht sagen kann, wir seien uns näher gekommen. Eher  so: Er akzeptierte gern meinen Narrativ und ich den seinen. Fragt man nach, ist es allemal ein Zeichen des Interessiertseins.
Also morgens eher so ein vorsichtiges Antasten (gut geschlafen?), dann tagsüber er unterwegs (Fußmärsche!). Zweimal Abendessen zubereiten. Pas de problème. Erst abends dann Gespräche, Fragen, Überlegungen. Biographien. Er, Geburtsort Windhoek und sieben Monate dort gewesen.
Gestern abend gemeinsamer Spaziergang. Rauf zum Dom. Ich, Algien fürchtend, plötzlich analgisch! Angenehme Überraschung, sogar die Fähigkeit zu akzelerieren! Schöne Farbtonalitäten in den scharf konturierten Berghängen.
Freitag morgens Schneegestöber dann: Pollenwolken in ziemlicher Höhe, einige niedrige, die aufstiegen, wie Funken glimmend im Sonnenlicht. Man sah sie, wenn man so stand, daß die aufgehende Sonne knapp unterhalb des gegenüberliegenden Dachfirstes hing, andernfalls Blindheit… schon so das Wiederbetreten der Wohnung das Betreten einer halbdunklen Höhle.
Also wieder mal Contact Festival (hinunterscrollen, um das Video zu sehen mit Amelia-Ansichten: get the door open!) (dies sein Hierseinsgrund), die Tanzleute, wie schon seit drei-vier Jahren jedesmal um diese Zeit. Gleichzeitig eine Art Philosophen-Festival in Amelia an diesem Wochenende (es geht um Türen, das Mittelmeer mit inbegriffen (mich aufsparen für heute abend? etwas Narratives, Gitarren- und Trompeten-Begleitung, hundert Meter von hier?)). Und gleichzeitig zwei Ortschaften weiter eine Installation, an denen drei Befreundete beteiligt sind (vor allem die Morgenröte und ihre Umarmung). Dorthin dann am Samstag. I had to do that.
Dazu, am Donnerstag, ein Satz in ‘Lyophilia’: “Ich bin auch die Erzählerin, ja.” Dier Erzählerni erscheint sonst immer eher männlich, die sich projiziert ins Weibliche, in das sier eindringt als sonstigre Erzählerni, wenn sie sich nicht ver-emilt in einen entpersönlichenden Plural. Kein wirklicher pluralis majestatis. Ich ist nicht ich, und du bist nicht du. Dennoch, es kokettiert mir zu sehr mit einem Jargon, mit dem ich nichts anfangen und von dem ich dennoch nicht sagen kann: interessiert mich nicht. (Thema: Jargon und unverhoffte Gäste und Wie damit umgehen).

Dann war der Gast wieder ausgezogen, wird während der Tage des Contact Festivals im Ostello gegenüber in den ehemaligen Gefängniszellen wohnen. Er bat mich noch um ein Handtuch und darum, am Wochenende die Waschmaschine benutzen zu dürfen, gestern und vorgestern also.

III, 431 – Verschiedenschattig

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2 Kommentare zu III,432 – Open the Doors

  1. Ute Stefanie Strasser sagt:

    das war wahre Gastfreundschaft !

  2. Pingback: III, 433 – Von der kategorischen Negierung der Imperative | Die Dschungel. Anderswelt.

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