III, 436 – Sauve-qui-peut

Mit E-Motionen oder gar mit E-Mobilität hat es nichts zu tun, was trotz E-Mails und E-Arbeitsplatz an Emotionen dennoch sogar teils über E-Connectivity erzeugt wurde, sie aber nicht meinte, aber dennoch aus ihr hervorwuchs. Ganz zuvörderst die Seawatch-Geschichte und deren Ausschlachtung – nicht so sehr durch die Medien – sondern durch das Medium Salvini, dem eigentlichen Drahtzieher dahinter mit einem “divide et impera”-Effekt: ein geteiltes Land zu schaffen. Denn während die Seawatch-Geschichte lief, kamen sehr viel mehr Flüchtlinge dennoch unbehelligt nach Italien. Ich kann nur sagen: Hut ab vor der “Rebellin”. Das mag auch wieder emotional sein. Sei’s. Ich sehe darin nur die dunkle Seite des Salvinitums und seines “Machtmißbrauchs”. Seine Regierungspartner von der Fünfsternebewegung wirken wie Laienpolitiker. Viele ihrer Statements fangen an mit “Wir arbeiten daran…” Was konkret heißt: wir machen nichts, wir müssen das erst noch ausdiskutieren. Während Salvini den beliebten starken Mann spielt. Und in sehr destruktiver Weise: funktionierende Strukturen werden (was Migranten betrifft) zerstört, während pro-faschistische Strukturen unangetastet bleiben (Casapound). Wer bei einer Salvini-Kundgebung ein Schild mit den Worten “Liebe deinen Nächsten” hochhievt, wird von Bullen und vermeintlichen Bullen umgerempelt und landet auf dem Boden, während vielleicht auch ein paar Füße treten. Povera Italia!
Es tut dann weh, die Schmähkommentare gegenüber der “Kapitänin” zu lesen. Ich bin zwar an der Grenze zur DDR aufgewachsen, aber diese Teilung ist verheerender (man diskutiert sogar, eine Mauer zu Slowenien zu errichten (dort an der DDR-Grenze tatsächlich etwas, was einfach da war (diente dann aber doch in RAF-Zeiten als Ort für die Andersartigen: “geh doch rüber”))), weil sie die Leute gegeneinander aufhetzt.
Gestern war jemand hier, der erst vor kurzem gehört hatte, daß ich übersetze. Ein Komödiant aus dem Friaul mit einer Wohnung hier, der viel in Deutschland tingelt. Derzeit in Nürnberg. Er sei an der Grenze zu Jugoslawien aufgewachsen. Gut, so verstanden wir uns. der Vater Partisan mit Dachau-Erfahrung. Er bat mich, ein Stück von ihm zu übersetzen. Eine Art dystopische Utopie im Zusammenhang mit Tschernobyl. Ich sagte ihm kurzerhand zu. Kann sein, ich habe meinen Spaß daran. Er wolle mich dann in den nächsten Tagen zum Essen einladen. Sonst war ich ihm hier nur sporadisch begegnet in all den Jahren.
Um der FB-Gefangenschaft (Schmähkommentare, Solidaritätsbekundungen gegenüber der “Kapitänin”) zu entgehen, war dann der Chiostro Boccarini (Fulvio sei Dank) mit zwei Musik-Veranstaltungen am Wochenenden ein willkommener Hafen.
Sehr mediterran am Samstag. Zunächst sie:


Anfangs saß sie einfach nur still da mit diesem Lichtstreifen unter den Augen. Eine ungewohnte Physiognomie.

Ich setzte mich schon sehr früh auf einen nahen Stuhl, weil mich dieses Gesicht gefangennahm, das nicht hübsch war nach dem allgemeinen Verständnis, es war ein anders Fremdes). Es schaute natürlich nicht mich an, aber ich es, um dann zu erschrecken über mein insistierendes Schauen auf diesen Lichtstreifen (oder auf die Augen gleich darüber) und den Blick schweifen zu lassen, um zu sehen, wer da sonst noch erscheint. Es kam dann zu einem Dialog zwischen Andalusien und Griechenland. Und sie tanzte. Lautlos zunächst. Der schlanke Körper, der rote BH unter der roten Bluse (allerdings nicht im wiedergegebenen Bild). War auch ein Blickmagnet. Links der gelegentliche typische Flamenco-Gesang, dann wieder rechts die Griechin, deren Mann neben mir am PC saß (wie ich später beim Rauchen erfuhr: ein Franzose) und die Bilder auf der Leinwand wechselte: Matres, Muttergestalten, Archäologisches im Zusammenhang damit).
Irgendwann kam sie mit Flamencoschuhen zurück von ihrem gelegentlichen Rückzugsort und knallte die Dinger auf das hierfür errichtete kleine Holzpodest.
So sehr sei das nicht auseinander, das mit dem Griechischen und Andalusischen, sagte der Franzose. Wahrscheinlich meinte er l’Afrique. A quanto pare: nous sommes malades d’Afrique. Et l’Afrique (und nicht nur) nous transforme in Europäer und Nichteuropäer. Und dazwischen das mittlerweile schlecht verdaute Arabische.
Doch, es war sehr angenehm, dem andalusischen Singen und den knallenden Flamencoschuhen zuzuhören.
Les aujoud’huis ein vielgestaltiges Hui Hui. Es vollständig zu beschreiben, bräuchte es Sandformen, die ihre Gebilde dicht an der Linie hinterlassen, an der die Welle ans Land spült. Les adieux inbegriffen. On ira faire des autres.

P.S. Carola Rackete ist frei. Reaktion von Salvini laut Repubblica: „Für die italienische Justiz sind die Missachtung der Gesetze und das Rammen eines Patrouillenbootes der Guardia di Finanza kein ausreichender Grund, ins Gefängnis zu gehen – so der Kommentar von Salvini – Kein Problem: Für die kriminelle Kommandantin Carola Rackete ist eine Maßnahme bereit, sie in ihr Land zurückzuschicken, weil sie die Staatssicherheit gefährdet. Sie wird in ihr Deutschland zurückkehren, wo sie nicht so tolerant gegenüber einer Italienerin sein würden, die das Leben deutscher Polizisten gefährdet. Italien hat den Kopf erhoben: Wir sind stolz darauf, unser Land zu verteidigen und uns von anderen europäischen Führerchen [sic! Diminutiv] zu unterscheiden, die glauben, dass sie uns immer noch als ihre Kolonie behandeln können. Das Schulterklopfen ist vorbei“.

III, 435 – Stavolta: No! obwohl…

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