„Wo sie einander ausschließen müßten.“ Heinz-Peter Preußer zu Thetis.Anderswelt.

Eine zu sich selbst gekommene Postmodeme zeigt sich hier, die nicht allein mit ihrem Gegenstand, dem Untergang der Welt, spielt, sondern die denkbare Apokalypse als eine Situation in Permanenz gestaltet, die Raum- wie Zeitebenen virtuos kreuzt, überblendet und beständig zwischen ihnen changiert. Gegenwart verlängert sich so mühelos in Projektionen der Zukunft, Realitätserfahrung und Fiktion gleiten ineinander und spinnen sich aus bis zur Epopöe. Alban Nikolai Herbst bringt in seinem Roman >>>> Thetis. Anderswelt konkrete Bedrohungen, etwa das Sterben der Wälder, zusammen mit einer Kritik menschlicher Prothesen und Synthetisierungen sowie universaler Simulation, die er bei Virilio und Baudrillard, aber auch den avancierten Filmen des Genres selbst entnommen haben könnte. Das Kino erfüllt eine Ersatzfunktion, wird dafür kritisiert, und es eröffnet zugleich, wie die Literatur, die von ihm berichtet, den Raum des Möglichen, sei es auch nur des möglichen Grauens und universaler Bedrohung (…)
Alles drängt sich in die Gleichzeitigkeit: Wahrnehmungsebene und Reflexion, Schreckbild der Zukunft und Gegenwartsbefund. ,,Konnte einer hinüber- und herüberwechseln je nach Ladungszustand der Fantasie?“ Das Heutige spielt im Morgen, und das projizierte Neue ist nur eine Ausgeburt der jetzigen Phantasien und Ängste: ,,Die Zeiten schließen aneinander, wo sie einander ausschließen müßten.“ Mit dem mythischen Namen Thetis benennt der Roman das Meer, gegen das jener Schutzwall von riesigen Ausmaßen um das verbliebene Resteuropa errichtet wurde. Schon dadurch wendet er sich auch der Vorgeschichte zu; so wie er Homers Helden Achill und Odysseus, die Myrmidonen und die Amazonenheere, selbst Poseidon wiedererstehen läßt teils als Achäer, teils als Figuren der Jetztzeit oder eines Futurs, das alle Zeiten mischt (…).
Herbst zielt mit seinem Roman nicht auf ein elementares Entsetzen seiner Leser, auf die Erfahrung des Tremendum, die zur Umkehr führen würde. Er umgeht den ,,operettenhafte[n] Apokalypsekitsch“, auf den sich der Plot des Romans reduzieren ließe, vor allem durch Ironie und den Gestus des lustvollen Verschwendens. Deshalb kann von solchen negativen Ekstasen, die in ihrem Sog alles mit sich reißen, keine Rede sein. Vielmehr modelliert Herbst die Ambivalenzen von Lust- und Unlust-Empfindungen. Er inszeniert das Spiel der Reaktionen, wie er auch das Vorher und Nachher, das Diesseits und Jenseits des Untergangs als auswegloses Verfangensein gestaltet. (…)

Hans-Peter Preußer, Die Pluralität der Untergänge bei Alban Nikolai Herbst und der Versuch einer Typologie: Enzensberger – Grass – Strauss, in: >>>> Letzte Welten, Deutschsprachige Gegenwartsliteratur diesseits und jenseits der Apokalypse, Heidelberg 2003.

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3 Kommentare zu „Wo sie einander ausschließen müßten.“ Heinz-Peter Preußer zu Thetis.Anderswelt.

  1. Ute Stefanie Strasser sagt:

    Wow ! Ich habe gerade die Tage mit Thetis begonnen, eine Besprechung kann man nach dieser hier dann wohl keine mehr schreiben …

  2. Ute Stefanie Strasser sagt:

    Oder vielleicht doch ! denn die Besprechung von Preußer stammt, wie ich eben erst bemerkt, ja schon aus 2003

  3. @Ute Stefanie Strasser:
    Es war auch keine Rezension, sondern meines Wissens ein literaturwissenschaftlicher Vortrag, der dann seine Drucklegung in dem verlinkten Buch fand. Das Problem, also meines, besteht darin, daß die ästhetischen Konzeptionen gerade einiger meiner Romane von „den“ Literaturwissenschaften durchaus – und durchaus prominent – behandelt wurden und werden. Es gibt davon aber so gut wie keinen Reflex im Literaturbetrieb, also etwa den Feuilletons – was wiederum dazu führt, daß die Bücher am Markt gleichsam unbekannt sind und wohl einstweilen bleiben. Erschwerend kommt hinzu, daß kleine Verlage nicht über die Mittel verfügen, Bücher in Zeitungen und Zeitschriften angemessen oder überhaupt zu bewerben, was nämlich die Folge hätte, daß sie eben doch besprochen würden. Ausnahmen sind momentan „gehypte“ Kleinverlage. Es geht ja vor allem um ein Geschäft; müssen Zeitungen besorgt sein, Anzeigenkunden zu verlieren, werden sie klüglich darauf achten, daß auch eine redaktionelle Behandlung der Autoren stattfindet. Insofern sind Verlagskonzerne von vornherein stark bevorteilt, insbesondere dann, wenn es um – wie in meinem Fall – ebenso recht strittige wie streitbare Autorinnen und Autoren geht – Hintergründe, die sich „normale“ Leserinnen und Leser aus mir völlig nachvollziehbaren Gründen nicht bewußt machen oder bewußt auch nicht machen können. Sie wollen ein Buch, das sie in der einen oder anderen Weise bewegt, und nicht in den, Pardon, Müll literaturbetriebsinterner Kämpfe um Deutungshoheiten eintauchen.

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