Das Vorreisejournal des Mittwochs, den 10. Juli 2019. Worinnen Ragna Schirmer Alfred Schnittke spielt.

[Arbeitswohnung, 19.17 Uhr
Schnittke, Violakonzert]

Ein Ritt durch die Abgründe und Höhen menschlicher Gefühle. Alfred Schnittkes 1986 uraufgeführtes
Bratschenkonzert gehört zu dem Schönsten, das je für dieses Instrument geschrieben wurde.

Niklas Rudolph

Zusammenpack- und Erledigungstag. Dennoch morgens noch drei kleine Texte für „Wölfinnen“ durchgesehen, nachdem Elvira M. Gross mir deren Lektorate geschickt hatte. Wie meistens hatte sie auch hier recht – wobei es unproblematisch ist, wenn einige Stücke ihre strengen Forderungen nicht erfüllen; wir sind ohnedies weit über die ins Auge genommenen sechshundert Seiten hinaus und werden einiges weglassen müssen, um es entweder einmal in einem dritten Band zu versammeln, oder ich schalte ganz anders damit, etwa für Die Dschungel; ebenfalls möglich, einige Motive später in den einen und/oder anderen Roman aufzunehmen, in ihm aufgehen zu lassen. Und manches wird schlicht und klar einfach weggeworfen werden können.
Danach die letzte Datei der „Briefe nach Triest“ geöffnet und komplett ausgedruckt. Ich muß mich erst einmal wieder auf den „Stand der Dinge“ bringen, bevor ich daran weiterarbeiten kann. Noch aber denke ich, es wird der nächste Roman werden, der erscheinen wird – logischerweise lange vor dem Friedrich -, nämlich ebenfalls bei Septime, dem ich einen Roman ja versprochen habe. In absehbarer Zeit fertig werden kann nur dieser, vielleicht noch nicht zum Herbst nächsten Jahres, aber das Frühjahr 2021 ist gut denkbar. — Gut, das ausgedruckte Typoskript zum Gepäck gepackt. An Montag, abends auf der Terrasse der Villa, das Meer im Blick, werde ich spätestens neu zu lesen beginnen und auch wohl die eine oder andere Anmerkung ins Skript schreiben, per Hand.
„Per Hand“ steht sowieso an, doch aus einem Grund, den ich hier nicht nennen werde. (Ich hätte mir bei ebay den schönen Füller ersteigern sollen. Hm.)

Nun war es so weit, mit der Packerei anzufangen. Erstmal, wie immer, eine „Mitnehmliste“ schreiben, auf der ich später jeden Punkt abhake (womit ich nun, am Abend, fast durch bin). Dann zum letzten Training vor der Reise (ab morgen/übermorgen täglich Schwimmtraining im Meer), wiederum darauf, nach einem knappen Frühstück, zum Schneider. Ich war so blöd gewesen, mir den weißen Smoking, den ich für Freitag abend brauche, erst am Sonntag anzusehen. – So konnte ich ihn keinesfalls tragen, Mist. Also am Montag pünktlich zur Öffnungszeit beim Schneider gewesen. Und wirklich, der Mensch von der Reinigung holte gerade ab, was da war. Ich hatte echt Glück. „Aber ich brauche die Sachen am Mittwoch, bitte.“ „Bekommen wir hin.“ – Bekamen „sie“ hin. Dafür war was anderes nicht fertig, das ich aber ohnedies erst für Wien vorgesehen habe.
Ziemlich beruhigt kehrte ich heim und begann, das Zusammengestellte nach aller Vorsicht in den Rucksack zu plazieren. Göttinseidank habe ich auch Priority nachgebucht, so daß ich die Technik in einem zweiten Handgepäckstück mit an Bord nehmen kann. Wird insgesamt eine ziemliche Schlepperei.
Die SBahn gen Tegel rollt um 4.04 Uhr ab. N o c h früher ins Bett, also, als ohnedies schon in der letzten Zeit.
„Poetisch dabei“ habe ich ferner das Béart-Skizzenbuchbuch und die Friedrichbriefe. Die Béarts habe ich für Herbst 2020 als Erscheinung geplant, was bedeutet, daß das Typoskript zu Winterende fertig vorliegen sollte.

[Schnittke, Klaviersonate Nr. 1 (1987), >>>> Ragna Schirmer]

Eine schmerzliche Nachricht erreichte mich, eine private. Noch dachte ich darüber nach, wie reagieren. Ich tendiere bei sowas zu Kurzschlüssen. Aber da klingelte Freund Broßmann, der mir für die Zeit seiner Urlaubsabwesenheit seinen Hausschlüssel zur Verwahrung gegeben hatte und den er sich nun, verschwitzt vom Joggen, abholen wollte. „Magst einen Espresso zu einem Glaserl Limoncello?“ – Also plauderten wir, er zeigte ein paar Fotos; die üble Nachricht schluckte ich runter und entschied mich, erst einmal g a r nicht zu reagieren. Ich will auch nicht sprechen, nahm eben einen diesbezüglichen Anruf nicht an. Was ich eigentlich n i e tue, Anrufe zu ignorieren. – Vielleicht, daß ich zu sprechen bereit bin, wenn ich aus dem Süden zurückgekommen sein werde, vor Wien. Erst muß einiges Wasser die Spree gen Havel fließen.

Und jetzt nehme ich mein Abendessen, strikt ohne Alkohol (den kleinen Limoncello dräng ich mit Nachsicht beiseite). Und in zwei Stunden geht’s zu Bett. Nicht die mindeste Lust auf ein Problemgespräch, vorher brauch ich ——— S o n n e !

Ihr, holde Freundin,
ANH

P.S.: Nicht ohne ein gestreicheltes Amusement nahm ich >>>>einer guten Leserin Annahme entgegen, Bruno Lampe sei mein alter ego, oder eines meiner vielen Spielidentitäten – wie sagt man? alter egos?? — Tatsächlich, tut man.

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