Akheilos‘ Vermeidung: Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 1. März 2020, als Erzählung aus der vorhergegangenen Nacht.

 

 

 

[Ort: Beckett’s Kopf
Zeit: 29. Februar 2020, spätabends
Personen: Lamiya und ich selbst
Weiteres: alkoholfreier Cocktail und Wein, Cigarillos vor der Tür]

 

„Entschuldigen Sie sich nie wieder, wenn Sie genderincorrect sprechen!“ —Das Ausrufezeichen indiziert nur die Schärfe ihrer Zurechtweisung, nicht etwa tatsächliches Heben der Stimme. Obwohl sie ziemlich sauer auf mich gewesen, nach unserer Verabredung, die sie deshalb fast gecancelt hätte. Ich spielte – nur schlecht, wie sie … fast hätte ich jetzt „höhnte“ geschrieben – den auf|blickenden Dackel. Rühren läßt sie sich nicht, auch nicht ironisch. Wobei  ebenso „höhnte“ als leise zu verstehen ist. „Den Männern fehlt“, sagte sie später, schon lange in der Bar, „die letzte Perfidie. Rächen sie sich, ist es immer ein wenig zu grob. Ihnen geht die Fähigkeit ab, wirklich zu vernichten.“ „Männer hassen, Frauen verachten“, hätte ich antworten müssen, doch fiel es mir da noch nicht ein, sondern erst am Schreibtisch, jetzt. Auch ein Grund, Schriftsteller geworden zu sein, wenn einem Aperçus nicht so zufalln, man sie als solche aber konstruieren kann, ohne daß die Leser merken, wieviel Zeit sie in Wahrheit gebraucht. Ich wendete statt dessen ein: „Talleyrand …“ – Sie, als wäre ein Schatten vorübergeflogen, den alleine ihr kurzer Huster vertrieb: „Wer?“ „Der berühmte Diplomat.“ „Husten ist, wußten Sie das?, im Körper gebändigte Aggression.“

Ramplingaugen, Nasenbrillie, links ein elegantes Piercing der oberen Helix. — Lederjacke aus Schlangenhaut, die (anders als, siehe unten, auf → H. J. Drapers Gemälde) nicht unter die Hüften hinabgestreift war, noch daß sie’s später wurde. — „Nennen Sie mich Lamiya“, sagte sie, als sie mich in ihrem lackschwarzen Roadster von meinem Termin abholte, zu dem ich deshalb nicht mit dem Rad gefahren war. „Die → anderen Namen stimmen nicht, jedenfalls nicht heute. — Und passen Sie auf ..! Moment …  — “ Sie wendete die Decke, die auf dem Sitz für die Beifahrer lag. „Hier ist alles voller Haare.“ Es roch, als ich drinsaß und die Tür zuzog, nach Löwenkäfig, Löwinnenkäfig, so daß ich an Montherlant denken mußte, einen Lieblingsautor meiner, haben die hellen wie dunklen Götter sie selig, Mutter  „Mein Puma ..,“ sagte sie nebenhin und entzündete, bevor sie den Startknopf drückte, einen Cigarillo. – „Sie haben einen Puma?“ – Sie lachte nur auf und gab Gas. Es roch aber wirklich nach Katze. Nein, nicht unangenehm, sondern in, ihrer Schärfe wegen, vorsichterheischender Süße. Zu rauchen war eine ziemlich gute Idee.
Beckett’s Kopf kannte sie nicht. Ich wollte aber imponieren — mehr mir selbst als dieser Frau, trotzig imponieren, der ich mir die dortigen Preise zur Zeit nicht leisten kann, aber den Mann geben mochte, der umso nachdrücklicher nicht zuläßt, daß er seinen Stil verliert. „Keine Diskussion, zahlen tue ich.“ Daß dieser Stil weniger männlich als eher doch jungenhaft war und also ihr die Chips zuschob, die mein Roulette nur vermeintlich gewann, gehört zu den Widersprüchen, in die uns die Geschlechterspiele verwickeln, doch auch zu dem Reiz, der ebensie adelt. Übrigens vertrank ich selbst mehr als drei Viertel unsres Konsums. So wäre es auch faktisch erbärmlich gewesen, hätte ich mich da einladen lassen.
Ein langer Tag, übrigens. Als ich nachts, fast morgens, heimkam, war ich zweiundzwanzig Stunden auf den Beinen gewesen. Immerhin war ich zur Stärkung innen, noch bevor ich in den Roadster stieg, mit selbstgekochter Hühnersuppe aufgerüstet worden (Pastinaken darin, Petersilienwurzel, Scheiben von Möhren; also hatt‘ ich Ballaststoffe und Spurenelemente in mir genug).

Männer und Frauen, unser Thema. Wir wußten es schon vor dem Treffen, klar. Außerdem stand eine Ohrfeige in Erwartung, die ich dann fast ein bißchen vermißte. Wie hätte ich reagiert? Gelacht oder, so selbstverständlich sanft wie „symbolisch“, zurückgeschlagen? Oder gar diese Frau geküßt? — was freilich ausgeschlossen war: Sie erzählte von ihrer lebenswährenden Liebe; Doppelleben gingen da nicht: indirekte, freilich unausgesprochen, Rede. Dennoch, ein intensiver Höhepunkt, als sie fragte — wir waren hinaus in die Nacht getreten, um zu rauchen —: „Können Sie das auch mit links?“ „Ähm, ja …“ Ich wechselte die Cigarillohand, und sie, sie hakte sich unter. Enorme Nähe, spürte ich, die sie nun nicht nur zuließ, sondern gesucht hatte. Es war ein samtenes Feuer, das mir vom rechten Oberarm zur Brust und kostbar von dort den Leib ganz hinabströmte. Mehr gab es nicht zu geschehen, konnt‘ es nicht geben. Wahrlich berauschend genug.
Wir flanierten. (Auf der Pappelallee ist freilich nicht viel zu sehen, das bestaunenswert wäre, indes ich die Nähe der Arbeitswohnung mit Absicht bei mir behielt).
Und Politik, unser mit dem ersten verbundenes zweites Thema. „Die Menschen sind so dumm. Das macht einem den klügsten Beruf kaputt.“ Die Zerschlagung rechtsstaatlicher Prinzipien durch #Metoo … die Bigotterie — ach, was war ich dankbar! Berlin speziell wolle sogar, klärte Lamiya mich auf, die Beweispflicht umkehren: Wer eines Vergehens angezeigt werde, → solle in Zukunft beweisen müssen, daß die Anzeige grundlos sei. Wird dies vom Gewährleistungsrecht aufs Strafrecht übertragen, sind wir tatsächlich wieder bei der bocca di leone. also einem Denunziations“recht“, das bei #Metoo längst faktisch ward. In dubio pro reo gibt’s dann auch nicht mehr als regulative Idee. —  „Aber sagen Sie,“ erwiderte ich, „in vielen Gesprächen mit Frauen höre ich, wie auch sie keineswegs einverstanden mit den derzeitigen Geschehen sind. Nur sagen sie’s nicht laut. Dabei habe ich immer gedacht, die Männer seien feige.“ „Es gibt Ausnahmen. Und in allzu offener Rede zu normerotisch abweichenden Neigungen oder gar Praktiken sind Frauen nach wie vor, besonders in ihren Berufen, stärker gefährdet als Männer. Wie ich es sagte: Frauen, wenn sie können, vernichten, hingegen Männern reicht ein Sieg. Es muß nur genug geklatscht werden können.“ — Wundert es Sie, Freundin, da, daß ich mich an den hübschen Dialog Geliebte Männer erinnert fühlte, der heute → im ersten Band der Erzählungen steht? Freilich, das sagte ich nicht. In einer vorhergegangenen Nachricht hatte sie mir Autoreneitelkeit attestiert.
Auch kam sie mit einer Geschichte bereits, die ihr aus einem Buch, das ich nicht kannte, erinnerlich geblieben: Dogtraining.  Wobei das „dog“ für den Mann steht: „Es geht um Bestätigungsstrategie. Die geschickte Ehefrau kritisiert niemals, was sie an ihrem Mann nicht mag. Doch was sie mag, und wenn er sich in ihrem Sinne verhält, das lobt sie. Und zwar immer wieder. Da er des Lobes bedarf, wird sich sein Verhalten zunehmend auf das Gelobte verschieben. Man nennt das Positive Verstärkung. — aber was nun“, setzte sie fort, bereits wieder drinnen, „die Dummheit anbelangt: Es gibt Untersuchungen, denen zufolge die Intelligenz der bis 1970 geborenen Generationen zunehmend anstieg; seither indes geht sie alarmierend — nachweislich — zurück. Wir müssen uns also nicht wundern, wenn Argumente, wie immer richtig sie auch seien, nicht mehr verstanden werden. Sie können nicht mehr verstanden werden.“ – Ich dachte: Daher die beinah totale Liebe zum Mainstream. Und wie schnell man dabei zum „Rechten“ wurde! Es genügt ihm gegenüber ein unangepaßtes kritisches Wort. – „Sie kennen den → Fall Flaßpöhler?“ fragte Lamiya  „Ich habe,“ sagte ich, „mehrfach drüber geschrieben und auch drauf verlinkt.“ Und da, wie plötzlich aus der Luft: „Sie haben mich noch gar nicht gefragt, weshalb ‚Lamiya‘ …“ „Wahrscheinlich haben Sie meine Bücher gelesen.“ „Außer Meere keines, nein.“ „Niam Goldenhaar.“ „Finden Sie mich blond? Sie brauchen eine Brille mit Farbkorrektur!“ „Sowas gibt es?“ „Weiß ich nicht. — Also, weshalb?“ „Lamien töten Kinder.“ „Warm,“ sagte sie, „klopfen sie weiter mit Ihrem Assoziationslöffel. Dann schlagen Sie vielleicht doch noch auf den Topf.“ „Ich habe verbundene Augen?“ „Bitte, Herr Herbst! Weshalb ist die Lamia so grausam geworden?“ „Sie empfing von Zeus ein Kind …“ „Ja, einen Jungen, Akheilos.“ „… woraufhin sie Hera mit Wahnsinn strafte, der sie  ihr Kind mit eigener Hand umbringen ließ.“ „Also wie jetzt ein ähnliches Schicksal vermeiden?“ „Indem man auf Zeus als Geliebten verzichtet?“ „Nun wird’s wieder kälter, sogar sehr kalt. Wolln wir denn lustfeindlich sein?“ „Sie meinen ..?“ „Perfekt. Kindern vorbeugen, sie gar nicht erst bekommen.“

Da hatten wir denn unsern Dissens.
„Ich liebe Kinder,“ erwiderte ich, „bin rasend gerne Vater.“
„Ich nicht, also wollte nie Mutter sein. Ich wollte und will meinen Mann, absolut und immer. Ohne eine Pause.“
Das gefiel mir sehr.
Ich erzählte von den Geburten, wie prägend ich sie erlebte. „Und, ja, selbstverständlich: Es gibt ein schwieriges erstes Jahr. Doch nach der zweiten Geburt ist man drauf vorbereitet und weiß damit menschlich umzugehen, so liebevoll wie klug.“
Überzeugen tat ich sie, spürte ich. nicht. Es wäre anders auch falsch gewesen.
Ich habe überdies Erfahrung mit der Haltung dieser Frau. Und mir fiel der Puma ein. Ich hörte Grollen in mir wie von draußen — als wär auf der Straße der schwarze Roadster angesprungen. Dieser Drohung beugte ich mich.

Schon erzählten wir von unseren Reisen, hätten stundenlang weitersprechen können und es wohl auch getan, wäre ich allmählich nicht doch — da war es fast schon vier — ziemlich müde geworden. So ungern ich es zugebe, doch zwanzig bin ich nicht mehr, und Frühaufsteher, wie ich bin, war Nächte durchzumachen noch nie, wie man sagt, „mein Ding“.
Sie wollte mich nachhause fahren, hatte ja wirklich nur diesen einen alkoholfreien Drink zu sich genommen, allenfalls waren es seiner zwei. Doch ich schob vor, noch etwas ausschreiten zu wollen, „hab doch den ganzen Tag fast nur gesessen“. In ihren Blick geriet etwas Zweifel, doch eine Lamia beharrt nicht.

Ein nächstes Date, nein, gibt es noch nicht. Ich hätte zwar gerne die Hand dieser Frau gehalten, doch bin froh, es nicht getan zu haben. Verwicklungen wären unvermeidbar gewesen, die ihr so wenig guttun würden wie mir — abgesehen von den langen Momenten des Rasens.

 

Sie haben gefragt, meine Freundin. So habe ich Ihnen nun die Antwort gegeben. Aber wenn mir jetzt auch die FAZ → ein  bißchen angekreidet hat, ich würde in meinen Erzählungen alle Frauen sexualisieren, was soll ich denn tun, wenn mir die Lamien immer aufs neue begegnen, die Circes, Lan-an-Sídhes sowie die Medeen?

fragt Sie
Ihr ANH

Sie sind doch alle nach wie vor da!

 

 

[Bildquelle © : → Wikipedia]

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5 Responses to Akheilos‘ Vermeidung: Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 1. März 2020, als Erzählung aus der vorhergegangenen Nacht.

  1. Avatar xo says:

    die ehe muss ein wahrer hort der zurichtung sein. allein, wenn es nix zu loben gibt, nehme ich an, lobt man auch in der ehe wohl so viel, wie außerhalb, nämlich gar nicht. und wenn es doch mal was zu loben gibt, ist es in guten ehen wie in allen guten teams, man nimmt es viel zu oft für selbstverständlich und muss sich dran erinnern, dass es das nicht sein muss und dass man auch mal wieder danke sagen, oder loben könnte! geht übrigens dann in beide richtungen. so erlebe ich es, aber ich spreche ja eh die meiste zeit mit wänden. menschen, die nie in brasilien waren, erklären mir brasilien, menschen, die nie verheiratet waren, die ehe, nun denn. als nächstes schreibe ich dann doch am besten einen bdsm- und erziehungsratgeber und empfehle die heißesten clubs in berlin, da kenne ich mich zwar persönlich nicht mit aus, aber ich kanns mir ja mal zusammenreimen… wozu bin ich schließlich dichterin, ich würd aber versuchen, die klischees zu vermeiden und mir dann gleich was völlig abstruses ausdenken. ok? die ehe ist ein vertrag, die liebe stellt sie nicht her, aber ich kann nur dazu raten, jemanden zu heiraten, den man auch liebt, alles andere hält niemand aus.

    • @xo: Das Problem ist ja nicht der Anfang einer Ehe, die hierzulande gemeinhin seit dem Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts eben doch oft aus Liebe zustandekam, sondern es fängt da an, wo die Liebe schleichend erlischt – und dann fort ist. Wobei ich – abgesehen von fiskalischen Verschiedenheiten – überhaupt keinen Unterschied zwischen Ehe und räumlich zusammen verbrachter Partnerschaft mache. Die Strukturen sind dieselben, nur daß Trennungen nicht so viel Geld kosten. – Wie kommst Du drauf, daß in Der Dschungel über etwas geschrieben würde, das die Verfasserinnen und Verfasser nicht kennen? Du meinst nicht mich, oder? Also begründe Deine Anspielung mal.

      • Avatar xo says:

        klar meine ich dich, verheiratet warst du nie, oder? wobei ich dir recht gebe, ob jetzt zusammen leben mit oder ohne trauschein, fühlt sich kaum anders an. das kenne ich beides gut. manchmal zählt es übrigens auch zur liebe, wenn wer sagt, lass heiraten, ich will dich gern mit absichern. die ich ja liebe am handeln und nicht an lippenbekenntnissen festmache, sind sie auch noch so schön. und man kann das ganze auch anders erzählen, denn als erloschene liebe. partner, die sich sehr lange kennen, lieben sich, wenn sie sich denn noch lieben, sicher anders, als solche, die sich erst 2 wochen kennen, völlig normal, jede phase hat ihre neuen herausforderungen, nur dass nicht jede/r mit allen phasen gleich gut klar kommt, so kommt es mir eher vor, daran zerbrechen partnerschaften. und dann müssen sich sicher auch menschen treffen, die sich nicht nur über gegensätzlichkeiten anziehend finden, gegensätze mögen sich anziehen, ähnlichkeiten in den interessen schweißen zusammen. wobei es dann ganz hilfreich ist, wenn die nicht nur radfahren heißen, sondern breitgefächert sind z b. wer sich bedenkenlos heiraten könnte, heiratet oft gar nicht, das beobachte ich auch. d h, man kann sich bedenkenlos heiraten, wenn mann sich gar nicht heiraten müsste, schöne welt der dialektik.

        • @Xo (ff). – Das unterschreibe ich sofort: „man kann sich bedenkenlos heiraten, wenn man sich gar nicht heiraten müsste“, habe dabei aber dennoch immer bedacht, daß zu heiraten bedeutet, sich die Ehe von einer angeblichen Autorität „erlauben“ zu lassen. Und genau hier habe ich mein Problem. Wer hat das Recht, als dem Einzelnen übergeordnete Instanz so etwas zu bestimmen. bzw. für rechtens zu erklären? Doch in aller Regel eben keine Autorität, sondern jemand, der eine autoritäre Funktion aufgrund normaler Karrierewege hinter sich hat, zumal in Institutionen, von denen sich ziemlich genau wissen läßt, wie Aufstiege in ihnen funktionieren. Ich habe allein deshalb nie geheiratet, weil mir genau das als Blasphemie vorkam, die meine Liebe lästert. (Heute, wiewohl ich noch immer so denke, würde ich mich allerdings anders verhalten, eher darauf achten, die Wünsche der Geliebten zu erfüllen, als nach meinen politisch nach wie vor gültigen Vorbehalten zu handeln.)

  2. Avatar xo says:

    dazu: es schadet nie, wertschätzung auszudrücken und sich daran zu erinnern, wie viel nicht selbstverständlich ist, nicht nur in der ehe.

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