Der Wolpertingerroman als Raubfile.

An sich ist sowas ja ehrenvoll, weil es zeigt, daß ein siebenundzwanzig Jahre alter Roman nach wie vor — lebt, auch wenn die Angelegenheit-selbst nur schwerlich mit dem Urheberrecht in Einklang zu bringen ist. Geschädigt, nun jà, in Maßen, ist mehr als Autorin oder Autor der Verlag, der’s allerdings verabsäumt hat, von sich aus ein eBook auf den Markt zu bringen.
Jedenfalls, nachdem mich ein Google-Alert auf die Site hinüberführte, überlegte ich einen Moment lang, ob ich mich direkt dort selbst kommentierend einlassen sollte, und zwar dahingehend — wie ich’s nun Ihnen, Freundin, mitteile —, daß ich noch einige Exemplare der dtv-Ausgabe des Jahres 2000 hier als Vorrat liegen habe, die ich Ihnen und anderen Interessentinnen und Interessenten sehr gerne zum Erwerb anbiete, dann selbstverständlich signiert und vielleicht noch handschriftlich mit einem zusätzlichen Motto versehen:

Alban Nikolai Herbst
WOLPERTINGER ODER DAS BLAU
Roman
dielmann 1993 | dtv 2000
1017 S. in handschmeichelnd weichem Umschlag gebunden
20 Euro (plus Porto) | Bestellen

Leider ist mit Erscheinen von THETIS und den darauf folgenden beiden weiteren Bänden der → ANDERSWELT-Trilogie das Buch unterdessen deutlich in den Hintergrund gerückt, wiewohl es in seiner einerseits höchst verspielten Manier, andererseits der miteinander amalgamierenden teils quasi-klassizistischen, teils modernen Erzählformen, nicht zuletzt aber seines Witzes wegen ein für meine Poetik nach wie vor entscheidender Baustein ist,  der sinnlich das entwickelt, was mit der ANDERSWELT-Serie, zu der auch dieses Literarische Weblog gehört, kybernetischer Realismus genannt werden mußte.

Ursula Reber schrieb zum WOLPERTINGER:

Dort kehren Erzählstränge in variierten Sequenzen immer wieder, so dass auf geringem Raum ein Reigen an Möglichkeiten entsteht, die sich teilweise nur in winzigen Details wie einer Zimmereinrichtung oder dem Ablauf eines Dialogs unterscheiden. Die Erzählweise in wiederholten Sequenzen, in vermehrten Rückgriffen und im Ineinanderspielen gleichzeitig stattfindender Erzähleinheiten versinnbildlicht ein Erzählen gegen die linear und unumkehrbar fortschreitende Zeit, in der eigentlich nichts wiederholbar, revidierbar, korrigierbar ist. Der Reigen des wiederkehrenden Ähnlichen, der Variationen von Grundmotiven wird hier durch eine ausgedehnte Gleichzeitigkeit, durch das Übersetzen von Zeit in Raum ergänzt.
Ursula Reber, Avatarische Intensitäten, in: Panoramen der Anderswelt,
die horen Nr. 3/2008

Ganz anders hat es Wilhelm Kühlmann gelesen:

(…) was hier in mehr als zehn Jahren geschaffen wurde, läßt die Arbeit des Schreibens vergessen und verbreitet ein Fluidum der Schwerelosigkeit, ja manchmal fast die Aura eines Gegenwartsmärchens, das eher Niebelschütz huldigt, als daß es verschwitzte gesellschaftliche Relevanz demonstrieren möchte. (…) Ich stehe nicht an, diesen Roman für ein gewichtiges, vielleicht sogar bleibendes Zeugnis unseres Jahrzehnts zu halten.
Wilhelm Kühlmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28./29. 5. 1994

Was nun noch einmal das Raubfile anbelangt, so war Dielmann – dem ich die Angelehenheit selbstverständlich mitgeteilt habe – in der Tat nicht sehr glücklich und riet mir, falls ich tatsächlich auf der entsprechenden Site kommentieren wolle, unbedingt folgendes hinzuzusetzen, andernfalls ich den Verstoß billigend hinnehmen würde:

Es handelt sich beim Verkauf jeglicher E-Versionen von »Wolpertinger oder Das Blau« auf diesem und anderen Kanälen um Verstöße gegen das Urheber- und Verlagsrecht.

Ich werde dort kommentieren, aber indem ich alleine den Link auf diesen Beitrag hier lege.

ANH

Eine Neuauflage des vergriffenen, selbst im Modernen Antiquariat schwierig zu bekommenden Buches ist schon seit einiger Zeit im Gespräch; bis sie sich realisiert haben wird, wird aber noch mehr Sand durch ein Stundenglas rinnen, das auf Jahresfassung designt ist. Für Wikipedia, übrigens, hat ein AxelHH → dort eine recht brauchbare Zusammenfassung geschrieben.

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