Coronas Alltag I. Mit Nabokov im Waschsalon: Metamorphosen. Das zweiundzwanzigste Corona-, mehr allerdings ein Lesejournal, nämlich des Sonnabends, den 25. April 2020. Nabokov lesen, 38.

[Arbeitswohnung, 7.28 Uhr]
Waschtag und zuhaus Mme LaPutz.

Um sechs bereits auf, es sind viele Maschinen, allein für die Bettwäsche, die ich vorziehe, vier. So früh los, damit auch genügend Waschgeräte noch frei sind; ich hab ja keine Ahnung, wie voll oder leer es drüben sein wird. Und nachher, wenn Mme LaPutz hiersein wird, die zweite Fuhre mit der übrigen Wäsche, ebenfalls. schätze ich, vier Maschinen.
Halbes Glas Latte macchiato getrunken, muß gleich wieder los. (Im Briefkasten zwei wunderbare Sendungen gefunden. Erzähl ich, wenn ich mit der Bettwäsche zurück bin, die aber erst mal in die Trockner muß.)

(…………….)

[9.18 Uhr
David Ramirer, inversus REMIX]
So, Bettwäsche eingeordnet, Bettzeug neu bezogen, den Rucksack mit den anderen Schmutzklamotten gefüllt (proppevoll — die Wascharie ist genauso dringend wie daß Mme LaPutz nachher kommt; und kommt sie, breche ich erneut zum Waschsalon auf; vielleicht steht dieses Journal dann bereits in DER DSCHUNGEL). Sowas also um Viertel nach elf das Zeug in die nächsten Maschinen, nochmal heim für eine Dreiviertelstunde – und wieder zurück, um die Wäsche zu trocknen und vor allem, was einigen Zeitaufwand bedeutet, alles schon mal gut zusammenlegen. Insgesamt geht bei einem Waschtag mindestens ein halber Arbeitstag verloren. Andererseits: All dies nur einmal alle zwei, gelegentlich anderthalb Monate, kein Vergleich damit, wenn ich hier wüsche (wo allerdings überhaupt mit einer Waschmaschine hin —und wo das Zeug dann trocknen? Ja, wenn ich einen Garten hätte …). Is‘ schon ganz gut so. Witzig formuliert, rhythmisiert der Waschsalon seit mindestens vierzig Jahre mein Leben. Selbst in den Zeiten, in denen ich nicht allein gelebt habe, nutzte ich ihn. Frauen, schon gar geliebte, sind nicht dazu da, einem den Schmutz wegzumachen; ich will schon nicht, daß sie mir einen Knopf annähen, wollte sie niemals „praktisch“. Nein, ich wollt‘ sie strahlend (wozu Geist, Bildung und Beruf gehören) und betört sein. Eher näht‘ die Knöpfe ich.
Sei’s drum.
Also die beiden Sendungen, deren eine gleich mit in den Waschsalon kam:

Mein alter Lektor, der große Delf Schmidt, hat mir das vergriffene Rowohlt-Literaturmagazin Nr. 45 nicht nur geschickt, nein, wie es ihm entspricht, es in ein feines braunes Papier eingeschlagen und dann erst eingetütet. Denn in dem Magazin findet sich eine bis dato auf Deutsch unveröffentlichte kleine Erzählung Nabokovs, darin er die Metamorphose einer Raupe zum Schmetterling erzählt — so nahe gerückt, daß wir meinen, sie selbst erzähle es. Wobei er, worauf Dieter E. Zimmer, von dem die Übertragung wieder stammt, in seinem mitabgedruckten Nachwort hinweist, selbstverständlich Kafkas „Die Verwandlung“ im Kopf hat, sie aber in ein Wundervolles hinwegdreht. Nämlich. Als die Raupe endlich den mühsamen Prozeß des sich Verpuppens und die Phase der Verwandlung hinter sich hat und aus der Puppe schlüpft, rauscht ihr zwar

Panik in den Kopf, gibt es die Erregung der Atemlosigkeit

— derweil sich die Trommeln der Trocknermaschinen rauschend drehen—

und einer seltsamen Empfindung, doch dann sehen die Augen, in einer Flut von Sonnenlicht sieht die Schmetterlingin

— denn „die Raupe ist männlich, die Puppe sächlich und der Falter weiblich“ … —sieht also die Schmetterlingin

die Welt, das große und schreckliche Gesicht des Entomologen.
Nabokov, Metamorphosen, in: Rowohlt Literaturmagazin 45
(Dtsch. v. Dieter. E. Zimmer)

„Doch jetzt“. so beschließt der Dichter seinen liebevollen poetischen Text

wollen wir uns aber der Verwandlung von Jekyll in Hyde zuwenden.
Nabokov,
Metamorphosen, ebda.

______________________
>>>> Nabokov lesen 39
Nabokov lesen 37 <<<<

*

Die zweite Sendung kam erneut von Gaga Nielsen, die → dort darüber schreibt, über André Hellers, der mich ja früh beeinflußt und als Chansonier lange, sehr lange begleitet hat und sowohl für sie selbst als auch für Ricarda Junge von prägender Bedeutung ist … — über seine vor anderthalb Jahren erschienenen → GESPRÄCHE MIT MEINER MUTTER IN IHREM 102. LEBENSJAHR geschickt, was mir hübsch zu unsrer, Freundin, → Omisätze genannten Reihe zu passen scheint, von der ich leise hoffe, es mögen noch weitere Leserinnen und Leser ihren Großmüttern darin ein sanftes Denkmal setzen. Die nächste Folge, bereits die Nr. 7, ist für morgen oder übermorgen vorgesehen und tatsächlich hat sich eine weitere alte Damen den andren Damen zugesellt. Bisweilen stelle ich mir vor, sie säßen nun zu Kaffee und Kuchen beisammen an einem Tisch und erzählten, die sich gar nie kannten, einander ihre Geschichten. Und wir, wir alles lauschten.

Ich muß und will nachher ans Nabokov lesen 38, der, für ADA. eigentlichen Nr. 1, in der ich vom „Sommer auf Ardis“ erzähle (erzählen werde), also von etwa einem Drittel des wundersamen (und höchst pikant modernen) Buches, ohne da noch besonders auf vor(her)gegangene Kritiken, fast alle Müll, einzugehen. Allerdings dürfen Sie sich, Freundin, darauf vorbereiten, daß ich in ADA Nr. 2 dann doch einen leisen Vorbehalt vorbringen werde, der allerdings zugleich – nämlich selbst – den fast üblichen unguten Blick hat, aufgrund dessen die tatsächliche Größe eines Werks nur allzu oft unter die schwarzen Wolken eines unentwegten kalten Regens gerät, der dann auch hereinbricht. Aber das will erst da diskutieren, dieses von – egal, was ihre Hirnschalen fassen – allzu kleinen Gemütern befolgten durchweg kunstfernen Moralisierens. Die Nr. 1 indes soll alleine jenen (so kommentiert es Ada selbst)

berühmten Fingerreisen dein Afrika hinauf
Nabokov, Ada oder Das Verlangen, 149/159
(Dtsch. v. Uwe Friesel und Marianne Therstappen)

gewidmet sein. Und so, genau so — Dein Afrika hinauf! — , werde ich den Beitrag auch betiteln, vielleicht aber das Ausrufezeichen uns doch ersparen. — Sie erinnern sich? Gewiß! Die Adern, Anadyomene, nicht wahr? auf den männlichen Unterarmen.

*

Von Corona war im Waschsalon nichts zu merken, nicht heute früh, vielleicht nachher. Da, heute früh, kam nur eine alte, leicht gebeugte Frau herein, das dürre Haar noch voll des ungekämmten Schlafs, der feucht gewesen sein muß und nun klebte.
Ich wollte ihr helfen, die beiden gefüllten Taschen die paar Stufen hochzutragen, doch mochte sie sich entmachten nicht lassen. Aber sagte: „Das ist gut, nicht wahr, wenn man früh kommt? Dann ist alles hier noch sauber.“
Ich lächelte.
„Und“, setzte sie fort, nachdem sie zwei Maschinen gefüllt, „man hat Zeit für die Zeitung“, wozu sie nun die ihre, die sie mitgebracht hatte, entfaltete und auf drei Maschinen ausbreitete.
meine vier Trommeln drehten sich bereits, also war ich schon im Aufbruch.
„Bis gleich“, sagte ich. „Bis gleich“, sagte sie.

Und also, Freundin, stelle ich dieses nun ein und sag Bis gleich auch Ihnen:

Ihr ANH

This entry was posted in Arbeitsjournal, Hauptseite and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

One Response to Coronas Alltag I. Mit Nabokov im Waschsalon: Metamorphosen. Das zweiundzwanzigste Corona-, mehr allerdings ein Lesejournal, nämlich des Sonnabends, den 25. April 2020. Nabokov lesen, 38.

  1. Avatar Gaga Nielsen says:

    Das genau dachte ich mir auch, dass das Büchlein mit der Omi-Reihe korrespondiert.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .