Krebstag 13: erneutes Tagebuch statt des Arbeitsjournals. Dienstag, den 12. Mai 2020

[6.01 Uhr, erster Latte macchiato
Respighi, Concerto gregoriano]

Seit fünf auf, → Currentzis-Aufnahmen geordnet und Knelangens WeTransfer-Sendung hinzugespeichert. Aber schon um drei wach gewesen; allerdings, anders als gestern nacht, fiel ich in den Schlaf wieder zurück. Dennoch, es muß aufhören mit diesen Unterbrechungen und teils deutlichen Schlafstörungen. Nicht der Schmerz, der mich erwachen läßt, sondern die Gedanken sind das Problem, die dann kreisen und für ziselierte Stangen Dynamits wurzelnd tiefe Löcher in die Traumwände bohren; schon der Funke an die Lunten und – erschreckend lautlos – ist das ganze Reich des Schlafs zerblasen. Immerhin seh ich beim Erwachen die päonienfarbenen Erd- (also Päonien-)beeren, die als Obst zu essen mir erlaubt sind (wie Him- und Heidelbeeren).
Dennoch, nachher bei der Ärztin werde ich die Schlaflosigkeit ansprechen; sie macht mich so mürbe, daß ich gestern, als ich frühmorgens im ICE nach Hannover saß, kaum fähig war, auf Ligeias →  ziemlich arroganten Brief die angemessene Antwort zu formulieren. Ich mußte es wirklich durchkämpfen, gegen Unlust und dauernd herunterfallende Lider. Zumal gelang mir nicht der leichte Ton, den ich im Sinn gehabt hatte und der einzig angemessen gewesen wäre. Aber gut, ganz schlecht ist → meine Replik nicht. Insofern kann ich ihre nächste Reaktion gelassen erwarten. Sofern sie jetzt nicht sowieso abgeschreckt hat, was auf sie zukommen wird. So daß ich noch mal nachhaken werden müssen.Denn es zog ja selbst mir den Magen zusammen — den es auch nicht zu knapp mittrifft, mittreffen also wird Um es klar zu sagen, den ich, wenn es nach dem Chirurgen der MHH geht, zu mindestens der Hälfte verlieren werde, und zwar nicht nur minimal invasiv operiert, sondern mit weiter Öffnung des Brustkorbs, um, wie ich Herrn Dr. R. verstanden habe, auch wirklich alles herauszuschneiden, was Gefahrenherd selbst werden noch könnte.
Ich gebe zu, mir wurde flau. Selbstverständlich zeigte ich es nicht, sondern, gleichsam, legte noch nach, wollte meine Überlebenschancen wissen. Er mochte sich verständlicherweise nicht festlegen, schränkte aber ein, daß die mir bekannten (für meine Diagnose recht unguten) Daten insofern veraltet seien, als unterdessen neue Verfahren angewandt würden, die von den Statistiken bislang nicht mit erfaßt seien. „Klar ist aber, daß die Überlebenszeiten bei Speiseröhrenkrebs deutlich geringer als bei Darmkrebs sind.“
Auch aber, wie’s mir → im Sana vorausgesagt wurde, nach des MHHs Meinung sollte nun jetzt erst einmal eine zwei- bis dreimonatige Chemo begonnen werden, um den Tumor schrumpfen zu lassen. Was mir zu entscheiden noch die Zeit gibt, wo ich den Eingriff durchführen lassen möchte, ob dort oder hier in Berlin. „Aber wenn man jetzt nicht gleich schneidet“, fragte ich bei Dr. R., vielleicht ein bißchen zu sehr bohrend, nach, „und es noch zweidrei Monate bis zum Eingriff dauert, kann der Tumor nicht in dieser Zeit streuen — was er doch bisher nicht getan hat?“ (Wird Li, dachte ich bei mir, das ausnutzen?) „Das ist ein Risiko, ja. Sofern die Chemo nicht anschlägt. Streuen kann Ihr Tumor an jedem einzelnen kommenden Tag.“
Wenn er jetzt gesagt hätte, „gut, wir operieren morgen: alles, alles sofort raus!“ — wahrscheinlich hätt ich mich drauf eingelassen. Sagte er aber nicht. In der jetzigen Größe scheinst Du, schöne Li, nicht operabel zu sein. AEG III, um Dich fachlich zu benennen. Liligeia, Liligaega.

Nun war mir diese Klinik mehrfach als besonders spezialisiert ans Herz gelegt worden. Dennoch war mir dort allezeit mau (wobei ich lediglich knapp anderthalb Stunden dort blieb, inklusive der Anmeldeformalitäten). Es mag an der siebenachtels durchwachten Nacht gelegen haben und/oder an dem unversehenen Wetterwechsel, der nach der wundervollen Maiwärme den Kältesturz gebracht; vor allem regnete und regnete es, was zwar, ich weiß es genau, wichtig für das Land, mir dennoch die Sonne entzog und also das mir derart notwendige Licht, so daß ich schon mit einer spürbaren Depression losgezogen war. Das Gelände der MHH linderte sie nicht. Alles wirkt „irgendwie“ nach DDR. In den Anmeldestellen wird noch mit Akten und also dem grauslichen Staub der Kontore gearbeitet. Ob ich die Befunde nicht in Kopie mitgebracht hätte? fragte mich die Dame an der Aufnahme. „Wieso“, antwortete ich, „Sie können die Originale doch einscannen.“ „So weit sind wir hier leider noch nicht.“ – Meine Güte, sogar meine Hausärztin kann das! Im Sana war und ist es eh selbstverständlich. Mit den den beiden mitgebrachten Bild-CDs (des CTs, der Endoskopien) war’s dann ähnlich.
Nein, mein Gefühl bleibt mau. So sehr Hannover auch empfohlen worden ist. Aber allein die Vorstellung, nach der Brustöffnung und wieder -schließung nicht mehr aus der Narkose herauszukommen und dann hilflos dort zu liegen (vierfünf Tage auf der Intensiv ja sowieso) und alle sind in Berlin oder Frankfurt, die Vollmacht von mir haben und wissen, was ich nicht will … diese Vorstellung bereitet mir äußerstes Unbehagen. Dazu mein, ja, irrational, Mißtrauen gegen Hannover-sowieso. Und wenn ich dann aufstehen kann und spazieren gehen möchte — wo dort, auf dem Gelände, denn? Es wirkte komplett seelenlos, denaturiert, auf mich, indes es im Lichtenberger Sana wie auch dem wundervollen jüdischen Krankenhaus im Wedding herrliche alte Bäume gibt, unter denen es sich sitzen läßt, und viele alte Villengebäude, die einen atmen lassen.
Selbstverständlich ist mir bewußt, wie wichtig für die Medizin Zweckrationalität ist, aber ich weiß genauso, wie schnell die Seele an ihr eingeht und daß eine, die verzagt, vielleicht es gar nicht will, daß der Körper wieder heilt.

Mein maues, nein, dumpfes Gefühl verließ mich nicht, als ich nach Berlin zurückfuhr. Schon in der hannöverschen Tram war es mir zu eng und unterm Bahnhof zu kleinklein. — Wobei es in der Stadt auch schöne Räume gibt, gute Plätze, die mir, wann immer ich hier war, sehr gefielen, auch Bauten von wirklicher Klasse wie → das Künstlerhaus, in dem das Literaturhaus untergebracht ist, oder auch das ausgesprochen feine Sprengelmuseum am horizontlichten Maschsee. Und doch, sowie man aus den Repräsentationsgegenden heraus ist, bekommt Hannover etwas Bedrückendes – fast drängt’s mich, Ruhrpottähnliches zu schreiben. Dort also vielleicht sterben, Li?
Jedenfalls war die Ruhe zwar nicht, aber meine Zuversicht gestern völlig weg, die mich die Tage zuvor erfüllt hatte und vorgestern im konzentrieren Lauschen auf → Currentzis‘ Mahlers VI (nichts anderes als im Musikstuhl zuzuhören tat ich, mit meist geschlossnen Augen – und ein wenig mitzudirigieren) sich noch enorm geweitet hatte. Dunkelgrau betrat ich die Arbeitswohnung, lastend müde, führte noch eben am Schreibtisch die, für den Fiskus, Archivierung der kurzen Reise aus, legte mich dann hin, dämmerte weg, wollte arbeiten, bekam den Ansatz nicht hin, telefonierte, berichtete. Was mich auch nicht heller machte. Sondern erst, als ich abends Respighis Klavierkonzert misolidio hörte, ward ich wieder frei – und schlief dann endlich auch gut ein.

Jedenfalls. Gestern habe ich zum ersten Mal seit meiner Diagnose Angst gehabt, eine wirkliche, tatsächliche. (Wovon ich gegenüber Li am besten nicht ein einziges Tönchen verlauten lassen werde; Herbst, sei klug, sei klug!) — Heute allerdings ist sie fort, die Zuversicht zurück. Ich denke, daß ich in solchen Wellen nun werde lange leben, solang ich leben darf. Dringend nötig allerdings, zurück in meine eigentliche Arbeit zu finden; momentan wirft der Krebs seine Schatten überall hin. In denen friert meine originäre poetische Kraft und zittert zaghaft, statt zu wirken. Aber schau aus dem Fenster! Die Sonne ist zurück.

So reich ich ihr und Dir die Hand.

[ANH am neunten Tag des Nikotinentzugs
um 8.45 Uhr bei
Respighi:
Concerto in modo misolidio]

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One Response to Krebstag 13: erneutes Tagebuch statt des Arbeitsjournals. Dienstag, den 12. Mai 2020

  1. Bruno Lampe Bruno Lampe says:

    Das Schlafreich: damit würde ich sowohl die Nikotin- als die Wein-Abstinenz in Zusammenhang bringen und gar nicht so sehr das Karzinom. Vor Jahren schaltete ich gelegentlich eine Weinabstinenzwoche ein, das Ergebnis sah in etwa ähnlich aus. Was schlafen betrifft. Auch da ein anderes Körpergefühl. Nur eben ohne ein Karznombewußtsein. Auch der eine Nikotinentzugsversuch verlief ähnlich. Allerdings erfolglos. Also, ich würde all dies auch in die Befindlichkeit miteinbeziwhen. Wohlwissend, daß ich mitempfinden, aber nicht mitempfinden kann. Geht das? Ich glaube schon. Unwillkürlich jetzt Star Wars: Che la forza sia con te! (in einem römischen Kino einst zwischen Porta Pia und Piazza Fiume).

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