Die Königsgärten des Abdulls: Aus der Nefud, Phase III (Tag 8): Dienstag, den 23. Juni 2020. Krebstagebuch, Tag 55.

[صحراء النفود. عالم آخر
  5.10 Uhr, 71,7 kg
Maxwell Davies, Naxos Quartet No 9]

Wir haben tatsächlich einen ganzen Tag Pause gemacht. Nicht nur das Wunder dieses Ortes erheischte sie, sondern meine Zustand war in der Tat … nein, nicht „bedenklich“, das ist er eh seit der Diagnose, doch dieser dritte Höllenkreis kostet enorme Kraft. Ich schrieb es Ihnen, Freundin, schon. Es ist nicht eine Qual, bewahre, sondern aushaltbar, nicht ständig angenehm, Sie spüren einfach, daß Sie Ihren Körper seit nunmehr viereinhalb Wochen unentwegt vergiften (sämtliche Zytostatica sind hochtoxisch), das hat Folgen im allgemeinen Zustand, vor allem auch der Konzentration, wenn man sich dauernd irgendwo ausstrecken und die Augen schließen möchte. Auch insofern war Faisal leicht zu überreden. Aber er selbst, die diese Gärten wie ich zum ersten Mal sah, mochte eigentlich nicht wieder fort, nicht gleich jedenfalls. Zudem er mit dem Herrscherhaus nicht nur über den gemeinsamen Glauben verbunden ist.
Wie auch immer, dieses war und ist der richtige Platz. Mehr noch, er wäre ein Ort, um aufgehoben zu sterben. Du hast ja das Paradies schon erreicht. In meiner Berliner Parallelwelt trudelte sogar die Fantasie eines Anrufs aus Riyad auf mich hernieder (es drehn sich fallende Buchenblätter so); man sei dort wegen meiner Erzählung aufmerksam gewesen, zu der verwendete Bilder sie, die Anrufer, geleitet hätten; und erst zwar sei man aus rechtlichen Gründen ungehalten gewesen und habe rechtliche Schritte erwogen, lächerlich, ich möge bitte verzeihen, – aber dann habe man verstanden, worum es eigentlich gehe und was ich poetisch versuchte, weshalb der — ich weiß nicht mehr, ob der freundliche Anrufer „Sheik“ oder „König“ sagte (er sprach ein deutlich arabisches Englisch) … weshalb der also DER mir das Angebot unterbreite, mich in den Flieger zu setzen („nach Aqaba? nein, nach Riyad doch!“) und am Hofe (sagte er das, am Hofe?) ein Quartier auf Lebenszeit zu nehmen mit jederzeitigem Zugang zu den Gärten. Als einzige Gegenleistung werde erwartet, nein, nicht zu konvertieren, aber doch täglich den Koran zu lesen und ihn in meine Dichtung ebenso einfließen zu lassen wie → mein großer Vorgänger es getan, „ein viel größerer, wir wissen, ja … doch wenn Sie sich die profanen Zeitläuft‘ betrachten …“ — Hm. Unwahrscheinlich, daß er „Zeitläuft'“ gebrauchte, zumal mit der Apostrophierung; ich wüßte nicht einmal, wie das Wort-selbst ins Englische zu bringen; da werd ich’s kaum verstanden haben. Doch kommt es nicht darauf an.

Wie erzählt und → dort auch längst nachgetragen (19.31 Uhr), waren wir bereits am Sonntag abend angekommen. Der Tag war ein bißchen besser als der Sonnabend gewesen, nicht gut, aber besser. Schon beim Losritt war es so gewesen, auch wenn ich nur wenig geschlafen hatte, durch“gehend“ kaum mehr als drei Stunden, noch zwar, wie auch jetzt, kribbelt’s in den Finger und Füßen, aber die leichte Dauer-Übelkeit hatte sich verflüchtigt, wozu der arabische Kaffee unseres Kochs sein übriges Bestes hinzutat. Und wiewohl Riyad von der Nefud nun wirklich fast eintausend Kilometer entfernt ist, war niemand verwundert, als sich vor uns die Pforten dieser wahrhaft orientalischen Zauberwelt plötzlich erhoben… eine abgeschlossene, erst einmal, wie so vieles in der arabischen Welt hinter wie undurchdringlichen Mauern, die sich bis an den Horizont ziehen können, rechts vor dir, links von dir, und du gehst diese enge, enge Unendlichkeitsgasse entlang. Ganz selten eine Tür, ob in der Mauer links, ob rechts, Fenster aber nie. Hier war es aber nur eine einzige Mauer, die sich nach Art der Chinesischen quer durch die in unserm Falle Wüste zog, und sie war war derart quitte-, quittegelb, daß zu schreiben nicht falsch ist, sie habe sich uns, sich jähe aus dem Sand erhebend, in den Weg gestellt. Ja, sie verlangte, daß wir an ihre Pforte pochten. Alleine deshalb gab Faisal gab seinem Diener das Zeichen.
Lars glitt vom Kamel, federte auf, hob den rechten Arm vor der feinen Metallarbeit der, so schien es, durchbrochenen Kalligraphie, mußte mit den Knöcheln aber gar nichts berühren, da schob sich bereits hinter ihr die Abdeckung fort.
Eine Greisin öffnete uns, wie zu erwarten in völligem Schwarz. Nur nahm sie von Lars nicht die geringste Notiz und irritierenderweise auch von Doktor Faisal nicht, dem nun deutlich Führer und Herrn unserer kleinen Karawane. Sondern sie wandte sich ausgerechnet an mich, Alban ben Nemsi. „Da sind Sie ja endlich, sagte sie. „Auch wenn Sie kein Rechtgläubiger sind, grüßt Sie dieser Ort. Treten Sie ein mit Ihrem Gefolge, und wenn Sie mögen, dann sterben Sie in Frieden hier.“
Ich weiß nicht genau, weshalb, aber mußte an Marah Durimeh denken, die meinem Vorerzähler May allerdings in Weiß erschien und hier, im islamisch-patriarchalen Zusammenhang, eine höchst unwahrscheinliche „Sultanin“ war. Außerdem, seit wann empfangen Fürstinnen und Fürsten ihre Gäste selbst und stehen dazu auch noch am Tor bereit, um den Fremden mit eigner Hand zu öffnen, wie eine Burgwache oder jemand vom Wachschutz bei TIFFANYS? – Später behauptete Faisal denn auch (was nicht minder irre war), die Greisin sei eine „Malukkin“ gewesen. Vielleicht hat er aber → Mamlukin gesagt? Für die arabische Geschichte sicherlich näher liegend, auch wenn es wiederum zweifelhaft ist, daß es weibliche مماليك gegeben hat, also leibeigene Söldnerinnen, die besonders als osmanische militärische Elite im arabischen Raum selbst kulturgründend wurden, indes seit Bonapartes Ägyptenfeldzug nach und nach in den Bevölkerungen aufgingen und ihre kulturellen Konturen verloren.
Es spielt allerdings auch keine Rolle, weil Frau Durimeh, nachdem sie uns einen Wohnbereich zugewiesen hatte, überhaupt nicht mehr erschien. Mit wem meine Gefährten und ich noch Kontakt hatten, war lediglich das um unsere Wohlfahrt besorgte Gesinde — alles sehr leise, schnell vorüberhuschende, vorübertrippelnde ausgesprochen schöne junge Männer; Frauen bekamen wir keine mehr zu sehen, wirklich nicht eine einzige – ein Umstand, der mich gerade wegen meiner erotischen Neigung zu Orientalinnen normalerweise betrübt hätte, nun indes mich nicht einmal befremdete. Ich spüre, daß die Strahlungen der Nefud meine Zeugungsfähigkeit bereits zerstört haben, womit sie aber ja nur etwas sozusagen firmen, das mir schon seit vier Jahren schmerzlich bekannt ist: daß ich nicht mehr Vater werde. Nun muß ich darob nicht mehr klagen. Es hat keinen Sinn, sich nach etwas zu sehnen, das nie mehr werden wird; die Nefud hat diese Sehnsucht, hinge ich ihr weiter an, schlichtweg lächerlich gemacht, sie also gegen meinen Stolz gestellt, einen trotz der chemotoxisch herbeigeführten Unfruchtbarkeit männlichen Stolz. Und als ich gestern, ganz für micb allein, die weiten Anlagen durchschritt, kam mir die Erkenntnis, es werde, sofern ich alles überlebte, jetzt Zeit, mich zu vergeistigen. Nicht, um den Körper zu schmähen („schwaches Fleisch“ – welch widerlicher Unfug!), sondern um ihn auf andere, für meine Arbeit und also mein Sein neue Weise zu ehren. — Aber, Freundin, schreiten Sie erst mal ein bißchen mit mir herum, ergehen auch Sie sich (damit Sie verstehen), doch schalten Sie den schrecklichen Ton aus, den es in der Realität auch gar nicht da gibt:

Und selbstverständlich sind wir, anders als in dieser Animation, miteinander allein; wir brauchen gewiß auch die „Picnic Areas“ nicht — eine für die Nefud unnötige Bemerkung, weil wir ja eben nicht wirklich in Riyad waren, sondern King Abdullah’s Gardens sich, läßt sich das so schreiben?, alleine meinetwegen derart weit von ihrem wahren Ort entfernt reinkarniert (?) hatten und noch haben. Vielleicht eher doch Lis wegen, von der mir zunehmend schwante, daß sie mit Frau Durimeh, wer immer die in Wahrheit sei, ein ausgesprochen vertrautes Verhältnis habe. Ich will es sogar so formulieren: Die beiden sind ein- und dasselbe Geschöpf, nur in anders dimensionalen Zuständen – insofern Lilly nämlich, falls ich sterbe, mit mir sterben, Marah Durimeh aber bleiben, sich freilich auch niemals konkret in jemanden einnisten wird. Sie verhält sich wie die Idee zu ihrer Konkretion, ist reine, allerdings wirkende Allegorie — und muß schon von  daher älter, sehr viel älter als Liliy, muß uralt sein, tatsächlich. Wie Frau Durimeh es auch ist. Wobei, daß sie sich nicht mehr gezeigt hat, sehrehr wahrscheinlich an meinem Entschluß liegt, in den Gärten nicht zu sterben. Obwohl ich gestern sehr versucht war, es zu tun. Denn nach unserem, Freundin, langen, langen Rundgang kam ich so abgeschlagen in das mir gegebene Zimmer zurück, daß ich mich sofort aufs Dunckerlager legen und ausstrecken mußte; an sich hätte ich etwas essen sollen, aber mir war leicht schlecht, so daß ich überhaupt keinen Hunger hatte, um von „Appetit“ besser zu schweigen, und entsprechend habe ich auf heute früh wieder an Gewicht verloren. Wie gut, daß ich genügend Fresubin in den Reisetaschen habe! (Eine ist von den vielen, vielen Fläschchen wirklich prall). Allerdings hängen sie noch an Röhrerichs Sattel, und ich weiß nicht, wo die Stallungen sind – sagt man so auch bei Kamelen? Wobei ich jetzt eh nicht mehr losgegangen wäre.
Wie froh ich war zu liegen! Dabei war es wirklich noch hell. Ich wollte mich aber auch nicht ablenken, sondern mich gewissermaßen um mich selbst zusammenziehen. Und nahm die Stax-Hörer. Die Zeit war gekommen, der von mir als dringlich empfundenen → Anregung FJKs nachzukommen:

Sie müssten jetzt nach dem molto espressivo Bernstein den kühl (!) intellektuellen (!!) Karajan mit seiner – d.h. Gustav Mahlers (ANH) – 9. anhören. Das ist, obwohl … etc. pp., eine „gültige“ Interpretation.

Womit er, mit dem „gültig“, komplett recht hat, nur daß ich nicht weiß, ob ein „leider“ dahintersetzen; denn Knelangens „obwohl … etc. pp.“ ist ja dummerweise wahr. Hohe, in mir, Ambivalenz also. (Doch wo wäre meine Musikkenntnis stecken geblieben, hätte ich nicht seine, Karajans, Salome mit der jungen Behrens, nicht seinen Ballo in maschera  noch gar seinen Otello jemals kennen gelernt?)
Und also auch, wenn ich in diesen eine Stunde zwanzig währenden Momenten eigentlich bereit zu sterben war, etwas tatsächlich weder Vorhersehbares noch auch Wiederholbares hielt mich im dämmernden Leben. Ich habe es Herrn Knelangen vorhin schon privat geschrieben:

Was soll ich, kann ich sagen? Enorm, Karajan läßt keinen Schmerz aus (der in der Komposition selbst steckt, in ihrer Faktur), mildert nichts, läßt aufeinanderprallen, auch wo’s unschön wird … wobei ich dann auch noch eine akustische Vision hatte: In den vierten Satz bricht plötzlich ein weiterer Satz ein, eine „Rohfassung“ des Stücks aus jüngeren Jahren, ungebremst, expressionistisch, auch etwas grob… Daran schloß sich ein erklärender Traum an: Mahler habe dieses Stück (ähnlich der „Todtenfeier“, die später Satz 1 der Zweiten wurde) als Jugendlicher komponiert, dann verworfen, aber jemand habe die Partitur einer Zeitung zugespielt, die – die Zeitung! –sie dann ohne Mahlers Einwilligung, ja ohne sein Wissen habe aufführen lassen. Daraufhin habe er einen Prozeß angestrengt, aber schnell wieder aufgegeben, weil was geschehen, geschehen….
Jedenfalls dieser rohe, harte, auch grobe „Vor-Vierte-Satz“ brach unversehens über mich herein, während ich den „richtigen“ noch hörte.
Spätestens da wußte ich, auf einen schweren Trip gegangen zu sein.

Doch eben auch, daß es zu sterben noch die Zeit nicht war.

Ich hörte die Sinfonie liegend, fast starr, ganz zuende. Dann war es nachtdunkel im Raum. Von draußen hörte ich, aus Vitrinen wahrscheinlich, Vogelrufe. Im Hinterhaus leuchteten hinter vier Scheiben noch Lampen. Ich sah nicht zur Uhr, hing nur wieder die Kopfhörer in ihre Halterung hinter meinem Schreibtisch. Dann rauschte ich, fast selber ein Wind, in die Gärten der Nefud zurück, schmiegte mich an — und schlief sechs Stunden durch.

Ich muß, denke ich, nicht erzählen, daß ich nicht etwa in dem Gästeraum erwachte, sondern wieder in meinem Zelt, das mit den anderen Zelten diesmal am Fuß eines Granithangs errichtet worden war. Woran ich freilich überhaupt keine Erinnerung hatte, nämlich so wenig wie Faisal an die Gärten oder gar an Marah Durimeh. „Wir haben befürchtet“, erkläre er, bevor wir uns auf die Dromedare machten, „Sie hätten extrem hohes Fieber. Denn tatsächlich haben Sie gestern abend vor Schwäche wild fantasiert. Sie hatten aber keines, waren nur kraftlos, mußten unbedingt ruhen, schafften es aufs Lager alleine aber nicht. So daß wir mit vereinten Kräften … Und Sie, Sie haben die ganze Zeit vor sich hingesprochen. Keine Sorge, es war fast nichts zu verstehen. Nur, daß es offenbar um Musik ging. Ich gab Ihnen noch ein paar Tropfen zum Durchschlafen. Ihre Füße sahen gräßlich aus. Aber schaun Sie, sehr viel besser heute vormittag, ich kann direkt wieder Zehen erkennen. Das ist doch schon mal was. Richtiggehend menschlich.“

An Faisals Witze muß man sich gewöhnen. Er kommt auf sowas aber nur, wenn ein besonderer Druck auf ihm lastet, den er wegscherzen will. Ich weiß, das überrascht auch Sie. Habe ich von ihm  bisher ein zu hehres Bild gezeichnet? —
Wie auch immer, der Druck ist objektiv, unseren nächsten Posten, als Kontrollstation, müssen wir übermorgen erreicht haben. Und dann wird’s strammen Rittes dem vierten Höllenkreis entgegengehn, vor dem’s mich diesmal, zugegeben, denn doch etwas bangt. Danach indes kommt Aqaba — kommst, Liligeia, Du.

ANH

 

 

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One Response to Die Königsgärten des Abdulls: Aus der Nefud, Phase III (Tag 8): Dienstag, den 23. Juni 2020. Krebstagebuch, Tag 55.

  1. Avatar Franz-Josef Knelangen says:

    Obwohl … etc. pp.: das leider kann ich als jemand, der HvK’s „Gegenentwurf“ Sergiu Celibidache („Schallplatten sind tönende Pfannkuchen“) kennen und schätzen gelernt hat, dreist unterschreiben. Unvergessen die – immer öffentlichen – Proben mit den Münchner Philharmonikern, einzigartig die offenen, ’sokratischen‘ Seminare „Zur Phänomenologie der Musik“ an der Uni Mainz, bei denen der schon ziemlich rheumatische ‚Celi‘, auf einen Adlatus gestützt, im Seminarraum erschien, auf der Bühne neben dem Flügel in seinem Ledersessel Platz nahm, auf die Uhr schaute und sagte: „Guten Morgen, meine Damen und Herren, es ist 10 Uhr: Wer hat Fragen?“ – Die knisternde Spannung in den manchmal 3, 4 Minuten, die es dauerte, bis jemand sich traute, die erste Frage zu stellen, konnte man körperlich spüren …

    … genauso wie das: Puh, noch mal gut gegangen! Ihres Hörerlebnisses – ein Déjà-vu des Beginns von Altershausen: „Überstanden!“  – Später lässt der alte Raabe seinen Medizinalrat Feyerabend aber auch noch sagen – „So schönes Wetter – und ich noch dabei!“ — was Arno Schmidt in seiner „Julia“ ’natürlich‘ zitiert —: Bleiben Sie doch noch ein bisschen!!

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